Allein gegen den Ozean (eBook)
240 Seiten
Verlag Orac im Kremayr & Scheriau Verlag
978-3-7015-0635-4 (ISBN)
Norbert Sedlacek, geboren 1962, hängte 1996 seinen Job als beamteter Straßenbahnfahrer an den Nagel und machte sein Hobby zum Beruf. 1996-1998 umsegelte er in 23 Monaten als Einhandsegler die Welt, 2000/2001 umrundete er in 93 Tagen einhand die Antarktis.2004/2005 qualifizierte er sich erstmals für die Teilnahme an der Vendée Globe, musste aber nach 6800 Meilen abbrechen, 2008/2009 beendete er diese härteste Segelregatta der Welt als elfter von 30 Gestarteten und als erster Teilnehmer aus dem deutschen Sprachraum.
Norbert Sedlacek, geboren 1962, hängte 1996 seinen Job als beamteter Straßenbahnfahrer an den Nagel und machte sein Hobby zum Beruf. 1996–1998 umsegelte er in 23 Monaten als Einhandsegler die Welt, 2000/2001 umrundete er in 93 Tagen einhand die Antarktis.2004/2005 qualifizierte er sich erstmals für die Teilnahme an der Vendée Globe, musste aber nach 6800 Meilen abbrechen, 2008/2009 beendete er diese härteste Segelregatta der Welt als elfter von 30 Gestarteten und als erster Teilnehmer aus dem deutschen Sprachraum.
Start
Es kommt mir vor, als wäre ich gerade erst eingeschlafen. Ein Blick auf die Uhr. Tatsächlich, in eineinhalb Stunden sollten wir in der Technikzone sein. Also los, ab ins Bad, zum letzten Mal für mehrere Monate heiß duschen, danach anziehen. Die legere Segelkleidung bleibt unberührt. Lange Unterwäsche, Oberteil, Ölzeughose, Windstopper, Stiefel, Jacke, ich werde sie vertragen können. Ein Blick hinaus, die Wolkendecke ist geschlossen, Regenschauer peitschen über die Siedlung und Starkwindböen rütteln an den Bäumen. Wir verstauen die letzten Taschen im Auto. François und Nicole, meine französischen Zweiteltern, sind auch schon aus den Federn. Sie haben bereits den Frühstückstisch gedeckt, aber wir haben keinen rechten Appetit. Wortkarg trinke ich meinen Kaffee. Danach verabschiede ich mich von ihnen. Wir drücken uns, ein letzter Abschiedskuss, danach steigen Marion und ich ins Auto und fahren los.
Bereits auf der Zufahrtsstraße zum Hafen gibt es die ersten Fahrzeugkontrollen. Unsere Berechtigungskarten liegen gut sichtbar hinter der Windschutzscheibe, und wir werden durchgewunken. An der Technikzone dann die zweite Kontrolle, wir dürfen passieren. Harald bereitet die NAUTICSPORT KAPSCH schon emsig zum Auslaufen vor. Siegfried und ich gehen nochmals die wesentlichsten Punkte der Kommunikationselektronik durch. Er wirkt müde und zerfahren. Kein Wunder, denn seine Nacht war mit Abstand die kürzeste, und nun erwartet ihn ein weiterer, angesichts des rauen Wetters schwerer Tag mit der Kamera. Seine Aufgabe wird es sein, das Startprozedere auf Video festzuhalten. Erst aber erklärt er mir, wie ich Foto- und Filmmaterial am besten auf die Bordrechner überspiele. Welche Fehler könnten auftreten, wo liegen mögliche Ursachen, wo finde ich die Manuals – bei dieser akribischen Vorbereitung muss es einfach funktionieren, denke ich und verstaue die letzten Notizen in einem wasserdichten Zippbag. Siegfried hat für sich sogar eine umfangreiche Fotodokumentation aller Elektronikeinbauten angelegt, um bei Problemen jederzeit alle Einzelheiten buchstäblich vor Augen zu haben. Somit kann er im Fall des Falles gezielte Hilfe leisten und mich bei Software- oder auch Hardwareproblemen unterstützen. Schließlich erwarten Millionen Fans rund um den Globus permanenten Informationsfluss, Foto- und Filmberichte, genaue Segel- oder Wetterdaten vor Ort. Sie fiebern mit uns, mit ihren Skippern, teilen mit uns Freud und Leid, segeln ihre persönliche virtuelle Vendée Globe, und ich möchte sie dabei nicht enttäuschen.
Lionel und Thomas sind mit unseren beiden RIBs eingetroffen. Thomas wird die NAUTICSPORT KAPSCH schleppen, während Lionel für Notfälle stand-by ist und auch im Startraum Crewmitglieder abbirgt. Mit mir an Bord sind Mag. Kapsch, Siegfried, Harald, Werner und Marion. Sie werden bis in die Startzone an Bord bleiben und mich beim Schleppen und Segelsetzen unterstützen. Angesichts der lebhaften Wettersituation bin ich für jede Hand dankbar.
Im Vier-Minuten-Takt beginnen die Boote abzulegen. Ab jetzt läuft alles wie im Zeitraffer. Thomas belegt die Schleppleine. Letztes Händeschütteln am Steg, Anita schwört, mit dem Rauchen aufzuhören, wenn ich es schaffe. Lionel und ich umarmen uns ein letztes Mal, Tränen kullern über die regennassen Wangen. Der segelnde Zahnarzt hat sich für mein Projekt vor Ort engagiert wie kein anderer. Wir sehen uns in die Augen und fühlen: „Diesmal wird es klappen!“ – Rich wünscht mir „fair winds“, er wird mit seiner GREAT AMERICAN III gleich nach mir auslaufen. Eine harte Schauerbö kreischt durch den Mastenwald des Port Olonna, AKENA löst die Festmacher und wird in den Kanal geschleppt, jetzt bin ich an der Reihe. Ich muss erst gar nicht viel sagen. Alle fühlen wohl den Druck, der auf mir lastet. Sie arbeiten schnell und unaufgefordert, versuchen, mich zu unterstützen, wo immer es geht. Ich stehe am Steuer, Thomas fährt an, spannt die Schleppleine, ein letztes Winken. Auch an Bord der ROXY ist die Shorecrew in Bereitschaft, doch unser Manöver klappt fehlerfrei. Die NAUTICSPORT KAPSCH gleitet aus der Box, eine Bö drückt das Heck in Fahrtrichtung, Thomas nimmt mehr Fahrt auf, die Schleppleine spannt sich abermals und wir beginnen unseren Triumphzug, beinahe eine Meile durch die Hafenbecken und den anschließenden Kanal von Les Sables d’Olonne. Hunderttausende Menschen säumen die Steganlagen, die Molen und den Strand unmittelbar vor der Startzone. Diesmal empfinde ich es etwas anders als beim ersten Mal. Klar, beim ersten Mal habe ich nicht nur die Erfahrung des triumphalen Starts, sondern auch die des abrupten frühzeitigen Ausscheidens gemacht. Dieses Mal ist zwar das Auslaufen nicht mehr neu, aber ich male mir schon jetzt das Ankommen aus. Den inneren Triumph, nach wahrscheinlich mehr als hundert Tagen die Ziellinie zu übersegeln und von Tausenden Fans euphorisch begrüßt zu werden. Ich erblicke Transparente, höre den Moderator über Lautsprecher meinen Namen rufen, versuche, die Gedanken meines sichtlich bewegten Hauptsponsors zu erraten. Harald steuert und grinst dabei wie ein frisch gestrichenes Schaukelpferd. Ihm ist die Erleichterung über die erfolgreichen Arbeiten deutlich anzusehen. Es ist sein Baby, das hier gerade durch den Kanal geschleppt und bejubelt wird. Es ist seinem Fleiß und seinem aufopfernden Einsatz zu verdanken, dass unsere alte Lady in einem derart guten Zustand ist. Natürlich hat das gesamte Technikteam tolle Arbeit geleistet, aber die Verantwortung für die Umsetzung meiner Vorgaben, das Einhalten des Zeitplanes und das oft notwendige Improvisieren lag bei ihm. Weil ich nur zu gut weiß, wie schwer Verantwortung in schwierigen Situationen sein kann, hat er meine Hochachtung. Harald ist bewusst, was er geleistet hat, er ist sichtlich stolz darauf, und so soll es auch sein. Marion wirkt hingegen zerrissen. Natürlich gönnt sie mir mein Abenteuer. Angesichts der Tatsache, nun monatelang nicht nur allein zu sein, sondern auch täglich um mich zu bangen, überziehen tiefe Sorgenfalten ihre Stirn. Sie versucht, sich nichts anmerken zu lassen, aber ich kenne sie nach all den Jahren zu gut, um nicht ihre Gedanken in ihrem Gesicht lesen zu können.
„Allez, Norbeer, bravo, bonne route“, ich winke nach allen Seiten, versuche, jedem die Möglichkeit für ein Foto zu geben und bin beinahe beschämt über die Euphorie, mit der mich die Leute verabschieden. Wir erreichen das Kanalende. Siegfried und Mag. Kapsch entscheiden, noch im Schutze der Südwestmole auf unser Begleitboot umzusteigen. Ich begrüße diese Entscheidung, denn das Wasser wird bereits jetzt zunehmend unruhiger, und der auflaufende Schwell lässt die Schleppleine einrucken. Später, in der Startzone, ist wirklich rauer Seegang zu erwarten, und das Übersteigen kann zu einem schwierigen Balanceakt werden. Im schlimmsten Fall müssen Marion und Harald erst ins Wasser springen, um danach von einem unserer Crewboote aufgenommen zu werden.
Die NAUTICSPORT KAPSCH beginnt zu stampfen. Ich signalisiere Thomas, dass ich die Genua 2 setze, um mich vom Kanaleingang freizusegeln. Noch weiter zu schleppen, könnte zu Schäden am Bugspriet führen. Ich rolle die Genua 2 aus. Augenblicklich greift der steife Südwest in das Tuch. Marion steuert, Harald holt die Schleppleine ein, die NAUTICSPORT KAPSCH legt sich nach Backbord und segelt los. Noch bevor wir’s uns versehen, sind wir am Ende der Südwestmole angelangt. Sofort unterläuft massiver Seegang den Rumpf, lässt die NAUTICSPORT KAPSCH hart überholen. Harald und ich beginnen, das Großsegel zu setzen. Der böige Wind lässt das Tuch unklar kommen. Das Endstück der dritten Segellatte verheddert sich im Lazy-Bag. Also nochmals das Großfall etwas fieren, beim zweiten Anlauf klappt es. Das Groß steht sauber durchgesetzt zur Genua 2. Thomas und Lionel fahren voraus und geben uns die Richtung in die Startzone vor. Wir kommen rasch näher, zu rasch. Deshalb bergen wir das Vorsegel und laufen merklich langsamer nur unter Groß. Noch vierzig Minuten bis zum Start.
Das Starterfeld ist nahezu komplett. Wir beobachten die Kurse der anderen Teilnehmer und versuchen, uns sauber freizuhalten. Nur ja keine Karambolage. Die Kulisse verursacht mir Gänsehaut. Inmitten aller Großen dieser Königsklasse, das größte Teilnehmerfeld, das es bei einer Vendée Globe je gab, und ich darunter. Ich bekomme feuchte Augen, das Kreischen aus dem Handfunkgerät reißt mich aus den Gedanken. Noch 10 Minuten bis zum Start. „Norbert, wir sollten deine Leute abbergen.“ – „Ja, ja, natürlich“, Lionel hat vollkommen recht. Ein letztes Händeschütteln, Umarmen, Harald klettert ans Heck, Marion heult los, ich suche mir einen Fixpunkt in der grauen Wolkendecke. „Also, vielen Dank für alles, macht euch keine Sorgen, ihr werdet sehen, wie schnell die Zeit vergeht“, alles Floskeln, dabei würde es richtig heißen: „Ich freue mich auf dieses Abenteuer, ich kann es kaum erwarten, den Bug nach Südwesten zu steuern, aber ein bisschen würde ich auch gerne schon wieder in Zielnähe sein, und vor allem werdet ihr mir fehlen!“
Lionel steuert sein RIB entschieden gegen das Heck der NAUTICSPORT KAPSCH....
Erscheint lt. Verlag | 15.1.2021 |
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Verlagsort | Wien |
Sprache | deutsch |
Themenwelt | Sachbuch/Ratgeber ► Sport |
Reisen ► Reiseberichte | |
Schlagworte | Dokumentation • Einhandsegler • Extremsport • Jacht • Mentale Stärke • Pazifik • Regatta • Reisebericht • Segeln • Sport • Vendée Globe • Weltumsegelung |
ISBN-10 | 3-7015-0635-3 / 3701506353 |
ISBN-13 | 978-3-7015-0635-4 / 9783701506354 |
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