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Die Kurzhosengang und das Testament der Brüder (eBook)

eBook Download: EPUB
2018 | 1. Auflage
288 Seiten
cbj Kinder- & Jugendbücher (Verlag)
978-3-641-23014-2 (ISBN)
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11,99 inkl. MwSt
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Die Kurzhosengang ist zurück
Eine Geschichte aus den verschollenen Archiven der Zeit. Ein Abenteuer, das unter den Teppich gekehrt werden sollte. Nichts ist, wie es scheint, alles ist, wie es sein sollte.

Nach dem tragischen Tod der Brüder Karamasow macht sich ein Notar auf den Weg nach Okkerville, um das Testament der Brüder zu verlesen. Sein Besuch hat Auswirkungen, die eine ganze Stadt in Tiefschlaf versetzen und unsere Helden in ihr nächstes Abenteuer katapultieren.

Pack deinen Rucksack und komm mit auf eine Reise, auf der sich die Grenzen von Raum und Zeit auflösen werden. Sei bereit, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft als ein Ganzes zu sehen. Und was du auch tust, habe Vertrauen, denn Snickers, Island, Rudolpho und Zement sind an deiner Seite und denken keine Sekunde daran, dich aus den Augen zu verlieren.



Zoran Drvenkar wurde 1967 in Kroatien geboren und zog als Dreijähriger mit seinen Eltern nach Berlin. Seit über 20 Jahren arbeitet er als freier Schriftsteller und schreibt Romane, Gedichte und Theaterstücke über Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Zoran wurde für seine Bücher mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und lebt heute in der Nähe von Berlin in einer ehemaligen Kornmühle.

SNICKERS

Die Standuhr tickte und tickte. Es klang, als wäre die Zeit ein Blinder, der sich mit einem Stock in den neuen Tag hineintastet. Es war zehn Uhr früh, die schlimmste Woche unseres Lebens lag hinter uns, und wir ahnten nicht, dass es noch schlimmer werden würde. Alles wirkte so unschuldig da draußen – Schneeflocken fielen träge auf unsere Stadt herab und ein paar Autos fuhren im Schritttempo um den Mulberry Circle herum, während sich der Tag anfühlte, als wäre er in Watte gepackt.

Und die Kurzhosengang saß in einem stickigen Büro und wartete.

Es gibt ja Warten und Warten. Das hier war die finstere Seite des Wartens. Wo man nichts tun kann und die Zeit mit schlurfenden Schritten an einem vorbeitickt. Da werden zehn Minuten zu zehn Stunden zu zehn Jahren. Ganz besonders, wenn man auch noch auf unbequemen Klappstühlen sitzt.

Ich gähnte.

Island gähnte.

Rudolpho gähnte.

Zement schlief schon längst.

„Ich wünschte, unsere Schule wäre schon fertig gebaut“, sagte Rudolpho.

„Nein, wünschst du dir nicht“, widersprach ihm Island.

„Wünsch ich mir doch, denn dann könnte ich in unserem neuen Klassenzimmer sitzen und meinen Kopf auf den Tisch legen und einfach wegratzen. Es wäre auf jeden Fall bequemer, als hier zu warten.“

„Mach es doch wie Zement“, sagte ich.

Unser Kumpel saß vollkommen entspannt auf dem Klappstuhl und hatte die Augen geschlossen. Er brauchte keinen Tisch, er brauchte kein Bett, er war die Entspannung pur. Nur der Buddha in Lei Toos Bakery war so lässig, was aber in seiner Natur lag, denn er war gerade mal dreißig Zentimeter groß und aus grünem Jade gehauen.

„Zement hat es gut“, sagte Rudolpho und seufzte.

„Zement hat es immer gut“, stimmte ich ihm zu.

Island hatte plötzlich einen Geistesblitz.

„Stellt euch vor, sie bauen die Schule nie wieder auf, das wäre doch was, dann würden die Lehrer streiken und wir müssten sie nicht mehr zu Hause besuchen, dann könnten wir auch streiken und den ganzen Tag einfach nur wir sein, ohne dass uns jemand fragt, wie groß der Ontariosee ist oder wie der erste Bürgermeister von Ottawa hieß.“

„Das ist doch Quatsch“, sagte ich und klang dabei wie ein Opa, der kurz vor dem neunzigsten Geburtstag steht. „Jede Stadt braucht eine Schule.“

Island beugte sich an Rudolpho vorbei.

„Gratuliere, du klingst wie ein Opa, der kurz vor seinem neunzigsten Geburtstag steht.“

„Genau das habe ich auch gedacht“, sagte ich und schüttelte ihm die Hand.

Wir hatten keine Schule mehr, weil unsere Schule Anfang Januar von einem Orkan davongetragen worden war. Jetzt hatten wir Ende Februar und wurden bei unseren Lehrern zu Hause unterrichtet, während auf dem Hügel eine neue Schule gebaut wurde. Am schlimmsten war es, wenn wir zu Sportlehrer Kniescheibe mussten. Er erwartete uns vor seinem Haus in einem knallgelben Trainingsanzug und ließ uns im kniehohen Schnee Bahnen durch Okkerville laufen. Dabei schaute er kritisch auf seine Stoppuhr, und wann immer uns die Puste ausging, brüllte er uns zu:

„WAS TUT IHR? GLAUBT IHR, EIN MANN WIRD EIN MANN, INDEM ER NICHT TRAINIERT?! IHR SEID JA EINE BELEIDIGUNG FÜR GANZ KANADA! SO WERDET IHR NIE WAHRE EISHOCKEYSPIELER, SO WERDET IHR PFEIFEN! SEID IHR ETWA SCHON PFEIFEN?!“

Heute hatte niemand Unterricht, und in unserer kleinen Stadt lag die gesamte Arbeit still, weil es ein Trauertag war. Punkt acht Uhr früh hatten wir uns in der Kirche eingefunden, um die Brüder Karamasow zu verabschieden. Kein Schüler und kein Lehrer, kein Bewohner von Okkerville hatte gefehlt. Es gab kaum jemanden, der Alexei und Iwan nicht gemocht hat. Siebzig Jahre lang hatten sie jeden Tag die Flügeltüren ihres Kinos aufgeschlossen und Tickets, Popcorn und Limo verkauft. Sie haben ausgewählte Filme vorgeführt, nach den Vorstellungen das Popcorn vom Boden aufgefegt und die Limo-Flaschen eingesammelt, ehe sie die Flügeltüren wieder verschlossen. Die Brüder Karamasow waren für die Stadt so wichtig gewesen wie die Luft zum Atmen.

Und plötzlich gab es sie nicht mehr.

Zements Vater hielt die Abschiedsrede für die Brüder Karamasow. Die Frauen schnäuzten sich in ihre Taschentücher und die Männer blickten betreten auf den Boden und scharrten mit den Füßen, als würden sie nach Gold suchen. Die Kurzhosengang trat einer nach dem anderen an die Urnen. Wir flüsterten ein paar Worte, die nur die Brüder hören sollten, danach standen wir mit den anderen vor der Kirche herum und hatten die Hände in den Hosentaschen vergraben. Es wurde geredet und erinnert, und als keiner mehr was zu sagen hatte, verabschiedeten sich alle voneinander, und die Kurzhosengang fuhr auf ihren Rädern zum Rathaus, wo sie jetzt vollkommen übermüdet in einem muffigen Büro saß und wartete.

Leider hatten wir nicht das Glück, allein zu sein.

In Okkerville gibt es zwei Bäckereien, vier Haus- und zwei Zahnärzte, wir haben sechs Malermeister, zwei Dachdecker und drei Schuhmacher. Dann gibt es noch an die zwanzig Leute, die arbeitslos sind und Schnee schippen, wann immer man sie anruft.

Wir haben also von allem reichlich, aber wir haben nur einen Anwalt.

Marten G. Morten war ein paar Minuten vor uns angekommen und saß auf dem einzigen Ledersessel, der so bequem aussah, dass wir uns am liebsten darauf zusammengerollt hätten. Alle paar Sekunden schlug der Anwalt seine Beine übereinander und atmete laut aus. Marten G. Morten war groß und breit und klang wie ein alter Kühlschrank, der zu viel Strom verbraucht. Er stöhnte unentwegt. Neben Marten G. Morten zu sitzen, war also kein sehr großer Spaß. Sein Motto lautete: „Eine Stadt, ein Anwalt, ein Urteil.“ Die Leute waren froh, wenn sie ihm aus dem Weg gehen konnten. Niemand lud den Anwalt zum Kaffee ein, niemand fragte ihn auf der Straße nach der Uhrzeit. Nein, Marten G. Morten ging man aus dem Weg, weil er jedem seine Visitenkarte in die Hand drückte und andauernd vor Gericht gehen wollte.

Und er jammerte eine Menge.

„Jungs, das ist doch die reinste Folter!“

Marten G. Morten bewegte seinen Hintern von links nach rechts, als würde er auf glühenden Kohlen sitzen. Der Ledersessel knarzte, der Holzboden knarrte, Marten G. Morten sagte:

„Dieser Sessel ist ja wohl aus Stahlwolle gemacht!“

Und er sagte: „So unbequem habe ich ja noch nie gesessen!“

Und er sagte: „Meine Bandscheiben schmerzen, als würde ein Schimpanse darauf Polka tanzen!“

„Wir können ja tauschen“, bot ich an.

Die Kurzhosengang saß auf Klappstühlen, die sich bedrohlich nach links neigten, sodass wir uns alle vier in Schräglage befanden. Nur ein Idiot hätte mit uns getauscht.

„Ich bin doch kein Idiot“, sagte Marten G. Morten und tätschelte die Armlehnen, als wäre der Ledersessel plötzlich sein bester Freund. „Da habt ihr aber Pech gehabt, dass ich vor euch hier war, was?“

Wir hatten wirklich Pech gehabt, deswegen sparten wir uns eine Antwort. Island gähnte, Rudolpho gähnte, Zement schlief weiter, und ich schaute aus dem Fenster und überlegte, wann wieder alles normal sein würde in unserer kleinen Stadt. Hätte mir an dem Tag jemand gesagt, dass wir uns in ein paar Monaten schon auf die Suche nach dem legendären Totem machen würden, ich denke, ich hätte der Zukunft lächelnd entgegengeschaut und sogar ein wenig gewinkt. So aber war ich grimmig, denn ich vermisste die Brüder Karamasow und hatte das Gefühl, selbst ein alter müder Mann zu sein, der sich im Körper eines elfjährigen Jungen versteckt. Als hätte die Sonne meine Gedanken gehört, lugte sie durch den Schneevorhang und grinste mich an. Aber es war kein gutes Grinsen, denn durch das schmutzige Fensterglas blieb die Sonne nur ein matter Fleck am Himmel. In ganz Okkerville gab es zu der Zeit kaum ein sauberes Fenster, sie waren alle von klebrigem Ruß verdreckt. Nicht nur haben wir in diesem Jahr unsere Schule an einen Orkan verloren, es gab seit Neuestem auch keine Bibliothek, keine Polizeistation und auch keine Videothek mehr. Selbst die Feuerwehr war bis auf den Grundstein niedergebrannt.

Das Schlimmste aber war für uns das Verschwinden des Kinos.

Das Kino ging mitsamt den Brüdern Karamasow in Flammen auf, dabei kamen Alexei und Iwan aber nicht ums Leben. Sie starben kurz vor Schluss der letzten Vorführung. Ich weiß noch, wie ich mich mitten im Film umdrehte und nach hinten sah. Die Brüder saßen nebeneinander in der letzten Reihe und grinsten mich an. Alexei hob den Daumen und Iwan machte eine wedelnde Geste, ich sollte den Film weiterschauen. Während der Endtitel müssen ihre Herzen aufgehört haben zu schlagen. Ein wenig war es, als hätten sie gewusst, dass ihr Kino bald abbrennen würde. Zement meinte dazu, das wäre die beste Art, sich von dieser Welt zu verabschieden – Seite an Seite mit seinem besten Freund, während ein guter Film läuft.

Kneift mal die Augen zu und stellt euch vor, was für ein Chaos hier vor einer Woche geherrscht hat: Es gab in jener Nacht fünf Explosionen in fünf Häusern, die daraufhin so schnell in Flammen aufgingen, dass niemand etwas dagegen unternehmen konnte. Die Flammen sprangen von einem Gebäude zum anderen, und die Leute rannten wie kopflose Hühner herum und wussten sich nicht zu helfen. Als uns dann die Feuerwehr aus Farris zu Hilfe kam, war es fast schon zu spät.

Wenn ihr jetzt die Augen wieder öffnet und von oben auf Okkerville runterschaut, könnt ihr sehen, dass unsere Hauptstraße an einen grinsenden Mund erinnert, der fünf Zähne...

Erscheint lt. Verlag 22.10.2018
Reihe/Serie Die Kurzhosengang-Reihe
Illustrationen Martin Baltscheit
Zusatzinfo Mit s/w Illustrationen
Verlagsort München
Sprache deutsch
Themenwelt Kinder- / Jugendbuch Kinderbücher bis 11 Jahre
Schlagworte ab 10 • Abenteuer • Bandengeschichte • Deutscher Jugendliteraturpreis • eBooks • Für Kinder und Erwachsene • Jungsbande • Kanada • Kinderbuch • Kinderbücher • Kinderkrimi • Selbstwert • Spiegel-Bestseller-Autor • Steinhöfel • Zeitreiseabenteuer
ISBN-10 3-641-23014-4 / 3641230144
ISBN-13 978-3-641-23014-2 / 9783641230142
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