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Der Täter (eBook)

Psychothriller
eBook Download: EPUB
2010 | 1. Auflage
592 Seiten
Verlagsgruppe Droemer Knaur
978-3-426-40098-2 (ISBN)
Systemvoraussetzungen
9,99 inkl. MwSt
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Miami 1995. Als seine Nachbarin Sophie Millstein erdrosselt aufgefunden wird, ist Detective Simon Winter klar, dass ihre Angst berechtigt war: Tags zuvor hatte die Holocaustüberlebende ihm verzweifelt berichtet, ihr sei der Schattenmann begegnet - jener Nazi-Scherge, der damals untergetauchte Juden ans Messer lieferte. Ist er zurückgekehrt, um die letzten Zeugen seiner Taten zu beseitigen? Der Täter von John Katzenbach: Spannung pur im eBook!

John Katzenbach, geboren 1950, war ursprünglich Gerichtsreporter für den »Miami Herald« und die »Miami News«. Bei Droemer Knaur sind inzwischen zahlreiche Kriminalromane von ihm erschienen, darunter die Bestseller »Die Anstalt«, »Der Patient«, »Der Professor« und »Der Bruder'. Zweimal war Katzenbach für den Edgar Award, den renommiertesten Krimipreis der USA, nominiert. Er lebt mit seiner Familie in Amherst im Westen des US-Bundesstaates Massachusetts. Weitere Informationen unter www.john-katzenbach.de und www.johnkatzenbach.com

John Katzenbach, geboren 1950, war ursprünglich Gerichtsreporter für den »Miami Herald« und die »Miami News«. Bei Droemer Knaur sind inzwischen zahlreiche Kriminalromane von ihm erschienen, darunter die Bestseller »Die Anstalt«, »Der Patient«, »Der Professor« und »Der Bruder". Zweimal war Katzenbach für den Edgar Award, den renommiertesten Krimipreis der USA, nominiert. Er lebt mit seiner Familie in Amherst im Westen des US-Bundesstaates Massachusetts. Weitere Informationen unter www.john-katzenbach.de und www.johnkatzenbach.com

1


Ein verhinderter Tod

In den frühen Abendstunden einer drückend schwülen Hochsommernacht in Miami Beach beschloss Simon Winter, ein alter Mann, der sich über viele Jahre beruflich mit dem Tod beschäftigt hatte, seinem Leben ein Ende zu setzen. Auch wenn es ihm leidtat, anderen einige Drecksarbeit zu hinterlassen, begab er sich langsam zu einem Wandschrank im Schlafzimmer und zog eine verkratzte, kurzläufige Detective Special aus einem ausgeblichenen, schweißverfleckten Lederholster. Mit Mühe klappte er die Trommel auf, holte fünf der sechs Kugeln heraus und steckte sie sich in die Hosentasche. Auf diese Weise, hoffte er, wäre jeder Zweifel an seinen Absichten ausgeräumt.

Ohne den Revolver aus der Hand zu legen, begann er, nach Stift und Papier zu kramen, um einen Abschiedsbrief zu schreiben. Zu seinem Ärger nahm das einige Minuten in Anspruch, und erst nachdem er in der Schublade seiner Kommode einige weiße, gebügelte Taschentücher, Krawattennadeln und Manschettenknöpfe zur Seite geschoben hatte, entdeckte er ein einziges, unbeschriebenes Blatt blauliniertes Notizpapier und einen billigen Kugelschreiber. Nun denn, dachte er, dann fass dich eben kurz.

Während er überlegte, ob er noch etwas vergessen hatte, machte er vor dem Spiegel halt und betrachtete sich. Recht passabel. Sein kariertes Freizeithemd war ebenso wie seine khakifarbene Hose, die Socken und Unterwäsche sauber. Vielleicht sollte er sich rasieren, überlegte er, als er mit dem Rücken der Hand, in der er die Waffe hielt, über die Stoppeln strich, doch dann fand er es übertrieben. Ein Haarschnitt hätte nicht geschadet, doch stattdessen strich er sich nur einmal mit der Hand durch den weißen Schopf. Keine Zeit, dachte er. Plötzlich fiel ihm wieder ein, dass er als Junge einmal gehört hatte, die Haare würden auch nach dem Tod noch weiterwachsen.

Haare und Nägel. Er wünschte sich, dass es stimmte. So etwas gehörte zu den Geschichten, die unter Kindern in heiligem Ernst als Flüsterpost die Runde machten und in dunklen Zimmern unweigerlich zu Gespenstergeschichten überleiteten. Zu den Widernissen des Älterwerdens, dachte Simon Winter, gehörte der Verlust der Mythen.

Er wandte sich vom Spiegel ab und warf einen flüchtigen Blick durchs Zimmer – das Bett war gemacht, in der Ecke lag kein Haufen schmutziger Wäsche. Seine Einschlaflektüre – Taschenbuchausgaben von Krimis und Abenteuergeschichten – war auf dem Nachttisch gestapelt und wenn auch nicht eben ordentlich, so doch einigermaßen vorzeigbar, etwa so wie er selbst. Jedenfalls ging das Maß an Durcheinander nicht über das hinaus, was man von einem alten Junggesellen oder, nebenbei gesagt, auch von einem Kind erwarten durfte. Die Parallele beschäftigte ihn eine Weile und gab ihm am Ende das unverhoffte Gefühl, irgendwie werde alles gut.

Durch den Türspalt ins Badezimmer fiel sein Blick auf das Fläschchen Schlaftabletten, und er spielte mit dem Gedanken, statt seines alten Dienstrevolvers diese zu verwenden, fand es dann aber feige, sich auf solche Weise umzubringen. Innerlich redete er sich gut zu: Du solltest so viel Schneid aufbringen, in den Lauf deiner Waffe zu blicken, und dir nicht einfach einen Haufen Pillen reinwerfen, um sanft, doch unwiderruflich hinüberzudämmern. Er ging in die Küche. Im Ausguss stand der Abwasch eines Tages. Während er darauf starrte, krabbelte eine riesige Schabe auf den Rand eines Tellers und rührte sich nicht mehr vom Fleck, als verfolgte sie gespannt, was Simon Winter als Nächstes vorhatte.

»Widerliche Biester«, knurrte er laut, »verfluchte Kakerlake.«

Er hob den Revolver und zielte. »Peng«, sagte er. »Ein einziger Schuss. Hast du übrigens gewusst, Viech, dass ich immer die besten Trefferquoten erreicht habe?«

Bei dem Gedanken seufzte er, bevor er mit einem Lächeln die Waffe und das Blatt Papier auf die Arbeitsplatte aus billigem, weißem Linoleum legte, sich das Geschirrspülmittel griff und zügig mit dem Abwasch begann. »Sauberkeit ist das halbe Leben.«

Zwar kam es ihm ein wenig albern vor, als letzten Akt auf Erden Teller zu spülen, andererseits war ihm klar, dass es an jemand anderem hängenbleiben würde, falls er es unterließ. Das wiederum war nicht seine Art: Er machte keine halben Sachen, die andere zu Ende führen mussten.

Die Kakerlake roch wohl die Seifenlauge, spürte, dass sie sich in tödlicher Gefahr befand, ergriff quer über die Platte die Flucht und entkam seinem halbherzigen Schlag mit dem Schwamm.

»Na ja, du magst davonlaufen, aber entkommen wirst du mir nicht.«

Er griff unter den Ausguss und fand eine Dose Insektenspray. Er schüttelte sie energisch, dann richtete er einen Strahl in die ungefähre Richtung, in die das Insekt sich verkrochen hatte.

»Wir werden wohl zusammen das Zeitliche segnen, Ungeziefer«, stellte er fest. Die Wikinger, fiel ihm wieder ein, töteten einen Hund und legten ihn einem Mann zu Füßen, bevor sie ihn bestatteten, damit ihm das Tier auf dem Weg nach Walhall Gesellschaft leistete. Konnte man sich einen besseren Gefährten denken als einen Hund, der wahrscheinlich darüber hinwegsehen würde, dass die barbarische Sitte seinem eigenen Leben ein vorzeitiges Ende setzte? Wenn ich einen Hund besäße, dachte Simon Winter, dann könnte ich ihn zuerst erschießen, doch ich habe keinen, und außerdem würde ich es nicht tun, also muss ich als Weggefährtin zu meinem Walhall mit einer Kakerlake vorliebnehmen.

Er schmunzelte bei der Frage, worüber er und das Ungeziefer sich wohl unterhalten würden; bei Lichte betrachtet gab es durchaus Gemeinsamkeiten, denn sie hatten beide in den weniger appetitlichen Ritzen und Winkeln des alltäglichen Lebens herumgewühlt. Mit einer schwungvollen Geste wischte er den Ausguss sauber, legte den Schwamm in die Ecke und kehrte mit dem Blatt Papier sowie dem alten Revolver in sein bescheidenes Wohnzimmer zurück. Er setzte sich auf das fadenscheinige Sofa und legte die Waffe vor sich auf den Tisch. Dann nahm er das Blatt sowie den Kugelschreiber, dachte einen Moment nach und schrieb:

Erklärung

Ich bin von eigener Hand gestorben.

Ich bin alt, müde und einsam und habe schon seit Jahren nichts Nützliches mehr geleistet.

Tja, das stimmt alles, dachte er, aber die Welt scheint mit jedem Toten ganz gut zurechtzukommen, demnach besagt das hier nicht viel. Er tippte sich ein paarmal mit der Kugelschreiberspitze an die Zähne. Sag, was du wirklich meinst, mahnte sich Simon Winter in schulmeisterlicher Manier. Zügig schrieb er weiter:

Ich fühle mich wie jemand, der allzu spät bemerkt, dass es an der Zeit ist, abzutreten.

Schon besser, dachte er mit einem trockenen Lächeln. Und nun zum geschäftlichen Teil.

Ich habe etwas über fünftausend Dollar auf einem Sparkonto bei der First Federal. Ein Teil davon soll darauf verwendet werden, diese alten Knochen zu verbrennen. Falls jemand die Freundlichkeit besäße, meine Asche am Government Cut ins Wasser zu streuen, wüsste ich das zu schätzen.

Simon Winter hielt im Schreiben inne. Es wäre schön, überlegte er, wenn in dem Moment ein Schwarm Tarpune, die sich dort tummelten, an die Oberfläche käme, um nach Luft zu schnappen und sich auf die Meerbrassen oder die kleinen Makrelen zu stürzen. Das sind prächtige Tiere. Mit ihren riesigen Silberschuppen und den mächtigen, sensenförmigen Flossen erinnern sie an fahrende Ritter im Panzerhemd. Sie gehören zu einem urzeitlichen Stamm, der die Jahrhunderte unverändert überdauert hat, und einige von denen sind wahrscheinlich so alt wie ich. Ihm kam die Frage in den Sinn, ob ein Tarpun jemals des Schwimmens müde wurde, und wenn ja, was er dann tat. Vielleicht drosselte er nur das Tempo und hatte es nicht so eilig, wenn ein Hammerhai den Schwarm verfolgte. Wäre nicht das Schlechteste, als Tarpun wiedergeboren zu werden. Er schrieb weiter:

Das verbleibende Geld sollte an den Witwenfonds der Polizeidienststelle Miami Beach gehen, oder wie auch immer das heute heißt. Es sind keine Angehörigen zu benachrichtigen. Ich hatte einen Bruder, der jedoch gestorben ist, und von seinen Kindern habe ich seit Jahren nichts gehört.

Ich habe das Leben genossen und das eine oder andere zuwege gebracht. Falls jemand interessiert ist: Im Schlafzimmer ist ein Album mit ein paar Zeitungsausschnitten zu meinen alten Fällen.

Zuletzt gestattete er sich ein kleines Eigenlob, bevor er mit einer Entschuldigung schloss:

Es gab einmal eine Zeit, da konnte ich es mit jedem aufnehmen.

Tut mir leid, solche Umstände zu machen.

Er überlegte, las die Nachricht noch einmal durch und unterzeichnete mit einem eleganten Namenszug:

Simon Winter. Detective a.D.

Er holte einmal tief Luft und hob die Hand in Augenhöhe. Sie war ruhig. Er betrachtete seine Zeilen. Auch in seiner Schrift war kein Zittern zu erkennen. Dann wollen wir mal, dachte er. Du hast schon Schlimmeres durchgemacht. Worauf wartest du also noch?

Er packte die Waffe und legte den Finger an den Abzug. Jede Phase im Bewegungsablauf spürte er bis ins kleinste Detail. Die Spannung in seinem Finger am Abzug aktivierte die Sehne an seinem Handrücken. Als er die Waffe hob und das Handgelenk ausrichtete, um sie ruhig zu halten, fühlte er die Muskeln im Unterarm. Sein Herzschlag beschleunigte sich. Im Kopf stieg ihm eine Flut von Erinnerungen auf. Er befahl seinen Augenlidern, sich zusammenzukneifen, um keinen Funken Zweifel zuzulassen. Also, dachte er. Los. Es ist so weit.

Simon Winter drückte sich den Lauf seines Revolvers gegen den Gaumen und fragte sich, ob er den tödlichen Schuss noch spüren würde. Und in dieser Sekunde des Zauderns, dieser winzigen...

Erscheint lt. Verlag 2.2.2010
Übersetzer Anke Kreutzer
Verlagsort München
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Krimi / Thriller / Horror Krimi / Thriller
Schlagworte 3. Reich • 40er Jahre • amerikanische Psychothriller • Berlin • Esperanza Fernandez • Holocaust • Holocaust-Überlebende • John Katzenbach Bücher • Judenverfolgung • Katzenbach Bücher • Kollaborateur • Miami Beach • Mord • Nationalsozialismus • Nazis • Polizei Krimis/Thriller • Psychopath • Psychothriller • Psychothriller bücher • Schattenmann • Selbstmord • Simon Winter • Sophie Millstein • Thriller USA • Walter Robinson
ISBN-10 3-426-40098-7 / 3426400987
ISBN-13 978-3-426-40098-2 / 9783426400982
Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR)
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