New Pay Journey (eBook)
276 Seiten
Haufe Verlag
978-3-648-15012-2 (ISBN)
Eine nachhaltige Zukunft für Menschen und Organisationen ermöglichen, das treibt Stefanie Hornung an. Als freie Journalistin, Moderatorin und Speakerin beschäftigt sie sich seit mehr als fünfzehn Jahren mit Führungs-, Personal und Management-Themen. Sie ist zudem Impulsgeberin und Sparringspartnerin für Unternehmen, wenn sie ihre Glaubenssätze in Bezug auf Leistung und Kommunikation kritisch hinterfragen und neue Möglichkeitsräume eröffnen möchten.
Stefanie Hornung Eine nachhaltige Zukunft für Menschen und Organisationen ermöglichen, das treibt Stefanie Hornung an. Als freie Journalistin, Moderatorin und Speakerin beschäftigt sie sich seit mehr als fünfzehn Jahren mit Führungs-, Personal und Management-Themen. Sie ist zudem Impulsgeberin und Sparringspartnerin für Unternehmen, wenn sie ihre Glaubenssätze in Bezug auf Leistung und Kommunikation kritisch hinterfragen und neue Möglichkeitsräume eröffnen möchten. Nadine Nobile "Potenziale erkennen und Entfaltung ermöglichen", das ist der Leitsatz von Nadine Nobile. Als Organisationsbegleiterin, Sparringspartnerin und Impulsgeberin unterstützt sie Organisationen bei der Gestaltung ihrer Vergütungssysteme. Dabei versteht sich vor allem als Enthusiastin partizipativer Arbeitswelten. Zudem hat es ihr das Thema Diversität angetan. 2016 gründete sie die Initiative New Work Women mit dem Ziel, die Ideen von Frauen zur Zukunft der Arbeit sichtbarer zu machen. Sven Franke "Experimente wagen und Neuland erkunden", nach dieser Maxime lebt und arbeitet Sven Franke. Er ist Sparringspartner, Autor und Speaker. Den Kern seiner Arbeit bildet die Begleitung von Organisationen bei der kulturadäquaten Entwicklung von Vergütungssystemen. Der betrieblichen Mitbestimmung gilt dabei sein besonderes Augenmerk. Außerdem ist er Vorstand des Inspiring Network e. V. und Jurymitglied des German Equal Pay Award vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.
1 Ein Vorwort über Geld und Tabu
Als der 17-jährige Georg Forster als Reisebegleiter von Weltumsegler James Cook auf dem Archipel Tonga ankam, mag er schon eine Besonderheit dieser »freundlichen Inseln« bemerkt haben. Die Bewohnerinnen und Bewohner zeigten im Vergleich zu denen auf manch anderer Nachbarinsel keinerlei Anzeichen von Feindseligkeit, vollführten gar ein großes Freudengeschrei zur Ankunft der Fremden. Doch sie wollten sich nicht zu Neuankömmlingen setzen und mit ihnen essen. Sie erklärten, die aufgetischten Speisen seien »tabu«1. Ihre Erklärung: Tabu sei etwas, das sie nicht essen oder benutzen durften. Gleichzeitig verbanden sie damit Dinge, die ihnen heilig waren. So nannten sie die Hauptinsel des Königreiches Tonga »Tongatabu«, was so viel bedeutet wie »heiliger Süden«.
Heute gilt Georg Forster als erster Vertreter der wissenschaftlichen Reiseliteratur. Sein Buch »Reise um die Welt«2 über die zweite Entdeckungsreise James Cooks, an der er teilnahm, begeisterte die Zeitgenoss:innen. Er wusste die fremden Landstriche für damalige Verhältnisse mit ungewöhnlicher Objektivität zu beschreiben. Deshalb beauftragte man den jungen Erfolgsautor mit einer deutschen Übersetzung von ausgewählten Passagen der eher trögen Schilderungen James Cooks zu seiner dritten Reise und veröffentlichte dazu ein Vorwort aus Forsters Feder. In dem Werk tauchte das beobachtete »Tabu« auf3 und verbreitete sich fortan im deutschsprachigen Raum. Vor allem in den Religionswissenschaften stieß dies auf großes Interesse. Der exotische Klang passte zur archaischen und irrational erscheinenden Herkunft. Gleichzeitig schloss der Begriff eine Wortschatzlücke in den Sprachen der westlichen Zivilisation. 1851 ging er in Meyers Konversations-Lexikon ein.4 Dass das Wort Anfang des 20. Jahrhunderts immer gebräuchlicher wurde, hat mit Sigmund Freud zu tun. In seinem Werk »Totem und Tabu« von 1913 lieferte er eine erklärende Begriffsdefinition. »Die Tabuverbote entbehren jeder Begründung, sie sind unbekannter Herkunft; für uns unverständlich, erscheinen sie jenen selbstverständlich, die unter ihrer Herrschaft leben.« Laut Freud ist ein Tabu etwas zutiefst Verbotenes und anders als herrschende Gesetze auch etwas Unaussprechliches. Dadurch wird es zu einer Art magischem Schutz für die bestehende und als lebenserhaltend empfundene Ordnung. Allen Tabus ist eines gemeinsam: Sie basieren auf einer nonverbalen gesellschaftlichen Übereinkunft. Diejenigen, die über die Tabus wachen, haben einen enormen Einfluss. Tabus schränken den Aktionsradius der Menschen ein. Diese empfinden das Tabu jedoch als Schutz, als eine Art Abwehrzauber.
Das führt uns zur Ausgangsfrage dieses Buchs: Was sind die heiligen Inseln der modernen Gesellschaft und der Arbeitswelt? »Über Geld spricht man nicht«, heißt es in unserem Kulturkreis häufig. Geld hat etwas Anrüchiges, offen damit zu prahlen noch mehr. »Ich habe […] Angst, wenn ich mich zu viel um Geld kümmere, dass mir das die Unschuld der Kunst raubt«5, bringt es der Sänger und Buchautor Thees Uhlmann auf den Punkt. In dieser Aussage spiegelt sich eine zentrale Grundannahme: Geld verändert Menschen. Wem es ums Geld geht, dem kann man nicht trauen. Die christliche Tradition wirkt hier fort. »Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr geht, als dass ein Reicher in das Reich Gottes komme«6, heißt es etwa in einem Gleichnis von Jesus. In der deutschen Sprache gibt es für Geld Begriffe wie Sand am Meer. Knete, Kohle, Kröten – es handelt sich dabei meist um bildliche Umschreibungen. Das spiegelt die Faszination und die vielfältigen Funktionen von Geld wider: »Geld ist Macht. Geld ist Zeit. Und umgekehrt. […] Geld schafft Freiräume. Geld eröffnet Möglichkeiten. Vor allem schenkt Geld Unabhängigkeit.«7 Das Gehaltstabu verhindert aufrüttelnde Fragen wie: Welche Wertigkeit steckt hinter einem bestimmten Gehalt? Warum verdienen manche mehr als andere? Was sagt das Gehalt einer Person über ihre Stellung in einer Organisation aus? Wie stark motiviert Geld, Dinge zu tun und andere zu lassen?
Es ist nicht so, dass nicht über Geld geredet würde. Der Punkt ist nur, wie dies geschieht. Zuletzt sind immer mehr Magazine und Rubriken zum Thema Geld entstanden. Die Süddeutsche Zeitung hat schon lange das Interviewformat »Reden wir über Geld«. Das Medienportal Turi2 brachte in 2022 ein Sammelwerk mit vielen Interviews heraus, in denen Prominente über Geld sprechen. Und auch in der Karrierepresse sind Geld- und Gehaltsthemen sehr beliebt. Doch es gibt viele Geld-Narrative, die Menschen als völlig normal betrachten:
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Wer viel verdient und wenig arbeitet, ist auf der Gewinnerseite. Umgekehrt: Nur wer zu doof ist, verdient zu wenig (siehe etliche Medien, die in verschiedenen Varianten zu titeln pflegen: »In diesen Jobs verdienst Du am meisten und arbeitest am wenigsten«).
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Das Gehalt stellt den Wert von Menschen dar. Wenn sie viel verdienen, heißt das, ihre Arbeitskraft und letztlich sie selbst sind viel wert. Die Bewertungen, die zu unterschiedlichen Gehältern führen, bleiben dabei unhinterfragt. Es geht nicht um Alternativen, wie man sonst Wertschätzung erfahren könnte.
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Wer gut verhandeln kann, bekommt mehr. Deshalb boomen Trainingsangebote für geschickte Gehaltsverhandlungen. Das kann für Menschen hilfreich sein, die ohne Verhandlungsgeschick von Arbeitgebenden oder Auftraggebenden über den Tisch gezogen werden. Es hinterfragt aber nicht generell Gehaltsverhandlungen mit ungleichen Ausgangspositionen.
Letztlich gibt die Dauerbeschallung mit dem Thema Geld das gute Gefühl, irgendwie das Tabu aufzubrechen, ohne dass es wehtut – ganz nach dem Motto: »Wasch mich, aber mach mich nicht nass!« Mehr noch, Gespräche über Geld, die sich nur auf diesem Niveau bewegen, können wunderbar den Status quo erhalten.
Wenn Menschen in Organisationen über Geld und Gehalt reden, kommt es also darauf an, wie sie es tun. Sind sie wirklich ehrlich, geht es ans Eingemachte. Bei Vergütungsfragen bewegen sich die Beteiligten immer zwischen Psychologik und Systemlogik. Sie sind oft extrem aufgewühlt, weil sie gleichzeitig in zwei Bahnen denken: Wer leistet hier eigentlich welchen Wertbeitrag für das Unternehmen oder darüber hinaus und woran macht man das fest? Und was bedeutet eine mögliche Veränderung beim Vergütungssystem für mich ganz persönlich? Was ist, wenn plötzlich alle wissen, was ich verdiene?
Das Gehalt ist als Wert der Arbeit in den Köpfen vieler Beschäftigter mit dem eigenen Selbstwert verknüpft. Menschen, die weniger verdienen, haben in der Gesellschaft einen geringeren Status, der wiederum dazu führt, dass sie weniger verdienen. Ein Teufelskreis, der sich auch von Eltern auf ihre Kinder überträgt. Darüber zu sprechen, hinterfragt die gesellschaftlichen Verhältnisse. Wie Wert verteilt wird, hat deshalb Sprengkraft. Hinzu kommt: Wer über Gehaltsstrukturen spricht, macht Spannungsfelder in Organisationen sichtbar. Plötzlich stehen ganz grundsätzliche Fragen im Raum und nicht immer können Menschen gut damit umgehen. Kaum jemand hat in unserem Kulturkreis gelernt, über Geld zu sprechen. Wer es dennoch tut, wird zum Tabubrecher. Tabus zu missachten, ist immer eine Kritik an den Verhältnissen. Jede Revolution bricht Tabus. Aber auch kleinste Abweichungen sind dazu in der Lage.
»Du bist so radikal!«, sagte auf einer Veranstaltung in Wien eine Teilnehmerin nach einer New-Pay-Diskussion zu Nadine Nobile, die mit auf dem Podium gesessen hatte. Es ging hier lediglich um Annahmen über Vergütungssysteme, die sie hinterfragte, nicht um revolutionäre Forderungen zur Umverteilung. Doch jedes Gespräch, das hinter die Oberfläche blickt, rüttelt am Gehaltstabu. Für Menschen, die für gewöhnlich nicht über Geld und Gehalt sprechen, ist der offene Austausch verstörend, aufwühlend und verunsichernd. Deshalb erscheinen Themen, die über übliche Floskeln hinausgehen, bereits radikal. Die Radikalität kommt aus dem Blick des Tabus.
Im beruflichen Kontext, also wenn es um Vergütung, Lohn und Gehalt geht, wirkt das Tabu besonders stark. Klauseln in Arbeitsverträgen, die es untersagen, über das eigene Gehalt zu sprechen, sind zwar meist nicht rechtskräftig – das müssen sie auch nicht sein. Das unausgesprochene Tabu ist stärker als jedes Verbot. Wer öffentlich über sein Gehalt spricht, übertritt eine unsichtbare Grenze und muss gegebenenfalls auch mit Sanktionen rechnen. Das wissen Beschäftigte sehr genau und haben das ungeschriebene Gesetz verinnerlicht. Daran ändert auch die Veröffentlichung von Gehaltsdaten in sozialen Netzwerken wenig. Sie bieten rein statistische Vergleichsdaten, die oft mit der persönlichen Situation und dem Umgang mit Geld und Gehalt wenig zu tun haben. Die Basis der Arbeitsstrukturen und das Referenzsystem bleiben größtenteils außen vor.
»Die wirklich harten Dinge sind die, über die wir nie reden, weil wir sie für normal halten«, sagt der deutsch-österreichische Journalist und Autor Wolf Lotter in Anlehnung an den Philosophen Slavoj Žižek. Das sei das Infame an der Kultur in Organisationen und einer sogenannten Normalität: Sie funktioniere als Dogma. »Das ist wie eine Wand, die niemand wahrnimmt. Diese hintergründige Erwartungshaltung, die wir in vorauseilendem Gehorsam erfüllen, indem wir uns anpassen.« Nur wenn Unternehmen Regeln aushandeln, die eine vermeintliche Normalität entnormalisieren, können implizite Dinge explizit werden. Wer Vergütungssysteme...
Erscheint lt. Verlag | 4.10.2023 |
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Reihe/Serie | Haufe Fachbuch | Haufe Fachbuch |
Verlagsort | Freiburg |
Sprache | deutsch |
Themenwelt | Wirtschaft ► Betriebswirtschaft / Management ► Unternehmensführung / Management |
Schlagworte | Agilität • Employer Branding • Gehalt • Gehaltsabrechnung • HR • Implementierung • Leitfaden • Lohn • Mitarbeiter • Mitarbeiterbindung • Mitarbeiterin • New Pay • new work • Unternehmenskultur • Vergütung • Vergütungsansatz • Vergütungsansätze • Vergütungsmodell • Vergütungsstruktur • Vergütungssystem • VUCA |
ISBN-10 | 3-648-15012-X / 364815012X |
ISBN-13 | 978-3-648-15012-2 / 9783648150122 |
Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
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