Pauline de Bok lebt als freie Schriftstellerin und Übersetzerin (u. a. von Wolfgang Herrndorf) in Amsterdam und Mecklenburg. Für ihren Roman Blankow oder Das Verlangen nach Heimat (2009) wurde sie mit dem Annalise-Wagner-Preis ausgezeichnet.
Pauline de Bok lebt als freie Schriftstellerin und Übersetzerin (u. a. von Wolfgang Herrndorf) in Amsterdam und Mecklenburg. Für ihren Roman Blankow oder Das Verlangen nach Heimat (2009) wurde sie mit dem Annalise-Wagner-Preis ausgezeichnet.
Cover 1
Titel 3
Zum Buch 273
Über die Autorin 273
Impressum 4
Inhalt 5
Abschied von der Stadt 7
Frühling 9
Eine junge Bache 10
Streunen 25
Wolfsfieber 47
Sommer 63
Hundstage 64
Mein Jagdrevier 74
Mauser 91
Frühherbst 105
Wildkamera 106
Tontauben schießen 120
Brunft 132
Spätherbst 151
Lockfutter 152
Schweinehoden 166
Treiber 179
Der hässliche Schuss 186
Winter 193
Die längste Nacht 194
Hirn 214
Ein Kaninchen töten 234
Schonzeit 248
Junges Leben 266
Glossar 269
Streunen
Einer Traktorspur folgend überquere ich das Getreidefeld in Richtung der Grenze zu Brandenburg, die ein dichter Streifen blühender Schlehen markiert. An dieser Hecke entlang stiefele ich dem Wind und der untergehenden Sonne entgegen. Ich bin auf der Suche nach Damwild, meistens liegt um diese Zeit hier irgendwo ein Rudel und ruht sich aus. Vor allem hoffe ich, das weiße Alttier zu finden, dieses Jahr habe ich es noch nicht gesehen. Hoch über dem Land gehe ich hier, mit weitem Blick über die Hänge, die am Ende der Eiszeit geformt wurden. In der Ferne bemerke ich einen Fleck. Ich suche ihn mit meinem Feldstecher, und ja, es ist eine Ricke, und ein wenig entfernt steht ihre schlanke Version, ein Schmalreh. Mein Jägerblick wird zum Glück immer schärfer.
Zwischen Wagenspuren und Acker wurde der Boden von Schweinen aufgewühlt, ein langer schmaler Streifen bis zum Morast bei der großen Silberweide. Hier bringt eine Kanzel nichts, man müsste in einer mondhellen Nacht den Weg entlangschleichen, gegen den Wind, bis man eine Rotte sieht. Doch wenn man dann auf einen Zweig tritt oder die Jacke beim Anlegen des Gewehrs an der Schulter raschelt, dann laufen sie davon. An Schweine kann man sich schlecht anpirschen.
Ich vertue mich immer noch: So hoch über dem Land gehend, glaube ich als geborener Flachländer, alles zu überblicken. Doch plötzlich kann ich tiefer ins Gelände schauen, in einer Mulde am Osthang liegt offenbar ein Rudel Damwild. Kahlwild, denke ich im ersten Moment, Alttiere mit ihren Nachkommen, aber es sind Hirsche. Sie sehen mitgenommen aus. Schaufelgeweihe sind nicht zu sehen, natürlich, denn die ältesten Hirsche werfen ihre Geweihe als erste ab. Ein wenig belämmert aussehend, döst ein Hirsch mit einer Stange auf dem Kopf vor sich hin. Das muss ein komisches Gefühl sein, plötzlich nur noch auf einer Seite das Gewicht zu spüren. Es ist ein junges Tier, ein sogenannter Gabler, die übriggebliebene Stange hat noch nicht die Breite wie bei einem ausgewachsenen Tier. Als ich mir die Hirsche mit dem Feldstecher der Reihe nach ansehe, bemerke ich noch zwei mit dünnen weißen Stangen, zwei intakte Spießer. Ich habe Glück, um diese Jahreszeit Hirsche zu sehen. Wenn sie die Geweihe abwerfen, bleiben sie noch mehr als sonst im Grenzwald verborgen.
Einmal bin ich dort hindurchgegangen und hatte dabei das Gefühl, etwas Verbotenes zu tun. Ein Bach floss hindurch, Wasser stand in schwarzglänzenden Tümpeln mit schlammigen Ufern voller Hufabdrücke, daneben Malbäume der Wildschweine, und überall lagen Stämme, Äste und Feldsteine. Eine Welt, die sich selbst überlassen war. Schnell ging ich zurück auf die Äcker, diese Welt musste so bleiben, wurde mir wieder bewusst. Im vorigen Jahr habe ich sogar dem Verlangen widerstanden, dort nach abgeworfenen Stangen zu suchen – was übrigens als Wilderei gilt.
Wie lange stehe ich nun schon hier und beobachte das Hirschrudel? Ich kann mich nicht überwinden, es zu verjagen. Stillstehen wird immer leichter, sich nicht bewegen, bis sich die Reglosigkeit in meinem ganzen Körper wie zurückgehaltene Kraft und Wärme anfühlt, ich werde nicht steif. Da stehe ich nun in der Landschaft, und plötzlich muss ich daran denken, wie ich hierhin gekommen bin, warum ich geblieben bin, wie ich hier am Abend verloren herumstehe und ein Rudel beobachte, während die Sonne hinter dem Buchenwald versinkt und ich hier zu Hause bin wie nie zuvor.
An jenem Novemberabend 2012, als ich im Wendland meinen Jagdschein gemacht hatte und überglücklich war, bin ich sogleich über die stillen dunklen Wege zu meinem Kuhstall gefahren, um am nächsten Morgen dort aufwachen zu können. Ich konnte es kaum erwarten, von zu Hause auf die Jagd zu gehen.
Das alte mecklenburgische Vorwerk ist nicht umzäunt, man geht direkt ins Revier. Umgekehrt läuft das Wild über unser Grundstück. Ab jetzt würde ich die Schweine, die im Winter den Obst- und den Gemüsegarten umwühlten, selbst erlegen, mit meinem eigenen Gewehr. Ich brauchte nur die Zustimmung des Jägers, der das Revier gepachtet hatte, aber das würde kein Problem sein, ich kannte ihn schon seit Jahren. Er wohnte ein Dorf weiter, Uwe Meister, ein Maurer mit eigener Baufirma. Er hatte die Ruine auf unserem Grundstück vor dem Einsturz bewahrt und verglaste Türen und Fenster in unseren Kuhstall eingebaut. Ohne zu murren benutzte er die alten Ziegelsteine, die wir für ihn sauber geklopft hatten, oder die Feldsteine, wenn wir die schöner fanden. Während der ersten Jahre unserer Bekanntschaft wusste ich nicht einmal, dass er Jäger war. Selbst als er 2004 die Pacht des Reviers rund um unser Haus übernahm, erfuhr ich davon nichts. Gegenüber Nicht-Jägern sind Jäger schweigsam, weiß ich heute, für die Jagd braucht man Ruhe, keine neugierigen oder aufdringlichen Laien.
Erst als ich mir zum soundsovielten Mal das Chaos ansah, das die Schweine angerichtet hatten, erfuhren wir, dass wir uns deswegen an Uwe wenden sollten. Kurz darauf erlegte einer seiner Jagdfreunde in unserem Obstgarten zwei Wildschweine mit einer einzigen Kugel, ein sogenannter Doppeltreffer. Ein Kunststück, aber eigentlich reiner Zufall. Weidgerecht kann man einen Schuss auf zwei Tiere jedenfalls nicht nennen. Das wusste ich damals schon, denn ich wollte bald darauf mit meiner Ausbildung anfangen und verschlang Bücher über die Jagd.
Wenn ich Uwe traf, fing ich beinahe gegen meinen Willen sofort an, über die Jagd zu reden. Er würde mich einmal mitnehmen, wenn ich meinen Jagdschein hätte, sagte er väterlich. Doch als ich im November erwartungsvoll bei ihm vor der Tür stand, schrak er zurück. Es dauerte eine Weile, bis mir klar wurde, dass ein Jungjäger eine Last ist, weil er zwar eine Jagderlaubnis in der Tasche, ansonsten aber nur Theorie im Kopf hat. Vor allem, wenn er nicht mit der Jagd aufgewachsen ist und nur einen dreiwöchigen Schnellkurs absolviert hat. Und außerdem war ich auch noch eine Ausländerin. Und eine Frau, nicht einmal eine junge, auch wenn man mich hier oft mit «junge Frau» anspricht – aus lauter Höflichkeit, mit einer Spur von Ironie. Jungjägerin nennt man mich auch, und das stimmt, denn Jäger wird man erst mit der Zeit, mit jedem Jagdjahr ein wenig mehr.
Zum Glück war ich im Kublitzer Revier, drei Dörfer weiter, als Jäger willkommen. Es gehörte zum Landgut von Hubert Falkner, einem Dortmunder Unternehmer, der das ehemalige volkseigene Gut, einen staatlichen Landbaubetrieb, gleich nach der Wende gekauft hatte. Sein Leben lang hatte er schon von einem eigenen Landgut mit Jagdrevier geträumt. Ich durfte in seinem Revier ansitzen, so oft ich nur wollte, und bezahlte lediglich für das Wild, das ich mitnahm, zwei Euro pro Kilo für ein aufgebrochenes Schwein, drei Euro für Damwild und vier für Rehe.
Der Berufsjäger, den er angestellt hatte, bekam den Auftrag, mich in die Praxis der Jagd einzuführen. Das bedeutete: zusammen auf eine Kanzel, denn Hubert war der Ansicht, ich müsse erst lernen, das Wild gut anzusprechen – das heißt, lernen zu erkennen, was mir da vor den Lauf kam. Das ist auf dem Papier vielleicht nicht sehr schwer, aber man versuche nur einmal, draußen, bei Wind und Wetter, bei schlechtem Licht und aufs Äußerste angespannt, einzuschätzen, wie alt ein Tier ist, das vor einem steht, welches Geschlecht es hat und ob es vielleicht Junge hat. Ob es nicht zu weit entfernt ist oder zu schnell läuft, so dass man es mit einem Schuss lediglich verletzt, oder ob es zu sehr mit Kopf oder Hintern zu einem hin steht, so dass man das Fleisch zerschießt. Und außerdem darf man, wenn man all dies weiß, nicht vergessen, einen Kugelfang zu haben, damit die Kugel, wenn man das Ziel verfehlt, in den Boden einschlägt und man niemanden gefährdet. Und so saß ich die ersten Male stundenlang mit Volker Vietsch, dem damaligen Berufsjäger, in der offenen Kanzel und konnte mich nicht bewegen, weil es so eng war.
Eines Abends im Januar wurde ich dann endlich wirklich zum Jäger. In einer weißen Landschaft bei Vollmond schoss ich mein erstes Tier. Der Schnee glitzerte, es war neun Grad unter Null. Nach einer dreiviertel Stunde hörten wir das erste Rascheln, Volker stupste mich an, bewegte den Kopf leicht nach links. Wie in Zeitlupe legte ich das Gewehr an, während ich zugleich versuchte, mein pochendes Herz im Zaum zu halten. Das kleine Schwein, das als erstes an die Kirrung gekommen war, stand lebensgroß ...
Erscheint lt. Verlag | 15.2.2018 |
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Übersetzer | Gregor Seferens |
Sprache | deutsch |
Themenwelt | Sachbuch/Ratgeber ► Natur / Technik ► Natur / Ökologie |
Sachbuch/Ratgeber ► Sport | |
Technik | |
Schlagworte | Ansitz • Beute • Beutemachen • Damwild • Drückjagd • Fuchs • Gesellschaft • Hase • Jagd • Jagdinstinkt • Jagdschein • Jäger • Mensch • Natur • Reh • Sachbuch • Töten • Wild • Wildschwein • Wolf |
ISBN-10 | 3-406-72113-3 / 3406721133 |
ISBN-13 | 978-3-406-72113-7 / 9783406721137 |
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