Lebensführung und vergeschlechtlichte Körper (eBook)
257 Seiten
Beltz Juventa (Verlag)
978-3-7799-8212-8 (ISBN)
Sarah-Christina Glücks ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Arbeitsgruppe 8 Soziale Arbeit an der Fakultät für Erziehungswissenschaft der Universität Bielefeld.
2.Theoretische Grundprämissen in Bezug auf Geschlecht, Körper, Wissen
2.1Dekonstruktivistische Perspektive auf Geschlecht
In erziehungswissenschaftlichen Abhandlungen finden sich verschiedene geschlechtertheoretische Perspektiven. Micus-Loos (2004) spricht von vier erziehungswissenschaftlichen Verständnissen von der Kategorie Geschlecht, dem Diskurs der Gleichheit, der Differenz, der Konstruktion sowie der Dekonstruktion und betont dabei, dass diese Ansätze teilweise widerstreitend sind. Dieses Konträre gilt es auszuhalten, das heißt, es geht nicht um ein Entweder-oder der Ansätze. Wohl aber müsse geprüft werden, inwieweit die Ansätze mit erziehungswissenschaftlichen Grundideen von Erziehung und Bildung und von handlungsfähigen Subjekten im Prozess der Bildung vereinbar sind und wie Geschlecht in den unterschiedlichen Theorieansätzen konzeptualisiert wird (vgl. Micus Loss 2004, S. 122). Zunächst wird Geschlecht im Zusammenhang mit Frauen*bewegungen in der Bundesrepublik Deutschland im 19. und 20. Jahrhundert thematisiert (Kapitel 2.1.1), um dann ausführlicher mit der dekonstruktivistischen Perspektive fortzufahren (Kapitel 2.1.2), die das theoretische Fundament dieser Forschungsarbeit bildet.
2.1.1Exkurs zur ersten und zweiten Frauen*bewegung in der BRD
Was waren Anliegen und Ziele der ersten und zweiten Frauen*bewegung? Diese Frage ist vordergründig weniger für die theoretische Perspektive dieser Arbeit zentral als vielmehr relevantes Hintergrundwissen für die sogenannten feministischen Perspektiven im Analysematerial (Kapitel 4.2.2.4).
Voigt-Kehlenbeck (2008) fasst als Ziel der ersten bürgerlichen Frauen*bewegung von Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts die Schaffung eines Berufsfeldes im Bereich der kommunalen Armenfürsorge und privater Wohltätigkeit zusammen. Impulse und damit Anlässe für Veränderungsprozesse leitet Hering (2006) für die erste Welle der Frauen*bewegung aus gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und einem subjektiven Bedürfnis nach Ausbildung und Berufstätigkeit ab. Frauen* der Zeit skandalisierten, dass sie außer über Fort- und Weiterbildungen kaum Zugang zum Beruf der Sozialarbeit hatten. Sie engagierten sich für von Armut und Ausgrenzung betroffene Frauen* und Familien, um diesen zu helfen, aber auch als Art Hilfe zur Selbsthilfe. Anliegen war es, einen Prozess der Verberuflichung weg vom Ehrenamt anzustoßen (vgl. Voigt-Kehlenbeck 2008, S. 71).
Die zweite Welle der Frauen*bewegung im europäischen Raum fokussierte auf Themen von Gleichheit und Differenz und wandte sich gegen das Wiederaufleben von Mütterlichkeitsideologien im Kontext des deutschen Wirtschaftswunders in den 1950er und 1960er Jahren des 20. Jahrhunderts. Es ging dabei u.a. um eine Sensibilisierung für nationalsozialistische Hinterlassenschaften. Anliegen der politischen Bewegung war es, auf der individuellen Ebene nach dem Eigenen zu suchen. Frauen* der Bewegung richteten sich gegen alle körper- und leibgebundenen Attribute vermeintlich natürlicher Weiblichkeit*. Im Zuge dessen avancierten besonders Projekte zur Förderung von benachteiligten Mädchen* als zukünftiger Generation zu neuen Hoffnungsträgern.
Wo gab es innerhalb der und zwischen den Bewegungen Widersprüche? Diese sollen ebenfalls kurz Erwähnung finden, um nicht den Eindruck einer linearen Entwicklung zu erwecken (die sich in sozialen Bewegungen nie findet) und einige Brüche zu benennen. So bestanden in der ersten Frauen*bewegung mindestens zwei Lager, das bürgerliche und das Arbeiter*innen-Milieu. Sie unterschieden sich in ihren Zielen und Umsetzungsformen, u.a. bezüglich der Forderung nach Bildung und Ausbildung und Berufstätigkeit als einer neuen Herausforderung, eines subjektiven Bedürfnisses der bürgerlichen Frauen*bewegung. Zudem gab es eine Struktur, in der ein Drittel der Frauen* unverheiratet blieb, was zu der Zeit die Frage nach ihrer Daseinsberechtigung aufwarf. Auf der anderen Seite kämpften Frauen* der Arbeiterklasse für ökonomische Teilhabe und damit auch für eine Änderung der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen.
Der zweiten Frauen*bewegung fehlten zum Beispiel Vorbilder aus der ersten Frauen*bewegung, wodurch affektiv, aus einer Enttäuschung heraus, eine Suche nach dem Eigenen entstand. Problematisch war die Stigmatisierung der Frauen* in der ersten Frauen*bewegung und ihre Begrenzung auf bestimmte Eigenschaften wie Mütterlichkeit. Die zweite Frauen*bewegung rekonstruierte den bekannten Streit des Haupt- und Nebenwiderspruchs. Im Kontext dieser gesellschaftskritischen Diskussionen und Fragen danach, wie gesellschaftliche Veränderungen möglich sind, ist für die weiteren Analysen in dieser Arbeit noch auf die Debatten um einen „spirituellen Feminismus“ bzw. eine „feministische Spiritualität“ (Jung/Kaffer 2014, S. 259) zu verweisen. Ab Mitte der 1970er Jahre und in der BRD dann im Kontext der zweiten Frauen*bewegung und besonders der autonomen Frauen*bewegungen ab den 1980er Jahren wurde die New-Age-Bewegung kontrovers diskutiert. New-Age-Ansätze gingen davon aus, dass sich „ein umfassender Wandel nur durch den Wandel des Individuums in seinem Denken und Bewusstsein vollziehen könnte und nicht durch die Erringung politischer Macht“ (ebd., S. 256). Das heißt, der Prozess bezieht sich auf „Bewusstseinserweiterung, Ganzheitlichkeit und Spiritualität“ (ebd.). Dieses Bemühen um Ganzheitlichkeit findet sich auch in Publikationen aus dieser Zeit, u.a. der von Spretnak (1984) über „Frauen und ganzheitliches Denken“. Im Kontext der zweiten Frauen*bewegung und dem Ringen um (gesellschaftliche) Veränderungen entstand im Zuge der sogenannten New-Age-Bewegung ein „Spannungsverhältnis zwischen Feminismus und Spiritualität“ (ebd., S. 254). „Einige Frauen versuchten den Ansatz des New Age weiterzuführen und eine eigene ‚feministische Spiritualität‘ zu entwickeln, andere sahen in diesem Versuch die Aufrechterhaltung der alten Dualität zwischen Männlichem und Weiblichem – und darin den Verrat an der Frauenbewegung“ (ebd., S. 268), da solche Ansätze sich z.B. nicht von Weiblichkeitszuschreibungen distanzierten bzw. diese zum Ausgangspunkt machten. Auch „die Frage, inwieweit Spiritualität Teil von politischem Widerstand sein kann oder sogar intrinsisch politisch sei“ (ebd, S. 254), wurde als zentrales Problem von den verschiedenen Gruppen benannt.
Trotz der unterschiedlichen Anliegen von erster und zweiter Frauen*bewegung finden sich in Bezug auf einen sogenannten spirituellen Feminismus wiederkehrende Kontroversen, die auch schon in der ersten Frauen*bewegung geführt wurden, etwa über die „Hervorhebung spezifisch weiblicher Eigenschaften, wie die einer bewahrenden Mütterlichkeit oder einer besänftigenden Friedfertigkeit“, oder aber über den Versuch, sich solcher Zuschreibungen zu entledigen (ebd., S. 269).
Im Rahmen der zweiten Frauen*bewegung waren Gleichheit und Differenz bezüglich Geschlecht Gegenstand von theoretischen und politischen Diskussionen. An dieser Stelle bestehen biografische Bezüge zu den Autor*innen des Analysematerials für diese Forschungsarbeit.
Es folgen der Versuch einer erziehungswissenschaftlichen Einordnung der Bezüge auf Gleichheit und Differenz aus den ersten beiden Frauen*bewegungen sowie ein theoretischer Ausblick und ein Übergang zur theoretischen Perspektive der Dekonstruktion von Geschlecht in dieser Arbeit.
Im Ansatz der Gleichheit wird Geschlecht dual gedacht, d.h. es wird von zwei Geschlechtern ausgegangen. Es geht um Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern, und Frau* wird als ungleich Mann* verstanden, es wird also von Ungleichheitsverhältnissen ausgegangen (vgl. Micus-Loos 2004, S. 113). Die Stärken dieses Ansatzes liegen begründet in den Forderungen der zweiten Frauen*bewegung in der Bundesrepublik Deutschland Mitte des 20....
Erscheint lt. Verlag | 19.6.2024 |
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Sprache | deutsch |
Themenwelt | Sozialwissenschaften ► Pädagogik |
ISBN-10 | 3-7799-8212-9 / 3779982129 |
ISBN-13 | 978-3-7799-8212-8 / 9783779982128 |
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