Musiktherapie in der geriatrischen Pflege (eBook)

Ein Praxisleitfaden
eBook Download: EPUB
2020 | 1. Auflage
170 Seiten
Ernst Reinhardt Verlag
978-3-497-61316-8 (ISBN)

Lese- und Medienproben

Musiktherapie in der geriatrischen Pflege -  Alexander Wormit,  Thomas Hillecke,  Dorothee von Moreau,  Carsten Diener
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Musik gibt Menschen die Möglichkeit, sich Gehör zu verschaffen, auch wenn sie sich verbal nicht mitteilen können oder Worte längst leere Hüllen sind. Musik hilft, aus der erlebten Isolation herauszufinden, sich am gemeinsamen Musizieren zu erfreuen oder in Einzeltherapie wohltuende Klänge zu genießen. Individuell gestaltet kann sie im geriatrischen Alltag jede Stimmung aufgreifen und in schwierigen Situationen helfen. Die kreative Arbeit ist dabei immer fachlich fundiert - mal leise-spielerisch im Hintergrund oder expressiv, um der jeweiligen Stimmung Ausdruck zu verleihen. Das Buch beschreibt Ziele und Methoden musiktherapeutischer Begleitung älterer Menschen. Es gibt zahlreiche Tipps zum Ablauf der Intervention, dem Einsatz von Instrumenten, der Musikauswahl und zum begleitenden Gespräch.

Prof. Dr. Alexander Wormit lehrt klinische Musiktherapie und leitet den Bachelorstudiengang Musiktherapie an der SRH Hochschule Heidelberg. Prof. Dr. Thomas Hillecke lehrt klinische Psychologie und leitet den Masterstudiengang Musiktherapie und den Masterstudiengang Tanz- und Bewegungstherapie an der SRH Hochschule Heidelberg. Prof. Dr. Dorothee von Moreau leitet die Lehrambulanz Musiktherapie sowie Tanz- und Bewegungstherapie der SRH Hochschule Heidelberg. Prof. Dr. Carsten Diener ist Prorektor für Forschung und Praxistransfer an der SRH Hochschule Heidelberg und leitet dort den Bachelorstudiengang Psychologie an der Fakultät für angewandte Psychologie.

Prof. Dr. Alexander Wormit lehrt klinische Musiktherapie und leitet den Bachelorstudiengang Musiktherapie an der SRH Hochschule Heidelberg. Prof. Dr. Thomas Hillecke lehrt klinische Psychologie und leitet den Masterstudiengang Musiktherapie und den Masterstudiengang Tanz- und Bewegungstherapie an der SRH Hochschule Heidelberg. Prof. Dr. Dorothee von Moreau leitet die Lehrambulanz Musiktherapie sowie Tanz- und Bewegungstherapie der SRH Hochschule Heidelberg. Prof. Dr. Carsten Diener ist Prorektor für Forschung und Praxistransfer an der SRH Hochschule Heidelberg und leitet dort den Bachelorstudiengang Psychologie an der Fakultät für angewandte Psychologie.

3Die Menschen im geriatrischen Setting

Von Dorothee von Moreau & Michael Keßler

Zum geriatrischen Setting in Alten- und Pflegeeinrichtungen, Seniorentageseinrichtungen, Fachkrankenhäusern oder Rehabilitationskliniken gehören Senioren mit ihren Erkrankungen und krankheitsbedingten Einschränkungen, Fachpersonal wie Fachpfleger, Fachtherapeuten, Sozialarbeiter der sozialen Betreuung, Seelsorger, Ärzte, aber auch die Angehörigen der Patienten, ehrenamtliche Helfer oder Alltagsbegleiter sowie Hauswirtschaftsfachkräfte. Einige dieser Personengruppen sollen im Folgenden mit ihren jeweiligen individuellen Belastungen und Bedürfnissen und den Möglichkeiten für disziplinübergreifende Zusammenarbeit näher beschrieben werden.

3.1Der Patient

Der Patient ist überwiegend 70 Jahre und älter. Wegen der höheren Lebenserwartung von Frauen ist der Anteil weiblicher Bewohner oft erheblich höher. Ab einem Mindestalter von 80 Jahren gelten Senioren bei einer auftretenden Erkrankung wegen des Risikos von Komplikationen und Folgeerkrankungen, der Gefahr der Chronifizierung der Erkrankung sowie des höheren Risikos eines Verlustes der Autonomie und des Selbsthilfestatus (Neubart et al., 2015) als besonders vulnerabel.

Stärker als das biologische Alter fällt jedoch nach der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie, der deutschen Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie und dem Bundesverband Geriatrie e. V. (BV Geriatrie), die geriatrietypische Multimorbidität ins Gewicht: Diese wird angenommen, sobald mindestens drei relevante Erkrankungen wie Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen, Schlaganfall, Pneumonie, Osteoporose, Knochenfrakturen, Vorhofflimmern, Parkinson, Delir, Demenz, Inkontinenz, Schlafstörungen oder bestimmte Tumorerkrankungen (Neubart, 2015) gleichzeitig bestehen.

Häufig nehmen die Betroffenen die Krankheitsfolgen als massivere Einschränkung der Lebensqualität wahr, als die eigentliche Erkrankung. Die International Classification of Impairments, Disabilities and Handicaps (ICIDH) beschreibt hier ein sog. Kaskadenmodell: Eine Krankheit (z. B. Hirntumor) bringt Schädigungen mit sich (z. B. Lähmung), die zu Störungen der Alltagsfähigkeiten (z. B. Unfähigkeit zu laufen) führen und schließlich eine Teilhabestörung (z. B. keine Möglichkeit zum Seniorennachmittag zu gehen) zur Folge haben. Neubart (2015) benennt die Störungen in der Mobilität und den Aktivitäten des täglichen Lebens, Störungen der Kommunikation sowie Probleme der Krankheitsverarbeitung als Fähigkeitsstörungen, die sich besonders einschränkend auf die Lebensqualität geriatrischer Patienten auswirken können. Die Bewahrung bzw. Steigerung der Lebensqualität ist aktuell ein wichtiges Kriterium für die Bewertung von Interventionseinsätzen in der Geriatrie, da viele chronische Erkrankungen im Alter noch nicht oder nicht mehr geheilt werden können (Dichter et al., 2011; Dröes et al., 2006).

In den folgenden Abschnitten werden die häufigsten alterstypischen Erkrankungen mit ihren Auswirkungen auf die Betroffenen näher beschrieben.

Abbildung 3.1: Im Alter hat der Erhalt der Lebensqualität eine wichtige Bedeutung.

3.1.1 Der Demenz-Erkrankte

Demenz (F00-F03) zeigt sich durch Störungen kortikaler Funktionen in den Bereichen Gedächtnis, Denken, Orientierung, Auffassung, Rechnen, Lernfähigkeit, Sprache und Urteilsvermögen. Kognitive Defizite können zudem die Emotionsregulation, das Sozialverhalten und die Motivation beeinträchtigen. Eine Demenz kann sowohl bei neurodegenerativen Krankheiten wie der Alzheimer-Erkrankung, bei zerebrovaskulären Störungen (vaskuläre Demenz), als auch bei anderen primären oder sekundären Erkrankungen des Gehirns auftreten. Auch Tumore, Hämatome oder andere raumgreifende Ereignisse können mit Demenzen einhergehen (DIMDI, 2018). Mischformen sind nicht selten. Je nach Demenzart gibt es unterschiedliche Verlaufsformen. Die Einteilung in Schweregrade hat sich daher über die verschiedenen Verlaufsformen als valide bewährt (Möller et al., 2015).

Verlaufsformen und Schweregrade

Leichte Demenz (Phase I der Alzheimer-Demenz): Sie ist gekennzeichnet durch leichte Gedächtnisverluste mit schwachem Erinnerungsvermögen für kurz zurückliegende Ereignisse, eingeschränkter Urteilsfähigkeit, eingeschränkter visuell-räumlicher Orientierung (besonders in fremder Umgebung) und Wortfindungsstörungen. Die Betroffenen können neue Informationen nicht mehr speichern, Dinge werden verlegt, der Weg zur Haltestelle wird nicht mehr so schnell gefunden, Alltagsaktivitäten werden vergessen oder vernachlässigt und nicht selten bringen sich die Betroffenen in Gefahr, wenn sie z. B. vergessen, den Herd auszuschalten. Viele Betroffene nehmen den Verlust ihrer Kompetenzen deutlich und schmerzlich wahr und versuchen, diese vor sich und/oder Angehörigen und Freunden zu verschleiern oder zu kompensieren. Gefühle von Angst oder Scham, Depressivität, Gleichgültigkeit oder Unruhe treten auf. Sozialer Rückzug ist häufig die Folge und geht mit dieser leichten Verlaufsform einher. Gleichzeitig wird ein Verlust über die Kontrolle von Affekten berichtet, weshalb Betroffene oft anders (aggressiv, mürrisch, abweisend, überschwänglich …) reagieren, wenn sie emotional berührt sind. Vom Umfeld, wie vom Betroffenen selbst, wird dies oft als befremdlich und irritierend wahrgenommen.

Mittelgradige Demenz (Phase II der Alzheimer-Demenz): Sie geht einher mit tiefgreifenden Störungen des Gedächtnisses: nicht nur kurz zurückliegende Ereignisse, auch frühere Erinnerungen gehen verloren, teilweise auch das Erkennen der Angehörigen oder der vertrauten Umgebung. Diese Desorientierung im Alltag und die Unfähigkeit, Handlungen zu planen und durchzuführen, macht eine Anleitung oder Begleitung in fast allen lebenspraktischen Bereichen notwendig. Die sprachliche Verständigung wird wegen Störungen im Sprachverständnis und dem sprachlichen Ausdruck (Wortverwechslungen, Silbenverdrehungen) zunehmend schwierig. Das Urteilsvermögen ist schwerer beeinträchtigt. Es gibt kein damals und heute, kein vorhin und jetzt. Der Betroffene ist gänzlich der momentanen Situation ausgeliefert. Der eigene Kontrollverlust wird nicht mehr wahrgenommen und deshalb auch nicht mehr verleugnet, vertuscht oder abgewehrt. Aufkommende Erinnerungen können nicht als zurückliegende Geschehnisse eingeordnet werden, sondern werden ungefiltert mit aller Intensität im Hier und Jetzt erlebt. Darüber hinaus sind Betroffene oft von Sinnestäuschungen verunsichert (das eigene Spiegelbild wird als fremde Person wahrgenommen); auch von Wahnerleben wird berichtet (wobei oft unklar bleibt, ob das Erleben wahnhaft verzerrt ist oder ob eine nicht klar zu benennende, biografische Erinnerung das momentane Erleben dominiert). Der Verlust an Autonomie, Kontrolle, Selbstbestimmung, Orientierung und Verständnis ist für die Betroffenen oft schwer erträglich und geht mit Angst und dem Gefühl von Isolation einher: Unruhiges Umherwandern, starke affektive Schwankungen, manchmal auch Aggressivität stellen Angehörige oder Pflegende vor große Herausforderungen: Ein gut gemeintes Umlenken des Affekts (sofern es den bestehenden Affekt nicht aufgreift und bestätigt) kann im Betroffenen das verwirrende Gefühl verstärken, nicht gemeint, verstanden oder gar hier falsch zu sein.

Die Symptome der Erkrankung können im häuslichen Umfeld oft nicht mehr kompensiert oder aufgefangen werden. Nicht selten führen sie zu emotionalen Überforderungen bei den Betroffenen und ihren Angehörigen. Darüber hinaus ist für die Angehörigen das Erlebnis verkannt bzw. nicht mehr erkannt zu werden, ein Schock, wird als Kränkung erlebt und kann nicht verstanden oder nachvollzogen werden. Der Verlust des Ichs entfremdet die Betroffenen zusätzlich von den Angehörigen (und umgekehrt). Angesichts des veränderten Erlebens der Betroffenen fällt die Alltagsverständigung schwer oder wird situativ unmöglich. Tagesbetreuung oder der Umzug in ein Pflegeheim wird unausweichlich.

Schwere Demenz (Phase III der Alzheimer-Demenz): Sie zeigt sich in schwersten Gedächtnisstörungen, v. a. auch im Verlust des prozeduralen Gedächtnisses. Einfachste Handlungsabläufe, wie sie im Laufe des Lebens automatisiert wurden (u. a. Essen und Körperpflege) verlieren sich, sodass auch grundlegende Funktionen nicht mehr beherrschbar sind: Es kann zu Gehstörungen, unsicherem Stehen, Schluckstörungen, Inkontinenz bis hin zur Bettlägerigkeit kommen. Einfachste Abläufe, wie das Trinken, werden verlernt, sodass der Betroffene hier auf Hilfe angewiesen ist, ohne deren Notwendigkeit verstehen zu können. Die Pflege kann hier zur großen Herausforderung werden, weil sie als Angriff oder Übergriff erscheint. Oft kommt es zum Verlust der eigenen Sprache als...

Erscheint lt. Verlag 9.3.2020
Verlagsort München
Sprache deutsch
Themenwelt Medizin / Pharmazie Medizinische Fachgebiete Psychiatrie / Psychotherapie
Medizin / Pharmazie Pflege
Naturwissenschaften Biologie
Schlagworte Altenpflege • Alter • Altern • Altersheim • Geriatrie • Gerontologie • Musik • musiktherapeutische Beziehung • Musiktherapie
ISBN-10 3-497-61316-9 / 3497613169
ISBN-13 978-3-497-61316-8 / 9783497613168
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