Die Praxis der zahnmedizinischen Prophylaxe (eBook)
304 Seiten
Georg Thieme Verlag KG
978-3-13-202157-0 (ISBN)
1 Lebensraum Mundhöhle
1.1 Einleitung
Der Mensch orientiert sich in der Umwelt mit seinen Sinnesorganen. Augen, Ohren und die Nase sind mit einem dichten Netzwerk von Sinnesrezeptoren bestückt. Wie Empfangsantennen nehmen sie Licht-, Geruchs- und Schallreize auf. Ausgedehnte Projektionsfelder in unserem Großhirn verarbeiten die Nervenimpulse dieser hoch spezialisierten Umweltfühler zu menschlichen Sinneseindrücken.
Die Mundhöhle gleicht mit ihren anatomischen Strukturen einem Sinnesorgan. Sie ist die Eintrittspforte zum Verdauungstrakt. Reizaufnahme und -verarbeitung ihrer Sinnesrezeptoren setzen komplexe, nachgeschaltete Regelkreise in Gang.
Die Zunge durchmustert wachsam aufgenommene Speisen. Parallel zur Analyse von Geruchseindrücken und visuellen Reizen erkennt sie aus der Mischung süßer, saurer, salziger und bitterer Geschmackswahrnehmungen die bekömmliche Nahrung und hilft, Ungenießbares zu verwerfen. Ihre Geschmacksknospen stimulieren den Speichelfluss. Sie lösen, noch bevor ein Speisebrocken verschluckt wird, die Magensaftsekretion aus. Der Tastsinn der Zunge leitet den Schluckreflex ein. Durch ihn öffnet sich der Nahrung das Körperinnere.
Die Zähne übernehmen während des Kauaktes die Aufgabe makroskopischer Druckaufnehmer. Sie leiten den Kaudruck an feinste Nervenendigungen im Zahnhalteapparat weiter. Die Meldung dieser Druckrezeptoren steuert feinfühlig die Bewegung der Kaumuskulatur. Der Kauakt selbst zerkleinert die Nahrung. Er vergrößert die Oberfläche der Speisen und erleichtert so ihre Verdauung. Der Volksmund sagt: „Gut gekaut ist halb verdaut.“
Mund, Zunge und mimische Muskulatur des Gesichts drücken mit ihrem Lachen, Weinen und Grübeln die Gefühlswelt des Menschen aus. Nicht zuletzt macht die dichte Verteilung sensibler Nervenendigungen in den Lippen und der Zungenspitze das Küssen erst schön! Die Mundhöhle umfasst ein komplexes Verbundsystem, in dem Zähne, Muskeln, Nerven, Speicheldrüsen und Kiefergelenke zu einem für den Menschen bedeutungsvollen Ganzen zusammengefasst sind. Es wird gelegentlich „stomatognathes System“ genannt.
Die Mundhöhle steht mit ihren Geweben in enger Verbindung zur menschlichen Umwelt. Vom Augenblick der Geburt an besiedelt eine immer größer werdende Vielfalt bakterieller Keime zunächst die Zunge und Schleimhäute des Neugeborenen und später das Gebiss. Die Mundhöhle ist im Verlauf der menschlichen Entwicklungsgeschichte den Mikroorganismen ein willkommener Lebensraum geworden. Ihre Besiedlung mit Bakterien aller Art ist ein normaler Zustand. Sie mag auf den ersten Blick gefährlich erscheinen, doch funktionsbereite Abwehrsysteme begrenzen die rasche Vermehrung der Mikroorganismen in der feuchtwarmen „Brutkammer“ der Mundhöhle und damit auch die Gefahr, an bakteriellen Infektionen zu erkranken:
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Speichel
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Sulkussekret
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Epithelbarriere der Schleimhäute
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der Mensch durch seine regelmäßige Zahnpflege
Finden die Mikroorganismen jedoch versteckte und vor der Mundhygiene geschützte, d.h. vom Patienten „unterputzte“ Gebissabschnitte (mikrobielle Schlupfwinkel) können sie sich dort ungestört vermehren. In diesen Stagnationsbereichen verändert sich das ausgewogene Gleichgewicht zwischen bakterieller Besiedlung und menschlichen Abwehrmechanismen.
Die Einfaltungen (Krypten) der Mandeln, der Zungenrücken, die Kauflächen und Zahnzwischenräume sowie der Übergang vom Zahn zum Zahnfleischsaum sind bevorzugte Schlupfwinkel, in denen sich Bakterien massenhaft vermehren. In einem Gramm feuchtem Zahnbelag befindet sich die kaum noch vorstellbare Zahl von 4–7 × 1010 Mikroorganismen.
Das Überhandnehmen von krankheitsauslösenden Mikroorganismen in einer zunächst noch mit der Gesundheit verträglichen, bakteriellen Mischflora führt so im Grenzflächenkontakt zu den Zellen der menschlichen Gingiva, bereits nach wenigen Tagen zu sichtbaren Entzündungssymptomen, nämlich: Schwellungen, Rötungen und Blutungen.
Merke
Der innige Kontakt zwischen „körpereigenen Zellen“ und „bakteriellen Zellen“ aus dem Lebensraum Plaque löst nach einigen Tagen entzündliche Gewebeveränderungen aus. Der bakterielle Reizfaktor Plaque führt zu einer körpereigenen Reizantwort!
Bakterielle Stoffwechselprodukte und Schadstoffe (Toxine) abgestorbener Mikroorganismen stimulieren körpereigene Abwehrreaktionen (Immunabwehr). Der menschliche Organismus wehrt sich mit einem Arsenal von Waffen gegen den bakteriellen Dauerreiz. Die Abwehrreaktionen sind begleitet von charakteristischen Entzündungssymptomen. Entzündliches Gewebe weist folgende Eigenschaften auf:
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geschwollen (tumor)
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gerötet (rubor)
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erhöhte Temperatur (calor)
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schmerzhaft (dolor)
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in seiner Funktion gestört (functio laesa)
Die überschießende, massenhafte Vermehrung von harmlosen (nicht pathogenen) wie auch krankheitsauslösenden (pathogenen) Bakterien lässt nicht nur die bekannten zahnmedizinischen Krankheitsbilder wie Gingivitis, Mukositis (Implantate), Parodontitis, Periimplantitis und Karies entstehen. Die bakterielle Mischflora der Mundhöhle enthält auch potenzielle Krankheitserreger, die für Allgemeinerkrankungen wie Gastritis (Heliobacter pylori), fiebrige Tonsillitis, Diphterie und durch Aspiration für Lungenwegsinfektionen verantwortlich gemacht werden.
Mikrobielle Lebensbedingungen in der Plaque, die sich zugunsten bakterieller Krankheitskeime verschieben, werden zum Problem, wenn – ausgelöst durch außergewöhnliche Nahrungs- bzw. Substratzufuhr – krankheitsauslösende Mikroorganismen die Gelegenheit (opportunitas, lat.: Gelegenheit, Chance) erhalten, sich überproportional zu vermehren. Überschreitet die Zahl pathogener Mikroorganismen eine kritische Schwelle (Grenzdosis), entwickeln einzelne Keime auf dem Boden der normalen Mundhöhlenflora eine „opportunistische Infektion“.
1.1.1 Schwellenwertregel
Bakterien sind nur so lange harmlose Mitbewohner der Mundhöhle, sog. residente Bakterien (residence, engl.: Heim, Wohnung), wie ihre massive Vermehrung und ihre Kontaktdauer an den Grenzflächen der oralen Gewebe von deren gestaffelter Abwehrfähigkeit unter einer krankheitsauslösenden Schwellendosis gehalten werden.
Normalerweise sorgen die Reibung der Zungen- und der Wangenmuskulatur, die ständige Erneuerung und Abstoßung der Schleimhautzellen sowie antibakteriell wirkende Abwehrsysteme im Sulkussekret und im Speichel (sekretorische Immunabwehr in der Mundhöhle) sowie das körpereigene Immunsystem dafür, dass die Bakterienflora nicht überhandnimmt.
Rund 130 makroskopische Risikobereiche begünstigen in einem vollbezahnten Gebiss die ungestörte Bakterienansiedlung. Sie werden zu ihrem Wohnort, an dem sie jedoch ungestört wachsen können. Ihr Habitat:
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28 Zahnzwischenräume
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64 bukkale und linguale Zahnfleischfurchen
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16 Kauflächenfissuren
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4–8 Foramina caeca der Frontzähne
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4–8 bukkale/palatinale Fissuren der Molaren
In diesen Risikobereichen muss der wissende Patient mit zielgerichteter Mundhygiene und einem gesundheitsgerechten Ernährungsverhalten seinen Einfluss geltend machen, um das Wachstum der residenten Mikroorganismen unter einem krankheitsauslösenden Schwellenwert zu halten. Gelingt das nicht, entwickeln sich in diesen „unterputzten“ Gebissabschnitten auf dem Boden der dort heimischen Mikroflora durch Verschiebung der Lebensbedingungen zugunsten von bakteriellen Krankheitskeimen opportunistische Infektionen.
1.2 Ökologische Plaquehypothese nach Marsh
In den 1920er-Jahren kreierte Prof. A. Kantorowicz (Bonn) den bis heute eingängigen Slogan: „Ein sauberer Zahn erkrankt nicht!“ Vergleichbar erinnerte in den 1970er-Jahren ein Stempel auf jedem Brief der Bundeszahnärztekammer an die regelmäßige Zahnpflege: „Dreimal täglich nach dem Essen Zähne putzen nicht vergessen!“
Beide Aussagen haben nichts von ihrer zahnmedizinischen Bedeutung verloren. Trotz gut gemeinter Ratschläge blieb es jedoch bis in die 1990er-Jahre bei der hohen Kariesanfälligkeit und Häufigkeit parodontaler Erkrankungen in der Bevölkerung.
Erst in unserer Zeit ist mit vertieften Erkenntnissen über die Zusammenhänge der mikrobiellen Entstehung von Karies und Parodontitis eine wirkungsvolle Prävention möglich geworden. Die ökologische Plaquehypothese nach Philip D. Marsh ( ▶ Abb. 1.1) steht im Mittelpunkt für eine neue ursächlich wirksame Prophylaxe! Sie ist heute die allgemein anerkannte Grundlage zur Erklärung und zum Verständnis der mikrobiellen Lebensgemeinschaften in ihren spezifischen Lebensräumen in der Mundhöhle. Ihre Strukturen und die mit ihr vergesellschaftete Mikroflora bilden ein zur Umwelt und zum Körperinneren offenes, orales...
Erscheint lt. Verlag | 8.8.2018 |
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Reihe/Serie | ZMK Praxis | ZMK Praxis |
Verlagsort | Stuttgart |
Sprache | deutsch |
Themenwelt | Medizin / Pharmazie ► Zahnmedizin |
Schlagworte | Dentalhygieniker • Implantatprohylaxe • Implantitis • Mundhygiene • Parodontaltherapie • Parodontitis • Präventivzahnmedizin • Prophylaxeassistent • Prophylaxehelfer • Prophylaxeprogramm • Zahngesundheit • zahnmedizinische Prophylaxe |
ISBN-10 | 3-13-202157-1 / 3132021571 |
ISBN-13 | 978-3-13-202157-0 / 9783132021570 |
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