Was ich von dir weiß (eBook)
288 Seiten
Gutkind Verlag
978-3-98941-011-4 (ISBN)
Éric Chacour, geboren in Montréal in Kanada als Sohn ägyptischer Einwanderer, studierte Wirtschaftswissenschaften und Internationale Beziehungen. Er arbeitet im Finanzwesen. Zehn Jahre schrieb Chacour an seinem Debüt, das mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde.
3
Kairo, 1974
Väter sind zum Verschwinden gemacht. Deiner starb nachts. In seinem Bett, wie Nasser, als jeder sich an den Gedanken gewöhnt hatte, dass er unsterblich war. Deine Mutter bemerkte es am Morgen nicht. Es war ungewöhnlich, dass sie vor ihm wach wurde. Sie glaubte, dass er neben ihr schlief, und wagte nicht, ihn zu stören. Er bot dem Tod die gleiche rigoros ausdruckslose Miene, mit der er sich dem Leben gestellt hatte, und nichts wies darauf hin, dass er letzteres für ersteren verlassen hatte. Sie schaute reflexartig auf ihre Uhr. Es war nach sechs. Sie wunderte sich, dass er nicht wie gewohnt um 5.20 Uhr aufgestanden war. Zuerst fürchtete sie, dass er ihr vorwerfen würde, ihn aufgeweckt zu haben. Vielleicht benötigte er einfach ein bisschen mehr Schlaf. Wer war sie schon, zu glauben, besser als ein Arzt zu wissen, was gut für ihn war? Sie wartete eine Weile. Als er immer noch nicht aufstand, sorgte sie sich, dass er sie im Gegenteil anklagen würde, ihn zu lange schlafen gelassen zu haben. Sie machte sich leise bemerkbar, was keinerlei Wirkung zeigte. Nunmehr sicher, dass er ihr etwas vorwerfen würde, was auch immer sie täte, beschloss sie, ihn wachzurütteln. Entgegen aller Erwartung blieben die Vorwürfe aus.
Du erfuhrst nicht sofort davon. Du hattest dich auf den Weg nach Mokattam gemacht. Auf deine Initiative hin wurde auf diesem Hügel am östlichen Rand von Kairo ein Gesundheitszentrum gebaut, und du hattest dir freigenommen, um den Fortschritt der Bauarbeiten zu überwachen. Kaum warst du aus deinem Auto gestiegen, als ein Junge auf dich zustürzte.
»Doktor Tarek! Doktor Tarek! Ihr Vater, Doktor Thomas, ist gestorben. Sie müssen sofort nach Hause!«
Du hättest an einen schlechten Scherz geglaubt, wenn er nicht deinen Namen und den deines Vaters genannt hätte. Du versuchtest, ihn auszufragen, aber er gab dir mit einem Schulterzucken zu verstehen, dass er nicht mehr wisse als das, was man ihn hatte übermitteln lassen. Bevor du dich auf den Weg machtest, gabst du ihm zum Dank ein paar Piaster. Beim Anblick der Münzen siegte ein breites Lächeln über die Ernsthaftigkeit, die er sich beim Überbringen der Nachricht auferlegt hatte. Du fuhrst zurück, eher schockiert als traurig, ohne das, was dir eben verkündet worden war, ganz zu begreifen. Du hattest es eilig, zu den Deinen zu kommen.
Du gingst durch die Praxis, in der dein Vater nicht mehr tätig sein würde, ins Haus, versuchtest nicht zu verstehen, was diese neue Realität mit sich brachte, und eiltest mehrere Stufen überspringend die Treppe zu deiner Mutter hinauf. Du fandest sie ihm Wohnzimmer, wo sie neben deiner Tante Lola saß. Die eine schien ihre neue Rolle als Witwe vor der anderen zu üben, die sichtlich aufgeregt war bei dem Gedanken, in vorderster Reihe an dieser Thronbesteigung teilzuhaben, sie versäumte es nicht, ihre Dankbarkeit durch ein paar demonstrative Schluchzer kundzutun. Du hattest beinahe das Gefühl, sie zu stören. Als deine Mutter dein Zögern auf der Schwelle bemerkte, winkte sie dich herein. Ihre Armreifen schlugen mit einem ungeduldigen Klirren aneinander. Als du vor ihr standst, erhob sie sich, nahm dich in die Arme und antwortete mit einem floskelhaften »Er hat nicht gelitten« auf die Frage, die du nicht gestellt hattest. Ihre Gesichtszüge und Haare waren auf respektable Weise gestrafft. Da sie einen guten Kopf kleiner war als du, krümmtest du dich, um sie in einer für dich unbequemen Haltung zu umarmen. Du verharrtest einen Augenblick lang in dieser Position, ohne recht zu wissen, wer von euch wen tröstete, dann löste sie sich und gebot dir, zu deiner Schwester zu gehen.
Als Nesrine dich in die Küche kommen sah, begann sie hemmungslos zu weinen, zum größten Leidwesen der Haushälterin. Fatheya versuchte seit Stunden, sie mit warmen Getränken, kräftigem Tätscheln und Bitten um göttlichen Beistand vor dem Zusammenbruch zu bewahren. Dein Erscheinen kam einem Windstoß gleich, der auf ein mühevoll errichtetes Kartenhaus traf. Sie warf dir einen bösen Blick zu, der aber sogleich sanfter wurde, als hätte sie einen Moment gebraucht, um zu begreifen, dass die Trauer auch deine war. Sie kam zu dir, sah dich an und sagte »Mein Schatz«. Sie, die dich auf tausend verschiedene Arten »Mein Schatz« zu nennen pflegte, hatte die gewählt, die auch »Sei stark« bedeutet. Sie gab dir mit einem Kopfnicken zu verstehen, dass sie viel zu tun habe, und ließ euch allein.
Mit ihrem von der Trauer gezeichneten Gesicht erschien dir deine Schwester jünger als ihre dreiundzwanzig Jahre. Sie erinnerte dich an die Jugendliche, die du nach Zamalek mitnahmst, um gesüßten Fetir zu essen und dir ihre Probleme anzuhören. Darunter war keines, das sich nicht in Honig auflösen ließe. Vielleicht würde genau das ihr in diesem Augenblick am meisten Trost spenden. Du würdest ihr nicht sagen, wo du mit ihr hinfährst, sie würde auch nicht versuchen, es zu erraten, da es vor allem darum ginge, diesem Haus mit seinen kummergetränkten Wänden zu entkommen. Sie würde lächeln, sobald sie das Café wiedererkennen würde, und eure Gedanken wären im Einklang. Es würde keiner Worte bedürfen, sie würde nur zusehen, wie der Bäcker mit wirbelnden Händen über dem Marmortresen seinen Teig lang zöge, wobei seine fachkundigen Gesten von den Spiegeln hinter ihm vervielfacht würden. Es wäre nur eine kurze Eskapade inmitten eurer Trauer.
Du schlugst dir die Idee rasch aus dem Kopf. Du konntest dir nicht vorstellen, deiner Mutter zu verkünden, dass ihr unter den gegebenen Umständen einen Ausflug in die Stadt machen würdet. Man ist immer nur das, was die Gesellschaft von einem erwartet, und in genau diesem Augenblick erwartete die Gesellschaft von euch Gesichter, die Respekt und Mitgefühl hervorriefen. Sicher nicht Gebäckkrümel, die man sich wie ein gieriges Kind geschwind aus den Mundwinkeln leckt.
Mit der ganzen Last deiner fünfundzwanzig Jahre ließest du dich auf den Stuhl neben deine Schwester fallen. Er strahlte noch Fatheyas Wärme aus.
»Geht es dir gut?«
Als Antwort zeigte sie dir die Kajalspuren auf ihren Wangen. Wie konnte es ihr gut gehen? Sie lächelte. Das war alles, was zählte.
Du würdest die Stille vor dem angekündigten Sturm genießen. Es sollte nicht lange dauern, bis die Nachricht über den Todesfall scharenweise Menschen herbeiwehen würde wie der Chamsin den Wüstensand. Du hattest die levantinische Gemeinschaft von Kairo nicht in ihrer Blütezeit erlebt, aber sie blieb eine Stadt in der Stadt. Da du wusstest, dass sie in freudigen wie tragischen Momenten zusammenhielt, nahmst du an, dass der Tod eines ihrer verehrten Ärzte gewisse Emotionen hervorrufen würde. Diese levantinischen Ägypter, die Shawams, stellten tatsächlich den wesentlichen Teil der Klientel deines Vaters und eures sozialen Umfelds dar. Sie waren Christen verschiedener östlicher Traditionen und stammten aus dem Libanon, Syrien, Jordanien oder Palästina. Auch wenn sie schon seit Generationen am Ufer des Nils lebten, sprachen manche von ihnen besser Französisch als Arabisch, letzteres nur, wenn es notwendig war. Sie wurden im Übrigen als Fremde betrachtet, im besten Fall als »Ägyptisierte«, wogegen sie sich nicht wirklich zu verteidigen suchten.
Du wuchst in dieser bürgerlichen und verwestlichten Welt auf, einer Art Blase, die immer stärker aus der Zeit fiel. Sie war das Erbe eines kosmopolitischen Ägyptens, das einer Zukunft entgegensah, in der verschiedene Bevölkerungsgruppen ferner Abstammung zusammenlebten. Die Levantiner erkannten sich in der europäischen Bildung der Griechen, Italiener oder Franzosen wieder. Wie den Armeniern war ihnen der Eisengeschmack des Blutes, das dem Exil vorausgeht, vertraut. Diese Dinge bringen einander näher.
Die Familie deines Vaters gehörte zu denen, die 1860 vor den Massakern aus Damaskus geflohen waren. Daran erinnerten nur sein Vorname, eine Hommage an das christliche Viertel am Thomastor, in dem seine Vorfahren gelebt hatten, und ein paar Schmuckstücke, gerettet aus dem Geschäft, das sie dort geführt hatten, darunter die Taschenuhr, die er immer bei sich trug. Sicher in der Hoffnung, dass ihr sie eines Tages an eure Kinder weitertragen würdet, erzählte er deiner Schwester und dir Geschichten aus einer anderen Zeit. Sie berichteten von denen, die vor euch gelebt hatten, in mehreren Wellen gekommen waren und beigetragen hatten zur intellektuellen Wiedergeburt des Landes, das sie aufnahm, aber auch von der britischen Herrschaft, mit der sie sich gut arrangierten, und den prestigeträchtigen Posten, die sie in der Verwaltung, im Handel, in der Industrie und Kultur besetzten. Aus seinen Worten war Stolz herauszuhören, gemischt mit Dankbarkeit gegenüber diesem Volk, das sie mit offenen Armen empfangen hatte.
Es fiel ihm jedoch immer schwerer, die melancholischen Zwischentöne zu unterdrücken. Er wusste genau, dass seitdem viel Wasser den Nil heruntergeflossen und ein anderes Ägypten erwacht war. Ein Ägypten, das die Rückeroberung seiner arabischen und muslimischen Identität anstrebte, angeheizt durch Nassers Patriotismus und seine Träume von wiedergefundener Größe. Ein Ägypten, das entschlossen war, sich seine Elite nicht nehmen zu lassen. Suez, die Verstaatlichungen, die Beschlagnahmungen und der Weggang vieler hatten die Shawams, die sich als Bindeglied zwischen Orient und Okzident sahen, heftig aufgerüttelt.
Du konntest dich an die Zeit erinnern, als nicht ein Tag verging, ohne dass ein Freund euch seinen Weggang nach Frankreich, in den Libanon, in die Vereinigten Staaten, nach Australien oder Kanada verkündete. Ohne weitere...
Erscheint lt. Verlag | 27.2.2025 |
---|---|
Übersetzer | Sina de Malafosse |
Sprache | deutsch |
Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
ISBN-10 | 3-98941-011-3 / 3989410113 |
ISBN-13 | 978-3-98941-011-4 / 9783989410114 |
Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
Haben Sie eine Frage zum Produkt? |

Größe: 887 KB
DRM: Digitales Wasserzeichen
Dieses eBook enthält ein digitales Wasserzeichen und ist damit für Sie personalisiert. Bei einer missbräuchlichen Weitergabe des eBooks an Dritte ist eine Rückverfolgung an die Quelle möglich.
Dateiformat: EPUB (Electronic Publication)
EPUB ist ein offener Standard für eBooks und eignet sich besonders zur Darstellung von Belletristik und Sachbüchern. Der Fließtext wird dynamisch an die Display- und Schriftgröße angepasst. Auch für mobile Lesegeräte ist EPUB daher gut geeignet.
Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen dafür die kostenlose Software Adobe Digital Editions.
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen dafür eine kostenlose App.
Geräteliste und zusätzliche Hinweise
Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.
aus dem Bereich