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Was ich von dir weiß -  Éric Chacour

Was ich von dir weiß (eBook)

Roman | Der große Besteseller und Lieblingsbuch der französischen Buchhändler - eine unvergessliche Liebesgeschichte
eBook Download: EPUB
2025 | 1. Auflage
288 Seiten
Gutkind Verlag
978-3-98941-011-4 (ISBN)
Systemvoraussetzungen
19,99 inkl. MwSt
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»Call me by your name« meets »Der Alchemist« Im flirrenden Kairo der 1980er-Jahre scheint der Weg eines jungen Arztes vorgezeichnet. Unter den strengen Blicken der Familie führt Tarek die prestigeträchtige Praxis seines verstorbenen Vaters weiter. Als er eine Ambulanz in einem Armenviertel eröffnet, fühlt es sich wie ein Befreiungsschlag an. Dort begegnet er Ali, einem jungen Mann aus dem Quartier. Ihre Freundschaft ist so überraschend wie kompromisslos. Wie kann jemand, der so wenig besitzt, ihm, der alles zu haben scheint, so viel geben? Ein Wind der Freiheit wird Tareks Gewissheiten aufwühlen und sein Leben umwerfen. In seinem vielfach ausgezeichneten Roman erzählt Éric Chacour berührend und tiefgründig von einer zerrissenen Gesellschaft, den Geheimnissen einer Familie und einem Mann auf der Suche nach seiner Wahrheit. Schon jetzt ein moderner Klassiker. »Ein aufregendes, meisterhaftes Debüt.« L'Express »Umwerfend und tiefgründig - eine Geschichte voller Anmut und durchdrungen von Licht.« France Info »Dieser umwerfende Roman begeistert Buchhändler wie Schüler gleichermaßen.« V 5 Monde »Ein Roman über Liebe und Verlust, der dich verschlingt und beeindruckt.« Daily Mail »Eine herausragende Entdeckung, meisterhaft erzählt, jetzt schon ein moderner Klassiker.« Le Figrao

Éric Chacour, geboren in Montréal in Kanada als Sohn ägyptischer Einwanderer, studierte Wirtschaftswissenschaften und Internationale Beziehungen. Er arbeitet im Finanzwesen. Zehn Jahre schrieb Chacour an seinem Debüt, das mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde. 

3

Kairo, 1974

Väter sind zum Verschwinden gemacht. Deiner starb nachts. In seinem Bett, wie Nasser, als jeder sich an den Gedanken gewöhnt hatte, dass er unsterblich war. Deine Mutter bemerkte es am Morgen nicht. Es war ungewöhnlich, dass sie vor ihm wach wurde. Sie glaubte, dass er neben ihr schlief, und wagte nicht, ihn zu stören. Er bot dem Tod die gleiche rigoros ausdruckslose Miene, mit der er sich dem Leben gestellt hatte, und nichts wies darauf hin, dass er letzteres für ersteren verlassen hatte. Sie schaute reflexartig auf ihre Uhr. Es war nach sechs. Sie wunderte sich, dass er nicht wie gewohnt um 5.20 Uhr aufgestanden war. Zuerst fürchtete sie, dass er ihr vorwerfen würde, ihn aufgeweckt zu haben. Vielleicht benötigte er einfach ein bisschen mehr Schlaf. Wer war sie schon, zu glauben, besser als ein Arzt zu wissen, was gut für ihn war? Sie wartete eine Weile. Als er immer noch nicht aufstand, sorgte sie sich, dass er sie im Gegenteil an­klagen würde, ihn zu lange schlafen gelassen zu haben. Sie machte sich leise bemerkbar, was keinerlei Wirkung zeigte. Nunmehr sicher, dass er ihr etwas vorwerfen würde, was auch immer sie täte, beschloss sie, ihn wach­zurütteln. Entgegen aller Erwartung blieben die Vorwürfe aus.

Du erfuhrst nicht sofort davon. Du hattest dich auf den Weg nach Mokattam gemacht. Auf deine Initiative hin wurde auf diesem Hügel am östlichen Rand von Kairo ein Gesundheitszentrum gebaut, und du hattest dir freigenommen, um den Fortschritt der Bauarbeiten zu überwachen. Kaum warst du aus deinem Auto gestiegen, als ein Junge auf dich zustürzte.

»Doktor Tarek! Doktor Tarek! Ihr Vater, Doktor ­Thomas, ist gestorben. Sie müssen sofort nach Hause!«

Du hättest an einen schlechten Scherz geglaubt, wenn er nicht deinen Namen und den deines Vaters genannt hätte. Du versuchtest, ihn auszufragen, aber er gab dir mit einem Schulterzucken zu verstehen, dass er nicht mehr wisse als das, was man ihn hatte übermitteln lassen. Bevor du dich auf den Weg machtest, gabst du ihm zum Dank ein paar Piaster. Beim Anblick der Münzen siegte ein breites Lächeln über die Ernsthaftigkeit, die er sich beim Überbringen der Nachricht auferlegt hatte. Du fuhrst zurück, eher schockiert als traurig, ohne das, was dir eben verkündet worden war, ganz zu begreifen. Du hattest es eilig, zu den Deinen zu kommen.

Du gingst durch die Praxis, in der dein Vater nicht mehr tätig sein würde, ins Haus, versuchtest nicht zu verstehen, was diese neue Realität mit sich brachte, und eiltest mehrere Stufen überspringend die Treppe zu deiner Mutter hinauf. Du fandest sie ihm Wohnzimmer, wo sie neben deiner Tante Lola saß. Die eine schien ihre neue Rolle als Witwe vor der anderen zu üben, die sichtlich aufgeregt war bei dem Gedanken, in vorderster Reihe an dieser Thronbesteigung teilzuhaben, sie versäumte es nicht, ihre Dankbarkeit durch ein paar demonstrative Schluchzer kundzutun. Du hattest beinahe das Gefühl, sie zu stören. Als deine Mutter dein ­Zögern auf der Schwelle bemerkte, winkte sie dich herein. Ihre Armreifen schlugen mit einem ungeduldigen Klirren aneinander. Als du vor ihr standst, erhob sie sich, nahm dich in die Arme und antwortete mit einem floskelhaften »Er hat nicht gelitten« auf die Frage, die du nicht gestellt hattest. Ihre Gesichtszüge und Haare waren auf respektable Weise gestrafft. Da sie einen guten Kopf kleiner war als du, krümmtest du dich, um sie in einer für dich unbequemen Haltung zu umarmen. Du verharrtest einen Augenblick lang in dieser Position, ohne recht zu wissen, wer von euch wen tröstete, dann löste sie sich und gebot dir, zu deiner Schwester zu gehen.

Als Nesrine dich in die Küche kommen sah, begann sie hemmungslos zu weinen, zum größten Leidwesen der Haushälterin. Fatheya versuchte seit Stunden, sie mit warmen Getränken, kräftigem Tätscheln und Bitten um göttlichen Beistand vor dem Zusammenbruch zu bewahren. Dein Erscheinen kam einem Windstoß gleich, der auf ein mühevoll errichtetes Kartenhaus traf. Sie warf dir einen bösen Blick zu, der aber sogleich sanfter wurde, als hätte sie einen Moment gebraucht, um zu begreifen, dass die Trauer auch deine war. Sie kam zu dir, sah dich an und sagte »Mein Schatz«. Sie, die dich auf tausend verschiedene Arten »Mein Schatz« zu nennen pflegte, hatte die gewählt, die auch »Sei stark« bedeutet. Sie gab dir mit einem Kopfnicken zu verstehen, dass sie viel zu tun habe, und ließ euch allein.

Mit ihrem von der Trauer gezeichneten Gesicht erschien dir deine Schwester jünger als ihre dreiundzwanzig Jahre. Sie erinnerte dich an die Jugendliche, die du nach Zamalek mitnahmst, um gesüßten Fetir zu essen und dir ihre Probleme anzuhören. Darunter war keines, das sich nicht in Honig auflösen ließe. Vielleicht würde genau das ihr in diesem Augenblick am meisten Trost spenden. Du würdest ihr nicht sagen, wo du mit ihr hinfährst, sie würde auch nicht versuchen, es zu erraten, da es vor allem darum ginge, diesem Haus mit seinen kummergetränkten Wänden zu entkommen. Sie würde lächeln, sobald sie das Café wiedererkennen würde, und eure Gedanken wären im Einklang. Es würde keiner Worte bedürfen, sie würde nur zusehen, wie der Bäcker mit wirbelnden Händen über dem Marmortresen seinen Teig lang zöge, wobei seine fachkundigen Gesten von den Spiegeln hinter ihm vervielfacht würden. Es wäre nur eine kurze Eskapade inmitten eurer Trauer.

Du schlugst dir die Idee rasch aus dem Kopf. Du konntest dir nicht vorstellen, deiner Mutter zu verkünden, dass ihr unter den gegebenen Umständen einen Ausflug in die Stadt machen würdet. Man ist immer nur das, was die Gesellschaft von einem erwartet, und in genau diesem Augenblick erwartete die Gesellschaft von euch Gesichter, die Respekt und Mitgefühl hervorriefen. Sicher nicht Gebäckkrümel, die man sich wie ein gieriges Kind geschwind aus den Mundwinkeln leckt.

Mit der ganzen Last deiner fünfundzwanzig Jahre ließest du dich auf den Stuhl neben deine Schwester fallen. Er strahlte noch Fatheyas Wärme aus.

»Geht es dir gut?«

Als Antwort zeigte sie dir die Kajalspuren auf ihren Wangen. Wie konnte es ihr gut gehen? Sie lächelte. Das war alles, was zählte.

Du würdest die Stille vor dem angekündigten Sturm genießen. Es sollte nicht lange dauern, bis die Nachricht über den Todesfall scharenweise Menschen herbeiwehen würde wie der Chamsin den Wüstensand. Du hattest die levan­tinische Gemeinschaft von Kairo nicht in ihrer Blütezeit erlebt, aber sie blieb eine Stadt in der Stadt. Da du wusstest, dass sie in freudigen wie tragischen Momenten zusammenhielt, nahmst du an, dass der Tod eines ihrer verehrten Ärzte gewisse Emotionen hervorrufen würde. Diese levantinischen Ägypter, die Shawams, stellten tatsächlich den wesentlichen Teil der Klientel deines Vaters und eures sozialen Umfelds dar. Sie waren Christen verschiedener östlicher Traditionen und stammten aus dem Libanon, Syrien, Jordanien oder Palästina. Auch wenn sie schon seit Generationen am Ufer des Nils lebten, sprachen manche von ihnen besser Französisch als Arabisch, letzteres nur, wenn es notwendig war. Sie wurden im Übrigen als Fremde betrachtet, im besten Fall als »Ägyptisierte«, wogegen sie sich nicht wirklich zu verteidigen suchten.

Du wuchst in dieser bürgerlichen und verwestlichten Welt auf, einer Art Blase, die immer stärker aus der Zeit fiel. Sie war das Erbe eines kosmopolitischen Ägyptens, das einer Zukunft entgegensah, in der verschiedene Bevölkerungsgruppen ferner Abstammung zusammenlebten. Die Levantiner erkannten sich in der europäischen Bildung der Griechen, Italiener oder Franzosen wieder. Wie den Armeniern war ihnen der Eisengeschmack des Blutes, das dem Exil vorausgeht, vertraut. Diese Dinge bringen einander näher.

Die Familie deines Vaters gehörte zu denen, die 1860 vor den Massakern aus Damaskus geflohen waren. Daran erinnerten nur sein Vorname, eine Hommage an das christliche Viertel am Thomastor, in dem seine Vorfahren gelebt hatten, und ein paar Schmuckstücke, gerettet aus dem Geschäft, das sie dort geführt hatten, darunter die Taschenuhr, die er immer bei sich trug. Sicher in der Hoffnung, dass ihr sie eines Tages an eure Kinder weitertragen würdet, erzählte er deiner Schwester und dir Geschichten aus einer anderen Zeit. Sie berichteten von denen, die vor euch gelebt hatten, in mehreren Wellen gekommen waren und ­beigetragen hatten zur intellektuellen Wiedergeburt des ­Landes, das sie aufnahm, aber auch von der britischen Herrschaft, mit der sie sich gut arrangierten, und den prestigeträchtigen Posten, die sie in der Verwaltung, im Handel, in der Industrie und Kultur besetzten. Aus seinen Worten war Stolz herauszuhören, gemischt mit Dankbarkeit gegenüber diesem Volk, das sie mit offenen Armen empfangen hatte.

Es fiel ihm jedoch immer schwerer, die melancholischen Zwischentöne zu unterdrücken. Er wusste genau, dass seitdem viel Wasser den Nil heruntergeflossen und ein anderes Ägypten erwacht war. Ein Ägypten, das die Rückeroberung seiner arabischen und muslimischen Identität anstrebte, angeheizt durch Nassers Patriotismus und seine Träume von wiedergefundener Größe. Ein Ägypten, das entschlossen war, sich seine Elite nicht nehmen zu lassen. Suez, die Verstaatlichungen, die Beschlagnahmungen und der Weggang vieler hatten die Shawams, die sich als Bindeglied zwischen Orient und Okzident sahen, heftig aufgerüttelt.

Du konntest dich an die Zeit erinnern, als nicht ein Tag verging, ohne dass ein Freund euch seinen Weggang nach Frankreich, in den Libanon, in die Vereinigten Staaten, nach Australien oder Kanada verkündete. Ohne weitere...

Erscheint lt. Verlag 27.2.2025
Übersetzer Sina de Malafosse
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Romane / Erzählungen
ISBN-10 3-98941-011-3 / 3989410113
ISBN-13 978-3-98941-011-4 / 9783989410114
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