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Fischtage (eBook)

Roman | »So viel Wut und Zartheit in einem Roman, der von der ersten Seite an berührt und einen bis zum Ende nicht loslässt.« Jan Weiler
eBook Download: EPUB
2025 | 1. Auflage
384 Seiten
Ullstein (Verlag)
978-3-8437-3609-1 (ISBN)
Systemvoraussetzungen
18,99 inkl. MwSt
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Wenn du niemandem mehr vertraust, kannst du auch einem sprechenden Fisch folgen Die sechzehnjährige Ella lebt in Dortmund und hat beschlossen, keine Freundschaften mehr zu führen. Zu groß ist die Angst, dass sie andere Menschen durch ihre Wutanfälle vergrault. Die Ehe ihrer Eltern ist am Boden, und auch zu ihren zwei Geschwistern findet Ella keinen Zugang. Ihr einziger Vertrauter war stets der alte Eckard, ein Nachbar der Familie, der Ella kurz vor seinem Tod einen singenden Plastikfisch vermacht. Als ihr jüngerer Bruder Luis verschwindet, macht sich Ella mit dem Fisch auf die Suche und begibt sich in große Gefahr - ausgestattet mit einer Aldi-Tüte, zu viel Mut und zu wenig Angst. »So viel Wut und Zartheit in einem Roman, der von der ersten Seite an berührt und einen bis zum Ende nicht loslässt.« Jan Weiler  »Charlotte Brandi macht die deutsche Literatur endlich wieder bockig.«  Ilona Hartmann »Dass Charlottes Talent, sich in den unterschiedlichsten Lebenswelten zu bewegen, endlich zu einem Roman geworden ist, ist eine glückliche Fügung für uns alle.« Danger Dan

Charlotte Brandi wurde 1985 in Herdecke geboren und wuchs in Dortmund auf. Ihre Eltern sind der Schauspieler und Musiker Peter Freiberg und die Musikerin Klara Brandi. Charlotte Brandi arbeitete zunächst vor allem als Theatermusikerin und wurde der breiten Öffentlichkeit als Teil des Duos Me & my Drummer bekannt, das sich 2018 auflöste. Seitdem macht sie mit ihren Soloplatten Furore und ist Teil der Supergroup Die Benjamins, zu der neben Annette Benjamin auch Drangsal gehört. 

Charlotte Brandi wurde 1985 in Herdecke geboren und wuchs in Dortmund auf. Ihre Eltern sind der Schauspieler und Musiker Peter Freiberg und die Musikerin Klara Brandi. Charlotte Brandi arbeitete zunächst vor allem als Theatermusikerin und wurde der breiten Öffentlichkeit als Teil des Duos Me & my Drummer bekannt, das sich 2018 auflöste. Seitdem macht sie mit ihren Soloplatten Furore und ist Teil der Supergroup Die Benjamins, zu der neben Annette Benjamin auch Drangsal gehört. 

Wut


Die Tobsuchtsanfälle kamen das erste Mal mit dreizehn. Die anderen aus meiner Klasse sind in die Pubertät gekommen, bei mir hat jemand stattdessen bloß eine Schraube gelockert.

Ich meine zu beobachten, dass andere Leute in Sachen Wut, Zorn, Aggression ein paar Graustufen haben – ich nicht. Bei mir wird sofort eine Art Rattenfalle in meinem Innern gespannt. Starrer Blick, und alles wird Bedrohung. Dann werde ich zum Handschuh von etwas krass Starkem, Heißem, was in mich reinfährt und dem kurz danach der Deckel abgesprengt wird.

Mit dreizehn hat Mama mich noch jedes Mal festgehalten, mit vierzehn hat sie versucht, mit mir darüber zu reden, mit fünfzehn hat sie mich aufgegeben.

Früher, wenn ich vor lauter Wut keine Luft mehr gekriegt habe, bin ich immer gerannt. Das klingt jetzt bescheuert, aber so war’s. Durch das Rennen ist die ganze giftige Wut in meinem Blut nach und nach verdampft. So zumindest hab ich mir das immer vorgestellt. Weil, wenn ich die Wut kriege, also die große, grobe Wut, die alles versengt, dann verwandelt sich das Blut in meinen Adern in Benzin. In einen explosiven Antriebsstoff, auf dem ich früher einfach wegfliegen konnte.

Rennen ist das Beste. Der Körper schreit: »Fick dich, Schwerkraft!« Die Welt um einen herum wird von einem großen, nassen Pinsel verwischt, alle harten Konturen werden weich. Man saust grundlos in dieser Pastellkulisse immer nur in die einzig logische Richtung: vorwärts.

Irgendwann fällt es der Schwerkraft aber doch jedes Mal auf, und die dann so: »Äh, Moment mal, Freundchen, ich bin immer noch der Boss«, und dann, ganz plötzlich, als hätte jemand einen Schalter umgelegt, hatte ich anstelle von Benzin nassen Sand in den Hosenbeinen und außerdem lauter Heftzwecken in der Lunge. Abrupt stehen bleiben ging aber auch nicht, sonst wär ich umgefallen.

Wenn ich also spürte, dass meine Lunge sich wund gekeucht hatte und meine Beine nur noch wabblige Gummistengel waren, wurde ich allmählich langsamer, bis ich bei einem seltsam wackligen Stechschritt ankam. Ein bisschen so, als hätte ich es zwar im Prinzip eilig, wäre aber leider grade frisch aus einer Narkose aufgewacht. Das weiß ich, weil ich mich einmal zufällig beim Runterfahren von einem Wut-Sprint in einem kaputten Spiegel gesehen hab, der traurig an einer Hauswand stand. Ich sah mega behämmert aus und musste lachen. So ein Mann mit grauem Rauchergesicht und Borussiaschal hat mich im Vorbeigehen angeguckt, als wär jemand wie ich einfach alles, was in dieser Welt schiefläuft. Weil ich öffentlich gelacht habe. War mir am Ende egal, wie immer. Lieber mach ich mich zum Kasper, als das aus mir rauszulassen, was wirklich in mir ist, wenn ein Wutanfall kommt, nämlich Menschen Ziegelsteine ins Gesicht zu werfen, zu treten, zu beißen – fill in the blank. Dass ich all das mache, verhindere ich an jedem einzelnen Tag.

Nur die Art, wie ich das verhindere, die hat sich notgedrungen geändert.

Letztes Jahr hab ich mir das Bein zerlegt, und seitdem ist es aus mit dem Gerenne. Sind nachts in den Westfalenpark eingebrochen und besoffen auf einem Spielplatz Karussell gefahren, da hat’s mich aus der Kurve gehauen, und zack, mehrfacher Beinbruch. Als mir dann auffiel, dass ich meinen besten Regulationsmove nicht mehr bringen kann, nachdem ich bei der Unfallchirurgin mehrfach nachgefragt hatte, wie das denn ab jetzt mit dem Rennen aussehe, und die nur mit den Achseln zuckte und meinte: »Ja, Scheiße weil: geht nich mehr«, bin ich zu Hause mal kurz zusammengebrochen. Und meine reizenden Eltern meinten dazu nur: »Ja nun, shit happens, so ist das Leben, Ella …« und diese ganze Phrasenscheiße.

Dass ich nicht mehr rennen kann, ist echt fatal, weil ich jetzt stattdessen immer irgendwelche Leute anschreie. Völlig egal, wen, Voraussetzung ist nur: Die Person steht direkt vor mir.

Obwohl, manchmal rufe ich auch Leute aus meinen Kontakten an und schreie dann ins Handy. Immer unter so einem Vorwand wie »Heyyy, ich wollte nur mal hören, wie’s dir so geeeeht«, so viel kann ich mir durch den Wutschleier grade noch abmelken. Eiskalte Falle, geb ich zu.

Weil Leute in meinem Alter schwer darauf zucken, über sich selbst zu reden, nölen die dann sofort rum über irgendeine Klassenarbeit oder einen Ex-Freund, der sie ghostet, oder sonst irgendeinen Pimmelkram. Ich schaff’s, ein paar Minuten zuzuhören, bis mein Bauch so heiße Wellen nach oben in mein Hirn schickt und dann anschließend grobe Sätze wie Bauklötze auf meine Zunge legt, Sätze wie »Was musst du auch mit so einer Arschgeige Sex haben, noch dazu wenn er ’ne Freundin hat, du dummes Stück SCHEISSE!«. Anschließend lege ich auf.

Auf diese Weise habe ich alle meine Freundinnen verloren.

Aber es hilft nichts, die Wut will schließlich irgendwohin, und das mit dem Rennen ist nicht mehr, also wird früher oder später geschrien. Bitte nicht falsch verstehen, ich finde Leute anschreien nicht geil oder so. Ich hasse mich richtig dafür. Also nicht in dem Moment, wo ich schreie, weil, da bin ich ja beschäftigt. Entweder man zweifelt an sich, oder man zerlegt eine andere Person, beides auf einmal geht halt nicht.

Ich hab das mal aus Spaß mit meinem Wecker gestoppt: Das Schuldgefühl kommt bei mir ziemlich genau einundzwanzig Minuten nach dem Schreien. Dann fühle ich mich von jetzt auf gleich wie etwas, das sich nette Leute angewidert von der Schuhsohle kratzen. Ich sehe auf einmal wieder klar und habe so was wie Mitleid mit meinem Opfer. Einer hohen Trefferquote nach gehört das nämlich zu meiner Familie und ist deshalb quasi gezwungen, mir wieder zu verzeihen.

Und trotzdem kann ich um nichts in der Welt verhindern, dass ich regelmäßig auf irgendwem explodiere.

Ich konnte, als es noch ging, natürlich nicht immer und überall einfach loslaufen, wenn mich die Wut gepackt hatte, klar. In der Schule zum Beispiel. Wenn ich da jedes einzelne Mal losgerannt wäre, wenn ich mich über irgendwas aufgeregt habe, wäre in der Summe aller restlichen Minuten keine ganze Schulstunde mehr zusammengekommen. Ich mache also immer so schnelle Trippelschritte unterm Tisch, wenn eine Wutwelle angerauscht kommt, und simuliere meinem kochenden Gehirn das Rennen wenigstens. Danach kleben mir oft paar nasse Kaugummis am Knie.

Mein Klassenlehrer Herr Hornbeck rief schon vor Jahren (ich glaube, da war ich noch in der Sechsten) meine Eltern zu sich und meinte etwas unsicher, er wär zwar kein Arzt, aber nach allem, was er darüber wüsste, hätte ihre Tochter Ella aller Wahrscheinlichkeit nach das »Restless-Legs-Syndrom«.

Meine Eltern bedankten sich für die Einschätzung und versicherten Herrn Hornbeck, dass sie mal mit mir zu einem Arzt gehen würden, was sie schon im Auto auf dem Weg nach Hause wieder vergaßen.

Als ich dann aber letztes Jahr meinen kleinen Bruder einmal vollkommen aus dem Nichts mit den Worten »Du widerwärtiges STÜCK, ich wünschte, du wärst TOT« angebrüllt habe, wurde es meinen Eltern doch zu bunt. Sie erinnerten sich auf einmal wieder an das, was mein Lehrer ihnen damals geraten hatte, und dachten sich, dass man so ein »Restless-Legs-Syndrom« und eine Aggressionsstörung eventuell in einem Aufwasch loswerden könnte. Kurzum, sie steckten mich in Therapie.

Ich sag’s noch mal: Ich bin sechzehn und schon in Therapie.

Seit einem Jahr gehe ich also jeden Dienstag und jeden Donnerstag zu Dr. Stanislaus Kilian, und leider verachte ich ihn. Aber irgendwie ist auch genau das der Grund, warum ich hingehen kann. Er kann mir nichts sagen, was mich auch nur im Geringsten beeindruckt. Wahrscheinlich sind die Sitzungen bei Dr. Kilian eine Art Alibi für uns alle: Meine Eltern schicken mich hin, und ich gehe hin. Und damit sind alle Maßnahmen im Kampf gegen meine Bescheuertheit abgedeckt. Am Ende sind wir Dortmunder: Niemand erwartet hier ernsthaft eine Verbesserung von irgendwas durch irgendwas.

Dr. Kilian ist einer von diesen Therapeuten, die auch Psychiater sind, also Medikamente verschreiben dürfen, einen Kittel tragen und die Fingerspitzen beim Zuhören vor dem Gesicht zusammenlegen. Seine Praxis sieht aus wie ein Ramschladen für Menschen mit viel Geld. Überall dicke orientalische Teppiche auf dem Boden und darauf so schwere, dunkle Möbel mit lauter Schnörkeln, die Abdrücke in die Teppiche machen. Die Angeberblumen in der chinesischen Vase neben dem Fenster sind übrigens aus Plastik, hab ich getestet.

Bei so einer Therapiestunde sitzen Dr. Kilian und ich uns gegenüber auf zwei steifen Ledersesseln. Er glotzt mich dann einfach nur an und sagt nichts, also quassele ich einfach irgendeinen Kram drauflos, ganz egal, was. Nach ein paar Sitzungen meinte der doch glatt zu mir, ich hätte eine »stark assoziative Denkstruktur« und das war glaub ich das erste Mal, dass ich seine Stimme gehört habe.

Ich so: »Und was soll das sein?«

Und er: »Das heißt, dass Sie Dinge miteinander in Verbindung bringen, die für viele Menschen keinen erkennbaren Zusammenhang haben, Ella.«

Und ich: »Aha, danke, kann ich dann jetzt bitte gehen, es ist siebzehn Uhr.«

Was mich so richtig sauer machen kann, ist, wenn ich aus Versehen zu lange auf seine Haare gucke. Die sind aschgrau und fusselig, und er denkt...

Erscheint lt. Verlag 27.3.2025
Verlagsort Berlin
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte Bob Dylan • Coming of Age • Drogen • dysfunktional • Eltern • Erwachsenwerden • Familie • Freundschaft • Geschwister • Großstadt • Kunst • Künstler • LGBTQ+ • lustig • Musik • Parole Brandi • Queer • Rolling Stone • Ruhrgebiet • spannend • Teenager • Ungewöhnlich • Urban
ISBN-10 3-8437-3609-X / 384373609X
ISBN-13 978-3-8437-3609-1 / 9783843736091
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