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Der Teufel (eBook)

Roman | Das Buch zum untergegangenen Leitmedium Fernsehen
eBook Download: EPUB
2025 | 1. Auflage
248 Seiten
Suhrkamp (Verlag)
978-3-518-78212-5 (ISBN)
Systemvoraussetzungen
21,99 inkl. MwSt
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Hier ist das Erste Deutsche Fernsehen mit der Tagesschau ... Willkommen in der Welt der Guten und der Bösen! Wir schreiben die siebziger und achtziger Jahre, die Zeit des Blauen Bocks: Onkel J. sitzt vor den Nachrichten und versteht auf paradiesische Weise nichts, derweil seine geliebte Mutter während des schier endlosen ersten Golfkriegs älter und älter wird. Mittendrin hat Andreas seinen ersten linksutopisch unterfütterten Sex bei Räucherkerzenduft, und zu Besuch kommt das Tante Lenchen, das die DDR unverdrossen für das bessere System hält. Nicht zu vergessen Saddam Hussein: Eben noch im Kampf gegen dämonische Regime unterstützt, dann plötzlich selbst zum Teufel geworden. Wie konstruiert man das: Gut und Böse? Und aus was genau besteht eigentlich jugoslawisches Hackfleisch?

Wie wir untergehen im täglichen Meinungswettstreit, wie wir einem Überblick ständig ferngehalten werden, wie wir diesen Überblick vielleicht sowieso nie bekommen können, davon handelt Der Teufel, Andreas Maiers neuer, abgründiger, maliziös-witziger Roman.



<p>Andreas Maier, 1967 im hessischen Bad Nauheim geboren, studierte Philosophie und Germanistik, anschlie&szlig;end Altphilologie. Er lebt in Frankfurt am Main.</p>

 
 
 
 
 

Wir wurden in eine Welt des Entweder-Oder geboren.

Das Katholische etwa schloß das andere, also das Evangelische, aus. Man konnte unmöglich katholisch und zeitgleich evangelisch sein. Das Hineingeborensein war so grundlegend, daß alles Evangelische in meiner Welt gar nicht vorkam. Ich lebte in einer katholischen Welt.

Die alte gotische Hallenkirche in Friedberg, unser berühmtes Bauwerk: Zutrittsverbot. Ich bin noch damit erzogen worden, daß man eine solche Kirche nicht betritt. Wer die Pforte dieser evangelischen Kirche durchschreitet, der möge tot umfallen.

Tatsächlich war die Friedberger Stadtkirche Unserer Lieben Frau, an der ich fast täglich vorbeikam, lange Zeit terra incognita.

Manuela, eine der wenigen Personen, mit denen ich gern in der Grundschule Kontakt hatte, wurde für den Religionsunterricht in einen anderen Schulraum gesteckt. Eben noch waren wir auf dem Pausenhof zusammen gewesen, und wenn sonst in den Klassensaal gegangen wurde und wir uns gemeinsam in Zweierreihen aufstellen und an den Händen nehmen sollten, stand ich Hand in Hand mit Manuela.

Vor dem Religionsunterricht aber sah ich sie ganz woanders stehen, in einer anderen Schlange, und kein Mittel auf der Welt hätte es verhindern können, daß man uns für die Dauer der nächsten Stunde trennte.

So wurden wir auf dem Schulhof aufgeteilt, die einen nach links in das Hauptgebäude (die Protestanten), wir nach rechts in das Verwaltungsgebäude, wo uns ein Saal unterhalb des Direktoriats zugewiesen war.

Neben dieser Spaltung gab es die nach Parteizugehörigkeit: SPD oder CDU. Die einen wurden in eine SPD-Familie hineingezeugt, die anderen (eine Minderheit, zu der ich gehörte) in eine CDU-Familie. Hierbei ging es mit der Faust zur Sache. Die SPD-Kinder-Mehrheit vermöbelte die CDU-Kinder-Minderheit nach Strich und Faden, vermutlich aus sozialen Rachegründen.

Das Entweder-Oder verästelte sich in alles hinein. Die einen bauten ihr Kriegsgerät mit Airfix-Bausätzen, die anderen – etwa mein Bruder und ich – ausschließlich mit Revell. Airfix schien uns proletarisch, minderwertig, irgendwie auch zu klein, nicht detailgetreu genug, es war etwas für die, die sich mit im Grunde Lächerlichem zufriedengaben.

Die Eisenbahner mußten durchweg eine Grundsatzentscheidung fällen: Fleischmann oder Märklin. Beide Systeme waren – das machte die Entscheidung notwendig – nicht miteinander kompatibel. Mein Bruder war Fleischmann. Er war mit derselben Selbstverständlichkeit Fleischmann, wie er auch Revell war.

Unzählige Auseinandersetzungen gab es über Musik. Die einen waren für die eine Band, die anderen für die andere. Bei Klassenfesten war die Musik, die die eine Hälfte hören wollte, für die andere schlicht unerträglich, das war schon im fünften, sechsten Schuljahr so, und umgekehrt lief die erste Hälfte davon, wenn die zweite endlich das Regiment über den Kassettenrekorder erobert hatte. Manchmal wurden vorher in vertragsartigen Vereinbarungen durch Unterhändler beider Seiten geregelt, welche Partei wie lange während des Klassenfestes Zugriff auf den Kassettenrekorder haben würde.

Auf dem Ockstädter Kirschenberg gab es in der Mittelstufe richtige musikalische Kriege. Ich gehörte zur Led-Zeppelin-Deep-Purple-AC/DC-etc.-Fraktion. Man zog truppweise auf den Kirschenberg mit Rekorder und Bierkiste, lagerte sich ins Gras und machte den Höllenlärm an. Allgemeines Wohlfühlen, alle fanden es super. Dann aber kam plötzlich ein anderer Trupp herbei, lagerte zwanzig Meter entfernt, und das war dann möglicherweise die Spandau-Ballet-ABC-Roxy-Music-undsoweiter-Fraktion. Poppermusik.

Die sahen dann auch ganz anders aus als wir. Solche Kleidung hätten wir nie angezogen. Und die Mädels, die sie dabeihatten, das waren Mädels, von denen wir absolut nichts wollten. Die waren auch so komisch angezogen. Karottenhosen und so. Dauerwellen und so. Jacken mit Schulterpolstern und so.

Wir trugen Klamotten vom Flohmarkt und abgelegte Lederjacken. Diese waren die Wahrheit und das bessere Sein.

Wir gingen übrigens in die gleichen Schulklassen.

Auf dem Ockstädter Kirschenberg wurde eingeteilt wie weiland in der Grundschule beim Religionsunterricht, nur daß wir jetzt selbst auswählten und Parteizugehörigkeit definierten gemäß dem universalen Entweder-Oder, das in jeden Lebensbereich hineinragte.

Zwischen den Gruppen kam es natürlich regelmäßig zu Scharmützeln. Zunächst versuchte jede der beiden Gruppen die andere zu übertönen. Damit hatten wir es mit unserer Hardrock-Musik natürlich leichter. Aber vielleicht war unser Gerät zu schwach? Die anderen hatten vielleicht schon einen richtigen Ghettoblaster mit extrem tief wummernden Bässen.

Die übertönte Gruppe mußte irgendwann nachgeben und zog einige zehn Meter weiter.

Ging man mit einem Mädchen knutschen, dann immer in Richtung der Gegnergruppe, damit sie sahen, daß man Spaß hatte und knutschte.

Ging man pissen, dann ebenfalls in Richtung der anderen Gruppe. Oder man lief unmotiviert in Richtung der anderen und rülpste dabei laut, um zu zeigen, wie egal einem alles sei und daß die anderen sozusagen gar nicht existierten.

Allerdings war die Gruppentrennung nicht vollkommen und hundertprozentig wasserdicht, sondern stets war irgendjemand aus der einen Musik-Zugehörigkeitsgruppe doch mit wem aus der anderen eng befreundet. Der stand dann auf und lief hinüber, blieb dort eine Weile unter dem Schirm der anderen Musik, die für die erste Gruppe gar nicht ging und furchtbar war, und die Zurückgebliebenen waren dann etwas verwirrt, ähnlich wie ich, wenn früher ein Fernsehböser plötzlich ein Guter geworden war (oder umgekehrt, das hatte mich auch stets orientierungslos gemacht).

In unserem Kreis gab es Trixi, ein ausgesprochen Rocker-affines Mädchen, das sich entsprechend anzog und blondgefärbt war. Alles New-Romantic-hafte war ihr ein einziger Ekel. Wenn etwa Julia, die eine Annie-Lennox-Frisur trug, aus der anderen Gruppe zu uns herüberkam (ich fand Julia sehr sympathisch und sollte in der Oberstufe etwas mit ihr haben), dann spuckte Trixi auf den Boden, drehte sich um, kaute entnervt auf ihrem Kaugummi, zog währenddessen an ihrer Zigarette und blickte affektiert in den Himmel.

Dem Teufel muß diese Zeit viel Spaß gemacht haben, wenn auch nur im Sinn einer Fingerübung.

Zwei Monate vor meinem sechzehnten Geburtstag saß ich mit meiner damaligen Freundin A. beim Frauenarzt. Bei einem Frauenarzt war ich noch nie gewesen. Aber ich fand es gut, mehr noch, es machte mich stolz und geradezu erwachsen. Während A. und ihre Mutter zu dem Arzt (es war ein Mann) hineingingen, blieb ich im Wartezimmer sitzen.

Wir lasen zu der Zeit Svende Merian, Der Tod des Märchenprinzen. Das war in Friedbergs linksalternativen Kreisen angesagt. Links, das war das Gegenteil von rechts. Wir waren links.

Im Jugendzentrum tagten in dieser Epoche ständig Männergruppen. Sie analysierten ihre Beziehungen zu Frauen und was sie darin falsch machten, warum sie so seien, wie sie seien, was sie in die Beziehungen an Männerstrukturen und impliziter Männergewalt mitbrächten, was an ihnen unbewußt patriarchalisch sei und so weiter.

Es gab natürlich auch Frauengruppen. Manchmal wurden Sitzungen über Kreuz vereinbart, bei denen ein Mitglied aus einer Männergruppe und ein Mitglied aus einer Frauengruppe zusammentrafen. Es waren stets zwei, die gerade dabei waren, ihre krisenhafte Paarbeziehung zu klären. Diese Beziehung war vorher in den jeweiligen Gruppen diskutiert worden.

Jede der beiden Seiten, die weibliche wie die männliche, hatte für diese Kreuzsitzungen einen Geschlechtsgenossen zur Unterstützung bei sich.

Unmittelbar vor dem Vierergespräch sah man die beiden Parteien, die männliche und die weibliche, im Juz im großen Thekenraum an...

Erscheint lt. Verlag 16.3.2025
Reihe/Serie Ortsumgehung
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Romane / Erzählungen
Sachbuch/Ratgeber
Schlagworte aktuelles Buch • Alte Bundesrepublik • aspekte-Literaturpreis des ZDF 2000 • BRD • Bücher Neuerscheinung • DDR • Deutschland • Erster Golfkrieg • Fernsehen • Franz-Hessel-Preis 2012 • Friedberg • Gegenkultur • Georg-Christoph-Lichtenberg-Preis 2011 • Hessen • Jugendkultur • Jugoslawien • Jugoslawienkrieg • Jugoslawischer Bürgerkrieg • Kalter Krieg • Mitteleuropa • Nachrichten • Neuerscheinung 2025 • neues Buch • Sex • Sowjetunion • Südwestdeutschland • Westdeutschland BRD bis 1990 • Wetterau • Wilhelm-Raabe-Literaturpreis 2010 • Zweiter Golfkrieg
ISBN-10 3-518-78212-6 / 3518782126
ISBN-13 978-3-518-78212-5 / 9783518782125
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