Das kleine Café der zweiten Chancen (eBook)
240 Seiten
Verlagsgruppe Droemer Knaur
978-3-426-56168-3 (ISBN)
1
Das Hupen der Autos tat mir in den Ohren weh.
Do, La. Wenn ich deprimiert bin, sehe ich Noten in den Geräuschen der Stadt, die Töne kommen mir automatisch wie in Italien üblich in Solmisationssilben in den Sinn.
Heute war der Lärm besonders schlimm. Es gab von allem zu viel. Zu viele Dinge, zu viele Menschen. Sapporo war eine große, aber sehr enge Stadt.
Für den Alltag war es praktisch. Aber für etwas – ja, für etwas Großes, Ernsthaftes war Sapporo zu klein. Viel zu klein. Zum Beispiel, um dort eine Pianistin von Weltrang zu werden.
Als mein Vater ins Ausland versetzt wurde, bestand meine Mutter, die auf ihr bequemes Leben nicht verzichten wollte, darauf, in Japan zu bleiben, und zog mit mir, gerade drei geworden, und meiner neugeborenen Schwester von Sapporo in ihre Heimatstadt Obihiro.
Im Haus meiner Großmutter stand ein altes Klavier. Es war schrecklich verstimmt.
Trotzdem war ich glücklich, darauf spielen zu können, und als kleines Kind klimperte ich meine Lieblingslieder aus dem Kinderfernsehen.
Niemand hatte es mir beigebracht.
Meine Mutter und meine Großmutter waren überrascht, als sie mich so auf dem Klavier spielen sahen, und brachten mich noch in derselben Woche zu einem Klavierlehrer.
Ich war ein Wunderkind.
Ich musste ein Lied nur einmal hören und konnte es sofort nachspielen, obwohl ich noch so klein war.
Die Erwachsenen freuten sich sehr, als sie sahen, wie ich mit meinen kurzen Ärmchen am Klavier mein Bestes gab. Sogar das Fernsehen kam, um über mich zu berichten, und ich wurde zu Veranstaltungen in der Präfektur eingeladen, wo ich mit verschiedenen Prominenten auftrat.
Damals machte mir das Klavierspielen großen Spaß, und weil ich meiner Mutter und meiner Großmutter eine Freude machen wollte, spielte ich den lieben langen Tag.
Aber wie es bei vielen Wunderkindern der Fall ist, nahmen auch mir die Götter nach dem Kindergarten und der Grundschule meine Gabe wieder weg. Die Götter beschützen nur kleine Kinder.
Meine Mutter weigerte sich jedoch vehement zu akzeptieren, dass ich nurmehr ein ganz normales Kind war, und beschloss, mich auf eine Musikschule ins Ausland zu schicken. Nicht einmal dorthin, wohin mein Vater als Expat gesandt worden war, sondern nach England, zu dem wir keinerlei Bezug hatten. Ich war immer noch in der Grundschule.
Meine Mutter war felsenfest überzeugt, es läge an meiner Umgebung, dass ich keine Fortschritte mehr machte. Die Lehrer waren schlecht. Obihiro, Sapporo und sogar ganz Japan waren zu klein, um mein Talent zu fördern.
Trotzdem hätte mich meine Mutter nie ins Ausland begleitet, sie war ja nicht einmal meinem Vater gefolgt.
Und so kam es, dass ich auf einmal allein in England auf ein Musikinternat ging, obwohl ich die Sprache kaum verstand. Und vor allem: Es brachte nichts. Ich war kein Wunderkind mehr.
Vielleicht waren die Götter verärgert, dass ein stinknormales Kind so tat, als sei es etwas Besonderes? Jedenfalls hatte ich schließlich meinen Unfall.
Ehrlich gesagt habe ich keine sehr klare Erinnerung daran. Es war zu beängstigend, um es im Gedächtnis zu behalten.
Als ich wieder zu mir kam, lag ich in einem Krankenhausbett, und mein Leben war zwar gerettet, aber die Finger meiner linken Hand waren fast abgerissen.
Ein freundlicher Arzt – eigentlich das genaue Gegenteil der Götter – nähte sie mir wieder an, und ich konnte sie mittlerweile wieder bewegen, aber mit dem Klavierspielen war es vorbei, mit der Pianistenkarriere sowieso, und ich musste nach Japan zurück.
Just zu dieser Zeit starben auch noch meine Großeltern, auf die ich mich verlassen hatte, meine Mutter ließ sich von meinem Vater scheiden und kehrte mit mir und meiner Schwester nach Sapporo zurück.
Obwohl sie mir erzählte, Sapporo sei meine Geburtsstadt, hatte ich kaum Erinnerungen daran.
So begann mein Leben in einer Stadt, die ich nicht kannte, und mit Fingern, die kein Klavier mehr spielen konnten.
In dieser großen, aber engen Stadt.
Alle Erwachsenen sagten mir, es sei »ein Neuanfang in einer neuen Umgebung« – in solchen Zeiten sei es besser, alles von vorne zu beginnen.
Ich aber wollte lieber an einem Ort neu anfangen, den ich kannte, bei Menschen, die ich kannte.
Meine Mutter verstand die Angst nicht, allein an einem unbekannten Ort ins kalte Wasser geworfen zu werden. Sie konnte sich nicht vorstellen, wie es sich für mich anfühlte, dass ich wegen meiner Reha erst einen Monat nach Beginn des Schuljahrs meine neue Schule besuchen konnte.
Ich wusste genau, neue Freunde zu finden, war keine meiner Stärken. Und wenn ich erst so spät an meiner neuen Schule antanzte, wäre ich sicher nur das fünfte Rad am Wagen; die anderen Kinder hätten bereits Freundschaften geschlossen.
Ich hatte Angst vor der Schule in der Stadt. Ich traute mich nicht alleine zu Wildfremden. Doch der unvermeidliche erste Schultag kam.
Hinter der Tür erwartete mich ein wolkenloser, strahlend blauer Himmel. Grauenhaft. Die Morgensonne strahlte mir grell und gewalttätig ins Gesicht. Meine Mutter freute sich, dass an meinem ersten Schultag die Sonne schien, aber ich wollte nur noch schreien, als ich das Haus verlassen sollte.
»Himari, weg da! Du bist voll im Weg.«
Meine jüngere Schwester Nanoka schubste mich am Eingang einfach zur Seite. Obwohl sie erst in die vierte Klasse ging, war Nanoka viel resoluter als ich.
Oh, wie ich das alles hasse.
Mir stiegen Tränen in die Augen.
Die zu langen Ärmel meiner Bluse, der schwere Blazer der Schuluniform, der Rucksack, der unbekannte Geruch des Morgens – ich hasste alles.
Ich hasste, hasste, hasste es. Ich hasste alles.
Ich hatte das Gefühl, dass hier gar nichts gut gehen würde.
Ich dachte daran, alles hinzuschmeißen und einfach auf die Straße zu rennen, aber ich hatte Angst, überfahren zu werden, könne wehtun.
Und selbst wenn ich sterben sollte, würde dann nur meine Mutter wieder ein Gesicht aufsetzen, als wäre sie die Unglücklichste auf der Welt. Wie damals, als ich aus England zurückkam.
Doch es half nichts. Blieb ich zu Hause, erwartete mich der höllische Erwartungsdruck meiner Mutter, die immer noch glaubte, irgendwann würde es mit dem Klavierspielen wieder klappen.
Mit dem Gefühl, dass meine Seele mit jedem Atemzug schrumpfte, machte ich mich langsam auf den Weg zur Schule.
»He, du da! Dein Rock ist zu kurz, zieh ihn nicht so hoch! Und du! Dreikäsehoch! Wenn du den Riemen deiner Tasche derart lang machst, schleift sie doch auf dem Boden! He, du da! Schau beim Gehen nicht auf dein Handy! Schau nach vorne, nach vorne!«
Unter dem blauen Himmel schlug mir das Gekeife einer Frau mittleren Alters – nein, bei genauerem Hinsehen – einer alten Frau entgegen.
Sie stand vor einem Haus, das von einer Azaleenhecke umgeben war, schalt und krittelte an allen herum, die an ihr vorübergingen.
Gekleidet war sie in knallige, bunte Farben – Rot, Gelb, Lila – eines traditionellen Gewands, eventuell irgendwo aus Südostasien, das ihr Alter auf den ersten Blick nicht genau erkennen ließ, aber sie war sicher über sechzig.
Ihre weißen Haare waren lila gefärbt, und sie trug ein Kopftuch. Mit einem Besen in der Hand schrie sie lautstark herum.
Ich wurde ganz starr. Aber es wäre zu auffällig, ohne eine Ampel einfach so die Straßenseite zu wechseln, und die Alte rief sowieso auch den Kindern auf der anderen Seite Bemerkungen zu.
Nun denn … was sollte ich tun, es gab keinen Fluchtweg.
»Oh nein …«
Ich habe keine andere Wahl. Ab morgen nehme ich einen anderen Weg. Heute ziehe ich einfach den Kopf ein und mogle mich irgendwie vorbei …
Ich konzentrierte mich auf meine Zehenspitzen und wollte schnell und unauffällig an der alten Frau vorbeihuschen, wobei ich mir wie ein Mantra vorsagte: Bitte, bemerk mich nicht! Bitte, bemerk mich nicht!
Doch da: »Hey, du da.«
Schreck lass nach.
»Ja, genau du, das kleine Ding … ja, genau du!«
Was für ein furchtbarer Tag!
»Ähm, wie bitte?«
Meine Gebete waren umsonst gewesen. Die Alte hatte mich angesprochen.
Vielleicht hätte ich sie ignorieren und weglaufen sollen, aber das machte mir auch Angst, also hob ich zögernd den Kopf.
Aus der Nähe war die Alte noch bunter und auffälliger. Sie hatte die Augen grün umrandet, mit goldenem Glitzer, und trug orangefarbenen Lippenstift.
Es war beängstigend. Sehr.
Meine Großmutter hatte sich in diesem Alter ja auch noch geschminkt, aber mit zarteren Farben und längst nicht so grell und aufdringlich.
»Guten … Morgen …?«
Ich hatte Angst, dass sie schimpfen würde, wenn ich nicht antwortete, also grüßte ich sie vorsichtig.
»Guten Morgen. Was machst du denn für ein Gesicht? Siehst ja aus wie drei Tage Regenwetter!«
»Wirklich …?«
Es wäre besser gewesen, wenn es wirklich geregnet hätte.
Wenn ein Taifun und ein Tornado gleichzeitig gekommen wären, die Schule geschlossen worden wäre....
Erscheint lt. Verlag | 4.11.2024 |
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Übersetzer | Anemone Bauer |
Verlagsort | München |
Sprache | deutsch |
Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
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ISBN-10 | 3-426-56168-9 / 3426561689 |
ISBN-13 | 978-3-426-56168-3 / 9783426561683 |
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