Immun gegen Unsinn (eBook)
232 Seiten
GABAL Verlag
978-3-96740-404-3 (ISBN)
Thilo Baum ist Journalist, mehrfacher Buchautor, Politik- und Unternehmensberater und Experte für klare Kommunikation. Er hilft Unternehmen und Personen des öffentlichen Lebens, ihre Botschaften fundiert zu entwickeln, empfängerorientiert zu strukturieren und auf den Punkt zu bringen.
Thilo Baum ist Journalist, mehrfacher Buchautor, Politik- und Unternehmensberater und Experte für klare Kommunikation. Er hilft Unternehmen und Personen des öffentlichen Lebens, ihre Botschaften fundiert zu entwickeln, empfängerorientiert zu strukturieren und auf den Punkt zu bringen.
Kapitel 1 »Aber es könnte doch sein …« Was stimmt und was nicht stimmt
Wie kommen wir zu gesicherten Erkenntnissen? Was ist eine Tatsache? Was ist eine Vermutung? Diese Gedanken sind elementar, weil sie für jede Art von Meinungsbildung die Basis bilden. In diesem Kapitel sprechen wir über Erkenntnisgewinn nach wissenschaftlichen Maßstäben und darüber, warum das gar nicht so kompliziert ist. Und: Wenn zwei Menschen einander widersprechen, wer trägt dann die Beweislast? Dafür gibt es im aufgeklärten westlichen Denken klare Richtlinien. Wenn wir sie beachten, kommen wir mit höherer Wahrscheinlichkeit der Wahrheit auf die Spur. Wobei sich natürlich auch die Frage stellt: Was ist eigentlich »wahr«? Und: Stimmt es eigentlich wirklich, dass zwischen Erde und Mars eine kleine Teekanne um die Sonne kreist?
Wissen wir etwas oder glauben wir es nur?
Welche der folgenden Aussagen beinhalten gesicherte Erkenntnisse?
- Die Künstliche Intelligenz (KI) wird bald die menschliche Intelligenz übertreffen.
- Die Erde kreist um die Sonne.
- Bakterien machen krank.
- Reiche Menschen sind charakterlos.
- Rauchen ist ungesund.
Auflösung am Ende des Kapitels.
Gab es König Artus? Schwer zu sagen. Wir wissen nicht, ob es König Artus gab, wir können es bestenfalls glauben. Er gilt als Sagengestalt und könnte zugleich gelebt haben. Wir können es also vermuten. Wir können auch davon überzeugt sein. Doch das alles sagt auch: Wir wissen es nicht.
Und gab es Ludwig XIV. (1638–1715)? Ja, den gab es. Wir haben ihn zwar nicht getroffen, aber wir verlassen uns auf die Geschichtsschreibung. Und danach ist die Existenz von Ludwig XIV. eine gesicherte Erkenntnis.
»Glauben heißt nicht wissen« – dieser Satz ist einer der wichtigsten Sätze, die ich aus der Schule mitgenommen habe, und zwar aus dem Munde meines inzwischen verstorbenen Geschichtslehrers. Auch dieser Geschichtslehrer hat Ludwig XIV. nie getroffen. Aber er kannte das Prinzip der Geschichtsschreibung, bei der wir die Existenz von Personen und Ereignissen in Chroniken finden und in Berichten, die unabhängig voneinander entstehen. Historiker halten fest, was war und was ist. Sie sichern diese Informationen als Wissen. Seriöse Historiker verdrehen dabei nichts und geben auch keine Vermutungen als Fakten aus.
Zugleich lassen wir Menschen uns oft von dem leiten, was wir glauben. Oft halten wir Annahmen für gesichertes Wissen. Wir vermuten etwas und bilden uns auf dieser Basis unsere Meinungen und treffen Entscheidungen. Zum Beispiel fragen wir unseren Partner entgeistert, wieso er das Gartentürchen offen gelassen hat, dabei hat er das gar nicht getan. Das alte Kastenschloss ist einfach marode und das Türchen ging im Wind von allein auf. Wir unterstellen einfach, dass er es war, und er darf dann erklären, warum er es nicht war. Unfair eigentlich, denn sollten nicht eher wir darlegen, warum er es war? Schließlich stellen wir die Behauptung auf.
Ich schreibe dieses Buch in einer Zeit, in der eine Flut von Falschinformationen über uns hereinbricht. Auf dem Bildschirm sehe ich gerade das Fake-Foto mit den meterhoch gestapelten Heuballen vor dem Eiffelturm, das uns weismachen soll, so sähen die Bauernproteste in Paris aus. Auf X (früher Twitter) erzählen uns zahlreiche User, dass die »Mainstream«-Medien diese Wahrheit angeblich verschweigen.5
Auf solche Fakes fallen nicht nur Leute herein, die sich leicht für dumm verkaufen lassen. Es ist tatsächlich ein Handwerk, die Qualität von Informationen einzuschätzen. Wem dieses Handwerk fehlt, ist gefährdet.
Uns begegnen zahlreiche Falschinformationen – Behauptungen, Vermutungen, Gerüchte, wilde Erklärungen für angeblich Unerklärliches und auch Manipulationsversuche und Verschwörungserzählungen. Wie ordnen wir das alles ein, was wir da »erfahren«? Wie erkennen wir, was stimmt und was nicht?
Womit wir gleich zu einer Spitzfindigkeit kommen, nämlich dem Wort »erfahren«. Ist das, was wir »erfahren«, eine »Erfahrung«? Nein, natürlich nicht. Etwas zu »erfahren« ist etwas anderes als eine »Erfahrung«. Unsere »Erfahrungen« sind das, was wir erleben und erlebt haben – wir waren Zeugen und können das Erlebte in aller Regel als zuverlässiges Wissen abspeichern. Wenn wir also selbst erleben, dass das Auto nicht anspringt, können wir das sicher behaupten.
Nun weiß ich auch, dass wir uns täuschen können und dass uns die Erinnerung Streiche spielen kann. Deswegen gehören aber nicht alle unsere Erfahrungen ins Reich der Legenden. Am Ende haben die allermeisten Menschen ihr Leben vor allem deswegen im Griff, weil sie sich darauf verlassen können, dass stimmt, was sie erleben. Ist unsere Wahrnehmung nicht gestört, können wir die Wirklichkeit beobachten und Feststellungen treffen. So, wie wir das täglich tun, in der Küche, bei der Arbeit. Erkenntnis durch eigenes Erleben ist selten das Problem.
Das Problem liegt eher bei dem, was wir »erfahren«. Das sind die Informationen, die wir nicht selbst ermitteln, indem wir etwas direkt erleben, sondern diese Informationen trägt uns jemand zu. Wir erhalten diese Informationen indirekt, über Bande.
Unsere Meinungen bilden wir uns aufgrund von beidem: Unsere Erfahrung spielt eine Rolle, und was wir von Freunden hören oder bei Instagram lesen, spielt ebenfalls eine Rolle. Das mag banal klingen, ist aber wichtig: Am Ende bilden wir uns unsere Gewissheiten aufgrund dessen, was wir erleben, und aufgrund dessen, was wir erfahren.
Die Ehrlichkeitsvermutung
Was tun wir, wenn wir eine Information erhalten? Erfahren wir etwas, dann wissen wir erst einmal nicht, ob die Information stimmt.
»Michael Jackson ist tot«, erzählte mir ein Freund Ende Juni 2009 am Telefon. Ich weiß nicht, wie das bei Ihnen ist, aber ich glaube Menschen erst einmal, was sie sagen. Ich lasse erst mal gelten, was ich höre. Ich übernehme nicht sofort jede Meinung, aber ich akzeptiere, dass jemand denkt, wie er denkt. Und wenn mir jemand etwas sagt, was ich niemals für möglich gehalten hätte, bin ich ebenfalls erst einmal geneigt, diese neue Information zumindest einmal zur Kenntnis zu nehmen und nicht sofort anzuzweifeln.
»Ehrlichkeitsvermutung« nennen das die Kognitionspsychologen Daniel Simons und Christopher Chabris in ihrem Buch »Lass dich nicht täuschen«. Freie Gesellschaften brauchen diese Ehrlichkeitsvermutung für die öffentliche Debatte, die die Gesellschaft weiterbringt.
In den westlichen Gesellschaften ist es eine soziale Konvention, dass wir einander grundsätzlich glauben.
Dass Michael Jackson mit nur 50 Jahren sterben würde, hatte ich nicht erwartet. Ich erhielt die Nachricht von einem Freund. Da dieser Freund mit dem Tod normalerweise keine Späße treibt, glaubte ich ihm. Ohne ihm zu misstrauen, habe ich die Information über die Nachrichten verifiziert.
Von den Terroranschlägen am 11. September 2001 habe ich im Autoradio auf einem öffentlich-rechtlichen Sender gehört. Es gab für mich keinen Grund, an der Information zu zweifeln. Ich habe etwas Unglaubliches geglaubt, obwohl ich nicht dabei war. Aber die Quelle war eben seriös, und so hatte ich eine zuverlässige Information bekommen.
Diese Dinge habe ich nicht deswegen geglaubt, weil ich sie für möglich hielt – und auch nicht, weil ich sie mir vorstellen konnte. Ich habe sie geglaubt, weil ich keinen Grund hatte, den Radiosender oder einen guten Freund als unseriöse Quellen anzusehen.
Aber: Nur weil ich etwas für möglich halte oder es mir vorstellen kann, halte ich es deswegen nicht für wahr. Natürlich halte ich es für möglich und kann es mir grundsätzlich vorstellen, dass die USA unter Präsident John F. Kennedy (1917–1963) die Mondlandung inszeniert haben. Aber trotzdem halte ich die Behauptung für Unsinn. Was die Befürworter an »Belegen« dafür anführen, sind Verdachtsmomente, die sich entkräften lassen: So hinterlässt eine Landefähre auf dem Mond beispielsweise keinen Krater, weil der Mond keinen »durch Wind, Wasser, Pflanzen, Tiere und Mikroorganismen geformten Mutterboden« kennt, worauf Holm Gero Hümmler hinweist. Es ist ein Felsboden. Dass auf den Mondfotos keine Sterne im Hintergrund zu sehen sind, erklärt sich durch die Einstellungen des Objektivs.6
Also: Unmöglich wäre der Fake nicht; eine Regierung könnte so etwas tun. Vorstellbar ist es auch, schließlich sind Inszenierungen kein Hexenwerk und kommen durchaus vor. Aber deswegen folge ich dieser Theorie nicht. Wenn sich die angeblichen Belege als haltloses Stochern im Nebel entpuppen, ist auch jede Ehrlichkeitsvermutung fehl am Platz.
Anders als bei einem Radiosender oder bei meinem...
Erscheint lt. Verlag | 12.9.2024 |
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Reihe/Serie | Dein Leben |
Verlagsort | Offenbach |
Sprache | deutsch |
Themenwelt | Sachbuch/Ratgeber ► Geschichte / Politik ► Politik / Gesellschaft |
Sozialwissenschaften ► Politik / Verwaltung | |
Schlagworte | AfD • Demokratie • Desinformation • eine Meinung bilden • Fake News • falsche Behauptungen • fehlinformationen • fundierte Informationen • Gerüchte • Gesellschaft • gesicherte Erkenntnisse • Information • Informationskompetenz • Kommunikation • Krise • Lügen • Manipulation • Meinungsbildung • Nachrichten • Nachrichtenkanäle • Öffentlicher Diskurs • Politik • Quellen • Querdenker • Tatsache • Wahrheit • Wissen |
ISBN-10 | 3-96740-404-8 / 3967404048 |
ISBN-13 | 978-3-96740-404-3 / 9783967404043 |
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