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Was ist Sozialphilosophie? (eBook)

| Eine neue Grundlegung der Kritischen Theorie

(Autor)

eBook Download: EPUB
2025 | 1. Auflage
200 Seiten
Suhrkamp (Verlag)
978-3-518-78112-8 (ISBN)
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21,99 inkl. MwSt
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Seit den schulbildenden Aufsätzen Max Horkheimers vor fast 100 Jahren führt der Begriff »Sozialphilosophie« Konnotationen mit sich, die mehr als die Untersuchung eines philosophischen Gegenstands neben anderen erwarten lassen, nämlich einen spezifischen, kritischen Zugang zu ihrem Objekt: der zeitgenössischen Gesellschaft. In dieser Sammlung programmatischer Texte geht Martin Saar dem Einsatz, dem Gestus, den Verfahren und den Grundbegriffen einer solchen gesellschaftskritischen Reflexion nach. Er zeichnet das Profil einer auch heute noch schlagkräftigen, zeitdiagnostisch motivierten Form des Denkens, das sich nah an die faktischen Kämpfe und Realitäten unserer politischen und sozialen Welt heranwagt.



Martin Saar ist Professor für Sozialphilosophie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Zuletzt erschien: <em>Die Immanenz der Macht. Politische Theorie nach Spinoza</em> (stw 2054).

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Die Kunst, Abstand zu nehmen. Überlegungen zur Logik der Sozialkritik


1. Abstände


Worin bestehen das Projekt und das Problem einer Kritik der Gesellschaft, das heißt einer Kritik ihrer Werte und Institutionen? Beginnen lässt sich am besten mit einem Bild der Kritik und einem unmittelbar einleuchtenden Leitbegriff von Nietzsche, der in der Erläuterung seines Projekts einer Überprüfung und Zurückweisung der moralischen Werte seiner Zeit ein treffendes Bild vom Distanzproblem der Kritik gibt: »Um unsrer europäischen Moralität einmal aus der Ferne ansichtig zu werden, um sie an anderen, früheren oder kommenden, Moralitäten zu messen, dazu muss man es machen, wie es ein Wanderer macht, der wissen will, wie hoch die Thürme einer Stadt sind: dazu verlässt er die Stadt.«[1] 

»Die Stadt zu verlassen« steht hier für den Abstand, der zu gewinnen ist, um eine Perspektive auf etwas einzunehmen, um es ein- und abschätzen zu können. Im Fall der Moral bedeutet dies für Nietzsche, dass man »eine Stellung ausserhalb der Moral« einnehmen müsse, um sie, als Institution und Praxis mit Folgen für das Menschsein, einer abschätzenden Perspektive unterwerfen zu können.[2]  Dieser Außenstandpunkt ist ebenso notwendig wie schwierig einzunehmen, denn er setzt voraus, dass wir uns »von Vielem losgebunden haben« und uns von »kommandirenden Werthurteilen [befreien], welche uns in Fleisch und Blut übergegangen sind«.[3]  Dass man diesen Standpunkt »[j]enseits von unsrem Gut und Böse« überhaupt besetzen »will«, setzt »Mut« voraus; und es bleibt fraglich, daran lässt Nietzsche keinen Zweifel, »ob man wirklich dorthin hinauf kann«.[4] 

Unabhängig von Nietzsches spezifischem und zweifellos maß23losem Projekt einer Kritik der gesamten »europäischen Moralität« sehe ich in dieser kleinen Skizze des »Wanderers« eine gelungene Charakterisierung der Problematik und der Komplexität der Sozialkritik im Allgemeinen, wenn sie grundsätzlich und radikal sein will: Um gesellschaftliche Kräfte ein- und abschätzen, um sie überhaupt wertend unterscheiden zu können, bedarf es der Übersicht und der unverstellten Sicht auf das, was uns im Normalfall gerade umstellt und überragt. Die Bürger:innen im Schatten der Türme können über die Höhe der Türme nur Relatives und Ungenaues sagen, die Skyline wird erst für den sichtbar, der einen Abstand zwischen sich und die Stadt gebracht hat.

Die Frage, die dieser Vergleich oder dieses Denkbild aufwerfen, scheint demnach recht eindeutig zu sein: Wie können die Bewohner:innen der Stadt Wandernde werden und dennoch Bürger:innen bleiben, das heißt, wie kann man einschätzen und kritisieren, ohne seine Stadt für immer zu verlassen? Zudem ist festzuhalten, dass Nietzsche davon auszugehen scheint, dass es grundsätzlich für jede und jeden eine Anstrengung bedeutet, diesen Außenstandpunkt einzunehmen. Damit wird implizit behauptet, alle seien von der »europäischen Moral« gleichermaßen betroffen und in ihrer Sicht beeinträchtigt, so als gäbe es nicht auch Ausgeschlossene innerhalb der Stadtmauern, denen man den Preis der geltenden Normen nie erst vorrechnen muss, weil sie ihn schon täglich bezahlen, die also die Distanz zu diesen Normen – erzwungenermaßen – immer schon eingenommen haben. Man könnte Nietzsches »Wanderer« auf der Suche nach einem Standpunkt, von dem aus sie ihre eigene politische Gemeinschaft überblicken können, mit den Berufskritiker:innen oder kritischen Intellektuellen identifizieren. Die wichtigste theoretische Frage lautet dann, wie genau sich diese Distanzierung realisieren lässt und welche Verfahren und Gesten diesen Bruch leisten, diese Abstandnahme zu den gesellschaftlichen Kräften, die erst ermöglicht, sie ein- und abzuschätzen – und das heißt ja erst, sie zu kritisieren.

In der folgenden Skizze soll keine allgemeine Theorie der Kritik aufgestellt werden. Vielmehr bin ich an der Explikation oder der Logik einer Praxis interessiert, von der ich nicht voraussetzen will, dass sie selbst immer schon einer ausgearbeiteten Theorie folgt. Von bestimmten kritischen Texten und den Interventionen bestimmter Autor:innen lässt sich aber etwas über den Akt und den Modus von 24Kritik lernen, das in expliziten Theorien der Kritik nicht immer auftaucht.[5]  Ich schlage im Folgenden in vier Schritten ein Modell einer kritisch-theoretischen Praxis vor, in der die Fragen nach der Form und Möglichkeit von Kritik praktisch, das heißt in Akten der Kritik, beantwortet werden und von der ich glaube, dass sie sinnvoll, effektiv und weit verbreitet ist. Das bedeutet übrigens nicht, dass die Repräsentant:innen dieser Praxis notwendigerweise etwas mit Nietzsche oder gar der philosophisch-soziologischen Frage nach einer Kritischen Theorie im starken Sinn der Frankfurter Tradition, die mit Nietzsche oft mehr teilt, als sie wahrhaben will, zu tun haben müssen. Von Nietzsche übernehme ich für diesen Zweck nur das Motiv der Distanz und den Gedanken, dass (eine bestimmte Form von) Kritik Abstandnahme voraussetzt und sich in ihr und durch sie vollzieht.

In der Art kritischer Praxis, die ich vor Augen habe, ist Historisierung die zentrale Technik der Distanzierung, ist die Geschichte also das Medium eines Sich-Lösens von verstellenden Selbstverständlichkeiten (2.). Es lässt sich zudem relativ eindeutig angeben, wer oder was sowohl Subjekt wie Objekt, Instanz und Adressat dieser Distanzierung ist, nämlich das gegenwärtige Selbstverständnis und Selbstverhältnis (3.). Somit lässt sich als Schlussfolgerung behaupten, dass der Effekt dieser Distanzierung im Brüchigwerden von bisher selbstverständlichen Standards und Urteilen besteht (4.). Deshalb kehrt der »Wanderer« als ein anderer, nämlich als ein skeptischerer Bürger in den Schatten seiner Türme zurück, die für ihn nie mehr dasselbe bedeuten werden wie zuvor. Abschließend wird die Frage gestellt, ob die hier entworfene Form von Kritik eher den Maßstäben der Theorie (im strengen Sinne) oder der Kunst folgt und in welchem Sinne Kritik wesentlich eine reflexive Praxis ist (5.).

25

2. Eine Distanzierungstechnik: Historisierung


Die Schwierigkeit, »die Stadt zu verlassen« und einen Überblick über die sozialen Kräfte zu gewinnen, ist eine methodische. Das Arsenal der Gesellschaftstheorien umfasst eine Vielzahl von Techniken, diesen Bruch herzustellen beziehungsweise ihren Gegenstand zu erfassen, mithin eine Objektivierung dessen zu leisten, was in kritischer Perspektive betrachtet werden soll. Es ist vielleicht keine oder nur eine geringe Übertreibung zu sagen, dass die Verzeitlichung eine Hauptoperation einer solchen Objektivierung darstellt. Als einen ersten klassischen Fall eines solchen Vorgehens könnte man einen der frühesten Texte anführen, der zugleich eine sozialtheoretische wie eine kritische Intervention darstellt – Rousseaus zweiten Discours, die Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen von 1755, in der die gewaltsame und nicht-notwendige Entstehungsgeschichte der gegenwärtigen Herrschaftsverhältnisse das Argument gegen diese ist. Es genügt, daran zu erinnern, dass von Marx über Nietzsche und Weber bis Luhmann fast alle großen philosophischen und soziologischen Erzählungen über die Moderne Narrative über Ursprünge, Genesen und Herkünfte gesellschaftlicher Ordnungen waren.

Dass sich eine Kritik der Gegenwart des Spiegels der Vergangenheit bedienen kann, weil Thesen über die historischen Entstehungskontexte gegenwärtiger Institutionen, Werte und Selbstverständnisse ebendiese Institutionen, Werte und Selbstverständlichkeiten relativieren und kontextualisieren können, ist das Betriebsgeheimnis einer Kritikform, die einen Umweg über die Geschichte nimmt. Denn Historisierung schafft Abstand zu geltenden Werten und Einstellungen, die damit überhaupt erst Objekte angemessener theoretischer Erfassung und kritischer...

Erscheint lt. Verlag 16.3.2025
Sprache deutsch
Themenwelt Geisteswissenschaften Philosophie Philosophie der Neuzeit
Schlagworte aktuelles Buch • Bücher Neuerscheinung • Gesellschaftskritik • Horkheimer • Kritische Theorie • Neuerscheinung 2025 • neues Buch • STW 2453 • STW2453 • suhrkamp taschenbuch wissenschaft 2453
ISBN-10 3-518-78112-X / 351878112X
ISBN-13 978-3-518-78112-8 / 9783518781128
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