KRYO - Die Verfehlung (eBook)
320 Seiten
Unionsverlag
978-3-293-31124-4 (ISBN)
Petra Ivanov verbrachte ihre Kindheit in New York. Nach ihrer Rückkehr in die Schweiz absolvierte sie die Dolmetscherschule und arbeitete als Übersetzerin, Sprachlehrerin und Journalistin. Heute ist sie als Autorin tätig und gibt Schreibkurse an Schulen und anderen Institutionen. Ihr Debütroman Fremde Hände erschien 2005. Ihr Werk umfasst Kriminalromane, Thriller, Liebesromane, Jugendbücher, Kurzgeschichten und Kolumnen. Petra Ivanov hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten, u. a. zweimal den Zürcher Krimipreis (2010 und 2022).
Petra Ivanov verbrachte ihre Kindheit in New York. Nach ihrer Rückkehr in die Schweiz absolvierte sie die Dolmetscherschule und arbeitete als Übersetzerin, Sprachlehrerin und Journalistin. Heute ist sie als Autorin tätig und gibt Schreibkurse an Schulen und anderen Institutionen. Ihr Debütroman Fremde Hände erschien 2005. Ihr Werk umfasst Kriminalromane, Thriller, Liebesromane, Jugendbücher, Kurzgeschichten und Kolumnen. Petra Ivanov hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten, u. a. zweimal den Zürcher Krimipreis (2010 und 2022).
2
Berlin, drei Wochen zuvor
Michael Wild betrat seine Stammkneipe im Wedding. Nichts hatte sich in den drei Monaten, seit er zum letzten Mal hier war, verändert. Es roch nach Bier und Männerschweiß, im Fernsehen lief ein Match zwischen Chelsea und Aston Villa. Thomas Möhker saß bereits vor einem Pils. Als er Michael entdeckte, stand er auf und kam mit ausgebreiteten Armen auf ihn zu.
»Bin ich froh, dich zu sehen!« Er klopfte Michael auf die Schulter, hielt aber abrupt inne, als er den Leibwächter bemerkte, der hinter Michael stehen geblieben war. »Gehört der zu dir?«
Michael lächelte schief. »Eine lange Geschichte.«
»Da bin ich aber gespannt!« Thomas trat an die Theke. »Noch ein Pils.«
Michael schüttelte den Kopf. »Wasser, bitte.«
Thomas sah ihn überrascht an und bestellte dann eine Flasche Mineralwasser für ihn. Der Leibwächter drehte eine Runde durch die Kneipe, bevor er neben dem Eingang Stellung bezog. Insgeheim nannte Michael ihn wegen seiner ausgeprägten Nacken- und Schultermuskulatur Trapezius.
»Er arbeitet für Pawel Danilow«, erklärte er, nachdem sie sich gesetzt hatten.
»Und warum brauchst du einen Bodyguard?«
Wo beginnen? Michael fuhr sich mit der Hand über den Kopf. Seit Thomas ihn beauftragt hatte, für das Wissenschaftsjournal eine Reportage über den Transhumanismus zu schreiben, war so viel geschehen, dass es ihm vorkam, als lebe er das Leben eines anderen. Er war in die USA gefahren, um Interviews zu führen, und hatte dabei die illegalen Machenschaften eines Unternehmens aufgedeckt. Man hatte ihn nach Russland entführt, dort hatte er seinen Onkel kennengelernt und endlich die Ursache für das Zittern gefunden, das ihn zum Abbruch seiner Facharztausbildung gezwungen hatte.
Und er hatte sich verliebt. Schon der Gedanke an Katarzyna Szewińska löste ein Ziehen in seiner Brust aus. Michael beschloss, mit dem Einfachsten zu beginnen.
»Ich leide an Morbus Wilson«, sagte er. »Das ist eine Kupferspeicherkrankheit, die durch einen genetischen Defekt verursacht wird. Unbehandelt führt sie zum Tod, doch ich nehme Chelatbildner, und inzwischen hat sich der Kupferspiegel in meinem Körper stabilisiert. Bald stelle ich auf Zink um. Meine Leber ist zum Glück noch nicht stark beschädigt. Mit der richtigen Ernährung kann ich ein beschwerdefreies Leben führen.« Er hob sein Wasserglas und prostete Thomas zu. »Nur als Chirurg werde ich nie arbeiten.«
Thomas wirkte betroffen. »Du klingst erstaunlich gelassen.«
Michael blickte aus dem Fenster und betrachtete die Altbauten auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Er war als Student nach Berlin gezogen und hatte sich sofort wie zu Hause gefühlt. Die breiten Gehsteige waren ihm nach der Enge Manhattans luxuriös vorgekommen, der Himmel über den niedrigen Wohnblöcken weit. Jetzt verglich er Berlin mit Moskau. Wie pragmatisch seine Wahlheimat im Vergleich zur Zwölf-Millionen-Metropole wirkte. Entspannt, beinahe familiär.
Er drehte sich wieder Thomas zu. »Gelassen ist vielleicht etwas übertrieben. Im Moment beschäftigen mich allerdings andere Dinge mehr.«
Er begann zu erzählen. Von seiner Reise in die USA. Den Interviews, die er dort geführt hatte. Wie er auf eine Klinik gestoßen war, die mit Blutplasma von Kindern handelte. Jesse, ein vierjähriger Junge aus Seattle, war an den Folgen der Transfusion gestorben. Der Skandal hatte hohe Wellen geschlagen, doch der Name des Kunden, der sich Jesses Blutplasma hatte spritzen lassen, war nie an die Öffentlichkeit gedrungen. Kurz bevor das FBI die Ermittlungen aufgenommen hatte, war ein Hackerangriff auf verschiedene amerikanische Gesundheitseinrichtungen verübt worden, dabei waren Daten verschwunden, unter anderem auch die Patientenakte des Kunden.
»Ich bin überzeugt, dass der russische Staat hinter der Cyberattacke steckt«, sagte Michael.
»Warum?«, fragte Thomas.
»Bei dem Kunden handelt es sich um Oleg Wolkow.«
Thomas blinzelte. »Der Oleg Wolkow? Oligarch und Besitzer von Wolkow Industries?«
Michael nickte.
Thomas stieß einen leisen Pfiff aus. »Jetzt verstehe ich, warum du einen Bodyguard brauchst!«
»Ich weiß nicht, ob Wolkow mich immer noch zum Schweigen bringen will. Ich habe keine Beweise dafür, dass er sich Jesses Blutplasma hat spritzen lassen.«
»Bist du deshalb untergetaucht?«
Michael schnaubte. »So kann man es auch nennen.«
Ausführlich erklärte er, wie er in seinem Hotelzimmer in Kalifornien betäubt und nach Russland entführt worden war. Nicht von Oleg Wolkow, sondern von Pawel Danilow.
»Er hat behauptet, dass er mich vor Wolkow schützen wolle. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass nicht nur Wolkow hinter mir her war, sondern auch Vita. Viktorija Sergejewna Danilow«, fügte er hinzu. »Pawels Frau.«
Thomas lachte laut, verstummte aber, als er merkte, dass Michael nicht scherzte. »Er hat dich entführt, um dich vor seiner Frau zu schützen?«
»Unter anderem.« Es fiel Michael schwer, Pawels Vorgehensweise in wenigen Sätzen zu begründen. »Pawel ist mein Onkel.«
Bis zu seinem sechzehnten Geburtstag hatte Michael geglaubt, Henry Sanders sei sein Vater. Erst durch die Ereignisse der letzten Monate war ihm klar geworden, warum seine Mutter ihm nicht die Wahrheit sagen wollte. Weil Julia um ihr Leben, ja sogar um seines gefürchtet hatte.
Sie hatte Andrej Danilow kurz nach der Wende kennengelernt. Glasnost und Perestroika waren damals in aller Munde, auf dem internationalen Parkett wurde Michail Gorbatschow wie ein Held gefeiert. In der Sowjetunion aber herrschte nach wie vor Unsicherheit, und die Angst vor dem Staat saß tief. Andrejs Vater hatte als Chemiker für das Militär gearbeitet. Dass sein Sohn eine Ausländerin heiraten wollte, konnte er nicht dulden. Julia stellte für ihn eine Bedrohung dar, also musste sie weg.
Michael schauderte, als er daran dachte, was man ihr angetan hatte. Mitten in der Nacht war sie abgeholt und in ein ehemaliges Gefängnis verschleppt worden. Man hatte ihr Fotos einer übel zugerichteten Leiche gezeigt und behauptet, es handle sich um Andrej. Sie wurde wegen Mordes beschuldigt und tagelang verhört. Schließlich gelang ihr die Flucht. Danach hatte sie sich achtundzwanzig Jahre lang vor der Welt versteckt. Hätte Michael nicht ausgerechnet seinen Onkel Pawel um ein Interview gebeten, würde sie heute noch zurückgezogen in ihrem Haus in Upstate New York leben.
»Du hast Pawel Danilow also angeschrieben, ohne zu wissen, wer er ist?«, fragte Thomas, nachdem Michael ihm die Geschichte erzählt hatte.
Michael zuckte die Schultern. »Zufall, Schicksal, nenne es, wie du willst. Er betreibt eine Kryonikanlage in Russland. Er ist überzeugter Transhumanist. Es war naheliegend, ihn anzuschreiben. Wie du dir denken kannst, gibt er keine Interviews, ohne vorher Erkundigungen über den jeweiligen Journalisten einzuholen. Als ich nach Berlin kam, habe ich meinen Namen von Sanders in Wild geändert. Den Mädchennamen meiner Mutter.« Er spürte, wie ihm die Röte ins Gesicht schoss. »Ich weiß, trotzig wie ein Kind. Dabei hätte ich mir keinen besseren Vater als Henry vorstellen können. Jedenfalls kannte Pawel den Namen und stellte Nachforschungen an. Ihm war schnell klar, dass Andrej mein Vater sein musste.«
Michael holte sein Handy hervor und rief ein Foto von Andrej auf. Die Ähnlichkeit zwischen ihnen war frappant. Breite Stirn, gerade Nase, hellgraue Augen. Sandblondes Haar, ein markantes Kinn.
Thomas schüttelte ungläubig den Kopf. »Ich brauche noch ein Bier.«
Er kam mit einem weiteren Pils und einer zweiten Flasche Mineralwasser zurück.
»Ich wünschte, ich hätte Andrej Danilow gekannt«, sagte Michael.
»Hat deine Mutter nie erfahren, dass er noch am Leben war?«
»Damals gab es kein Internet. Und als Andrej vor einem halben Jahr wirklich verschwand, haben die Medien außerhalb Russlands kaum darüber berichtet.« Michael betrachtete die Blasen, die in der Flasche aufstiegen. »Wenn ich Pawel ein halbes Jahr früher angeschrieben hätte …«
»Ich dachte, Andrej sei ertrunken.«
Stumm schüttelte Michael den Kopf. Er hatte seinen Vater nie getroffen, trotzdem empfand er Trauer, wenn er an ihn dachte. Andrej war von seiner eigenen Familie verraten worden. Seine Eltern hatten behauptet, Julia habe ihn verlassen. Andrej kam darüber nie hinweg. Vor sieben Jahren kehrte er der Welt den Rücken und trat in ein Kloster ein.
»Als er sein Vermögen der Kirche spenden wollte, wehrten sich Pawel und Vita mit allen Mitteln.«
»Das erstaunt mich nicht«, sagte Thomas. »Pawel Danilow verspricht seinen Kunden ewiges Leben. Das Paradies auf Erden. Für die Kirche eine Provokation. Sie hätte alles darangesetzt, ihn zu ruinieren.«
Michael nickte. »Es kommt noch schlimmer. Pawel gehören nur neunundvierzig Prozent des Konzerns. Zwei Prozent befinden sich im Besitz eines nicht namentlich bekannten Aktionärs. Hätte Andrej der Kirche seine Anteile vermacht, und wäre es dieser gelungen, den unbekannten Aktionär ausfindig zu machen …« Michael...
Erscheint lt. Verlag | 19.8.2024 |
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Verlagsort | Zürich |
Sprache | deutsch |
Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Krimi / Thriller |
Schlagworte | Berlin • DDR • Deutschland • Kriminalroman • Kryonik • Künstliche Intelligenz • Russland • Sowjetunion • Spannung • Thriller • Transhumanismus • Unsterblichkeit • USA • Wissenschaft • Zukunft |
ISBN-10 | 3-293-31124-5 / 3293311245 |
ISBN-13 | 978-3-293-31124-4 / 9783293311244 |
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