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Der deutsche Puls der Zeit - Ein Requiem auf den Dialog - Von Ausgrenzung, Heuchelei und neuem Militarismus -  Leonid Sachse

Der deutsche Puls der Zeit - Ein Requiem auf den Dialog - Von Ausgrenzung, Heuchelei und neuem Militarismus (eBook)

eBook Download: EPUB
2023 | 1. Auflage
210 Seiten
Verlag DeBehr
978-3-98727-111-3 (ISBN)
Systemvoraussetzungen
4,99 inkl. MwSt
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'Die Denkpest geht um.' So propagierte ein Nachrichten-Portal ganz offen. Medien und Politik erziehen zu unmündigen, braven Bürgern. Wo war all der geistvolle Glanz meiner Heimat abgeblieben? Leonid Sachse fühlt sich mittlerweile fremd in der eigenen Heimat und will schließlich das Land verlassen. Mit dem Zug reist er umher, steigt mehrfach um, doch kommt er nie ans Ziel. Auf seinen Irrwegen reflektiert er den gegenwärtigen Puls der Zeit. Ausgehend vom Hohelied des Dialogs zur Zeit der friedlichen Revolution verfolgt der Protagonist mitunter ironisch die letzten Jahrzehnte, die Corona-Zeit, aber auch neue Tabus, z. B. in der Kinderliteratur, das ruinöse Bildungssystem oder den Hass, der russischstämmigen Bürgern seit dem Krieg entgegenschlägt. Sachse, dem Sachsen, gelingt ein Blick hinter die Kulissen, er deckt so manche Heuchelei auf bei denjenigen, die Vielfalt lauthals propagieren und doch nichts anderes als auszugrenzen vermögen; dabei basieren Sachses Tatsachen auf realen Zeitungsmeldungen seriöser Presseorgane, die in ihrer erstaunlichen Dichte und Fülle die Widersprüchlichkeiten unserer Zeit sezieren. Ein Weckruf, geschrieben in ernster Sorge um unsere Demokratie und nicht zuletzt aus dem Bedenken heraus, dass der Friede in Europa bald einem ausufernden Krieg weichen könnte.

 

Lob den Rundungen, Wut den Grinsebacken


Ich steige aus, nein, vielmehr um. Der andere Zug hat Verspätung. Die Bahnhofstoilette ist nicht nur ein Ort basaler menschlicher Organfunktionen, sondern zugleich eine Stätte, an der die Errungenschaften des technischen Fortschrittes zelebriert werden. Münzeinwurf in den Automaten, dann öffnet sich die unüberwindliche Glasschranke, eine Werbewand mit dämlich grinsenden Gesichtern kommt näher, ich gehe dem Foto mit der attraktiven Blondine nach und lande auf der Damentoilette. Im richtigen Kabuff nachher kleine Fernseher über den Urinalen, Werbebilder wechseln im Rhythmus der kontraktierenden Blasenmuskulatur. Auf dem Boden Müll, die Wände beschmiert, ob allein von Farbstiften, bleibt unklar, die Toilettensitze will ich erst gar nicht schildern. Beim Hinausgehen kann ich an einem interaktiven Bildschirm auf Gesichtchen drücken, von lächelnd bis wütend. Man will wissen, ob ich mit dem Aufenthalt zufrieden war. Bewerten statt mit jemandem sprechen können. Statt Rückgrat aufbringen, um sofort die Meinung zu sagen, die neueste Mode heimlichen Kritikübens: im Restaurant, in der Cafeteria, im Zug, auf dem Klo genauso wie in den anonymen Kommentarfunktionen des Internets. Kommunikation wird so überflüssig und stattdessen trainiert man in subtiler Weise das Denunzieren. Und die am Urinal erlebte Verwahrlosung öffentlichen Raumes berichtet wortlos vom Zustand der Gesellschaft.

Da kommt der Anschlusszug: Rechtzeitig aufspringen, einen Sitzplatz ergattern, das Ziel ist verheißend, der Sommerfreuden versprechende Urlaubsort am Meer. Auch damals, vor über dreißig Jahren, stiegen wir um, stiegen ein in einen neuen Zug. Das alte Land ließen wir komplett hinter uns – es wurde abgewickelt. War je ein Staat rigoroser verschrottet worden, als der unsrige? Die Industrie verschwand, mit ihr vertraute Produkte und bewährte Alltagsgegenstände, die Wissenschaftsinstitutionen wurden aufgelöst, die Eliten in Verwaltung, Politik, Lehre und Forschung ausgetauscht, und mit dem kompletten Auswechseln verschwand die Geschichte, denn die Menschen traten aus ihrer eigenen heraus in die eines anderen Landes, waren zum Verschmelzen gezwungen mit dem, was den anderen integrativer Bestandteil ihres Seins war; so blieb ihrem Erlebten nur die Geschichtssendung im Fernsehen und der Feuilleton in den neuen, von Großkonzernen abhängigen Zeitungen vorbehalten, und die schrieben fortan, wie das Erlebte gewesen war.

Die Nacktbadestrände verschwanden ebenso rasant, wie die Erotikläden öffneten. Wie hatten noch in den 1980er Jahren die Nudisten Meter um Meter Strand erobert, bis den Verklemmten nur noch winzige Fleckchen vorbehalten waren! An den gelben Zeitungskiosken der Städte prangten weithin sichtbar Aktposter zum Kauf: eine schöne Frau und einen Kiosk weiter paritätisch ein schöner Mann. Jeder konnte sich demnach erfreuen, und wer sich unschlüssig war, kaufte beide oder legte sie von einer grellen Leuchtstoffröhre durchschimmert halt übereinander. Niemand nahm Notiz, niemand empfand dies als anstößig, genauso wenig wie die entblößte Statuen, Atlanten und Karyatiden zierenden Hausfassaden einer überkommenen ornamentverliebten Zeit. Nun plötzlich schämte man sich der Natürlichkeit, der Ästhetik des unbekleideten menschlichen Körpers; Nacktheit wurde sexualisiert und Tabu einer ständig nach Erregung und Empörung – die ja auch nur Ventil einer Erregung ist – heischenden Öffentlichkeit. Die Sexualisierung der Nacktheit ist vielleicht oberflächlich Prüderie, doch ging sie einher mit einer alle Lebensbereiche erfassenden Gewichtung äußerlicher Werte. Die Form dominiert den Inhalt. Nicht meine Persönlichkeit, mein Schaffen, meine Anschauungen räumen mir einen Platz in der Gesellschaft ein, sondern Geld, Geld und ein optimierter Körper. Da diesen kaum einer vorweisen kann, wird entweder operiert, tätowiert oder tabuisiert.

Diese Entwicklung äußert sich längst sprachlich, vor allem in der politischen Debatte. Das englische Pejorativ für den Geschlechtsverkehr ziert Hausfassaden, Verkehrszeichen, Laternenpfähle, haftet als Aufnäher sogar an Rucksäcken, meist unter Auslassung einiger Buchstaben – es ist also im Alltag allgegenwärtig. Es fordert zum sexuellen Verkehr mit einer bestimmten Partei, meist aber mit der Polizei auf und fordert doch nicht auf, denn es beschimpft, wertet nicht nur die Polizei oder politische Gruppierungen ab, sondern entwertet beiläufig die schönste Sache der Welt, die Liebe, zu der auch die körperliche gehört. Einerseits spricht aus dieser politischen Agitation Verklemmtheit, vielleicht manch unerfüllt gebliebener, nunmehr auf ein anderes Subjekt verschobener Wunsch des jeweiligen Schmierfinken oder der Schmierfinkin, andererseits offenbart diese Agitation eine bedenkliche Haltung, sich anderer Anschauungen per Sprühdosenstrich zu entledigen. Sicherlich, derbe Sprache ist mitunter ein notwendiges, weil emotional zugespitztes Mittel des Meinungsaustausches, aber als ausschließliches lässt sie die Kommunikation letztlich ersterben.

Vielleicht begleitete die Zunahme der Körpermasse die schrittweise Sexualisierung und Verlagerung der Nacktheit ins Internet, bedingt durch anderen Lebensrhythmus, Stress und Schlafmangel, und vor allem: andere Ernährungsgewohnheiten. Wie hatten Mutter und Oma dereinst vor einem lange angekündigten Familienbesuch in den verschiedensten Läden angestanden, manchmal vergeblich, um dann am Herd ein Essen zu zaubern, serviert auf der Sonntagstischdecke mit den Stickereien, mit Stoffservietten und dem guten Kahlaer Porzellan, der Exportvariante, die keine Glasurfehler hatte, umrundet von der gelben Keramikblumenvase aus dem inzwischen verschwundenen Haldenslebener Werk und Uromas Hochzeitssilberbesteck, das mit einer Tube „Elsterglanz“ zum Glitzern gebracht wurde. Und heute? Über das Mobiltelefon geht die Bestellung beim Lieferdienst ein; eine halbe Stunde später sitzen alle zu Tisch und fressen, ja fressen, mit klebrigen Händen aus aufgefalteten Pappkartons. Ja, die Menschen sind gewichtiger geworden, deswegen wirklich unästhetischer? Bereitet es nicht ein höheres Vergnügen, sich in weichen Rundungen zu vergraben, als die Finger an Knochenvorsprüngen zu prellen? Die Äußerlichkeiten erscheinen – wie immer wieder rezipiert worden – als banal und sekundär vor den Seelentiefen, die menschliche Abgründe aufzeigen.

Neben der ins Unnatürliche verbannten Nacktheit gab es in den Jahren nach der Wendezeit bald weitere Tabus: Freunde sprachen fortan nicht mehr über die Höhe ihres Einkommens. Der Beruf wurde zum Job; die Jobs dabei auf Niedriglohnniveau gehalten; drei Jahrzehnte nach der Einheit verdient im „Osten“ kaum jemand Tariflohn. Und selbst die Arbeitsprozesse veränderten sich unter dem Diktat der ständigen Verbesserung, das Unruhe und Überforderungserleben in die Belegschaften trug sowie eine Ellenbogenmentalität förderte. Die betriebswirtschaftlich notwendige Anpassung an den wissenschaftlich-technischen Fortschritt ist ohne Zweifel notwendig, doch, wie so oft, wenn der Deutsche sich einer Angelegenheit annimmt, verkehrt er sie in eine Manie. Jeder hat das bereits erlebt: Ein neuer Chef – und alles muss umgekrempelt werden, damit seine Wichtigkeit von Mann und Maus wahrgenommen wird. Der frisch erlernte aufrechte Gang wurde in den Fabriken und Büros wieder ein gekrümmter; Kasernengehorsam zog in die Arbeitswelt; Kollege sein und dennoch vertrauenswürdiger Freund eine Seltenheit.

Der deutschen Alltagssprache ward innerhalb kürzester Zeit ein durchgreifender Umbau zuteil. Wendungen, wie „Sinn haben“, wurden als „Sinn machen“ anglisiert; „relaxen“ und „powern“, früher gelegentliche Raffinessen in der Literatursprache, wurden Alltag. Das englische Wort „ticket“ ersetzte gleichermaßen Fahrkarte, Fahrschein, Flugschein und Eintrittskarte. Stilblüten waren der Back-Shop, ehemals Bäckerei, oder der Gift-Shop, der Geschenkeladen oder etwa doch die Werkstatt eines Giftmischers? Nicht zu vergessen der Snack-Point, vormals Imbiss, und der Info-Point.

Dieses bis dato anhaltende Bombardement unserer Muttersprache förderte zugleich eine Verarmung der deutschen Sprache an Ausdruck und inhaltlichen Nuancen. Eine damals viel diskutierte Fernsehwerbung für einen Joghurt spiegelte der Nation – ob bewusst oder unbewusst, sei hier dahingestellt – den Sprachumbau aus dem Munde eines Kleinkindes in einer typisch englischen Syntax: „Weil er ist gesund“. Ganz aktuell bemerken wir eine Bedeutungserweiterung des Adjektivs „viral“, die im Englischen bereits Jahre vor der Coronapandemie einsetzte, nun endlich hierzulande ebenfalls gebraucht, um sich wie Lauffeuer verbreitende Nachrichten zu kennzeichnen, die man bislang als sich wie ein Lauffeuer verbreitende Nachrichten bezeichnet hatte. „Ikonisch“ ist ein weiteres Adjektiv, das sich zurzeit epidemisch verbreitet. War bislang mit der Ikone das orthodoxe Heiligenbild verknüpft, erfuhr das Substantiv innerhalb der letzten zwei, drei Jahre einen Bedeutungszuwachs, der im Englischen vorausgegangen war. „Ikone“ steht heute für einen Menschen mit hervorragender Popularität – im wohlwollenden Sinne; und ebenso wird das Schaffen Einzelner mit dem entsprechenden Adjektiv belegt, vor allem in den schnelllebigen Onlinemedien, deren sprachlicher Anspruch ohnehin schon bedenklich belanglos geworden ist. Der allgemeine Konformitätsdruck beziehungsweise der dem Deutschen innewohnende preußische Gehorsam bedingen die Verbreitung jedweden Stuss‘ mit Lichtgeschwindigkeit von der See bis zu den Alpen. Heute gesellen sich zu dieser bis in die Gegenwart anhaltenden...

Erscheint lt. Verlag 8.6.2023
Sprache deutsch
Themenwelt Sozialwissenschaften Politik / Verwaltung
ISBN-10 3-98727-111-6 / 3987271116
ISBN-13 978-3-98727-111-3 / 9783987271113
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