Tödliche Inszenierung: Österreich Krimi (eBook)
250 Seiten
Federfrei Verlag
978-3-99074-033-0 (ISBN)
Abteilungsinspektor Erich Oberbacher ist nach seiner Hüft-OP noch immer im Krankenstand, als er aus der Zeitung erfährt, dass im Bezirk Perg ein schrecklicher Mord passiert ist. Der Münzbacher Fleischindustrielle Andreas Lechner ist in seiner Villa in Rechberg gefoltert und mit einem Schlachtschussapparat ermordet worden. Doch der Fall scheint schnell gelöst zu sein. Hans Aschenbrenner, ein gekündigter Ex-Mitarbeiter Lechners, hat am Stammtisch den Mord angedroht und die Tatwaffe wird auf seinem Anwesen gefunden. Doch während Aschenbrenner im Verhör die Tat leugnet, wird ein weiterer Unternehmer, der Pabneukirchener Holzindustrielle Rudolf Schacherreiter, ebenfalls gefoltert und mit der Kreissäge geköpft tot aufgefunden. Oberbacher und sein Team sind ratlos. Noch dazu scheinen alle Verdächtigen ein felsenfestes Alibi und kein Motiv für die Morde zu haben. Bis es Oberbacher wie Schuppen von den Augen fällt und er - fast zu spät - die Zusammenhänge erkennt.
Werner Wöckinger, geboren 1967 in Linz, lebt mit seiner Frau und seinen drei Söhnen in Mauthausen. Der hauptberufliche Rettungssanitäter hat neben lyrischen Texten und mehreren Theaterstücken bereits sechs Kinderbücher und zwei Kriminalromane, den Ökokrimi »Die Sonne geht nie unter« und das Flüchtlingsdrama »heimat.fremde«, veröffentlicht. Nähere Informationen zu seinen Publikationen finden Sie auf: www.wernerwoeckinger.at.
30. November
»Erich, Frühstück ist fertig!«
Marianne hatte den Tisch liebevoll gedeckt, Semmeln lagen im Brotkörberl, die Butter lachte mich an, und der Kaffee verbreitete sein mildes Aroma. Zwei Blatt Schinken und ein Blatt Aufschnittkäse landeten zwischen Boden und Deckel meiner Semmel, ein Löffel Zucker und ein paar Tropfen Milch im Kaffee.
»Setzt du dich zu mir?«, wollte ich wissen und kaute schon am ersten Bissen.
»Ich bin spät dran, lass es dir schmecken«, hastete sie durchs Haus. Marianne hatte zwar Gleitzeit, wollte aber spätestens um halb acht im Büro sein, um die Morgenstunden, in denen das Telefon noch schwieg, nutzen zu können.
Ich nahm entspannt die Donnerstagausgabe meiner Tageszeitung zur Hand, dabei stach mir sofort die ungewöhnliche Titelstory ins Auge.
»Hast du meine Lesebrille gesehen?«, fragte ich ohne Hoffnung auf eine Antwort.
»Wann hast du sie das letzte Mal getragen?«, hörte ich Marianne aus der Diele.
»Keine Ahnung.«
Ich durchstöberte das Wohnzimmer auf der Suche nach meiner Lesehilfe, fand sie nach geraumer Zeit unter dem Fernsehmagazin und nahm wieder am Esstisch Platz.
BRUTALE HINRICHTUNG IN RECHBERG stand da in riesigen Lettern.
Und darunter: Perg. Andreas Lechner, Inhaber des gleichnamigen Fleischimperiums, wurde gestern in seiner Villa gefoltert und getötet, berichtete die Tagespost.
Das große Bild darunter zeigte zwei schwarz gekleidete Männer, die einen blechernen Sarg aus dem Haus trugen. Ein kleineres Foto war aus großer Entfernung mit riesigem Zoom durch eine Fensterscheibe und einen Store hindurch aufgenommen worden. Man sah schemenhaft eine Leiche zusammengesunken auf einem Stuhl festgemacht und eine Menge Blut ringsherum.
»Die Polizei geht von einem Gewaltverbrechen aus. Der Unternehmer war offensichtlich brutal gefoltert worden, ehe er seinen Verletzungen erlag. Weitere Details auf den Seiten vier und fünf«, las ich halblaut.
Ich blätterte um und las den ganzen Bericht. Bis jetzt dachte ich, dass brutale Morde, Folterung und Verstümmelung Sache von Mafiagangstern und organisierten Kriminellen in den Großstädten waren. Das hörte man aus Amerika, gelegentlich aus Wien, aber Oberösterreich war, was brutale Tötungsdelikte betraf, eher ein Schlaraffenland.
Jetzt war alles anders. Ich konnte mich nicht erinnern, jemals so etwas Grauenvolles in meiner Laufbahn als Polizist im Bezirk Perg gesehen zu haben. Sollte ich mich glücklich schätzen, dass die Chefärztin mich noch für weitere zwei Wochen krankgeschrieben hatte, oder sollte ich mich ärgern, dass ich hilflos zum Zuschauen verdammt war?
»Marianne, warte!«, rief ich und ließ meine Wurstsemmel fallen. Ich trank den Kaffee aus und wickelte die Semmel in eine Serviette ein. »Ich komme mit!«
»Wohin?«, wollte sie wissen.
»Du musst mich am Posten absetzen.«
»Du bist doch noch krankgeschrieben«, wunderte Marianne sich.
»Ja, schon. Aber deswegen kann ich meine Kollegen doch besuchen und Hallo sagen!«
Mit einem gequälten Lächeln hielt sie mir die Tür auf und verließ nach mir das Haus. Ich mühte mich auf den Beifahrersitz. Nach meiner Operation, bei der ich eine Hüfttotalendoprothese eingesetzt bekommen hatte, war ich langsam auf dem Weg zurück zu alter Stärke.
Die Tests bei der letzten chefärztlichen Untersuchung hatten allerdings ergeben, dass mein Bein noch nicht so belastbar war, um wieder Auto fahren zu können. Beim Treten des Kupplungspedals kam eine zu hohe Belastung auf meine operierte Hüfte. Solange das nicht ging, würde ich im Krankenstand bleiben.
Wie schnell konnten sich Meinungen und Überzeugungen ändern, wunderte ich mich. Sosehr ich die Operation und die damit einhergehende Auszeit herbeigesehnt und genossen hatte, so entsetzlich leer war mein Leben seit der Rehabilitation. Ich konnte ohne Krücken gehen, mich frei im Haus bewegen. Daher saß ich jetzt die meiste Zeit zu Hause herum oder leerte eifrig den Kühlschrank, statt meine Gymnastikübungen zu machen.
Das Faulenzen musste ein Ende haben. Es war an der Zeit, wieder zu den Lebenden zurückzukehren. Ich konnte genauso gut in meinem Büro sitzen und den Einsatz vom Schreibtisch aus leiten, mein Gehirnschmalz einbringen und damit meine Mitarbeiter unterstützen. Es ging nicht darum, dass ich meinem Team nicht zutraute, ohne mich fertigzuwerden, sondern einzig und allein darum, dass ich in meinen eigenen vier Wänden verrückt wurde.
*
Er hat seinen Plan eins zu eins umgesetzt, nicht einen Moment gezögert oder gezaudert. Zu Hause muss er sich zwar übergeben, kauert für einige Zeit wie betäubt am Badewannenrand.
Danach fühlt er sich aber frei und beflügelt. Die Tat war ein Befreiungsschlag, und es hat gut getan. Er hat es tatsächlich gemacht, sich nicht von eingetrichterten Moralvorstellungen oder Skrupeln abhalten lassen. Minuten später weiß er, dass er es wieder tun wird. Er empfindet ein Gefühl der Macht und fühlt sich bestärkt in seinem Tun. Es war richtig und wichtig.
Diese Welt ist ungerecht und böse. Es ist ihm durchaus bewusst, dass auch er unrecht gehandelt hat. Gleichzeitig sieht er aber seine Mission, die es zu erfüllen gilt. Die Welt soll letzten Endes gerechter und besser werden. Ein neuerliches Unrecht macht ein begangenes Unrecht nicht wett, hat man ihm weismachen wollen. Gerade eben fühlt er aber die Bestätigung, dass dem nicht so ist.
Er muss sich, seine Seele opfern, um eine bessere Welt zu erschaffen. Vielleicht ist es das, wofür er auserkoren ist.
*
Es war ein seltsames Gefühl, als ich die Dienststelle betrat. Ich hatte mich seit meiner Verletzung inklusive Warten auf den OP-Termin, Krankenhausaufenthalt und Reha fast vier Monate lang nicht anschauen lassen, und alle rechneten damit, dass es noch zwei bis drei Wochen dauern würde, bis ich wieder meinen Dienst antrat. Zögerlich stieß ich die Eingangstür auf und grüßte Kollegin Müller, die wie so oft Journaldienst versah.
Ich steuerte geradewegs auf den Stabsraum zu, da ich davon ausging, dass unsere Truppe sich wie gewöhnlich dort versammelt hatte. Nachdem mein Klopfen nicht erwidert worden war, trat ich unaufgefordert ein.
Die ersten Erkenntnisse waren in gewohnter Art und Weise auf dem Whiteboard verewigt worden. Neugierig studierte ich die Tatortfotos.
Hier bekam ich die detaillierten und scharfen Originale zur unscharfen Kopie der Zeitung geliefert. Lechner war in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch mit einem Strick an seinen Stuhl gefesselt und längere Zeit gefoltert worden, ehe er durch einen Kopfschuss erlöst worden war. Die Kopfverletzung wies eine seltsame Deformierung auf und war definitiv nicht auf eine herkömmliche Schusswaffe zurückzuführen.
Andere Fotos zeigten, dass der oder die Täter das Wohnzimmer und andere Räume in der Villa verwüstet hatten. Vitrinen waren zerschlagen, Vasen zerstört, Kästen umgestürzt, und der Gasgriller schwamm im Pool.
Mit roten Linien war auch das umfangreiche Firmengeflecht von Lechners Fleischimperium skizziert. Ihm gehörten nicht nur die bekannte, gleichnamige Fabrik, sondern auch fast ein Dutzend Tochterfirmen und Subunternehmen, wie es schien. Meine Mannschaft hatte tolle Arbeit geleistet. Ich konnte richtig sehen, wie Max an seinem Rechner hing und wie ein Wilder drauflos recherchiert hatte.
»Erich?«, hörte ich hinter mir eine vertraute Stimme. Major Berger stand in der Tür und schien sich über meine Anwesenheit zu freuen.
»Hallo!«, erwiderte ich schüchtern, fühlte mich auf frischer Tat ertappt.
»Ich dachte, du seist noch im Krankenstand?«
»Bin ich auch. Aber als ich heute Morgen die Zeitung aufgeschlagen habe, konnte ich es zu Hause nicht mehr aushalten.«
»Komm mal mit in mein Büro. Willst du einen Kaffee?«
Ich folgte ihm, und wir plauderten einige Minuten bei einer Tasse Kaffee. Man hatte das Gefühl, wir wären alte Freunde, die sich schon lange nicht mehr gesehen hatten. Kein Anzeichen einer Verstimmung, kein Misston, aber auch keine Hektik, wo es doch galt, einen brutalen Mord aufzuklären.
Nachdem ich zehn Minuten über meine Operation und meinen Heilungsprozess berichtet hatte, platzte die Neugierde aus mir heraus.
»Gibt es schon einen Verdacht?«
»Nein, das ist noch zu früh. Wir stehen noch ganz am Anfang der Ermittlungen.«
Und dann weihte Berger mich in alle Details der Ermittlungen ein, so als wäre ich Teil des Teams und kein neugieriger Kranker. Max hatte zuallererst überprüft, welche Arbeiter Lechner in den letzten zwei Jahren entlassen hatte. Es war nicht auszuschließen, dass ein ehemaliger Mitarbeiter sich gerächt hatte.
Lisa war gerade dabei, die privaten Umstände zu durchleuchten. Lechner war verheiratet und hatte zwei Kinder. Der Sohn, Anfang zwanzig, hatte sich zum Tatzeitpunkt in Bologna aufgehalten, führte dort geschäftliche Verhandlungen mit einem...
Erscheint lt. Verlag | 2.11.2018 |
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Sprache | deutsch |
Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror |
ISBN-10 | 3-99074-033-4 / 3990740334 |
ISBN-13 | 978-3-99074-033-0 / 9783990740330 |
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