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Die Verzauberung der Lily Dahl (eBook)

eBook Download: EPUB
2023 | 1. Auflage
288 Seiten
Rowohlt Verlag GmbH
978-3-644-00480-1 (ISBN)
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Nächtliche Blicke in ein erleuchtetes Fenster: Ein halbnackter, muskulöser Mann malt selbstvergessen und schweißgebadet an einem Ölbild. Die junge Lily Dahl, die ihn aus ihrem Fenster jenseits der Straße beobachtet, ist fasziniert. Abend für Abend schaut sie ihm zu, und eines Nachts schaltet sie ihr eigenes Licht an und zieht sich für ihn aus ... Mit großem erzählerischem Raffinement inszeniert Siri Hustvedt ein Verwirrspiel von Fiktion und Wirklichkeit, von Albtraum und Wahn, in dem die wagemutige Lily zum Opfer männlicher Fetischphantasien wird. «Die Verzauberung der Lily Dahl» ist ein erotischer Psychothriller, ein Roman über die Abgründe der menschlichen Sexualität und über die seltsame, verstörende Macht der Kunst. «Ein seltsamer Zauber liegt über diesem Buch.» «Die Zeit»

Siri Hustvedt wurde 1955 in Northfield, Minnesota, geboren. Sie studierte Literatur an der Columbia University und promovierte mit einer Arbeit über Charles Dickens. Bislang hat sie sieben Romane publiziert. Mit «Was ich liebte» hatte sie ihren internationalen Durchbruch. Zuletzt erschienen «Die gleißende Welt» und «Damals». Zugleich ist sie eine profilierte Essayistin. Bei Rowohlt liegen von ihr die Essaybände «Nicht hier, nicht dort», «Leben, Denken, Schauen», «Being a Man», «Die Illusion der Gewissheit»  und «Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen» vor.

Uli Aumüller übersetzt u. a. Siri Hustvedt, Jeffrey Eugenides, Jean Paul Sartre, Albert Camus und Milan Kundera. Für ihre Übersetzungen erhielt sie den Paul-Celan-Preis und den Jane-Scatcherd-Preis. Siri Hustvedt wurde 1955 in Northfield, Minnesota, geboren. Sie studierte Literatur an der Columbia University und promovierte mit einer Arbeit über Charles Dickens. Bislang hat sie sieben Romane publiziert. Mit «Was ich liebte» hatte sie ihren internationalen Durchbruch. Zuletzt erschienen «Die gleißende Welt» und «Damals». Zugleich ist sie eine profilierte Essayistin. Bei Rowohlt liegen von ihr die Essaybände «Nicht hier, nicht dort», «Leben, Denken, Schauen», «Being a Man», «Die Illusion der Gewissheit»  und «Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen» vor.

Eins


SIE beobachtete ihn seit drei Wochen. Seit Anfang Mai war sie jeden Morgen ans Fenster gegangen, um nach ihm zu schauen. Es war immer früh, kurz vor der Dämmerung, und soviel sie wußte, hatte er sie nie gesehen. Beim ersten Mal hatte Lily morgens die Augen geöffnet und einen Lichtschein entdeckt, der aus einem Fenster im Stuart Hotel gegenüber kam. Als sie näher hingegangen war, hatte sie ihn in dem leuchtenden Rechteck gesehen: einen schönen Mann vor einer großen Leinwand. Bei der Hitze nur im Slip, stand er eine Minute lang so still, daß er ihr unwirklich vorgekommen war. Aber dann hatte er angefangen, sich zu bewegen, hatte seinen ganzen Körper eingesetzt, um zu malen, und Lily hatte beobachtet, wie er sich streckte, sich bückte, nach vorn stieß und sogar vor der Leinwand niederkniete. Sie hatte beobachtet, wie er hin- und herlief, sich mit den Händen fest das Gesicht rieb und rauchte. Der Mann rauchte Zigarillos, die er sich, sobald er eine Pause machte, um nachzudenken, zwischen die Zähne klemmte. Und manchmal, wenn er einfach nur rauchte, nickte er dem Gemälde zu, als spräche er mit ihm. Lily hatte die Linien seiner Muskeln studiert, das helle Braun seiner Haut und wie sie im Licht schimmerte, aber sie hatte nicht gesehen, was er malte. Die Vorderseite der Leinwand war immer unsichtbar für siegewesen.

Die Division Street war breit und baumlos. Das Zimmer des Mannes lag mindestens zwanzig Meter von Lilys Zimmer entfernt, und sie hatte ihn noch nie von näherem gesehen. Was genau sie davon erwartete, daß sie ihn beobachtete, wußte sie nicht, aber es spielte kaum eine Rolle. In Wahrheit konnte sie sich an dem Mann nicht satt sehen, und an den Tagen, wo er nicht ins Bett ging, sondern aufblieb und bis nach Tagesanbruch arbeitete, hatte sie sich zwingen müssen, ihre Vorhänge zuzuziehen und vom Fenster wegzugehen.

An diesem Morgen regnete es jedoch stark, und Lily konnte ihn nicht richtig sehen. Sie streckte den Kopf aus dem Fenster und schaute blinzelnd in seine Richtung. Regen prasselte ihr ins Gesicht, und Wasser floß in Schlieren an seinem geschlossenen Fenster hinunter, so daß sie nur einen verschwommenen, sich hin- und herbewegenden Körper ausmachen konnte. Und dann, bevor sie begriff, was geschah, ging der Mann zu seinem Fenster, riß es auf und lehnte sich in den Regen hinaus. Lily tauchte unter das Fensterbrett und kauerte sich auf den Boden. Mit klopfendem Herzen und erhitzten Wangen lauschte sie dem Rauschen des Wassers in der Dachrinne. Sie war ein furchtbares Risiko eingegangen, als sie sich derart hinauslehnte. Vorher hatte sie immer ein bißchen mit sich geschimpft, daß sie ihn bespitzelte, aber der Gedanke, nun dabei ertappt worden zu sein, erfüllte sie mit plötzlicher, brennender Scham. Sonst war sie so vorsichtig gewesen, hatte sich, nur die Augen über dem Fensterbrett, neben ihr Fenster geduckt, hatte darauf geachtet, daß im Zimmer kein Licht brannte, und wenn sie es anmachte, um zu duschen oder sich anzuziehen, hatte sie ihre Vorhänge fest geschlossen gehalten.

Lily wußte, daß der Mann Edward Shapiro hieß. Obwohl sie noch nie ein Wort gewechselt hatten, hatte sie einige Fakten über ihn erfahren und eine Menge Klatsch über ihn gehört. Sie wußte zuverlässig, daß Edward Shapiro ein Jahr als «Gastkünstler» am Courtland College verbracht hatte. Sie wußte, daß er am Ende seines letzten Semesters, statt nach New York zurückzukehren, beschlossen hatte, in Webster zu bleiben, und daraufhin ein Zimmer im Stuart Hotel gemietet hatte. Daß seine Frau, die mit ihm auf dem Campus gewohnt hatte, irgendwann im März ihre Sachen gepackt und ihn verlassen hatte, hielt sie auch für eine Tatsache. Alles übrige war Gerede. Eine Menge Leute wollten wissen, was er in einer Absteige wie dem Stuart machte, einem so schäbigen Hotel, daß es nicht einmal Frauen aufnahm. Die fünf oder sechs alten Knacker, die dort wohnten, waren ein trauriger Haufen; Lily kannte die meisten von ihnen. Das Hotelrestaurant war geschlossen gewesen, solange sie zurückdenken konnte, obwohl man das entsprechende Schild nie entfernt hatte, und fast jeden Morgen schlurften die Männer einer nach dem anderen über die Straße, um im Ideal Café zu frühstücken, wo Lily sie sechs Tage in der Woche bediente. Sie hatte gehört, Edward Shapiro sei arm, er habe sein Einkommen am College beim Baseball verwettet, und sie hatte gehört, er sei reich, aber zu knauserig, um ein anständiges Zimmer zu mieten. Sie hatte gehört, seine Frau habe ihn verlassen, weil er spielte, und sie hatte gehört, sie habe ihn verlassen, weil, wie Lester Underberg es kaum eine Woche zuvor im Café ausgedrückt hatte, «er seinen Schwanz nicht in der Hose lassen konnte». Lester wußte «aus sicherer Quelle», daß Shapiro eine schöne rothaarige Studentin in seinem Büro «genagelt» hatte, während mit voller Lautstärke Verdi lief. Lester zufolge war Shapiro während seiner Zeit am College in seinem Büro von Dutzenden junger Opernliebhaberinnen besucht worden, aber in Wirklichkeit konnte man Lester nicht trauen. Er sammelte Schmutz über alle und jeden, und Lily hatte ihn schon mehrmals bei den faustdicksten Lügen ertappt. Mit Edward Shapiros Vorliebe für Opern hatte Lester allerdings recht. In den letzten Wochen hatte sie in manchen Nächten Musik aus seinem Zimmer kommen hören, und zweimal waren die Stimmen so laut gewesen, daß sie davon aus dem Tiefschlaf aufgewacht war. Trotzdem ging ihr die Geschichte mit der Rothaarigen nicht aus dem Kopf, und sie fügte ihr dauernd Einzelheiten hinzu, die Lester ausgelassen hatte. Sie stellte sich Shapiro und das Mädchen vor, sah es mit gespreizten Beinen, den Rock bis zur Taille hochgeschoben, auf einem Schreibtisch liegen und den Mann, bis auf den offenen Reißverschluß vollständig bekleidet, über ihr. Wieder und wieder hatte sie die Szene im Geist zu Ende gespielt, hatte Papiere durcheinandergeraten und Bücher vom Schreibtisch fallen sehen, während der Mann es mit seiner Studentin trieb. Sie hatte auch im Fenster des Mannes nach Frauen Ausschau gehalten, aber falls ihn welche besuchten, blieben sie nie über Nacht. Das schmale Eisenbett, das in der hinteren rechten Ecke seines Zimmers stand, war morgens zweiundzwanzigmal hintereinander leer gewesen,

Lily hatte Angst, sich zu rühren, aber dann spähte sie doch ganz vorsichtig über das Fensterbrett. Shapiros Fenster war dunkel, und sie spürte, daß ihre Schultern erleichtert herabsanken. Als sie die Vorhänge zuzog, hörte sie in der Wohnung nebenan Schritte. Mabel ist auf, dachte sie. Mabel Wasley schlief sehr wenig, und die Wand zwischen den zwei Räumen war nicht dick genug, um auch nur das leiseste Geräusch zu dämpfen. Tag für Tag hörte Lily die alte Frau herumgehen, mit Papier rascheln, Kommoden und Schränke öffnen und schließen, mit Geschirr klappern, husten, murmeln, die Wasserspülung bedienen, und den ganzen Nachmittag bis tief in die Nacht hörte sie Mabel tippen. Was genau sie schrieb, war Lily nie klargeworden, obwohl die Frau es ihr einmal erklärt hatte. Das ungeheuer dicke Manuskript war eine Art Autobiographie, in der es auch um Träume und ihr Einwirken auf den Alltag ging, aber immer wenn Mabel über das Buch sprach, fand sie kein Ende und gebrauchte Wörter, die Lily nicht verstand, und manchmal, wenn sie besonders aufgeregt war, wurde ihre Stimme sehr laut, bis sie fast schrie, weshalb Lily das Thema ungern ansprach. Neun Monate lang hatte Lily allein über dem Ideal Café gewohnt. Sie hatte das Zimmer ein paar Tage nach ihrem High-School-Abschluß gemietet, und als Mabel Anfang März einzog, hatte Lily sich über die Gesellschaft gefreut, obwohl sie hin und wieder den Eindruck hatte, daß Mabel etwas verbarg. Niemand wußte viel über sie, dabei hatte sie zwanzig Jahre am Courtland College gelehrt. Gerüchte besagten, sie sei mehrmals verheiratet gewesen, bevor sie nach Minnesota kam, aber Mabel hatte nie einen Ehemann erwähnt, und obwohl sie sehr nett war, war sie auch förmlich, und diese Förmlichkeit verbot jedes Aushorchen.

Lily setzte sich an den Tisch, an dem sie aß und sich schminkte und alles andere tat, wobei man sitzen muß. Darüber hatte sie ihren Spiegel gehängt, und nun sah sie darin ihr eigenes müdes Gesicht und das von Marilyn Monroe auf dem Poster, das sie hinter sich an die Wand geheftet hatte. Boomer Wee hatte einmal gesagt, sie sehe aus wie Marilyn, nur dunkelhaarig, und obwohl Lily wußte, daß es nicht stimmte, gefiel ihr die Vorstellung. Sie beugte sich zum Spiegel vor, senkte die Augenlider, Öffnete leicht die Lippen und drückte ihren Busen zusammen, so daß über ihrem weißen BH ein langer Spalt entstand. Sie sah wieder zu Marilyn hin, und dann hörte sie es klopfen.

«Es ist offen», sagte sie mit vom Schlaf heiserer Stimme.

Ohne sich umzudrehen, sah sie im Spiegel Mabel eintreten. Die alte Frau ging schnell, ihr langer Morgenmantel schleifte über den Boden. Sie blieb neben dem Stuhl stehen.

«Tut mir leid, wenn ich störe, aber ich wollte dich noch vor der Arbeit erwischen und dich fragen, wie es mit dem Theaterstück läuft, und dir sagen, daß ich dir helfen könnte, falls du immer noch Probleme mit der Rolle hast. Du weißt ja, ich hab den ‹Sommernachtstraum› fast dreißig Jahre lang gelehrt, und heute nacht ist mir eingefallen, daß ich ihn mit dir einüben könnte. Hermia ist wirklich eine wunderbare Rolle, und du bist die perfekte Besetzung. Was meinst du?» Mabel trug diese Rede schnell und kurzatmig vor und richtete sie an Lilys Spiegelbild, wobei sie ostentativ mit den Händen fuchtelte, und...

Erscheint lt. Verlag 18.4.2023
Übersetzer Uli Aumüller
Verlagsort Hamburg
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte Affäre • Erotik • Kleinstadt • Liebesgeschichte • Maler • Provinz • Schulfreund • Spannung • USA
ISBN-10 3-644-00480-3 / 3644004803
ISBN-13 978-3-644-00480-1 / 9783644004801
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