Die Einladung (eBook)
272 Seiten
Goldmann Verlag
978-3-641-30894-0 (ISBN)
Auf einer abgelegenen schottischen Insel trifft eine Gruppe von Fremden zu einer vermeintlich glamourösen Silvesterparty ein. Doch statt des erwarteten herrschaftlichen Anwesens finden sie ein verfallenes Herrenhaus vor, von Festvorbereitungen keine Spur. Unklar ist auch, wer das Fest organisiert und die Einladungen verschickt hat. Die Gäste beschleicht das ungute Gefühl, dass hier etwas nicht stimmt. Doch das nächste Boot zum Festland kommt erst nach den Feiertagen wieder vorbei, die Handys haben keinen Empfang, und die Gruppe ist von der Welt abgeschnitten. Am nächsten Morgen wird eine von ihnen tot aufgefunden, und unter den verbliebenen Gästen macht sich die Angst breit. Zu Recht ...
»Spannungsvoll, bedrohlich, unglaublich atmosphärisch und so fesselnd, dass man nicht mehr von der Lektüre loskommt.« S.J. Watson
Sofia Slater wuchs im Westen Amerikas auf und lebte in Frankreich, Schottland und Oxford, bevor sie sich in London niederließ. Sie studierte Philosophie und Sprachen am Smith College und dem University College London. Neben ihrer Arbeit als Autorin übersetzt sie auch aus dem Französischen und Spanischen. »Die Einladung« ist ihr erster Roman.
Kapitel 1
Aus dem Wagenfenster hing ein Arm. Als hätte der Fahrer während einer sommerlichen Spritztour die Scheibe heruntergekurbelt, um den Fahrtwind zu spüren. Aber der Krankenwagen kam direkt hinter meinem Taxi, als wir das Fahrzeug passierten. Ich reckte neugierig den Hals. Bereute es aber sofort. An dem zersprungenen Sicherheitsglas klebte überall Blut wie über geraspeltes Eis gegossener Sirup.
Der Anblick ging mir nicht mehr aus dem Kopf, aber schließlich gab es auch kaum eine andere Ablenkung, nachdem ich an Bord der Fähre gegangen war. Himmel und Meer reflektierten ein tristes Licht vom Farbton der grauen Schiffslackierung. Der Horizont wurde nur von den kleinen Zacken der Küstenlinie unterbrochen. Ohne das Grün des Sommers und die dramatisch hellen Sonnenstrahlen erinnerte nichts mehr an die Bilder, die mich Wochen zuvor bei der aufgeregten Suche nach Fotos der Äußeren Hebriden so begeistert hatten. Ich beobachtete einen der Fährmänner, dessen gelbe Signaljacke sich grell von der grauen Umgebung abhob. Er schrubbte mit einem Besen die Schiffsaußenwand. Vielleicht war das unbedingt nötig, um alles in Schuss zu halten, oder er langweilte sich genauso sehr wie ich. Mir war nämlich stinklangweilig.
Ich dachte immer noch an den Unfall. Das Einzige, was mir auf meiner frühmorgendlichen Fahrt vom Hotel zum Fährhafen ins Auge gestochen war, während sich die winterlichen Hügel und verstreut liegenden Häuser langsam aus der Dämmerung schälten, war der Unfallort gewesen. Ich hatte mich an den Becher mit scheußlichem Maschinenkaffee geklammert, den ich von dem verschlafenen Mädchen an der Rezeption geschnorrt hatte, und mich gefragt: Wie kann man so unglücklich in einem schmalen Straßengraben landen? Es war eine merkwürdige Stelle für so einen Unfall, und angesichts dessen und des verstörenden Gedankens, es könnte Verletzte oder gar Tote gegeben haben, schien die vor mir liegende sechsstündige Reise unter keinem guten Stern zu stehen.
Ich musste versuchen, dieses Gefühl abzuschütteln. Sechs Stunden sind eine lange Zeit, um in düsterer Stimmung auf den grauen Horizont zu starren, außerdem musste ich dieses Wochenende unbedingt genießen. Die Party sollte mein persönlicher Wendepunkt sein, der Start in ein besseres Jahr. Neues Jahr, neues Ich. Nicks Einladung im November war seit einer Ewigkeit das erste erfreuliche Ereignis gewesen. Darf ich dich in Versuchung führen?, lautete die überraschende Betreffzeile der E-Mail, überraschend auch deshalb, weil sie von einem Menschen stammte, mit dem ich monatelang nicht gesprochen hatte. Den ich vermisste.
Hi, Millie,
hab mich lange nicht gemeldet. Ich weiß, das kommt jetzt völlig unerwartet und ist vielleicht sowieso nicht dein Ding, aber … ich will mit ein paar Freunden zu dieser Silvesterfeier, und einer ist abgesprungen. Sollt’ alte Freundschaft denn vergessen sein / Erinn’rung uns entgleiten? In deinem Fall: nein! Mit niemandem würde ich lieber einen Becher der Freundschaft leeren als mit dir, also bitte komm, falls du dir die Reise zumuten willst.
Nick x
Und unter seinem Namen die Einladung: Schottenkaro in Neonfarben, ein paar Hirschsilhouetten und die Worte »Feiern wie 1899«.
Du bist ganz herzlich zu einer exklusiven Hogmanay-Feier auf der Isle of Osay in Fairweather House eingeladen. Du kümmerst dich um die Anreise, wir uns um den Rest: Whisky, Feuer, schottisch-herrschaftliche Vibes.
Als ich die Nachricht von Nick las, lief mir ein warmer Schauer über den Rücken. Ich betrachtete Bilder der Insel, die üppig mit violetter Sommerheide überzogen war, und Fotos vom Haus, einem hohen, neugotisch-viktorianischen Gebäude. Es lag offensichtlich ziemlich einsam: der Ruhesitz irgendeines alten Gutsherrn, ein winziges Fleckchen irgendwo auf den Hebriden.
Es war ein Albtraum, dorthin zu kommen. Die Überfahrt dauerte ewig, und die Fähre ging nur werktags und legte schon im Morgengrauen ab. Um den Hafen zu erreichen, musste man erst einmal durchs ganze Land fahren. Außerdem wirkte das Haus, als wäre es in seinem Innern im Winter bitterkalt. Trotzdem gab es da eigentlich nichts groß zu überlegen – mir reichte, dass Nick an mich gedacht hatte, obwohl unsere Zeit als Arbeitskollegen schon Monate zurücklag. Selbst wenn dort überhaupt nichts los sein würde, würde es bestimmt lustig werden. Auf jeden Fall war es um Welten besser als mein ursprünglicher Silvesterplan: mich mit den Überresten des Adventssüßkrams und der Weihnachtsplätzchen vollzustopfen und um zehn Uhr abends einzuschlafen. Ich hatte ihm geantwortet, ich würde mich freuen, trotz der langen Anreise.
Und jetzt war ich hier, am dreißigsten Dezember, und fröstelte beim Auf und Ab der Wellen. Ich war brutal früh aufgebrochen, mit zu wenig Koffein im Blut, das Wetter war beschissen, und außerdem hatte ich gerade einen Unfall gesehen; was alles nicht sonderlich erhebend war. Aber, so ermahnte ich mich, auch kein böses Omen. Einfach nur Pech. Ich ging auf die Toilette, tupfte mir mit einem feuchten Papierhandtuch das Gesicht ab und hielt meinem Spiegelbild eine Standpauke.
Als ich an Deck kam, legte die Fähre gerade an einer größeren Insel an, der erste von zwei Stopps auf dem Weg nach Osay. Ein paar Passagiere stiegen aus, und eine kleine Schar Männer und Frauen in dicken Jacken versammelte sich auf dem Kai, um Versorgungsgüter entgegenzunehmen. Wir waren nun schon einige Stunden unterwegs. Als ich mich umwandte, war das Festland nicht mal mehr ein Kohlestrich am Horizont.
Während wir langsam zur nächsten Insel tuckerten, zückte ich Fernglas und Notizbuch. Vielleicht sah ich auf der Reise ja ein paar Vögel. Allerdings spürte ich, als ich das Fernglas einstellte, den beißenden Seewind an den Händen und war nicht sicher, wie lange ich die Kälte aushalten würde. Doch ich wurde sofort belohnt. Eine Nonnengans flog übers Wasser Richtung Küste. Ihr elegantes schwarz-weißes Gesicht zeichnete sich zart glänzend vom grauen Himmel ab. Die Nonnengans war zwar kein seltener Vogel, doch wenn man nicht oft im Norden unterwegs war, bekam man sie nur selten zu sehen, und mich begeisterte ihr Anblick immer noch. Ich folgte ihrem Flug, gebannt von der Schönheit der gekräuselten Flügelspitzen, doch plötzlich tauchte etwas Gelbgoldenes vor dem Fernglas auf, und ich verlor den Vogel aus dem Blick.
Als ich das Glas verärgert senkte, sah ich, was es war: die lange blonde Mähne einer Frau in meinem Alter – vielleicht ein Jährchen mehr auf die dreißig zu –, die sich für ein Selfie an der Reling verrenkte. Irgendwie kam sie mir bekannt vor.
Sie zog einen Flunsch, probierte verschiedene Perspektiven aus und rief: »Ravi, Schatz, ich brauch dich hier mal!«
Ein Mann, der an der Wand zum Passagierraum lehnte – seine schwarz glänzende Haartolle wirkte genauso ätzend perfekt wie ihre lässig zerzauste Lockenmähne –, sah von seinem Handy auf und ging übers Deck zu ihr.
»Kriegst du die Insel mit aufs Bild? Das Wetter gibt absolut nichts her.«
Ich wandte mich ab und verdrehte die Augen. Allerdings nicht ganz so unbemerkt wie gedacht. Ein Typ im roten Anorak stand am Geländer gegenüber, lächelte mich schief an und wies mit einer Kopfbewegung auf das gut frisierte Paar.
Ich merkte, dass ich errötete, und entfernte mich übers Deck. Dabei hielt ich schützend das Fernglas vors Gesicht in der Hoffnung, der kalte Wind würde meine roten Wangen hinreichend erklären, falls der Mann mir nachschaute.
Ich stellte das Fernglas erneut scharf und dachte an die Worte meines Dads. »Atme einfach weiter, ganz ruhig und gleichmäßig. Wenn du nicht entspannt bist, kommen die Vögel nicht.« Er war gestorben, als ich dreizehn war, aber ich griff bis heute auf das zurück, was er mir beigebracht hatte, wenn wir gemeinsam Vögel beobachteten. Wie friedlich war das immer gewesen, wenn wir durch die Wälder oder am Meer entlangstreiften, nur er und ich, kameradschaftlich schweigend. Unsere Ferngläser pendelten uns dann vor der Brust, und manchmal streckte einer von uns die Hand aus, tippte dem andern auf die Schulter und zeigte auf etwas, das sich am Horizont bewegte.
Nach seinem Tod, als ich mit meiner Mutter lebte, war ich allein in den Wäldern unterwegs. Ich suchte den Himmel ab und tat so, als stünde mein Vater gleich hinter dem nächsten Baum. Ich hatte das Alleinsein damals gründlich satt.
Jetzt auf der Fähre sichtete ich keine interessanten Vögel mehr – nur hie und da eine Seemöwe oder eine Meerschwalbe –, und als wir vom nächsten Halt ablegten, war es schon zu dunkel, um weiterzusuchen. Eiskalt war es auch. Ich verschwand unter Deck und versuchte, meine steif gewordenen Finger warm zu reiben.
Drinnen tippten die beiden Gutfrisierten auf den Displays ihrer Handys herum, und der Mann an der Reling, der mich angelächelt hatte, lehnte mit geschlossenen Augen, die Hände in den Anoraktaschen vergraben, an der Wand. Jetzt kam der letzte Halt, nämlich Osay, also waren all diese Leute hier auch zu der Party eingeladen, und jetzt war es mir noch peinlicher als schon zuvor, beim Augenverdrehen ertappt worden zu sein. Eigentlich hätte auch Nick auf der Fähre sein müssen, fiel mir ein, aber vielleicht war er schon früher gefahren. Ich konnte mich nicht erinnern, je auch nur einen der anderen mit ihm zusammen gesehen zu haben. Die Blondine versuchte ich allerdings immer noch unterzubringen. Sie kam mir definitiv bekannt vor. Aber vielleicht war es nur ihre Aufmachung – ihre blonden Locken, die Gebetsketten aus Perlen und der Kristallanhänger erinnerten mich an meine Mutter, die...
Erscheint lt. Verlag | 18.10.2023 |
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Übersetzer | Sabine Hübner |
Sprache | deutsch |
Original-Titel | Auld Acquaintance |
Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Krimi / Thriller |
Schlagworte | 2023 • auld acquintance • düsterer Krimi • eBooks • Erstmals auf Deutsch • Highlands • Krimidebüt • Lucy Foley • Neuerscheinung • ruth ware • Sarah Pearse • Schottland • Silvesterparty • Spannung • Thriller • times krimi des jahres |
ISBN-10 | 3-641-30894-1 / 3641308941 |
ISBN-13 | 978-3-641-30894-0 / 9783641308940 |
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