Das Obstgut (eBook)
296 Seiten
Books on Demand (Verlag)
978-3-7562-8906-6 (ISBN)
Barbara Herrmann ist in Karlsruhe geboren und in Kraichtal-Oberöwisheim aufgewachsen. Ihre Liebe zu Büchern und zum Schreiben begleitete sie während ihres ganzen Berufslebens als Kauffrau. Nach ihrem Eintritt in den Ruhestand sind mehrere Bücher (Romane, Reiseberichte, humorvolles Mundart-Wörterbuch) von ihr erschienen. Heute lebt die Mutter zweier Söhne mit ihrer Familie in Berlin.
1
„Klaus! Zum Kuckuck noch mal, wo steckst du?“, tönte es energisch, laut und wütend durch das Haus.
Der junge Mann hielt sich sofort die Ohren zu, weil die Stimme des Vaters wie immer unerbittlich klang. Er konnte sie nicht mehr hören, diese schreckliche Stimme, die nur so vor Kraft strotzte, die tief und markig war. Sie duldete keinen Widerspruch. Immer der gleiche dunkle Ton. Er würde nie verstehen, warum diese Stimme so intensiv durch das ganze Haus dröhnen konnte, obwohl sich sein Vater draußen auf dem Hof aufhielt.
Er hatte sich erst vor wenigen Minuten an sein Klavier gesetzt, weil er ein paar Noten in sein Notenblatt eintragen wollte, damit er sie bis zum Feierabend nicht vergaß und weil er unglaublich müde war. Für ihn waren die Wochentage, die reinste Tortur. Sie waren angefüllt mit einer Arbeit, die er zutiefst hasste.
„Was ist denn nun schon wieder“, flüsterte er mit einem Seufzer der Verzweiflung, der ihm laut über die Lippen kam. Er ahnte natürlich, dass ihn sein Vater suchte, weil er sich erlaubt hatte, auf sein Zimmer zu gehen. Müde erhob er sich und ging mit schleppenden Schritten die Treppe hinunter. Er musste antworten und hören, was der Vater ihm zu sagen hatte. Nur so konnte er einem größeren Streit aus dem Weg gehen. Eigentlich sehnte er sich nur nach einer kurzen Pause, weil er den ganzen Vormittag hart gearbeitet hatte und sowieso gleich das Mittagessen anstand. Ihn jetzt noch zu rufen, empfand er als Schikane. Seine Mutter würde ohnehin gleich zum Essen bitten.
„Ich bin doch da, was willst du von mir, Vater?“, fragte er ängstlich.
Sein Vater, der mächtige Obstbauer Gerhard Glotz, war ein böser, verbitterter Mann, der seine Familie und seine Landarbeiter mit harter Hand führte. Alle zuckten zusammen, wenn er rief, wenn seine laute, grollende Stimme plötzlich lospolterte. Breitbeinig, die Hände in die Hüften gestemmt, stand er im Hof und wartete auf seinen Sohn, der mit langsamen Schritten auf ihn zuging.
„Hast du schon wieder in deinem Zimmer gehockt und mit dem Taktstock gespielt?“, schrie er mit hochrotem Kopf, lief dabei mit zwei Schritten auf seinen Sohn zu und schlug ihm mit der flachen Hand mitten ins Gesicht. Dieser fing durch die Härte des Schlages an zu wanken und hatte zu kämpfen, dass er nicht zu Boden stürzte, und sich einer noch größeren Peinlichkeit vor allen Arbeitern aussetzte. Mit viel Mühe blieb er stehen und rieb sich die Wange.
Natürlich erwartete Gerhard keine Antwort von Klaus. Er wusste auch so, dass er recht hatte, und fuhr fort: „Du bist und bleibst ein Waschlappen und begreifst einfach nicht, dass harte Arbeit zum täglichen Leben gehört! Du denkst, du kannst mit deiner merkwürdigen Musik Geld verdienen. Aber das wird bei dir nicht gehen. Du bist nicht mehr als ein einfacher Klimper-Hannes. Du bringst es niemals zu etwas!“
Klaus zuckte unter den harten Anschuldigungen seines Vaters zusammen und senkte verschämt den Blick. Er hatte dem nichts entgegenzusetzen. Möglicherweise hatte der Vater ja recht. Woher sollte er wissen, ob ihm seine große Liebe zur Musik, irgendwann ermöglichen würde, damit sein Geld zu verdienen. Er hatte keine Ausbildung, die Aussicht, eine Musikschule besuchen zu können, war so weit weg wie der Eiffelturm. Wahrscheinlich lag deshalb der Vater ja gar nicht so falsch. Er selbst hatte ja auch immer wieder seine Zweifel. Niemand hatte ihm jemals gesagt, ob er Talent hatte, ob er gut spielte, ob es sich lohnte, weiterzumachen. Er hatte nur sein Gefühl, und dieses Gefühl sagte ihm jeden Tag, dass er spielen musste. Es war wie ein Zwang, wie eine Sucht, diese Liebe zur Musik.
„Scher dich in die Obstpresse, dort wird jede Hand gebraucht!“, schrie Gerhard. Mit dem ausgestreckten Arm und blitzenden Augen zeigte er die Richtung an, die Klaus, ohne Widerrede einzuschlagen hatte. „Mach schon, setz endlich deine Beine in Bewegung und tu was!“
Behäbig und mit hängenden Schultern machte sich Klaus auf den Weg. Er biss sich auf die Lippe, weil er wusste, dass es sinnlos war, dem Vater zu widersprechen. Nur seine Mutter, da fragte er sich, warum sie ihm nicht beistand, ihn nicht beschützte. Natürlich konnte sie auch nicht viel machen, das war ihm klar, denn auch sie spürte in regelmäßigen Abständen die Schläge. Aber sie war doch seine Mutter und wenn solche Situationen sind und sie sich nicht traute, dann könnte sie ja abends zu ihm kommen und wenigstens durch eine kleine Umarmung zeigen, dass sie hinter ihm stand. Aber nichts geschah und dabei sehnte er sich schon seit Kindertagen nach ein bisschen Liebe, ein bisschen Zuneigung. Warum sind die alle so zu mir, fragte er sich immer wieder. Mutter, Vater und auch sein Bruder haben ihn nie in ihr Herz geschlossen.
In der Obstpresse stellte er sich traurig neben die anderen Arbeiter. Sie nahmen Saftflaschen vom Band und stellten sie in Kisten, die anschließend in den Keller gefahren wurden. Während er sich der monotonen Arbeit hingab, dachte er an das Musikstück, an dem er gerade arbeitete. Seit Jahren träumte er davon, irgendwann doch noch eine Musikschule besuchen zu können, denn er wusste, dass eine qualifizierte Ausbildung die Basis für seinen Traum war. Nur mit seinen bescheidenen Bemühungen sein Ziel erreichen zu können, das ging nicht.
Er war mit sich selbst unzufrieden und ärgerte sich über seine Feigheit, seine Mutlosigkeit, sich gegen den Vater aufzulehnen. Vor vier Jahren hatte er den Absprung verpasst, nachdem ihm sein Bruder vorgemacht hatte, wie man das bewerkstelligen kann. Aber er selbst zögerte zu lange, hatte sich lieber in seinem Selbstmitleid gesuhlt und war unzufrieden. Mit dieser Unzufriedenheit schwand auch das letzte bisschen Selbstvertrauen, das er sich in seinem Körper bewahrt hatte und damit blieb alles so, wie es immer war.
Inzwischen hatte Gerhard Glotz die Küche betreten, wo seine Frau Jutta, damit beschäftigt war, das Mittagessen zu kochen. Der Schweiß lief ihr über die Stirn, weil die großen, sprudelnden Töpfe und der riesige alte Holzherd eine ungeheure Hitze ausstrahlten. Sie hatte schon oft diesen Zustand verflucht, eigentlich tat sie das fast täglich, und trotzdem war ihr Mann nicht dazu zu bewegen, einen neuen, modernen Herd zu kaufen.
Im Sommer, wenn draußen die Sonne vom Himmel brannte und das Obst geerntet werden musste, hatten sie bis zu dreißig Helfer am Tisch sitzen. Diese Situation belastete sie extrem, denn sie verlangte ihr alle Energie ab und brachte sie täglich an den Rand ihrer körperlichen Kräfte. Es war nur noch eine einzige Plage, doch sie hatte keine Wahl.
Jutta strich sich mit der Hand über die Stirn, um die Schweißtropfen wegzuwischen. Ihr vom Wind und Wetter gegerbtes Gesicht war krebsrot und die schon leicht ergrauten Haare klebten ihr am Kopf, als wäre sie soeben aus einem Schwimmbecken gestiegen. Sie war ein Meter siebzig groß und mehr als nur korpulent. Im Laufe der Jahre hatte sie gewaltigen Kummerspeck angesetzt. Pfund um Pfund hatte sich auf ihre Hüften gelegt und die verschiedenen Körperreifen gebildet, die sie als junge Frau schon gehasst hatte und die sie eigentlich nie hatte haben wollen. Aber es war ihr inzwischen völlig egal. Gerhard interessierte sich nicht mehr für sie. Von einer richtigen Beziehung zwischen Mann und Frau konnte man schon lange nicht mehr reden, wenn es diese überhaupt schon einmal zwischen ihr und Gerhard gegeben hatte. Er hatte noch nicht einmal die einfachsten Höflichkeitsregeln gelernt, was ihr aber erst nach der Hochzeit so richtig bewusst geworden war.
Vorher hatte sie in ihm nur den stolzen Bauern mit seinem Gut gesehen, und sie war dem Druck und dem Zuspruch ihrer Eltern gefolgt, die ihr eingeredet hatten, dass Gerhard, der viele Jahre älter war als sie selbst, eine gute Partie war und sie für ihr ganzes Leben ausgesorgt haben würde. Doch im Nachhinein hatte sie sich nicht erst einmal gefragt, ob es richtig war, dem Drängen der Eltern nachzugeben.
Dabei hatte Jutta damals mit ihren zarten achtzehn Jahren den Sommerfrischler Hans Brämer kennengelernt, der mit seinen Eltern die Ferien im Bühlertal verbrachte. Seine Familie hatte sich das Blockhaus am Waldrand gekauft, um sich im Sommer von der Hektik der Stadt zu erholen. Jutta war dem jungen Mann damals zufällig im Dorfladen begegnet. Sie war am Regal mit ihm zusammengestoßen, weil der Durchgang so eng war, und sie konnte sich an seinen blauen Augen und dem blonden Haarschopf nicht sattsehen.
Auch Hans starrte sie an, fand aber zum Glück seine Sprache gleich wieder: „Entschuldige, habe ich dir wehgetan?“, fragte er, und Jutta glaubte, ein leises Lispeln gehört zu haben.
„Noi, s′isch nix“, antwortete sie und lief so rot an wie eine Tomate in der strahlenden Mittagssonne.
Hans musste lächeln, er hatte ehrlich gesagt nicht viel verstanden und es störte ihn auch nicht.
Nun wurde auch Jutta bewusst, dass sie aus Gewohnheit in den breiten Dialekt verfallen war und sich überhaupt keine Mühe gegeben hatte, vernünftig zu reden.
„Darf ich dich zu einem Spaziergang einladen?“, wollte Hans spontan von ihr...
Erscheint lt. Verlag | 27.6.2022 |
---|---|
Sprache | deutsch |
Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
ISBN-10 | 3-7562-8906-0 / 3756289060 |
ISBN-13 | 978-3-7562-8906-6 / 9783756289066 |
Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
Haben Sie eine Frage zum Produkt? |

Größe: 1,0 MB
DRM: Digitales Wasserzeichen
Dieses eBook enthält ein digitales Wasserzeichen und ist damit für Sie personalisiert. Bei einer missbräuchlichen Weitergabe des eBooks an Dritte ist eine Rückverfolgung an die Quelle möglich.
Dateiformat: EPUB (Electronic Publication)
EPUB ist ein offener Standard für eBooks und eignet sich besonders zur Darstellung von Belletristik und Sachbüchern. Der Fließtext wird dynamisch an die Display- und Schriftgröße angepasst. Auch für mobile Lesegeräte ist EPUB daher gut geeignet.
Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen dafür die kostenlose Software Adobe Digital Editions.
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen dafür eine kostenlose App.
Geräteliste und zusätzliche Hinweise
Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.
aus dem Bereich