UN-VERHÜLLT (eBook)
528 Seiten
Verlagsgruppe Droemer Knaur
978-3-426-46176-1 (ISBN)
Julia Haart wurde 1971 in Moskau geboren. Ihre Eltern wanderten nach Austin, Texas aus, als sie fünf war. Dort schlossen sie sich einer ultraorthodoxen Sekte an, deren Gesetze und Bräuche Julia Haarts Leben bestimmten, bis sie 2013 die Sekte verließ. Nur eine Woche nach ihrem Ausstieg aus dem ultraorthodoxen Judentum gründete sie ein eigenes Schuhlabel, wurde in der Folge Creative Director bei La Perla und leitet heute als CEO Elite World, die Dachorganisation international führender Model Agenturen.
Julia Haart wurde 1971 in Moskau geboren. Ihre Eltern wanderten nach Austin, Texas aus, als sie fünf war. Dort schlossen sie sich einer ultraorthodoxen Sekte an, deren Gesetze und Bräuche Julia Haarts Leben bestimmten, bis sie 2013 die Sekte verließ. Nur eine Woche nach ihrem Ausstieg aus dem ultraorthodoxen Judentum gründete sie ein eigenes Schuhlabel, wurde in der Folge Creative Director bei La Perla und leitet heute als CEO Elite World, die Dachorganisation international führender Model Agenturen.
Kapitel eins
Unsere Abstammung ist das ultimative Prequel zu unserem Leben. Um sich selbst wirklich zu verstehen, muss man seine Geschichte verstehen, das komplexe Leben und Denken anderer, durch die das eigene Leben und Denken erst entstanden sind. Meine Eltern stammten aus dem russischen »Adel«. Mein Großvater väterlicherseits, im Zweiten Weltkrieg ein hoch dekorierter General der russischen Armee, war nach dem Krieg ein sehr einflussreicher Kommunist. Als mein Vater neunzehn war, wurde er zum Leiter des Komsomol ernannt (des Jugendverbandes der Kommunistischen Partei).
Auch meine Mutter hatte ein paar ganz brauchbare Vorfahren. Ihre Mutter war Ballerina im Bolschoi-Ballett und ihr Vater ein Erfinder, der eine Chemikalie entwickelte, mit der alte Fotos restauriert werden konnten. Mutters Familie lebte in Bender in Moldawien, im größten Haus in der Stadtmitte. Moldawien gehörte zeitweise zu Rumänien, zeitweise zur Sowjetunion. Auf wundersame Weise gelang es meinem Großvater, für seine Erfindung ein Patent zu erlangen – in einem Land, in dem unternehmerische Initiativen von Privatpersonen nicht erlaubt waren und individuelle Leistungen nicht anerkannt wurden. Er schaffte es dennoch. Meine Großeltern führten ein sehr privilegiertes Leben.
Lina, meine Mutter, hatte eine Schwester. Meine Mutter galt als die »kluge Schwester«, während Elena die »schöne Schwester« war. Dabei sehen die zwei auf Fotos, die sie als junge Frauen zeigen, fast gleich aus, beide auffallend hübsch und chic. Doch die Rollen waren nun einmal verteilt. Ich habe immer wieder erlebt, wie jemand meiner Mutter ein Kompliment zu ihrem Äußeren machte und sie daraufhin nur ungläubig schaute und den Kopf schüttelte.
Meine Mutter nahm ihre Rolle als »kluge Schwester« sehr ernst. Auf ihrem gesamten Bildungsweg bekam sie nichts als Bestnoten, vom Kindergarten bis hin zu ihren zwei Doktortiteln, einem in Mathematik und einem in Philosophie. Sie wurde sogar von der sowjetischen Regierung mit einer Goldmedaille ausgezeichnet, weil sie nie auch nur eine einzige Prüfungsfrage falsch beantwortete.
Als sie neunzehn war, lernte sie einen äußerst attraktiven und charmanten jungen Mann namens Michael kennen. Mein Dad ist charismatisch und kann wunderbar mit Menschen umgehen. Alle lieben ihn. Er ist der Mittelpunkt jeder Party. Er ist nicht nur brillant und ein Ingenieur (er und meine Mom haben für IBM gearbeitet und waren an der Entwicklung des ersten PC beteiligt), sondern ist zudem noch Konzertpianist, Gitarrist und ein fantastischer Tänzer.
Meine Mom ist ruhig und nachdenklich, in jeder Hinsicht das genaue Gegenteil von ihm. Sie ist sehr ernst, geradezu melancholisch. Sie verliebte sich in seine Lebhaftigkeit, er sich in ihre Leidenschaftslosigkeit. Sie war die einzige Frau, die nicht auf der Stelle von ihm hingerissen war, und nicht leicht zu gewinnen, sie stellte ihn vor Herausforderungen, und gerade das liebte er.
Binnen sechs Monaten waren die beiden unzertrennlich. Er war überzeugter Kommunist, sie hingegen hegte ernsthafte Zweifel. Dabei wurde sie später sogar noch ideologischer und fundamentalistischer in ihrer Religion, als mein Vater es als Parteimitglied je war – ihre Überzeugung sollte unser aller Leben bestimmen.
Da mein Vater einen so hohen Rang im Komsomol innehatte, wurde ihm die ganz spezielle Aufgabe übertragen, durchs Land zu reisen und die kommunistische Lehre zu predigen – man hoffte, als scharfsinniger und leidenschaftlicher junger Mann werde er andere inspirieren und ihren Glauben an das System stärken. Zu jener Zeit war Breschnew an der Macht, und Reisen war verboten. Ausnahmen gab es nur für die ganz Linientreuen. Das Volk sollte nicht sehen, wie weit die kommunistische Realität von dem Ideal entfernt war, das Karl Marx verheißen hatte. Aber mein Vater galt als so unerschütterlich linientreu, dass nicht zu befürchten stand, er könnte desillusioniert werden, und man fand, seine positive Ausstrahlung und seine einnehmende Art würden andere bestärken. Er war natürlich völlig begeistert und lud seine Freundin ein, ihn zu begleiten. Lina, stets neugierig, wenn auch bereits skeptisch bezüglich der Wahrheit des Kommunismus, schloss sich ihm mit Freuden an.
Doch was dann kam, verlief ganz und gar nicht so wie von der Partei beabsichtigt. Lina und Michael bekamen ein Land zu sehen, das völlig aus den Fugen war. Die meisten Leute, die sie trafen, betranken sich regelmäßig, waren nicht vor Mittag wieder nüchtern und führten ein unerträgliches Leben. Meine Mutter war ohnehin schon desillusioniert, da sie ihr Leben lang mit unterschwelligem Antisemitismus zu kämpfen hatte – ihr Heimatland war nicht gerade bekannt dafür, Juden ein gutes Leben zu bieten. Nun verlor sie den letzten Rest ihres Glaubens an den Kommunismus. Und die Überzeugung meines Vaters, durch jene schicksalhafte Reise schwer erschüttert, brach unter ihren unwiderlegbaren Argumenten vollends zusammen.
Meine jungen Eltern waren von Natur aus Gläubige, und so machten sie sich auf die Suche nach etwas, das den Kommunismus ersetzen konnte. Sie entdeckten das Judentum. Ihre jüdische Abstammung war für meine Mutter von jeher eher ein Hindernis gewesen, schon von klein auf war sie immer wieder auf unangenehme Weise daran erinnert worden. Nun wollte sie mehr darüber erfahren, sie wollte verstehen, was es eigentlich heißt, jüdisch zu sein.
Natürlich war die Religionsausübung damals verboten, und die Gulags und Gefängnisse waren voll mit Leuten, die alles riskiert hatten, um ihren Glauben zu praktizieren. Selbst ein religiöses Buch zu lesen konnte einen schon hinter Gitter bringen. Dennoch beschritten die beiden den gefahrvollen Weg, um mehr über ihr Erbe zu erfahren. Treffen mit gleichgesinnten, ebenfalls wissbegierigen Juden fanden zu nächtlicher Stunde in Kellern statt. Jeder Nachbar oder Fremde, sogar jeder Freund konnte schließlich ein Spitzel sein. Wenn ein Mitglied der Gruppe gefasst wurde, bestand die Gefahr, dass derjenige unter der Folter die Namen aller anderen Mitglieder preisgab. Heimlichkeit war also oberstes Gebot, und überall lauerten Gefahren. Für zwei idealistische junge Leute in den Zwanzigern war das genau das Richtige: eine Sache, an die sie glauben und für die sie ihr Leben riskieren konnten. Von klein auf hatte man ihnen eingetrichtert, das Edelste und Höchste sei es, einen Daseinsgrund außerhalb seiner selbst zu finden, sein Leben einer Sache zu widmen, es notfalls auch dafür zu opfern. Nun hatten sie sich eben für eine andere Sache entschieden.
Den Risiken zum Trotz nahm meine Mutter sogar die Mikwe auf sich, das rituelle Bad, um sicherzustellen, dass ich rein geboren wurde. Frauen müssen sieben Tage nach dem Ende ihrer Periode dreimal in einer Mischung aus Regenwasser und normalem Wasser untertauchen, um wieder rein zu werden. Natürlich gab es in Moskau kein jüdisches Badehaus. Doch das war für meine Mutter kein Hindernis – sie fand heraus, dass man das Ritual stattdessen auch in einem offenen Gewässer vollziehen konnte. Und so vollzog sie das Tauchbad im Schutz der Nacht und unter Einsatz ihres Lebens im Schwarzen Meer. Meine Mutter fand, je schwieriger die Aufgabe, umso größer der Lohn.
Einen Monat nach ihrer Reise durchs Land, als meine Mom einundzwanzig war und mein Dad zwanzig, heirateten sie. Dann geschahen zwei Dinge gleichzeitig: Mein Vater bekam einen sehr hohen Posten in der Kommunistischen Partei angeboten (und in der Sowjetunion machte die Partei »Angebote«, die man nicht ablehnen konnte), eine Position im Zentrum der sowjetischen Staatsmacht, wo er ständig unter dem wachsamen Auge des KGB gelebt hätte. Und meine Mutter wurde schwanger.
Ein Doppelleben – sich heimlich weiter mit dem Judentum zu beschäftigen, während mein Vater gleichzeitig ein führender Kommunist war – wäre unmöglich gewesen. Doch es war nun einmal ein Angebot, das er buchstäblich nicht ablehnen konnte. Also zog meine Mutter, im achten Monat schwanger, vor das Zentralkomitee. Sie erklärte, wenn mein Dad diese neue Position anträte, deshalb viel reisen müsste und kaum bei seiner Familie sein könnte, würde sie sich das Leben nehmen. Damit wäre auch der noch ungeborene zukünftige Kommunistenführer (meine Wenigkeit) in Gefahr. Meine Mutter ist eine Naturgewalt, und diese bloßen Sterblichen hatten ihr nichts entgegenzusetzen. Sie zogen ihr Angebot zurück. Mein Dad durfte weiter seiner Arbeit als Ingenieur in der Forschung nachgehen, während meine Mutter an ihrer ersten Promotion arbeitete.
Doch schließlich wurde ihnen das Leben in der Sowjetunion zu viel. Meine Geburt war der Auslöser – sie wollten ein besseres Leben für ihr Kind, und so begannen sie den strapaziösen Prozess der Auswanderung.
Sobald man einen Ausreiseantrag stellte, galt man als Staatsfeind, denn das bedeutete, dass man ein kapitalistisches Schwein war und nicht an die kommunistischen Ideale glaubte. Die Leute, die Ausreiseanträge stellten, nannte man Refuseniks, weil in den meisten Fällen die Erlaubnis nie erteilt wurde. Die Sowjets führten sogar eine Steuer ein, die jeder Emigrant mit einem Hochschulabschluss zahlen musste. Die Höhe entsprach fünf Jahresgehältern, was für die meisten Leute unbezahlbar war. Doch meine Familie zählte zu den Glücklichen. In den USA wurde das Jackson-Vanik Amendment verabschiedet, eine Regelung, die im Grunde darauf hinauslief, dass Amerika Getreide gegen Juden eintauschte. Aus Protest gegen den eklatanten Antisemitismus in Russland hatten die USA nämlich ein Getreideembargo gegen die Sowjetunion verhängt, und da in der UdSSR ohnehin gerade...
Erscheint lt. Verlag | 2.5.2022 |
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Übersetzer | Constanze Weise, Anja Schünemann |
Verlagsort | München |
Sprache | deutsch |
Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
Schlagworte | Amerikanischer Traum • Austin • Auswandern USA • Befreiung • Biographie Mode • CEO Elite World • Creative Director • Deborah Feldman • Designerin • e1972 • eindrucksvolles Buch • Elite World • Erinnerungen • Heimishe yeshivishe • Judentum • Jüdin • Jüdisch • Jüdische Geschichte • jüdische Lebensgeschichte • Julia Haart • Kosher • La Perla • Lebensgeschichte • Memoiren • Modebranche • Model Agentur • Modewelt • New York • Orthodox • Scheidung • Schuhdesigner • Sekte • Starke Frau • Texas • Thora • ultraorthodox • Ultroarthodoxes Judentum • Unorthodox • Unorthodox Netflix • Vorbild für Frauen • Wahre GEschichte • wahre Lebensgeschichte |
ISBN-10 | 3-426-46176-5 / 3426461765 |
ISBN-13 | 978-3-426-46176-1 / 9783426461761 |
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Größe: 75,6 MB
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