Das alte Kind (eBook)
365 Seiten
Suhrkamp (Verlag)
978-3-518-77002-3 (ISBN)
Es sind nur wenige Tage, die Carla von ihrem Kind getrennt im Krankenhaus verbringt - Tage, die alles verändern. Als die Schwester ihr das Baby in die Arme legt, ist Carla überzeugt, dass es gar nicht ihr Kind sein kann. Doch niemand glaubt ihr ...
Fiona wacht in ihrer Badewanne auf. Kerzen stehen am Wannenrand, Blütenblätter schwimmen auf dem Wasser, das sich allmählich rot färbt - von ihrem Blut. Mit letzter Kraft schleppt sie sich zum Telefon. Im Krankenhaus behauptet sie, jemand hätte versucht, sie zu töten. Doch niemand glaubt ihr ...
<p>Zoë Beck, geboren 1975, ist Schriftstellerin, Übersetzerin (u. a. Amanda Lee Koe und James Grady), Verlegerin (CulturBooks) und Synchronregisseurin für Film und Fernsehen. Sie lebt und arbeitet in Berlin. Zoë Beck zählt zu den wichtigsten deutschen Krimiautor*innen und wurde mit zahlreichen Preisen, unter anderem mit dem Friedrich-Glauser-Preis, dem Radio-Bremen-Krimipreis und dem Deutschen Krimipreis, ausgezeichnet. <em>Edvard</em> ist ihr erstes Jugendbuch.</p>
Berlin, September 1978
Carla musste lachen. »Das ist nicht mein Kind«, sagte sie.
Die Schwester sah sie erschrocken an. »Ach Gott, das ist mir jetzt aber peinlich!« Sie nahm Carla den Säugling aus den Armen und beeilte sich, aus dem Zimmer zu kommen.
»Für manche sehen sie alle gleich aus«, sagte die Frau im Bett neben ihr. Schwere Neurodermitis.
Carlas Gürtelrose war abgeheilt, sie durfte ihr Kind wiedersehen, und sie hatte sich über eine Woche auf diesen Tag gefreut.
»Haben Sie Kinder?«, fragte sie die Neurodermitis, deren Namen sie noch nicht kannte, weil sie gerade erst ins Zimmer gekommen war.
Die Frau war etwa in Carlas Alter, höchstens aber Mitte dreißig. Wie Carla schon vermutet hatte, schüttelte sie den Kopf. »Habe keine, will keine, und ja, auch für mich sehen sie alle gleich aus.« Sie grinste. »Ella Martinek.«
»Ella Martinek?« Carla setzte sich auf. »Die Fotografin?«
Ella nickte neugierig. »Sie interessieren sich für Fotografie?«
»Carla Arnim«, stellte Carla sich vor.
Ella machte große Augen. »Das gibt’s doch nicht.« Sie schlug sich die Hände vors Gesicht. »Und wir müssen uns ausgerechnet dann treffen, wenn ich so schlimm aussehe!«
Carla lachte. »Ich bin auch nicht frisiert und im Chanel-Kostüm. Nehmen Sie die Hände runter! So schlimm ist es gar nicht.«
Es war schlimm. Besonders für eine junge Frau, das war Carla klar. Die Neurodermitis zog sich quer über die linke Gesichtshälfte und fast den gesamten Hals. Die Arme konnte sie nicht sehen, Ella trug ein langärmeliges Pyjamaoberteil, aber die linke Hand war am schlimmsten betroffen. Wahrscheinlich wollte sie deshalb keine Kinder. Weil sie fürchtete, die Krankheit zu vererben. Oder weil sie sich nicht auf eine feste Beziehung mit einem Mann einlassen wollte, aus Scham über die immer wiederkehrende Entstellung, aus Angst, die vielen Arztbesuche und Krankenhausaufenthalte wären eine zu große Belastung für den Partner.
Sie kamen ins Plaudern. Über Ellas aktuelles Projekt; sie war eine Zeit lang in London gewesen und hatte dort Punkbands begleitet und porträtiert. Über die nächsten Auktionen, die Carla plante. Sie fachsimpelten über die im vergangenen Jahr verstorbene Lee Miller, fanden über sie schnell den Bogen zum Thema Hausfrauendasein und Depressionen, entdeckten gemeinsame Bekannte, fingen an, über diesen oder über jene zu lästern, hatten einen Riesenspaß, und Carla merkte gar nicht, wie die Zeit verging. Wie lange die Schwester brauchte, um Felicitas von der Säuglingsstation zu holen. Erst als der Arzt ins Zimmer trat, die Schwester mit großen Augen und einem Säugling im Arm hinter ihm, dachte sie: Das hat aber gedauert.
»Frau Arnim.« Der Arzt lächelte sie an. »Wir bringen Ihnen Ihre Tochter.«
Die Schwester trat vor und legte ihr Felicitas in die Arme.
Nur, dass es nicht Felicitas war. Immer noch nicht.
»Ist das dasselbe Kind wie vorhin?«, fragte Carla verwirrt.
»Das ist Ihre Felicitas«, sagte der Arzt und nickte der unsicher dreinblickenden Schwester zu.
»Ich erkenne doch meine eigene Tochter, und das hier ist nicht meine Tochter. Sie haben das Kind vertauscht.« Carla wunderte sich selbst, wie ruhig sie das sagte.
Der Arzt setzte sich ans Fußende ihres Betts, ohne sie zu fragen. »Wir haben im Moment nur einen weiblichen Säugling im Alter von sechs Monaten auf der Station. Die Kinder bekommen ein kleines Bändchen, sehen Sie hier.« Er beugte sich vor und nahm behutsam das linke Ärmchen des Säuglings in die Hand, um ihr das Bändchen zu zeigen.
Carla hielt das fremde Kind ein gutes Stück von sich weg, hoffte, er würde es ihr abnehmen, aber das tat er nicht.
»Da steht der Name Ihrer Tochter«, sagte er ruhig und lächelte wieder. »Es ist alles in Ordnung. Wir haben Felicitas ganz sicher nicht verwechselt, es geht ihr gut, und sie war sehr brav. Natürlich hat sie Sie vermisst.«
Das Kind fing an zu weinen. Carla begann reflexartig, es zu schaukeln, doch dann hielt sie es wieder von sich weg. »Nehmen Sie sie bitte, das ist nicht meine Tochter.« Sie versuchte, die Panik in sich zu ersticken. Als sie sah, wie der Blick des Arztes ernster wurde, wie die Schwester sich nervös von ihr wegdrehte und ans Fenster trat, konnte sie nicht mehr. »Nehmen Sie mir doch endlich dieses Kind ab!«, rief sie und hielt den schreienden Säugling so weit von sich weg, wie sie konnte.
Die Schwester stürzte auf sie zu und entriss ihr das Kind. Schützend nahm sie es auf den Arm und sprach auf das heulende Mädchen ein.
»Das da ist nicht mein Kind«, sagte Carla. Ihre Stimme bebte, und die Tränen ließen sich nicht mehr aufhalten. »Wo ist meine Tochter? Wollen Sie behaupten, dass Sie nicht wissen, wo sie ist? Sie können mir doch nicht einfach mein Kind wegnehmen!« Nichts wie raus hier. Sie musste selbst nachsehen. Die Decke weg und rüber zur Säuglingsstation und nachsehen.
Sie war so schnell aus dem Bett gesprungen, dass der Arzt sie nur mit Mühe aufhalten konnte. »Frau Arnim, wir gehen gemeinsam, in Ordnung? Dann werden Sie sehen, dass wir Ihre Tochter nicht verwechselt haben. Versprechen Sie mir, sich wieder zu beruhigen? Soll ich Ihnen etwas geben?«
Sie glaubte zu begreifen, dass hier etwas passierte, das sie nicht mehr aufhalten konnte. Carla riss die Tür auf und rannte den Gang entlang, verlief sich, rannte zurück und fand sich endlich vor der großen Scheibe, hinter der die Neugeborenen lagen.
Der Arzt hatte sie eingeholt. »Frau Arnim. Wir sehen uns jetzt in Ruhe alle Kinder auf der Station an, einverstanden?« Er legte seine Hand leicht auf ihren Ellenbogen und führte sie durch die Tür.
Felicitas war nicht bei den Kindern, die dort lagen.
»Das ist nicht möglich«, sagte Carla und ging jedes einzelne Bettchen ab. »Wo ist meine Tochter?«
Die Schwester hatte sich mit dem Säugling zu ihnen gesellt. Das Kind war ruhig, die Schwester streichelte ihm den Rücken und sah Carla wieder aus riesigen, ängstlichen Augen an.
»Sie haben doch hier irgendeinen Mist gebaut, und jetzt wollen Sie mir ein falsches Kind unterjubeln, hab ich recht?«
»Bitte«, sagte der Arzt und legte diesmal seine Hand auf ihre Schulter. »Ich gebe Ihnen am besten eine kleine Spritze, und dann unterhalten wir uns im Behandlungszimmer. Einverstanden?«
Carla starrte ihn an. Sah noch einmal zu dem fremden Kind, das von der Schwester in sein Bettchen gelegt wurde, dann wieder zu ihm. »Sie wollen mich ruhigstellen?«, fragte sie, nun ganz leise. »Die Spritzen der letzten Tage, damit haben Sie mich auch ruhiggestellt, richtig?«
Er hob die Hände und schüttelte den Kopf. »Da verstehen Sie jetzt aber wirklich etwas ganz falsch. Wir haben …«
»Sie haben mein Kind entführt!«, schrie sie. »Oder ist etwas passiert? Ist Felicitas gestorben, und Sie wollen es mir nicht sagen? Was haben Sie getan?« Tränen strömten über ihr Gesicht.
»Kommen Sie, wir gehen ins Behandlungszimmer.« Jetzt packte der Arzt fester zu, schob sie aus dem Raum, schloss die Tür eilig hinter sich. »Und schreien Sie bitte nicht so. Denken Sie an die Kinder!«
Sie schüttelte ihn ab. »Ich denke an mein Kind! Sie haben mir mein Kind weggenommen!« Ohne nachzudenken, fing sie an, auf den Mann einzuschlagen. Blind trat sie nach ihm, schlug immer wieder zu. Sie sah, wie er schützend die Arme hob, er konnte nicht fliehen, sie hatte ihn in eine Ecke zwischen der Umkleide und dem Untersuchungsstuhl gedrängt. Sie erwischte seine Nase, landete einen Schlag auf seinen Mund, er blutete.
Jemand packte sie von hinten und zog sie von ihm weg. Zwei mussten es sein, sie hatte keine Chance, sich gegen sie zu wehren, sie sah sie nicht einmal. Carla schrie nach ihrer Tochter, sah den Arzt auf dem Boden liegen, das Gesicht voller Blut, sah die Schwester, die sich über ihn beugte und sich dann zu Carla umdrehte, Entsetzen im Blick. Dann spürte sie, wie eine Nadel in ihre Haut eindrang, merkte, wie ihre Glieder schwer wurden, wie alles um sie herum verschwamm, wie ihre Stimme versagte, weil sie zu müde war, auch nur zu flüstern. Und jetzt war alles weich und schwarz und...
Erscheint lt. Verlag | 14.2.2022 |
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Reihe/Serie | Schottland-Reihe |
Schottland-Reihe | |
Sprache | deutsch |
Original-Titel | Das alte Kind |
Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Krimi / Thriller |
Schlagworte | BücherFrau des Jahres 2022 • Deutscher Krimipreis 2016 • Deutscher Krimipreis 2020 • K.-H. Zillmer-Verlegerpreis 2024 • Krimi • neues Buch • Page Turner • Politikkrimipreis 2021 • Spannung • ST 5199 • ST5199 • suhrkamp taschenbuch 5199 • Thriller • Thriller-Serie |
ISBN-10 | 3-518-77002-0 / 3518770020 |
ISBN-13 | 978-3-518-77002-3 / 9783518770023 |
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