Blösch (eBook)
448 Seiten
Diogenes (Verlag)
978-3-257-61235-6 (ISBN)
Beat Sterchi, 1949 in Bern geboren, ging 1970 nach Kanada und studierte Anglistik. Danach war er Sprachlehrer in Tegucigalpa (Honduras) und Montreal und betrieb weitere Studien in Kanada. Er verfasste neben Theaterstücken, Reportagen und Kolumnen auch Reiseberichte und experimentelle Texte auf Berndeutsch und stand mit Spoken-Word-Texten auf etlichen Bühnen. Heute lebt Beat Sterchi als freier Schriftsteller in Bern.
Viele Jahre danach, als er sich eben zum letzten Mal auf die Fußspitzen gestellt hatte, um seine Karte für immer in den Schlitz Nr. 164 des Stempelkartenfächerkastens am Eingang zum Städtischen Schlachthof zurückzuschieben, da erinnerte sich Ambrosio an jenen fernen Sonntag seiner Ankunft im wohlhabenden Land.
Nach einer sowohl anstrengenden als auch umständlichen Reise vom heimatlichen Süden durch wüstenähnliche Ebenen, über Pässe und durch Tunnels, in den nur mit ein paar unaussprechbaren Namen auf einem amtlichen Formular lockenden Norden, stand er plötzlich, ausgeladen und zurückgelassen wie ein Stück Gepäck, mitten in Innerwald, mitten in diesem Dorf, das er sich seit Monaten krampfhaft, aber vergebens vorzustellen versucht hatte. Endlich war er da! Endlich hatte sich verwirklicht, was er sich und seiner Familie gewünscht hatte. Bald würde er arbeiten, verdienen; die erste Geldüberweisung war nur noch eine Frage der Zeit: er, Ambrosio, er hatte erreicht, was so vielen verwehrt blieb, und doch wurde er, kaum angekommen, von dem Verlangen ergriffen, dem noch sichtbaren Bus nachzueilen, dem Fahrer Halt! Halt! zuzurufen, sich gleich wieder zurückführen zu lassen, zurück durch die Tunnels, zurück über die Berge, nur zurück ans Licht seines eigenen Dorfes in Coruña.
Aber der Postbus hatte nicht gewartet, er war weg, hatte sich wie ein gelber Theatervorhang vor Ambrosio weggeschoben und ihn einem neugierigen Publikum ausgeliefert.
Ein Dutzend Innerwaldner, die beim Hantieren von Kesseln und Kannen vor der Genossenschaftskäserei noch eben Pferde und Hundegespanne herumkommandiert, gelacht, geprahlt hatten, verstummten, hielten in ihrer Arbeit inne und starrten auf den fremden Mann, der, ausgestellt wie ein Fisch am Haken, unsicher wie ein Entlassener vor dem Gefängnistor, mitten auf ihrem Dorfplatz stand.
Nichts regte sich: Ein Film war steckengeblieben; der Ton war ausgefallen, nur das Wasser im Dorfbrunnen plätscherte weiter.
Ambrosio stand da und konnte sich nicht rühren, er konnte auch keine Zigarette drehen: Wie gelähmt sah er sich sich selbst gegenüber. Alles an ihm hatte auf einmal eine drohende Eigenart angenommen. Er fühlte seine millimeterkurz geschnittenen Haare rund um die Glatze auf seinem Kopf, fühlte, daß seine Haare schwarz waren. Er roch seinen eigenen Schweiß, sein Hemd war schmutzig und durchnäßt, zu gern hätte er sich seine knorrigen Beine, die dünn in nur knielangen Hosen staken, verhüllt. Er schaute auf sein verbeultes Kistenköfferchen hinunter, hob seinen Blick auf die Leute, senkte ihn wieder: Von einer Sekunde zur anderen hatte er die Einsamkeit kennengelernt. Zum ersten Mal in seinem Leben wußte er, daß er klein, fremd und anders war.
Erst als sich ein Freibergerhengst aus seinem Lederzeug schütteln wollte und dazu laut wieherte, kam wieder Leben in den Sonntagabend. Der Motor eines Traktors wurde angeworfen; die Innerwaldner lachten und prahlten wieder; die Käserarme griffen weiter nach den Milchkannen und schütteten die weiße Flut zentnerweise in Waagkessel und Abkühlbecken; die an ihre Karren gespannten Sennenhunde führten aus sicherer Distanz kläffend die Rivalitätskämpfe fort, und eine Mähre hufscharrte auf dem Kopfsteinpflaster, daß es Funken sprühte.
Ambrosio war froh über die wiederaufkommende Geschäftigkeit auf dem Dorfplatz, und er wäre noch lange einfach in dessen Mitte stehengeblieben, hätte ihn nicht eine auf ihn zutrottende Schar Kühe zu einer Entscheidung gezwungen. Die Tiere wurden von zwei Knaben zum Dorfbrunnen getrieben, der sich gegenüber der Käserei, vor dem Gasthof OCHSEN befand. An der Spitze der Herde kam mit dem Gehabe einer Bürgermeisterin eine mächtige Kuh daher, die wohl friedlich, aber doch nicht so aussah, als wäre sie gewillt, wegen des kleinen Spaniers zwei Kuhschritte von ihrem gewohnten Trott abzuweichen.
Ambrosio packte sein Köfferchen und ging, mit der freien Hand in Hemd- und Hosentaschen nach den Papieren suchend, auf die Käserei zu, wo er einem Bubengesicht seine Aufenthaltsbewilligung sowie ein anderes, fremdenpolizeiliches Schreiben unter die Nase hielt. Er sah sich aber umringt von zusammengepreßten Lippen in stummen Gesichtern. Die auf ihn gerichteten Augen prüften ihn, Stirnen legten sich in Falten, die Köpfe wackelten verneinend, wandten sich dem Käser zu. Ohne das Abwägen der Milch zu unterbrechen, fragte dieser, was der kurzbehoste Kauz von ihnen wolle?
»Ich glaube fast, das ist dem Knuchel sein Spanier. Hier schau, da sind die Papiere«, sagte ein Bauer und übergab dem Käser das abgegriffene Bündel.
»So, so! Es mußte also sein. Wie zum Mistzetten gemacht sieht er nicht aus. Täusche ich mich, oder mangelt es ihm an Brustumfang?« Der Käser, der auf der Rampe stehend über allen thronte, pumpte dabei seine eigene Brustkiste zum Platzen voll. »Auf dem Knuchelhof gibt es wohl in der Kinderstube mehr zu tun als im Kuhstall«, spottete er weiter. »Aber hör zu! Dem Knuchel sein Junger kommt immer als einer der ersten mit der Milch. Verstehst du? Der ist schon lange wieder weg.«
Ambrosio schüttelte den Kopf.
»Kannst nicht Deutsch?« wurde belustigt gefragt, worauf einige Innerwaldner herzhaft lachten. Auch der Käser machte noch einige Witze, hörte aber damit auf, als er bemerkte, daß Ambrosio, der spürte, über wen gelacht wurde, darin aber keine Boshaftigkeit vermutete, selbst mitlachte, sich sogar getraute, mitten unter den Innerwaldnern endlich die ersehnte Zigarette zu drehen.
»Mosimann! Du kommst doch beim Knuchelhof vorbei. Nimm den Kleinen da mit!«
Es nachtete bereits, als Ambrosio die Dorfstraße hinunterging. Er folgte einem Handkarren, an dem ein trotziger Junge bremste, während ein schwarz-rot-weißer Sennenhund in heißem Futterdrang mit aller Kraft daran zog. Auch Ambrosio war hungrig. Gern hätte er ein paar Schlucke von der Suppe heruntergeschlürft, die süßlich aus der Kanne auf dem Karren dampfte. Er ahnte nicht, daß es nur Schotte, ein für die Schweinemast verwendeter Abfall vom Käsen, war.
Von Innerwald bekam Ambrosio wenig zu sehen. Die Dorfstraße war spärlich beleuchtet, vor den Höfen brannte nur wenig Licht. Ambrosio hörte aber Holzschuhtritte, für Tierohren bestimmte Rufe und Kommandos; er hörte blechernes Milchgeschirr, das an Brunnen gewaschen wurde und glockenähnlich läutete; er hörte Besenstriche, Wagengerassel, Hühnergegacker und Schweinegekreisch, denn die Innerwaldner gingen in den Ställen noch den letzten Arbeiten des Tages und in den Scheunen den ersten Vorbereitungen für die morgendliche Fütterung nach.
Noch gut zu erkennen waren die Umrisse der Bauernhäuser: jedes Dach hoch und ausladend, als müßte es allein die halbe Welt vor einem bissigen Himmel schützen; jedes Dach ein Kirchendach. Gleichzeitig wunderte sich Ambrosio über den überall am Straßenrand aufgeschichteten Kuhmist. Wahre Türme von Misthaufen standen vor den Häusern und verbreiteten ihren Duft.
Außerhalb des Dorfes lächelte der Junge Ambrosio an, forderte ihn auf, sein Köfferchen auf den Milchkarren zu stellen.
»Noch fünf Minuten«, sagte er und spreizte Ambrosio eine Hand entgegen.
Da Ambrosio nur Sandalen an den Füßen hatte, ging er auf der Grasnarbe in der Mitte des Kiesweges, der in drei Schleifen an eingezäunten Weiden, an Obstgärten vorbei den Hang hinunter und in einer weiten Kurve um eine Böschung in ein Tannenwäldchen führte.
Auf der anderen Seite des kleinen Saumwaldes zeigte der Junge auf eine Ansammlung von schattenhaften Gebäuden.
»Dort unten, dort sind sie, die Knuchels«, sagte er, winkte und verschwand mit Hund und Wagen in der Nacht.
Bevor Ambrosio über den schmalen Seitenweg auf den Hof zuging, der wie ein weiteres Dorf zwischen zwei abfallenden Hügelrücken eingebettet lag, drehte er sich noch eine Zigarette.
Während er ein paar hastige Züge tat, bemerkte er die Sterne am Himmel.
Der Knuchelbauer hatte die im wohlhabenden Land nicht unübliche Gewohnheit, seine Kühe auch an Sonntagen nicht länger warten, nicht länger als während der Woche in ihrer Milch stehen zu lassen. Beizeiten war er von seinem Gang über Land und von einem Kaffee Bäzi im OCHSEN wieder heimgekehrt und hatte zu berichten gewußt, daß von dem seit langem erwarteten Spanier zwar weder auf der Post noch sonstwo eine Nachricht eingetroffen sei, daß sich dagegen das Dorfgerede schon heftig um den Ausbleibenden kümmere. Nicht alle seien dafür; der Käser schon gar nicht. Wegen des unsauberen Italieners beim Bodenbauer solle gut Käsen schwerer geworden sein. Die Innerwaldnermilch sei längst nicht mehr, was sie einmal war. Und jetzt müsse doch noch so ein Spanier dahertschalpen! Man solle dann nur sehen, das schlage dem Knuchelbauer auf das Milchgeld und der ganzen Genossenschaft auf die Ehre.
Die Knuchelbäuerin hatte darauf den Kopf geschüttelt, ein halbes »Heikermänt« verschluckt und sich wieder den Geraniensprößlingen auf der Laube zugewandt.
Der Bauer war noch kurz neben ihr stehengeblieben. Mit den Händen tief in den Sonntagshosen hatte er über die Felder hinaus, dann auf den Pflanzblätz geschaut, hatte seiner Frau die dort herrschende Ordnung und der Großmutter die Hühner gerühmt, nur, da er seine Ungeduld einmal mehr nicht ganz verbergen konnte, um mit einem »so wei mer däich« zum Umziehen ins Haus zu gehen. Drinnen hatte er die bräveren Hosen sorgfältig in Falten gelegt und an einem Holzbügel hinter die Stüblitür gehängt, war in frische Überkleider und in trockene Stiefel geschlüpft und war zusammen mit seinem Sohn Ruedi zum Misten und Melken im Kuhstall...
Erscheint lt. Verlag | 29.9.2021 |
---|---|
Verlagsort | Zürich |
Sprache | deutsch |
Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
Schlagworte | Bauernhof • Brutalität • Dorf • Dorfleben • Fleisch • Grausamkeit • Knecht • Landleben • Roman • Schlachter • Schlachthof • Schweiz • Spanier |
ISBN-10 | 3-257-61235-4 / 3257612354 |
ISBN-13 | 978-3-257-61235-6 / 9783257612356 |
Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR) | |
Haben Sie eine Frage zum Produkt? |

Größe: 1,2 MB
DRM: Digitales Wasserzeichen
Dieses eBook enthält ein digitales Wasserzeichen und ist damit für Sie personalisiert. Bei einer missbräuchlichen Weitergabe des eBooks an Dritte ist eine Rückverfolgung an die Quelle möglich.
Dateiformat: EPUB (Electronic Publication)
EPUB ist ein offener Standard für eBooks und eignet sich besonders zur Darstellung von Belletristik und Sachbüchern. Der Fließtext wird dynamisch an die Display- und Schriftgröße angepasst. Auch für mobile Lesegeräte ist EPUB daher gut geeignet.
Systemvoraussetzungen:
PC/Mac: Mit einem PC oder Mac können Sie dieses eBook lesen. Sie benötigen dafür die kostenlose Software Adobe Digital Editions.
eReader: Dieses eBook kann mit (fast) allen eBook-Readern gelesen werden. Mit dem amazon-Kindle ist es aber nicht kompatibel.
Smartphone/Tablet: Egal ob Apple oder Android, dieses eBook können Sie lesen. Sie benötigen dafür eine kostenlose App.
Geräteliste und zusätzliche Hinweise
Buying eBooks from abroad
For tax law reasons we can sell eBooks just within Germany and Switzerland. Regrettably we cannot fulfill eBook-orders from other countries.
aus dem Bereich