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Anatomie eines Spielers (eBook)

Roman
eBook Download: EPUB
2021 | 1. Auflage
432 Seiten
Tropen (Verlag)
978-3-608-11711-0 (ISBN)
Systemvoraussetzungen
19,99 inkl. MwSt
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Der große Berlin-Roman von Jonathan Lethem Alexander Bruno kann Gedanken lesen. Sein Beruf ist es, reichen Männern bei Backgammon- Partien ihr Geld abzuluchsen. Er trägt Smoking und sieht ein bisschen aus wie James Bond. Doch er hat sein Glück überreizt und einen Tumor im Kopf. Auf seiner Irrfahrt durch die globalisierte Welt wird Bruno am Ende selbst zum Spielstein eines Systems, dessen Interessen genauso unsichtbar und tödlich sind wie sein Tumor. In Singapur von einer langen Pechsträhne verfolgt, fliegt der sonst vom Erfolg verwöhnte Alexander Bruno nach Berlin, um dort an einer Backgammon-Partie der besonderen Art teilzunehmen. Doch während der Partie in der Villa des undurchschaubaren Herrn Köhler geht alles schief. Der blinde Fleck in Brunos Blickfeld wird noch größer und er schließlich ohnmächtig. Die deprimierende Diagnose: ein Tumor im Kopf, der unbedingt behandelt werden muss. Die komplizierte Operation in San Francisco würde sich Bruno aber kaum leisten können, wäre da nicht ein alter Bekannter, der ihm scheinbar selbstlos unter die Arme greift. Jonathan Lethem erzählt von einem Leben, das so fragil ist wie ein ungeschützter Backgammon-Stein.  

Jonathan Lethem, geboren 1964 in New York, ist Autor zahlreicher Romane, darunter die Brooklyn-Romane »Motherless Brooklyn« und »Die Festung der Einsamkeit«. Für sein Werk erhielt er zahlreiche Preise und Auszeichnungen, u.a. den »National Book Critics Award«, den »Gold Dagger« und das »MacArthur Fellowship«. Lethem hat am Pomona College in Südkalifornien die Professur für Creative Writing inne. Zurzeit lebt er mit seiner Familie in Kalifornien. Weitere Informationen zu Jonathan Lethem finden Sie auf seiner Website www.jonathanlethem.com

Jonathan Lethem, geboren 1964 in New York, ist Autor zahlreicher Romane, darunter die Brooklyn-Romane »Motherless Brooklyn« und »Die Festung der Einsamkeit«. Für sein Werk erhielt er zahlreiche Preise und Auszeichnungen, u.a. den »National Book Critics Award«, den »Gold Dagger« und das »MacArthur Fellowship«. Lethem hat am Pomona College in Südkalifornien die Professur für Creative Writing inne. Zurzeit lebt er mit seiner Familie in Kalifornien. Weitere Informationen zu Jonathan Lethem finden Sie auf seiner Website www.jonathanlethem.com Ulrich Blumenbach hat u. a. Werke von Agatha Christie, Joshua Cohen, Stephen Fry, Jack Kerouac und Anthony Burgess sowie Gedichte von Dorothy Parker ins Deutsche gebracht. Für die Übersetzung von David Foster Wallace' Roman Unendlicher Spaß wurde er 2010 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet.

»So absurd witzig und in tollen Bildern kann das nur ein Jonathan Lethem zusammenrühren. […] Mit Bruno lässt Jonathan Lethem einen Helden am Abgrund durch eine globalisierte Welt laufen.«
Florian Schmid, der Freitag, 19. August 2021

»Jonathan Lethem hat mit diesem Roman der langen Geschichte von Sieg und Niederlage in Spiel und Leben ein eindringliches Kapitel hinzugefügt.«
O.P. Zier, die Presse, 24. Juli 2021

»Ein buntes und rasantes Stück Literatur.«
Florian Schmid, Neues Deutschland, 16. August 2021

»Anatomie eines Spielers [wirft] einen besonderen Blick auf die Gegenwartskultur.«
Stern, 29. Juli 2021

Eins


I Er war da, wenn er aufwachte. Wahrscheinlich auch, wenn er schlief. Der Fleck. Als er allein hinten auf der spärlich besetzten Fähre nach Kladow stand, vom Sicherheitsglas zum Glück gegen die abendliche Kühle auf dem See geschützt, konnte Alexander Bruno den Fleck nicht mehr leugnen, der in seinem Gesichtsfeld gewachsen war, ihn nicht mehr verließ und eine Lücke bildete, die seinen Blick auf das zurückweichende Ufer verzerrte. Er musste um seine Ränder herumsehen, wenn er die Villen und Biergärten, den Sandstreifen des über hundert Jahre alten Strandbads und die mit Planen abgedeckten Segelboote sehen wollte. Vor zwei Wochen war er um die halbe Welt geflogen, ohne zu wissen, ob er seinem Schicksal in Berlin entgehen oder es annehmen wollte.

In Charlottenburg hatte er den rechten Augenblick abgewartet, in den ruhigen Cafés gefrühstückt, miterlebt, wie die Tage allmählich länger wurden, mehr Englisch gehört, als ihm lieb war, und seine letzten Mittel aufgebraucht. Den Smoking hatte er im Kleidersack gelassen, das Backgammonspiel zugeklappt. Uneingestandenermaßen hatte der Fleck ihn die ganze Zeit begleitet. Bruno war sein Träger, sein Wirt. Mit der Unschuld des Zufallsschmugglers war er durch den Zoll gegangen: Nothing to declare. Schließlich rief er aber doch die Nummer an, die Edgar Falk ihm gegeben hatte, erklärte sich bereit, zum Haus des reichen Mannes in Kladow zu kommen, und erst als er an diesem Tag aufwachte und Smoking und Backgammonspiel abstaubte, beharrte der Fleck darauf, dass Bruno seine Existenz endlich anerkannte. Die eines alten Freundes, den er nie getroffen hatte, aber trotzdem wiedererkannte.

Warum ein Brimborium darum machen? Vielleicht war er todgeweiht.

Unter dem Eindruck seiner Angst schien sich die S-Bahn-Fahrt über die endlosen Stationen vom Westend bis zum Wannsee genauso lang hinzuziehen wie seine Reise von Singapur nach Berlin. Die deutsche Stadt hatte mit ihren Graffiti und Baustellen, den planlosen Parklandschaften und den unverkleideten rosa Wasserleitungen ihre eigene Ausdehnung. Berlin schlängelte sich durch die Zeit. In der S-Bahn zum Wannsee waren die in Charlottenburg und Mitte noch vorherrschenden hochgewachsenen jungen Frauen in schwarzen Leggings mit Fahrrädern und Ohrhörern ausgedünnt und durch mürrische preußische Geschäftsleute und gaffende Großmütter ersetzt worden, die mit Aktenkoffern und Einkaufstüten nach Hause latschten. Als die Fähre ablegte, wurde er den Eindruck kaum noch los, dass die Stadt erneut besiegt und in Sektoren aufgeteilt worden war und dass die vorherrschende Stille und Schwermut von Schuldgefühlen und Entbehrungen herrührten, die nicht siebzig Jahre zurücklagen, sondern so frisch waren wie rauchende Trümmerhaufen.

Als Bruno seinen Gastgeber angerufen und sich erkundigt hatte, wie er am besten nach Kladow käme, hatte der reiche Mann ihm erklärt, die abendliche Fährfahrt über den See sei eine Erfahrung, die er sich nicht entgehen lassen solle. Auf der rechten Seite, hatte der Deutsche gesagt, solle Bruno nach dem berühmten alten Strandbad Wannsee Ausschau halten, und auf der linken Seite nach der Villa der Wannsee-Konferenz. Dem Ort, an dem die Endlösung geplant worden war, allerdings hatte sich Bruno diese historische Altlast vom Hotelportier erst erklären lassen müssen. Als er jetzt nach ihr suchte, wusste Bruno natürlich nicht, wie er sie von den anderen Villen hätte unterscheiden sollen, die das Westufer des Sees säumten und sich eine nach der anderen ins leere Zentrum seines Blickfelds schoben.

Wie lange hatte Bruno den Fleck nur für eine verrückt gewordene Glaskörpertrübung oder das heraufziehende Gespenst seiner Unaufmerksamkeit gehalten? Nur ein Idiot hätte keine Verbindung zu den dauernden Kopfschmerzen hergestellt, die ihn beim Gang vom S-Bahnhof Wannsee durch die Parkböschung zur Anlegestelle hinab in der Innentasche des Smokingjacketts nach der Packung Paracetamol hatten tasten lassen, diesem einzigartigen britischen Aspirin, von dem er abhängig geworden war. Dann schluckte er zwei Tabletten, wobei er als Wasser nur den glänzenden See vor sich hatte. Er ließ sich gern als Idiot beschimpfen, wenn das Paracetamol nur sein Gesichtsfeld wiederherstellte. Wieder einen ganzen Kuchen aus dem machte, was jetzt nur ein Doughnut war: die Welt. Er hob die Hand. Der Fleck verdeckte seine Handfläche wie zuvor das Ufer. Bruno merkte, dass er einen Manschettenknopf verloren hatte.

»Entschuldigung«, sagte er zu einem großen Mädchen in schwarzen Tights. Sie war schon die ganze Strecke aus dem angesagten Stadtteil Mitte im selben S-Bahn-Waggon wie Bruno mitgefahren, um dann ebenfalls die Fähre zu besteigen. Ihr Fahrrad hatte sie im Ständer der Fähre eingestellt, bevor sie an den Heckfenstern neben ihn getreten war. Bruno entschuldigte sich, weil er neben ihren Knien in die Hocke gegangen war und dort den Boden absuchte in der Hoffnung, der Manschettenknopf sei ihm vielleicht eben erst hinabgefallen. Ein aussichtsloser Impuls wie der des Betrunkenen im Witz, der nachts in einer Seitenstraße unterwegs ist, feststellt, dass er seinen Schlüssel verloren hat, und ihn nicht dort sucht, wo er ihn verloren haben könnte, sondern unter einer Laterne, wo er besseres Licht hat.

Der Witz fiel ihm ein, weil das Mädchen sich hinhockte, um ihm zu helfen, ohne zu wissen, wonach es zu suchen hatte. Im Witz wird der Betrunkene von einem Polizisten unterstützt, der eine Weile unter der Laterne mitsucht. Als sie sich jetzt neben ihn hockte, sah Bruno, dass Mädchen das falsche Wort war. Ihre fein geschnittenen Gesichtszüge waren herb und attraktiv. Viele Frauen in Berlin waren sportlich schlank, kleideten sich nach derselben Mode, und ihr Alter ließ sich nicht nach dem Äußeren bestimmen.

»Kontaktlinsen?«

»Nein … nein …« Alle Berliner sprachen Englisch, und auch wenn nicht, bekam man mit, was sie meinten. In Singapur hatten die fremden Zungen aus Mandarin, Malaiisch und Tamilisch ihn glücklich in seinem Kokon des Nichtverstehens eingesponnen. Hatte sie erraten, dass er Augenprobleme hatte, weil er den Boden wie ein Blinder abtastete?

»Kuffenlinksen …«, bluffte er und tippte sich auf den offenen Ärmel. Nein, das Wort gab es wohl in keiner Sprache. Außerdem werde ich wahrscheinlich bald sterben, fügte er in telepathischem Pidgin hinzu, einfach um auszuprobieren, ob sie zuhörte.

Sie ließ sich nicht anmerken, ob sie seine Gedanken gelesen hatte. Bruno war erleichtert. Er hatte die Gedankenübertragung vor Jahren aufgegeben, schon zu Beginn der Pubertät. Aber er war wachsam geblieben.

»Engländer?«, fragte sie.

Bruno wurde gern für einen Briten gehalten. Seiner Größe und seiner hohen Wangenknochen wegen war er schon mit Roger Moore und dem Bassisten von Duran Duran verglichen worden. Aber wahrscheinlich erkundigte sie sich nur nach seiner Muttersprache.

»Ja«, sagte er. »Ich habe ein Schmuckstück verloren. Tut mir leid, ich weiß nicht, wie es auf Deutsch heißt. Herrenschmuck.« Er zeigte seine fleckige Manschette vor, die vom Bügeln im Hotel angesengt war. Das konnte sie ruhig sehen. Von seinem äußeren Erscheinungsbild war der Lack ab, das wusste Bruno. Hals und Kiefer, hatte er jüngst im Spiegel festgestellt, waren die des Vaters, den er nie getroffen hatte. Die Haut über dem Kinn spannte sich auf die vertraute Weise nur noch, wenn er den Unterkiefer vorschob und den Kopf leicht in den Nacken legte, eine Haltung, die er inzwischen als die Eitelkeit angejahrter Männer durchschaute. Er ertappte sich öfter dabei.

Jetzt sah er aber nicht in den Spiegel, sondern ins Gesicht der potentiellen Finderin seiner inexistenten Kontaktlinse. In das mit weißen Haaren durchsetzte Blond. Lockende Lippen, gerahmt von tiefen Falten – die Bruno ausdrucksstark fand, ihr jedoch Kummer machen mussten. Zwei Menschen, die ihre beste Zeit hinter sich hatten, aber durchhielten. Er musste beiseitesehen, um sie überhaupt sehen zu können, was ihn wahrscheinlich schüchterner wirken ließ, als er sich fühlte. »Vergessen Sie’s«, sagte er. »Ich hab ihn bestimmt schon in der Bahn verloren.«

Das Flirten gelang so mühelos. Die Erwähnung der Bahn genügte. Nicht mal »S-Bahn«; beide wussten, was er meinte. Sie waren zusammen hergekommen, jetzt standen sie an Bord derselben Fähre, und obwohl in den letzten beiden Wochen vor seinem Caféfenster in Charlottenburg Tausende ihresgleichen vorbeiflaniert sein dürften, wirkte das gemeinsame Ziel wie ein dürftiges Wunder. Und beide waren sie groß. Das bisschen reichte schon, um Begehren als Schicksal auszugeben.

Bruno hatte sich immer eine Zukunft ausgemalt, in der er nicht...

Erscheint lt. Verlag 24.7.2021
Übersetzer Ulrich Blumenbach
Verlagsort Stuttgart
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte Amerika • Antiheld • Backgammon • Berkeley • Berlin • Bestsellerautor • burger • Deutschland • Experiment • Flucht • Freiheit • gedanken lesen • Geld • Globalisierung • Glück • Glücksspiel • High Stakes • Ian Fleming • international • Irrfahrt • James Bond • Kasino • kosmopolitisch • Krebs • Liebe • Ménage à trois • Meningeome • Millionär • Pech • Poker • Protest • Risiko • Roger Moore • San Francisco • Schicksal • Singapur • Telepathie • Thomas Pynchon • Tumor • unfrei • Unruhen • verrückter Arzt
ISBN-10 3-608-11711-3 / 3608117113
ISBN-13 978-3-608-11711-0 / 9783608117110
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