Entlarvung (eBook)
224 Seiten
Ventil Verlag
978-3-95575-612-3 (ISBN)
Pia Klemp, Jahrgang 1983, ist gesellschaftskritische Schriftstellerin, strafverfolgte Kapitänin, vernarrte Landstreicherin, umtriebige Veganarchistin und passionierte Misanthropin. Neben ihrer Arbeit in der Tierbefreiung ist sie in verschiedenen antifaschistischen Projekten aktiv. Jüngst war sie Teil des anarchofeministischen Kollektivs, das das Schiff Louise Michel für die zivile Seenotrettung im zentralen Mittelmeer klarmachte. Wenn sie sich nicht gerade mit der Festung Europa oder verblödeter Heldenerschaffung herumschlägt, trägt sie den Kampf um Liebe und Revolution auch auf das literarische Parkett, unterbricht Männer beim Reden oder schaut Hochständen dabei zu, wie sie von ganz alleine umfallen.
Pia Klemp, Jahrgang 1983, ist gesellschaftskritische Schriftstellerin, strafverfolgte Kapitänin, vernarrte Landstreicherin, umtriebige Veganarchistin und passionierte Misanthropin. Neben ihrer Arbeit in der Tierbefreiung ist sie in verschiedenen antifaschistischen Projekten aktiv. Jüngst war sie Teil des anarchofeministischen Kollektivs, das das Schiff Louise Michel für die zivile Seenotrettung im zentralen Mittelmeer klarmachte. Wenn sie sich nicht gerade mit der Festung Europa oder verblödeter Heldenerschaffung herumschlägt, trägt sie den Kampf um Liebe und Revolution auch auf das literarische Parkett, unterbricht Männer beim Reden oder schaut Hochständen dabei zu, wie sie von ganz alleine umfallen.
1
Rubi lag mit zur Seite gewandtem Gesicht auf ihrem Bett und beobachtete die Falten des Frotteelakens, die sich unter den Bewegungen ihres Beckens zu immer neuen Mustern strafften. Mechanisch griff sie in Codys Haar und drückte seinen Kopf tiefer zwischen ihre Beine. Das hier war auch nicht schlechter als die Beziehungen, die sie vorher gehabt hatte.
Ein eisiger Hauch Winterluft zog durch das gekippte Fenster und verlor sich in den trockenen Schwaden ihres überheizten Schlafzimmers. Sie zog gelangweilt eine Schnute und fühlte weder sich noch ihn. Die Stadt, die sich außerhalb der verrußten Hauswand befand (eine Wand, die von nicht viel mehr erzählen konnte als von den Krebserkrankungen der Arbeiter, die die Asbestplatten zugeschnitten hatten), interessierte das alles nicht und hielt in ihrem Treiben nicht inne. Wie bei jedem schwarzen Loch war es für den, der nicht selbst hineinfiel, unmöglich, je etwas darin verschwinden zu sehen.
Es herrschte eine merkwürdige Trennung zwischen Rubis Kopf und dieser Zunge, die sich zwischen ihren Schamlippen verlor. Rubi schielte auf die Uhr auf ihrem Nachttisch und wartete darauf, dass es vorbei war. Selten glaubte sie sich so alleine wie beim Oralverkehr. Niemand hatte ihr bisher das Gefühl gegeben, sie sei dabei wirklich anwesend. Ihr war es, als ginge es darum, dass er es war, der sie befriedigte, nicht dass sie befriedigt wurde. Ihr Schoß lieferte lediglich die Bühne für sein Können. Ganz leise fragte etwas Unterbewusstes, ob sie benutzt würde. Sie überhörte es ohne Mühen. Es war einfacher mitzumachen, als sich zu erklären. Man unterdrückte ja auch eher den Würgereiz, wenn man einen Schwanz im Mund hatte, als ihn zuzulassen.
Die leichten Vorhänge raschelten verschämt neben den Spiegelungen im Fenster, als würden sie sich vor dem hier Vorgeführten schließen wollen. Aber Rubi hatte nichts zu bemängeln. Die beiden hatten einen Deal und manchmal taten sie so, als sei es wahr. Taten so, als hätte die Suche nach Verbundenheit in diesem Bett ein Ende gefunden. Darum strampelten sie, um so viel wie möglich vom anderen zu ergattern, vögelten und konsumierten sie sich gegenseitig in diesem egoistischen Gemeinschaftswerk.
Sein Grunzen und Schmatzen begleiteten das rhythmische Zucken seiner Rückenmuskulatur, als er sich hingebungsvoll um ihr Geschlecht wand. Er dachte daran, dass er die kaputten Bluetooth-Boxen nur noch diese Woche umtauschen können würde. Vorher musste er sich noch gut überlegen, welche er stattdessen haben wollte und machte sich eine geistige Notiz, die Bewertungen dieses Mal besser zu studieren. Die bald manische Erregung, die er beim bevorstehenden Erwerb verspürte, war das Einzige, was ihn aus der Niedergeschlagenheit des Nichtbesitzens erlösen konnte. Er würde das unterwürfige Geräusch vermissen, das ihm der Lautsprecher bei jedem Anschalten digital entgegentrommelte. Es war nicht so wichtig, die nächsten würden besser sein.
Ein winziges Stöhnen, das Rubi selbst überraschte, entwich ihrer Kehle. Und mehr noch als das mutmaßliche Attest ihrer Lust überraschte sie, wie automatisiert alles an ihr diese Nummer mitspielte. Sie reckte das Kinn, atmete tief ein und kam nicht umhin, die Spinnweben an der gedimmten Deckenlampe zu bemerken. Aschfahles Lametta, das in der aufsteigenden Thermik verhalten wehte. Sie täuschte einen Orgasmus vor, so viel schuldete sie ihm. Trotz aller Einfallslosigkeit schien ihr die Abgeklärtheit ihrer Verbindung fair und sie konnten getrost zum nächsten Punkt übergehen.
Cody setzte sich auf und generös schenkte er ihr ein feuchtes Grinsen aus perfekten weißen Zähnen. Er fand sich selbst geiler als alles andere. Rubi wusste das und es scherte sie nicht, viel eher beliebäugelte sie ihn mit gesunder Distanz. Und sie musste das Lächeln ja auch nicht erwidern. Sie glaubte nicht, dass sie in derselben Liga spielten. Und hätte sie je gefragt, hätte er ihr wohl recht gegeben. Trotzdem, oder vielleicht auch deswegen, wollte sie ihn. Fürs Jetzt und vielleicht noch ein wenig länger. Während er sich auf der Bettkante, ihr den Rücken zugedreht, den Gummi überstreifte, richtete sie sich ihr struppiges schwarzes Haar und sammelte ein bisschen Spucke im Mund.
Das fade Zimmer, spärlich eingerichtet und ebenso spärlich dekoriert, wurde noch enger und auch das war okay. An den Wänden hing einzig eine alte Lithographie von Forstinsekten; tapfer versuchte die Zierbrombeere auf der Fensterbank etwas Leben in die Bude zu bringen. Rubis Blick blieb am Setzkasten über dem schmalen Pult in der Ecke hängen. Die getrockneten Löwenmäulchensamen, die wie lustige Narrenköpfe aussahen, waren von einem Windstoß aus ihrem hölzernen Fach getragen worden, und lagen verstreut auf Tisch und Boden. Sie würde es später richten. (Vor mehr als 25 Jahren hatte ihr Oma Anni den Holzkasten geschenkt. Seitdem stellte sie allerhand Schätze darin aus, wie den Rosenquarz, eine putzige Drachenfigur aus Ton, das Bruchstück eines Fossils und den Emaille-Anhänger aus Prag.) Vielleicht würde sie auch noch ein paar Blüten pressen, wenn sie sowieso schon dabei war.
Cody schwang sich über sie und strich sich mit seiner manikürten Hand über den Musculus pectoralis: »Ok?«
»Ok«, stimmte Rubi zu und er drang in sie ein.
»Uhh yeah«, griente Cody mit hochgezogenen Lefzen.
Seine dichten Locken waren zerzaust und rahmten sein gutes Aussehen. Dieses Mal lächelte Rubi zurück und schloss die Augen. Es beruhigte ihren Körper. Ihre Haut wollte berührt werden und ihr Geist das Irrlicht heraufbeschwören, man besäße noch Instinkte. Ihr Ausbruch in sexuelle Befriedigung garantierte ihr kein Glück, aber er machte es einfacher, die Abwesenheit des selbigen zu leugnen, und draußen kreischte der Wind.
Cody hatte einmal erzählt (und normalerweise redeten sie nicht viel), dass er es nicht immer leicht hatte, es nie Geld in seiner Familie gegeben habe. Und ohne dass sie es wollte, landeten ihre Gedanken im Substrat bei ihren Engerlingen, die Stauwärme nicht mochten. Ein Umstand, der beachtet werden wollte, denn das Larvenstadium ist das einzige, in dem Käfer wachsen. Abhängig von den Bedingungen dieser Epoche ihrer eindrucksvollen Metamorphose war der ausgewachsene Käfer am Ende dann groß oder eben nicht.
Cody war ein latent eitler Gockel, der immer aufpassen musste, sich mit genug Prunk und Protz zu schmücken. Gehetzt von der Sorge, es könnte doch noch jemand merken, was für ein Wicht er war. Vor allem er selbst könnte es bemerken, befürchtete er sicherlich, befürchtete Rubi wiederum fälschlicherweise. Es war ausgeschlossen, dass er je genug haben würde. Und so hatte sie sogar in Erwägung gezogen, ihm die Armbanduhr zu kaufen, die er unbedingt haben wollte. Um seine Gier zu stillen, um ihn glücklich zu machen. Er dachte eigentlich nie an sie, und wenn, dann ging es darum, was er mit ihrem Geld machen würde. Er meinte das nicht böse, kein Stück, er war nur gut organisiert.
Cody bewegte sich jetzt schneller. Im Wandspiegel sah sie sich und ihm zu. Sie machten es immer so, dass Rubi kam, wenn er auf ihr lag. Also wirklich kam, aber das wusste natürlich nur sie. Und wenn er ihr ins Ohr flüsterte, so wie sie es ihm gesagt hatte, dann verspürte sie ihre eigene Wollust und ihr Körper bebte. Danach war Cody dran, das war die unausgesprochene Abmachung, von hinten. Sie wusste nicht, ob er das bei anderen Frauen auch so handhabte und ob das einen Unterschied für sie machen würde. Sie hielt sich mit solchen Gedanken nicht auf, um ein unerträgliches Maß an Erkenntnis zu vermeiden.
Sie sah Codys zufriedene Miene im Spiegel, die nur ihm selber galt. Solange er die Augen offenhalten konnte, schaute er sich selber zu, bevor er schließlich lautstark kam. Unter dem schweren Deckmantel seiner Schau war kein Raum für den Unterschied zwischen Selbstsucht und Selbstliebe. Auch das konnte Rubi einerlei sein in dieser Amour, die scheinheiliger als Katzengold war. Sie untersuchte derweil ihr eigenes Abbild, betrachtete ihren dürren Körper mit den flachen Brüsten und die ersten grauen Strähnen, die ihr Haar melierten, obwohl sie erst Anfang dreißig war. Sie fand sich weder hübsch noch hässlich, war indifferent ihrem Aussehen gegenüber. So indifferent wie die Stadt es weiterhin gegenüber allem war und mit der unendlichen Zeit jenseits des Ereignishorizonts verweilte.
Cody küsste sie, auch das war abgesprochen, und als er sich von ihr löste, glaubte sie eine Spur Verachtung in seinen Augen zu erkennen. Nun, da das Trugbild der Nähe hinter ihnen lag, waren sie sich fremder als noch davor. Er verschwand unter der Dusche. Alles war paletti und Rubi voller egaler Emotion. Wie ein Seestern lag sie auf der Matratze und ließ ihre Gedanken schweifen. Morgen würde sie eine Stunde früher im Museum aufhören, um pünktlich bei ihrer Schwester zu sein. Zu allem Überfluss fiel ihr ein, dass sie auch noch die Liste für Dr. Prizrak...
Erscheint lt. Verlag | 29.3.2021 |
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Verlagsort | Mainz |
Sprache | deutsch |
Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
Schlagworte | Aktivismus • Aktivisten • Bauwagenplatz • Coming of Age • Dannenröder Forst • Fridays For Future • Hambacher Forst • Idealismus • Klima • Klimaaktivismus • Klimaschutz • Linksalternativ • Tierschutz • Umwelt • Umweltaktivismus • Umweltschutz |
ISBN-10 | 3-95575-612-2 / 3955756122 |
ISBN-13 | 978-3-95575-612-3 / 9783955756123 |
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