Die Roseninsel (eBook)
368 Seiten
Ullstein (Verlag)
978-3-8437-2383-1 (ISBN)
Anna Reitner ist das Pseudonym einer Autorin, die im Süden Deutschlands lebt und arbeitet. Die Sommer ihrer Kindheit verbrachte sie in Berchtesgaden und ist dieser Region seither verbunden.
Anna Reitner, 1982 geboren, studierte Germanistik und Geschichte. Sie lebt heute mit ihrer Familie und zwei Hunden in ihrer bayrischen Wahlheimat auf einem kleinen Hof bei München. "Die Roseninsel" ist nach "Über uns nur noch der Himmel" ihr zweiter Roman.
Starnberger See, Bayern, 1889
Magdalena stand im Rosengarten. Es war ein gewittriger, brütend heißer Sommertag, und der Duft nach Rosen, nach den Fliedersträuchern und Lavendelbüschen erfüllte die Luft der Insel. Magdalena legte ihren Kopf in den Nacken und sah hinauf in den Himmel, wo ein großer Vogel seine Kreise zog. Sie dachte darüber nach, was er wohl sah, dort hoch oben, wenn er hinunterschaute auf ihre kleine Welt. Auf diese Insel, auf der sie nun schon seit drei Jahren lebte. Sah er die hübschen Rosen? Die Villa mit ihren dunklen Holzdächern, dem Türmchen und der eleganten Veranda? Sah er auch sie selbst, in ihrem gelben Taftkleid, zu warm für dieses Wetter, aber noch das leichteste, das sie besaß und tragen konnte, ohne mahnende Blicke von ihrer Gesellschaftsdame befürchten zu müssen? Die Baronin von Zeiss hatte sich an diesem Gewitternachmittag, an dem sich die dunklen Wolken über den Alpen sammelten und von fern schon Donner zu hören war, zu einem Mittagsschlaf in ihr Zimmer im oberen Stock der Villa zurückgezogen. Ihr Zimmer lag genau über dem von Magdalena; jeden Morgen und jeden Abend hörte Magdalena das Murmeln der Zeiss, wenn sie ihren Rosenkranz betete, und ihr Schimpfen, wenn das Dienstmädchen wieder einmal ihre Frisur falsch gesteckt oder nicht das richtige Kleid herausgelegt hatte. Elisabeth war diejenige in dieser Schicksalsgemeinschaft der Insel, mit der Magdalena am meisten Mitleid hatte. Die Zeiss und Sepp, der Gärtner, der sich um die Rosen und um die Bäume auf der Insel kümmerte, waren zumindest alt. Es konnte ihnen gleichgültig sein, wo sie ihre letzten Jahre verbrachten, ob hier oder woanders – wahrscheinlich war es hier sogar leichter für sie, in dieser Ruhe und Idylle, in der ein Tag war wie der andere und niemand je störte.
Aber Elisabeth, das Dienstmädchen, war so jung, noch jünger als Magdalena, und musste ihr Leben hier verbringen, herumgescheucht von der Zeiss, die selten zufrieden war, und abgeschnitten von der Welt, so wie Magdalena. Allerdings schien Elisabeth ihr Schicksal leichtzunehmen. Sie war die Art bayrisches Landmädchen, das rosige Wangen und immer gute Laune hatte, die nichts erschüttern konnte und die sich an einem gelungenen Knödel ebenso freuen konnte wie an einer blühenden Rose oder an einem ihrer seltenen freien Sonntagnachmittage, die die Zeiss ihr gnädig gewährte und an denen Magdalena sie glühend darum beneidete, hinüber ans Ufer fahren zu dürfen.
Gerade drang Elisabeths vergnügtes Singen aus dem offenen Küchenfenster des Nebenhauses hinaus in die Gewitterluft. Magdalena sah auf die Rosen um sie herum. Als sie hierhergekommen war, hatte sie kaum einen Blick für sie gehabt, so beschäftigt war sie mit sich selbst gewesen und mit ihrem Unglück, hier sein zu müssen. Aber inzwischen hatte sie den Sepp so oft auf seinen Runden durch den Rosengarten begleitet, dass sie die einzelnen Pflanzen kannte, als wären es Freunde. Sie kannte ihre Namen – die rosafarbene »La Reine Victoria«, deren Blüten fast wie kleine Bälle aussahen, die karminrote »Rose du Roi«, die so stark duftete, dass Magdalena ihren Duft aus all den anderen heraus erkennen konnte, die »Madame Alfred Carrière« mit ihren großen cremefarbenen Blüten und dem Geruch, der an teures Parfum erinnerte. Magdalena strich sacht über die Blüten einer neuen Rose, die der Gärtner erst in diesem Jahr gepflanzt hatte. Magdalena war ganz aufgeregt gewesen deshalb. Wie traurig, dachte sie, dass ich inzwischen wegen einer neuen Rose aufgeregt bin. In München war sie es gewesen, wenn sie mit ihrer Tante und ihren Cousinen auf einen Ball gehen durfte, wenn sie einen Ausflug machten, wenn sie ein wirklich spannendes Buch las oder wenn der Onkel alle zum Volksfest einlud, wo sie die Schausteller bestaunten und ihr kleiner Cousin Toni wieder so viele Bonbons in sich hineinstopfte, dass ihm drei Tage danach noch schlecht war. Nun, nach drei Jahren in ihrem grünen Gefängnis, war das Spannendste, was Magdalena erlebte, eine neue Rose. Sie betrachtete die Pflanze. Sie war allerdings wirklich wunderschön, zartrosa und vollkommen. »Souvenir de la Malmaison« hieß sie, Andenken an Malmaison. Magdalena hatte die Zeiss gefragt, was Malmaison sei. Mit verkniffenem Gesicht hatte die Baronin geantwortet, dass in Malmaison die französische Kaiserin Josephine gewohnt hatte, die Ehefrau von Napoleon. »Aber von so einem Menschen sollten Sie gar nicht reden, Magdalena«, hatte sie schnell hinterhergeschoben. »Es gehört sich nicht – nicht als Deutsche und erst recht nicht als Bayerin!«
Die Zeiss war stets darauf bedacht, was sich gehörte und was nicht. Es gehörte sich nicht, zu laut zu reden. Es gehörte sich nicht, zu große Schritte zu machen. Es gehörte sich nicht, den Nachmittagskaffee eine halbe Stunde früher als gewöhnlich zu trinken. Es gehörte sich nicht, sich nicht für ihre langweiligen Unterrichtsstunden zu interessieren, die sie Magdalena gab. »Wem soll ich denn die Gedichte einmal aufsagen, die ich auswendig lernen soll?«, hätte Magdalena oft gerne geschrien. »Und wen könnte ich auf dieser winzigen Insel mit zu großen Schritten und zu lautem Reden schockieren? Die Rosen? Die Schwäne? Die Bäume?«
»Seien Sie froh, dass ich es noch nicht aufgegeben habe, aus Ihnen eine wirkliche Dame machen zu wollen, Fräulein Magdalena. Es ist weiß Gott keine leichte Aufgabe.« Diesen Satz hatte sie in den letzten drei Jahren viel zu oft gehört.
Der Tagesablauf auf der Insel war ganz genau festgeschrieben, darauf achtete die Zeiss, weil es angeblich für Magdalenas Gesundheit wichtig war. An allen Wochentagen außer sonntags standen sie um halb sieben auf, im Sommer um sechs, wenn draußen die Vögel anfingen zu singen. Elisabeth musste natürlich schon früher auf den Beinen sein, die Kamine der Villa anheizen und für warmes Wasser sorgen, das sie der Baronin und Magdalena in Krügen auf ihre Zimmer brachte. Um sieben Uhr gab es Frühstück, und ab acht Uhr begann die Zeiss ihren Damenunterricht, den sie Magdalena verordnet hatte. In ihren ewig schwarzen Witwenkleidern mit den altmodischen schwarzen Hauben ging sie dann auf und ab, den Lehrstock fest in der Hand. Sie erinnerte dabei frappierend an eine Krähe mit ihrer hageren Figur, der langen Nase, dem blassen Gesicht in all der schwarzen Seide. Ihre Röcke schleppten, während sie ging, schwer auf dem Boden. Überhaupt schien alles, was die Baronin besaß, schwarz zu sein. Im Sommer hielt sie sich beim Spazierengehen einen schwarzen Sonnenschirm aus Brüsseler Spitze über den Kopf, im Winter trug sie schwarzen Pelz. Ihr Mann, Baron von Zeiss, war schon lange tot. »Aber eine wirkliche Witwe trauert ein Leben lang. So gehört sich das.«
Nach dem, das die Zeiss Unterricht nannte, ließ sie um Punkt ein Uhr das Mittagessen servieren, und anschließend ruhte sie. Es war die einzige Zeit am Tag, die Magdalena für sich hatte, aber was konnte sie hier schon damit anfangen? Manchmal las sie in den betulichen Romanen, den einzigen Büchern, die die Zeiss für ein Mädchen als passend empfand und die so gar nichts mit den Abenteuerbüchern zu tun hatten, die sie sich früher von Toni geborgt hatte. Manchmal nahm sie einen Kanten Brot, ging ans Ufer und fütterte damit die Schwäne. Gerne unterhielt sie sich mit Sepp, während er im Garten arbeitete – auch wenn die Zeiss das nicht gerne sah. Und manchmal saß sie einfach nur so da und versuchte, an nichts zu denken.
Nach der Mittagsruhe setzte sich die Zeiss jeden Tag an das kleine Klavier im Gartensaal und spielte, während Magdalena dazu tanzen sollte. Sie war eine strenge Tanzlehrerin. »Rundere Arme«, korrigierte die Zeiss sie dann mit scharfer Stimme vom Klavier aus, während sie unbeirrt weiterspielte. »Grazile Füße«, »Anmutigere Bewegungen – wollen Sie auf Ihren Tanzpartner wie ein Trampel wirken? Warum lächeln Sie jetzt plötzlich?«
»Weil, Frau Baronin, ich mich gerade gefragt habe, welchen Tanzpartner ich bitte jemals haben soll«; dieses Gespräch hatten sie erst vor ein paar Tagen geführt. »Es wird wohl niemanden geben, auf den ich wie ein Trampel wirken könnte.«
Die Zeiss war unbeirrt geblieben. »Eine Dame muss ordentlich tanzen können«, sagte sie. »Tssss – nun machen Sie ja schon wieder die Arme nicht rund.«
Nach dem Nachmittagskaffee, den Elisabeth immer pünktlich um vier Uhr zu servieren hatte – im Sommer auf der Veranda, im Winter im für zwei Personen viel zu großen Festsaal im oberen Stock –, folgte noch eine Stunde Gesangsunterricht und dann der tägliche Abendspaziergang rund um die Insel. »Es ist wichtig, sich etwas zu bewegen«, sagte die Zeiss beinahe jeden Tag salbungsvoll, wenn sie aufbrachen. »Nur moderat, eine Dame sollte nie ins Schwitzen kommen. Aber wer rastet, der rostet.«
Der Spaziergang war kurz. Selbst wenn Magdalena nur kleine, damenhafte Schritte machte, konnte sie ihn kaum verlängern. Tausend Schritte, das hatte sie einige Male gezählt, tausend Schritte brauchte sie, um auf den staubigen, ungepflasterten Wegen zwischen den alten Bäumen und durch die von Sepp gepflegten...
Erscheint lt. Verlag | 29.3.2021 |
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Verlagsort | Berlin |
Sprache | deutsch |
Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
Schlagworte | Allein • Alpen • Archäologie • Ärztin • Aussteiger • Bayern • Berge • Bergsee • Depression • einsam • Einsamkeit • Emanzipation • Familiengeheimnis • Frauen • Frauenroman • Freiheit • Geschichte • Groß • Große Liebe • Hitze • Insel • Könige • Könige von Bayern • Liebe • Liebesgeschichte • München • Natur • Naturerlebnis • Neuanfang • Neue Liebe • Otto • Otto von Bayern • Prinzessin • Rätsel • Roman • Schicksal • Schicksalhafte Begegnung • Sommer • Sommerroman • stark • Starke Frauen • Starnberger See • Suche • Trauer • Urlaub • Urlaubsbuch • Urlaubslektüre • von • zwei Zeitebenen |
ISBN-10 | 3-8437-2383-4 / 3843723834 |
ISBN-13 | 978-3-8437-2383-1 / 9783843723831 |
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