Gepardensommer (eBook)
304 Seiten
Arena Verlag
978-3-401-80891-8 (ISBN)
Katja Brandis, geb. 1970, studierte Amerikanistik, Anglistik und Germanistik und arbeitete als Journalistin. Sie schreibt seit ihrer Kindheit und hat inzwischen zahlreiche Romane für junge Leser*innen veröffentlicht. Sie lebt mit Mann, Sohn und zwei Katzen in der Nähe von München. www.katja-brandis.de
Katja Brandis, geb. 1970, studierte Amerikanistik, Anglistik und Germanistik und arbeitete als Journalistin. Sie schreibt seit ihrer Kindheit und hat inzwischen zahlreiche Romane für junge Leser*innen veröffentlicht. Sie lebt mit Mann, Sohn und zwei Katzen in der Nähe von München. www.katja-brandis.de
EIN UNFALL UND EIN GESCHENK
Wäre ich in diesem Winter zu einer Wahrsagerin gegangen, hätte sie mir – wenn sie etwas taugte – ziemlich seltsame Dinge erzählt. Dass für mich die Sonne bald aus dem Norden scheinen würde statt aus dem Süden. Dass ich Dutzende Raubkatzen persönlich kennenlernen würde … und einen Jungen, der es sogar wert war, dass ich für ihn das Gesetz brach.
Nur die wenigsten Wahrsagerinnen hätten sich getraut, mir zu sagen, dass erst jemand sterben musste, bevor all diese Dinge geschehen konnten.
Es war Frodo, der starb. Nicht der Hobbit natürlich, der ist immer noch irgendwo in Mittelerde dabei, seine haarigen Füße zu kämmen. Frodo war mein Kater. Ich hätte nie gedacht, dass er überfahren werden würde, weil er ein Stadtkater und so klug war, dass er ungelogen einmal nach rechts und links guckte, bevor er eine Straße überquerte. Aber diesmal hatte es ihn erwischt und ich kniete auf der Straße neben ihm, streichelte ihn zum letzten Mal und sah kaum noch etwas vor lauter Tränen.
»Es ist bestimmt schnell gegangen, Lilly, er hat sicher kaum was gemerkt«, versuchte mich meine Mutter zu trösten.
Was für eine dämliche Bemerkung. Wie kann man »kaum was merken«, wenn einem ein Metallmonster das siebte Katzenleben aushaucht? Frodo würde mich nie wieder wecken, indem er morgens auf der Bettdecke herumtrampelte und mir zärtlich ins Ohr prustete. Und das wahrscheinlich nur, weil jemand unbedingt austesten musste, ob sein blöder BMW es auf einer Landstraße im Odenwald bis hundertsechzig schafft, auch wenn Schnee liegt und jeder vernünftige Mensch die Karre sowieso in der Garage lässt.
Ich verzog mich zu Harry, unserem Eichhörnchen, das in einem hohlen Baum hinter unserem Haus lebt. Harry könnte jederzeit in den Wald zurück, bleibt aber bei uns, weil er süchtig nach Cashewnüssen ist. Außer ihm tummeln sich bei uns noch drei Border Collies, zwei Schildkröten, ein Papagei, fünf Wüstenspringmäuse und ein pensioniertes Springpferd namens Silver. Aber die Schildkröten hatten sich für den Winter irgendwo eingegraben und eigneten sich sowieso nicht zum Knuddeln und Trösten, Silver lebte in einem Stall auf der anderen Seite von Michelstadt, der Papagei schlief noch und Harry und die Springmäuse hatten eher Grund zum Feiern – sie waren immer in Gefahr gewesen, als Frodos Snack zu enden.
Harry turnte von einem Ast herunter, sprang mir auf die Schulter und untersuchte meine Hand mit den winzigen Pfötchen, um herauszufinden, ob ich ihm eine Cashew mitgebracht hatte. Traurig kraulte ich sein samtweiches rotes Fell und ging gleichzeitig das Telefon holen, um Sofia anzurufen.
»Ach du große Scheiße«, sagte sie, als sie hörte, was passiert war. »Ich komme gleich rüber.«
Sofia hat eine Menge dunkler Locken, ganz liebe Augen und einen ihrer Meinung nach viel zu großen Hintern. Sie gehört zu denjenigen, die den Test bestanden haben – den Test, bei mir daheim einzulaufen und weder das Gesicht zu verziehen noch nach einer Viertelstunde zu flüchten. Als Sofia zum ersten Mal zu Besuch kam, war ihre Hose nach fünf Minuten von Frodos Haaren übersät, eine der Schildkröten lief stur wie ein Panzer immer wieder gegen ihren Schuh und Harry machte sich daran, in ihren Locken ein Nest zu bauen. Sofia verzog keine Miene. Alles, was sie sagte, war: »Kann ich ihn mitnehmen, falls er in meiner Frisur einschläft?«
Dann mussten wir beide furchtbar lachen.
Jetzt gerade war mir aber nicht nach Lachen zumute. Sofia nahm mich in den Arm und versprach: »Wir organisieren ein tolles Begräbnis für Frodo.«
Ich nickte und wieder stieg die Traurigkeit in mir hoch, erstickte mich fast. Geduldig reichte Sofia mir noch ein paar Taschentücher.
»Hoffentlich versuchen meine Eltern nicht, mir eine neue Katze zu besorgen«, presste ich hervor.
»Sag ihnen doch einfach, dass du das nicht willst«, meinte Sofia und gab mir gleich die ganze Packung.
In drei Wochen war mein sechzehnter Geburtstag und nebenbei auch noch Weihnachten. Ich habe das Pech, am zweiundzwanzigsten Dezember geboren worden zu sein. Das bedeutet, dass die Geschenke alle eine Nummer kleiner ausfallen, weil kein Mensch es sich leisten kann, gleich zweimal hintereinander etwas schön Teures zu schenken. Also bekomme ich immer nur Sachen wie ein neues Gesellschaftsspiel oder ein paar Bücher und kann den Rest des Jahres schauen, wie ich über die Runden komme.
Meine Eltern nickten, als ich ihnen sagte, dass sie mir bitte keine Katze schenken sollten. »Hätten wir sowieso nicht gemacht«, meinte mein Vater. »Oder hältst du uns für so unsensibel?«
Ich musste zugeben, dass sie das nicht waren. Das könnten sie sich gar nicht erlauben, weil sie sonst ernsthafte Probleme mit ihren Kunden bekämen. Meine Mutter ist Psychologin und mein Vater Tierarzt, beide haben ihre Praxis im Haus. Wenn man so aufwächst, härtet das enorm ab. Ich mache mir schon seit Jahren einen Spaß daraus zu raten, mit welchen Problemen die Leute wohl zu meiner Mutter kommen. Dass ich anfing, sie im Wartezimmer auszufragen, kam bei meiner Mutter allerdings nicht sonderlich gut an. Seither helfe ich lieber bei meinem Vater in der Praxis mit, was nicht nur Spaß macht, sondern auch den Vorteil eines zusätzlichen Taschengelds mit sich bringt.
Ich hätte nie damit gerechnet, was mir meine Eltern schließlich schenken würden. Erst war ich verblüfft, weil auf dem Tisch außer einem kerzengespickten Erdbeercremekuchen nicht gerade viel lag. Ein Buch und ein neuer Rucksack, aber das war es auch schon. Na toll, noch weniger als sonst. Dabei ging es meinen Eltern beruflich blendend, denn Tiere hören nicht einfach auf, krank zu werden, und Krisen sind für Psychologen auch nicht gerade schädlich, weil in solchen Zeiten alle ihren Zuspruch umso dringender brauchen.
Auf den zweiten Blick sah ich den kleinen Umschlag neben dem Kuchen. Aha, ein Gutschein. Meine Eltern strahlten, als ich ihn nahm und mit dem Fingernagel aufriss. Meine Güte, die waren ja stolz auf sich. Ein klein bisschen misstrauisch zog ich das Blatt daraus hervor. Las es mir durch, was ziemlich schnell ging, weil nur ein Satz darauf stand. Dann wurde ich ziemlich blass, glaube ich. Vor Freude und vor Schock.
»Dafür gibt es aber nicht viel zu Weihnachten, Lilly«, sagte meine Mutter und spielte an ihrer Holzperlenkette herum.
»Die ganze Familie hat zusammengelegt«, erzählte mein Vater bestens gelaunt. »Tante Betty und Onkel Klaus, deine beiden Omas und wir. Um dich ein bisschen zu trösten wegen Frodo.«
»Du hast zwar gesagt, keine Katze, aber die hier sind ja auch ein paar Nummern größer …«, nahm meine Mutter den Faden auf.
Ich glotzte noch einmal auf den Gutschein in meiner Hand. Darauf stand:
In den nächsten Sommerferien darfst du vier Wochen lang auf der Farm OUNENE EÚLU in Namibia mitarbeiten – bei einem Projekt, das sich dem Schutz der bedrohten Geparden widmet.
»Du sagst ja gar nichts.« Mein Vater klang besorgt. »Gefällt es dir nicht?«
Gerade in diesem Moment hatte ich den Schock überwunden und stieß einen gellenden Schrei aus, der unsere Border Collies in Deckung gehen ließ. Geparden! Ich mag zwar Hunde, Hamster und Wellensittiche – all die Wesen, die mein Vater tagtäglich behandelt – sehr. Aber wilde Tiere sind noch mal etwas anderes. Einfach toller. Und es ist erstaunlich, dass Harry bei seinen Besuchen in meinem Zimmer noch keinen Herzanfall bekommen hat, weil die Wände mit Bildern von Tigern, Jaguaren und Geparden dekoriert sind.
Dass mich meine Eltern vier Wochen allein nach Afrika lassen wollten, wunderte mich nicht besonders. Ihre Vorstellung von einem erholsamen Urlaub ist Trekking im Himalaja. Das ganze Jahr sparen sie, wo sie können – ich weiß gar nicht mehr, wann ich zuletzt etwas gegessen habe, was nicht von ALDI war –, um im Sommer ihre Praxen zumachen und in irgendeinen entlegenen Winkel der Welt aufbrechen zu können. Unfairerweise ohne mich – ich werde gewöhnlich in irgendein Jugendzeltlager am Plattensee oder zu meinen Großeltern nach Lübeck abgeschoben. Aber es sah so aus, als wäre ich jetzt endlich auch mal dran mit den Abenteuern!
Sofia hatte die Weihnachtsferien blöderweise bei ihrem Familienclan verbracht, ich konnte ihr erst nach den Feiertagen von dem Gepardengeschenk erzählen. Schon in der ersten Pause suchte ich nach ihr – und fand sie bei den Schließfächern. Mit ihrem neuen Freund Marco, den sie bei einem Zirkusprojekt kennengelernt hatte. Die beiden küssten sich und sahen nicht mehr, was um sie herum vorging. Das gab mir einen kleinen Stich ins Herz. Auf irgendeine geheime Art wusste Sofia, wie das mit dem Flirten funktionierte. Obwohl sie kein Modelgesicht hatte, gab es immer Jungs, die sich für sie interessierten. Ich gönnte es ihr, fragte mich aber, warum das bei mir nie klappte.
Freunde hatte ich jede Menge. Jonas Thompson zum Beispiel, der mich für den einzigen Menschen hielt, der seine surrealen Theaterstücke verstand, und Fabian, der ständig versuchte, mich auf Konzerte von irgendwelchen schrecklichen Indie-Bands mitzuschleppen. Aber verlieben? Ich war nicht mal sicher, ob Jonas oder Fabian mich überhaupt als Wesen wahrnahmen, in das man sich verlieben könnte.
Lautlos machte ich mich aus dem Staub und ließ Sofia und Marco allein. Zum Glück erwischte ich Sofia und meine andere Freundin Ricarda noch mal vor Ende der Pause und endlich konnte ich meine Neuigkeiten loswerden. Wie ich mir schon gedacht hatte, freuten sich beide für mich, starben aber fast vor Neid. »So viel zum Thema verwöhntes Einzelkind«, stichelte Sofia, spielte mit ihren großen roten Ohrringen und seufzte theatralisch. Sofia hat...
Erscheint lt. Verlag | 27.5.2020 |
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Verlagsort | Würzburg |
Sprache | deutsch |
Themenwelt | Kinder- / Jugendbuch ► Jugendbücher ab 12 Jahre |
Kinder- / Jugendbuch ► Kinderbücher bis 11 Jahre | |
Schlagworte | Abenteuer • Afrika • Auffangstation • Aufzucht • Bestseller Autorin • Cheetah • Erste Liebe • Freundschaft • Gepard • Geparden • Großkatzen • Junge • Kulisse • Liebe • Liebesroman • Lilly • Mädchen • Namibia • Naturschutz • Raubkatzen • Reise • Reisebericht • Schutz bedrohter Arten • Sommer • Tierschutz • verliebt • von der Autorin von Khyona • von der Autorin von Woodwalkers • Wildtier • Wildtierstation |
ISBN-10 | 3-401-80891-5 / 3401808915 |
ISBN-13 | 978-3-401-80891-8 / 9783401808918 |
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