Das Schöne, Schäbige, Schwankende (eBook)
596 Seiten
Klett-Cotta (Verlag)
978-3-608-19158-5 (ISBN)
Brigitte Kronauer, 1940 in Essen geboren, lebte als freie Schriftstellerin in Hamburg. Ihr schriftstellerisches Werk wurde unter anderem mit dem Fontane-Preis der Stadt Berlin, mit dem Heinrich-Böll-Preis, dem Hubert-Fichte-Preis der Stadt Hamburg, dem Joseph-Breitbach-Preis und dem Jean-Paul-Preis ausgezeichnet. 2005 wurde ihr von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung der Büchner-Preis verliehen. Brigitte Kronauer verstarb im Juli 2019.
Brigitte Kronauer, 1940 in Essen geboren, lebte als freie Schriftstellerin in Hamburg. Ihr schriftstellerisches Werk wurde unter anderem mit dem Fontane-Preis der Stadt Berlin, mit dem Heinrich-Böll-Preis, dem Hubert-Fichte-Preis der Stadt Hamburg, dem Joseph-Breitbach-Preis und dem Jean-Paul-Preis ausgezeichnet. 2005 wurde ihr von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung der Büchner-Preis verliehen. Brigitte Kronauer verstarb im Juli 2019.
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Das Schöne, Schäbige, Schwankende
Wie sollte ich ahnen, daß die beiden schon nach sieben Wochen zu Tode erschöpft in der Nacht wie Verfolgte an die Schlagläden klopfen würden! Mir war auch ohne sie verrückt genug zumute.
Kürzlich konnte ich einige Zeit in ihrem Häuschen mit den blauen Schlagläden verbringen, um dort zurückgezogen an einem Romanmanuskript zu arbeiten. Das kam mir sehr entgegen, weil in unserem eigenen kleinen, schon achtzig Jahre alten Haus alle Leitungen erneuert werden mußten. Mein Mann Paul würde die Arbeiten beaufsichtigen. Ich durfte entwischen.
Das Manuskript trug den vorläufigen Titel »Glamouröse Handlungen«, der ein bißchen aggressiv gemeint war, denn solange ich veröffentliche, hat man mir vorgeworfen, mal grob, mal mit sanftem Kopfschütteln, vom sogenannten Plot nichts zu verstehen. Im Klartext heißt das, man unterstellt mir narrative Impotenz. Weiß ich etwa nicht, daß die Welt von sogenannten Handlungen und Ereignissen zwischen Mikro- und Makrokosmos geradezu birst und Heerscharen von Autoren ihnen nachhetzen auf Teufel komm raus? Ich hoffte, diesmal den Stier nach meinem Gusto bei den Hörnern packen zu können. Irgendwelche Leute sollten sich schwer wundern.
Das Haus ist nur durch ein schütteres Wäldchen von der Autobahn getrennt, die einerseits nach Berlin, andererseits nach Frankfurt an der Oder führt. Davon merkt man aber nichts, und die vielen Vögel der Umgebung stört es kaum. Das ist wichtig, weil hier normalerweise, wenn er sich nicht in der Stadt aufhält, ein Ornithologe wohnt, den ich, als ich ihn und seine Frau kennenlernte, nicht recht leiden mochte. In den Bücherschränken finden sich die herrlichsten Kompendien. An den Wänden hängen Fotografien, Schautafeln, Zeichnungen, auf denen das geflügelte Tierreich prächtig und in Überfülle präsentiert ist, vom Eisvogel bis zum Östlichen Waldpiwi, vom Federhelm-Turako bis zum Schwarzstirnwürger. Ein gefiedertes Volk, in dem jeder in der Lage ist, sich dann, wenn es ihm in Erdnähe zu lästig wird, in die Lüfte zu schwingen. Besonders in dem winzigen Raum, in dem ich schlief, waren sie dicht um mich versammelt und sahen mich an, sobald ich die Augen öffnete, und wenn ich sie schloß, spürte ich ihre Blicke erst recht. Beim Einschlafen glaubte ich, mich in einem italienischen Café zu befinden, in Verona war’s, und es hieß Café Dante, ganz gefüllt mit alten Leuten, die in großer Fröhlichkeit unermüdlich durcheinanderzwitscherten. Keiner hörte dem anderen zu. Darauf kam es nicht an, nur auf die jauchzende Meldung, am Leben zu sein. So war es auch in dem Haus des Vogelkundlers. Seine zweidimensionalen Genossen jubilierten und schrien aber nicht aus der Kehle heraus wie an einem frühen, noch hellgrauen Frühlingsmorgen, sondern aus Leibeskräften mit der in mir nachhallenden Farbenleidenschaft ihres Gefieders. Dann wieder schwiegen sie still, äugten nur und lauerten zu mir hin. Ich nahm in diesen Momenten ihre Schnäbel wahr, die nicht selten, wäre man ihr Opfer, zu tödlichen Instrumenten werden. So ist es von der Natur vorgesehen.
Davon hatte der Ornithologe gelegentlich erzählt. Er war mit seiner Frau, obschon beide längst ein weißhaariges Paar sind (er mit langem Bart, sie mit langem Zopf, beides ein bißchen melodramatisch alternativ), für drei Monate in Costa Rica auf Forschungsreise. Innerhalb dieses Zeitraums durfte ich, so ihr Angebot, in dem Haus wohnen. Ich hatte hocherfreut angenommen und mich auf die Frist eingerichtet, vielleicht allerdings die Wirkung ungewohnter, strikter Einsamkeit unterschätzt.
Wie sollte ich ahnen, daß sie schon, wie gesagt, nach sieben Wochen zu Tode erschöpft in der Nacht wie Verfolgte an die Schlagläden klopfen würden! Die Frau war von einem schweren, wenn auch dilettantisch durchgeführten Raubüberfall gezeichnet. Man hatte sie, als sie dieses eine Mal allein unterwegs war, vom Straßenrand weg in ein Auto gezerrt und sie später ohne ihre Expeditionskleidung, nur in der Unterwäsche, ohne Geld und Papiere, ansonsten unbeschädigt, weit außerhalb der Zivilisation in einer glühenden Steinlandschaft ausgesetzt. Zu Menschen fand sie erst nach stundenlangem Marsch durch Sonne und Staub zurück, froh immerhin, nicht wegen einer Lösegeldforderung entführt worden zu sein, die leicht mörderisch hätte enden können. Die zerlumpten, noch sehr jungen Banditen hatten sie mit einer reichen Unternehmerin aus der Schweiz verwechselt und sie, nachdem ihnen ihr Irrtum klar geworden war, unter Flüchen geplündert laufen lassen.
Ihren Mann sah sie als Patienten im Krankenhaus wieder. Er war während ihrer Abwesenheit beim Fotografieren in einer unachtsamen Sekunde von einer sehr kleinen, aber berüchtigten Schlange gebissen worden. Wem in einem solchen Fall nicht innerhalb kurzer Zeit ein Gegengift gespritzt werden kann, der muß unter kaum zu ertragenden Schmerzen sterben. Soviel Unglück reichte den beiden, zumal sich ihr fortgeschrittenes Alter, das sie bisher nicht gespürt hatten, in einer plötzlichen, ihnen bisher unbekannten Nervenschwäche und Mutlosigkeit bemerkbar machte.
Trotzdem riefen sie in jener überraschenden Ankunftsnacht abwechselnd zwischen der Schilderung von Attacken eines nach wie vor panischen Schreckens immer wieder und das zu Recht: »Wie haben wir doch alle beide großes Glück gehabt!«
Ich selbst hatte natürlich das Pech, umgehend ausziehen zu müssen aus dem grünen Idyll, einem Idyll allerdings, das in nächster Nähe Brachland mit trostlosen Schuppen, verwahrlosten Häusern und demolierten Garagen aufwies, nach denen sich das Fernsehen im Bemühen, geeignete Locations für Verbrecherisches zu entdecken, die Finger geleckt hätte. Man mußte mir nicht sagen, was zu tun war. Der Anstand gebot es leider. Dabei war ich mit meinem Roman »Glamouröse Handlungen« noch kein Stück weiter. Es mußte an den Vogelabbildungen liegen, die mich, begünstigt durch meine Abgeschiedenheit, von früh bis spät so feurig und hartnäckig umdrängten und auf ganz andere Gedanken brachten. Erinnerungen und Phantasien umstellten mich, wenn ich zwischen den heruntergekommenen Feldern wanderte, von bedrohlichen Hunden erschreckt, von anderen willkommen geheißen an einem schön gewundenen Bachlauf mit mehreren Autowracks, das Blech verrottend, die Vegetation triumphierend aus den Ritzen schießend, wenn ich im verholzten Gestrüpp zwischen den alten Fruchtständen des Sauerampfers auf ausrangierte Waschmaschinen stieß, auf verstoßene Kühlschränke und auf ein paar magere Pferde, eng umzäunt, in unmittelbarer Nachbarschaft von viel leerem Weideland, das ihnen ohne Sinn, Verstand und Mitgefühl vorenthalten wurde.
Die Vögel formierten sich auf diesen Gängen zu einer imaginären Tapete. Richtig, sie tapezierten zunehmend die Wiesen, musterten unverschämt die Wolken und starrten mich herausfordernd an. Hätte ich vor ihnen ins Freie flüchten wollen, wäre es also vergeblich gewesen. Sie warteten dort draußen schon. Mir war ihre Dauerbegleitung nicht unangenehm. Mich amüsierte nämlich etwas dabei. Wie man, jeder hat es schon erlebt, in Mauerrissen, alten Kartoffeln und Felszacken manchmal den suggestiven Zauber von Menschengesichtern entdeckt, so daß man Mühe hat, überhaupt den wirklichen Gegenstand wahrzunehmen, so zwangen mir die Vögel, von Tag zu Tag beherrschender, im Haus und draußen ihre Ähnlichkeit mit Personen auf, mit Freunden, flüchtigen und alten Bekannten.
Schließlich waren es nicht mehr die Geflügelten, die über mich regierten, es waren die Menschen, die durch sie hindurchstarrten und die sich jetzt unbedingt entfalten wollten. Dafür benötigten sie Platz, wischten ohne Rücksicht Vögel und »Handlung« beiseite und beehrten mich, den offenbar geeigneten Landeplatz für ihre Ausuferungen, voller Beschwerden, Wichtigtuereien und Ticks, rund um die Uhr mit ihrer Anwesenheit, die ich meines Berufs wegen schriftlich beglaubigen sollte.
Ich fand, um es kurz zu machen, Geschmack daran, und es war ja noch sehr die Frage, wer eigentlich Herr der Situation bleiben würde. Machten sie sich her über mich oder war ich es, die sie dorthin lenkte, wo ich sie hin haben wollte bis zum letzten Satz?
Angesichts ihrer Aufdringlichkeit rettete ich mich, vor allem weil ich nicht gedachte, mir etwas von der Bande diktieren zu lassen, durch eine bürokratische Aufteilung. Neununddreißig Porträts sollten zu je dreizehn nach drei Kategorien geordnet werden. Sie lauteten:
Das Schöne,
das Schäbige,
das Schwankende.
Das spann ich, durch die barsche, strohige, oft chaotische Landschaft stapfend, weiter aus, dabei Auge in Auge mit den Vogelgesichtern, wohin mein Blick auch fiel. Ich wollte es inzwischen gar nicht...
Erscheint lt. Verlag | 12.8.2019 |
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Verlagsort | Stuttgart |
Sprache | deutsch |
Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
Schlagworte | Auferstehungsbild • Buch • Büchner-Preis • Grünewald • Identität • Künstlertum • Ornithologen • Schreibkrise • Schriftstellerin • Sterben • Verfall • Vögel • Vogellaute • zwitschern |
ISBN-10 | 3-608-19158-5 / 3608191585 |
ISBN-13 | 978-3-608-19158-5 / 9783608191585 |
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