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Der Junge hat doch nichts davongetragen? (eBook)

eBook Download: EPUB
2019 | 1. Auflage
192 Seiten
Rowohlt Verlag GmbH
978-3-644-00294-4 (ISBN)
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Oma hat mal gesagt: «Kannstes halt nich allen recht machen. Aber dafür bisse auch nich da!» Der Bestseller-Autor Marco Göllner wuchs bei Oma Martha auf, einem echten Original der Generation Kittelschürze. In einem Haushalt, in dem sich alle auf eines verlassen konnten: Oma Martha hatte alles und jeden im Griff. An sie erinnern Göllners wunderbar lakonische, heitere Episoden aus jenen Jahren tief in der deutschen Provinz. Marco Göllner nimmt uns in diesem Buch mit in seine Kindheit und erzählt von einer Frau, die ihr Leben lang nach 4711 roch, die weltbesten Püfferken (Kartoffelpuffer) machte und deren Kittelschürze jeden Superhelden-Umhang alt aussehen ließ: «Perlt alles ab.» «Ein Blitz! Oma zählte erneut: ?Einnzwanzich, zweinzwanzich, dreinzwanzich, viernzwanzich ...? Rommsti-wommsti-bommsti!!! Und noch bevor die Scheibe im Fensterrahmen aufgehört hatte zu zittern, wiederholte Oma leise: ?Zieht langsam wieder wech.? Zwischen Omas Füßen am Fuße der Treppe stand eine Plastiktüte. Sie stand nicht von allein, sondern deshalb, weil sich in ihr ein Aktenordner und mehrere Umschläge mit papiernem Inhalt befanden. Das war das, was Oma auf jeden Fall im Fall des Falles aus dem Haus retten wollte. Es war die ?Jewittatüte? - darin die wichtigsten Unterlagen wie Stammbuch, Sparbuch, Gesangbuch und Geburtsurkunde, Sterbeurkunde, Seepferdchenurkunde und andere brisante Zettel, auf denen stand, ?was wem jehöan tut, also mir?, so Oma.»

Marco Göllner ist Lipper und fünf Jahre alt. Beides bis heute. Geboren wurde er 1971 im bekloppten Herford (Preußen!), weil sein Vater sich verfahren hatte. Großgeworden allerdings ist er in Bad Salzuflen, Ortsteil Aspe, (Lippe!), wo er die ersten Lebensjahre bei seiner Oma Martha verbrachte. Heute lebt er im Teutoburger Wald und in Berlin und ist seit Jahren Superheld im Sparten-Medium Hörspiel - als Regisseur und Autor. Der strammen Masse wurden er und seine Stimme durch die Intros von 'Fest & Flauschig' bekannt, dem Podcast von Jan Böhmermann und Olli Schulz.

Marco Göllner ist Lipper und fünf Jahre alt. Beides bis heute. Geboren wurde er 1971 im bekloppten Herford (Preußen!), weil sein Vater sich verfahren hatte. Großgeworden allerdings ist er in Bad Salzuflen, Ortsteil Aspe, (Lippe!), wo er die ersten Lebensjahre bei seiner Oma Martha verbrachte. Heute lebt er im Teutoburger Wald und in Berlin und ist seit Jahren Superheld im Sparten-Medium Hörspiel — als Regisseur und Autor. Der strammen Masse wurden er und seine Stimme durch die Intros von "Fest & Flauschig" bekannt, dem Podcast von Jan Böhmermann und Olli Schulz.

Flöttkern


Willi Tödheide war immer am Flöttkern. Sobald er die Straße überquert hatte und durchs Tor trat, fing er an zu pfeifen.

«Fuüü – fü, fü, fü, fü, fü, fü!»

Der erste Pfiff war etwas länger und schraubte sich über seine Dauer hinweg eine grobe Oktave nach oben, die folgenden sechs Pfiffe waren kurz und alle gleich lang und tonhöhentechnisch auf ebenjenem zuvor erreichten Ton. Es klang ein bisschen so, wie wenn man Hühner zum Futter ruft.

«Puuuutt – putt, putt, putt, putt, putt, putt!»

Als hätte jemals irgendjemand Hühner zum Futter rufen müssen! Die kamen doch schon angelaufen, wenn die bloß sahen, dass man mit Futter angelaufen kam. Ich entschied damals, dass dieses Putt-putt-putt-Gerufe nur einer dieser verzweifelten Versuche des Menschen war, mit Tieren zu kommunizieren. Das Tier machte, was es sowieso machte, und der Mensch glaubte, es täte es wegen ihm oder seiner Ansprache. So ein Blödsinn! Außerdem hatten Hühner ja nicht mal Ohren, das sah doch jeder.

Willi Tödheide war ganz schlecht zu Fuß. Er hatte irgendwas mit der Hüfte und deshalb immer einen Stock an seiner Seite. Wenn er ging, sah es immer ein bisschen so aus, wie wenn Elvis tanzte. Nur dass Elvis schneller tanzte und Willi Tödheide im Vergleich unglaublich langsam. Mit seinem fröhlichen Flöttkern kündigte er also schon von weitem an, dass er uns gleich besuchen käme. Also bald. Also irgendwann heute noch. Wenn’s gut lief.

«Fuüü – fü, fü, fü, fü, fü, fü!»

Oma, Üttchen und ich konnten Willi zwar nicht sehen, hörten ihn aber aus der Ferne nahen. Wir saßen im Hof, und die beiden hatten gerade angefangen Erbsen auszukrüllen. Das ist, wenn man die kugelrunden grünen Bewohner aus ihren länglichen grünen Schoten befreit und anschließend beides nach Form sortiert: die runden ins Töpfchen, die schlanken ins Kröpfchen. Ich saß daneben und half. Ich öffnete eine Schote und warf einen Blick hinein. Die sahen aus wie Vater, Mutter, Kind, Kind, Kind, Kind, Kind … Wäre Üttchen noch etwas kleiner gewesen und grün und ohne Ecken, hätte man meinen können, das sei ihre Familie. Was gar nicht so abwegig gewesen wäre, denn Üttchen hatte zehn Geschwister.

«Fuüü – fü, fü, fü, fü, fü, fü!»

«Willi kommt», sagte Üttchen.

«Jau», sagte Oma. «Habbich jehöat. Ich wette, der kommt erst umme Ecke, wennwa mitte Erbsen feddich sind.»

«Das wett ich auch!», sagte Üttchen.

So wetteten die beiden immer. Oma sagte: «Ich wette …», und dann kam irgendwas, und Üttchen sagte: «Das wett ich auch!»

Zwei Jahre vorher hätte ich beinahe mal gefragt, um was sie denn wetten würden, sie hätten ja gar keinen Einsatz genannt, was ich dann aber nach kurzem Nachdenken sein ließ. Mir war aufgegangen, dass sie ja dasselbe wetteten. Immer. So würden sie natürlich immer beide gewinnen und brauchten keinen Einsatz. Und keine der beiden musste sich ärgern. Das war ja schlau! Auf der anderen Seite konnten natürlich auch beide verlieren und bekamen dann auch nichts vom jeweils anderen. Das war ja dumm! Aber sie hatten ja auch um nichts gewettet. Das war dann wieder schlau!

«Fuüü – fü, fü, fü, fü, fü, fü!»

Das Flöttkern war noch genauso weit entfernt wie eben. Also Willi auch. Oma und Üttchen waren mit den Erbsen schon durch und gingen dazu über, die Pflaumen zu entsteinen. Ich war noch bei meiner vierten und letzten Schote, hatte aber immer bloß die Behausungen aussortiert, die Bewohner waren in meinem Mund verschwunden. Ich hatte ganze Familien verspeist.

Oma sagte: «Ich wette, Willi kommt erst umme Ecke, wennwa mitte Pflaumen feddich sind.»

«Das wett ich auch!», sagte Üttchen.

So langsam Willi ging, so schnell redete er. Nämlich enorm schnell. Üttchen vermutete, mit dem einen würde er das andere kompostieren. Was immer das heißen mochte. Auch wechselte er gern das Thema. Und das ohne Vorwarnung oder Atempause. Wenn man nicht genau aufpasste, konnte es sein, dass man plötzlich thematisch in China neben einem umgefallenen Sack Reis stand und keine Ahnung hatte, wie man dort hingekommen war, geschweige denn eine Ahnung hatte, wie man von dort wieder nach Hause kommen sollte.

Oma sagte dazu: «Der kommt auch von Hüssken auf Stüssken!»

Didi kam auf dem Mofa in den Hof gerollt. Oma sah kurz auf und fragte: «Na? Warste wieder auf Jück?»

«Jau», sagte Didi. «Aber jetzt muss ich tanken, haste ma zehn Mark?»

«Tanken, tanken!», sagte Oma. «Haste doch chestern erst!»

Didi hielt sich kurz den Zeigefinger auf die Lippen und sah gen Himmel. Er schien zu überlegen. Dann sagte er: «Nee, habbich nich.»

«Ach so», sagte Oma. «Na jut. Weißt ja, wo’s liejen tut, ne?»

Und Didi war so schnell im Haus verschwunden, wie er gekommen war.

«Fuüü – fü, fü, fü, fü, fü, fü!»

Das Flöttkern schien nun etwas lauter zu sein, als es eben noch gewesen war. Anscheinend war Willi Tödheide tatsächlich auf dem Weg in den Hof.

Als Didi plus Scheinchen wieder aus dem Haus trat, fragte Oma: «Haste Willi jesehen?»

«Jau», sagte Didi. «Habbich eben auffa Einfahrt überholt. Der is aufm Wech, sachta.»

«Jut», sagte Oma. «Hammwa uns schon jedacht.» Sie pulte einen Wurm aus der aktuellen Pflaume, entschied für sich und alle anderen, der Rest sei noch gut, und gab ihn Didi zum Aufessen.

Der wollte aber nicht und sagte: «Nee!»

Und dann sagte Oma den Satz, den ich und alle anderen schon oft von ihr hatten hören müssen und welcher stets mit der Nachdrücklichkeit eines Schimpfwortes ausgesprochen wurde und keinerlei Widerspruch duldete und auch nicht zuließ: «Das is Vitamine!»

Didi schob sich die Restpflaume geschlagen in den Mund, kaute und schluckte und setzte sich aufs Mofa.

«Fährste jez wieder auf Lititi?», fragte Oma.

«Nee», sagte Didi. «Ich fahr zun Tanken, und dann helf ich die Sylvie mitten Bienenkörbeaufstellen. Oben an Waldrand. Die Sylvie is jez nämlich Imke!»

Oma, Üttchen und ich blickten einander kurz an, dann sagte Oma: «Passte auf, dasde dich nich verfährst, ne?»

«Nee», sagte Didi, «kenn ich wie meine Wespentasche!»

«Apropos fahren», sagte Oma, richtete sich im Stuhl auf und sah Didi plötzlich streng an. «Frittchen Derberg hat jesacht, du seist letztens vorbeijefahren und abjebogen und hättest nicht jeblinkt!»

«Frittchen Derberg», sagte Didi und lächelte leise. «Die sacht viel, wenn der Tach lang is.»

Doch Oma ließ nicht locker und wurde lauter: «Warum haste nicht jeblinkt?»

«Na, weil … äh …» Didi wurde auch laut. «Geht niemanden was an, wo ich hinfahn tu! Da! Sssst!» Und damit ließ er das Mofa an und war so schnell verschwunden wie er gekommen war.

«Fuüü – fü, fü … Oha! Pass doch auf, wode hinfahn tust!»

Das Flöttkern und die Stimme schallten bis in den Hof, doch noch immer war von Willi Tödheide nichts zu sehen.

Oma besah sich die letzte Pflaume aus dem Korb, dann schob sie sich diese in den Mund und aß sie auf. Üttchen zog die Wanne mit den Kartoffeln etwas näher zu sich und fing an, diese zu schälen. Oma nahm ebenfalls eine Kartoffel heraus, um sie nackig zu machen, dann sagte sie: «Ich wette, Willi kommt erst umme Ecke, wennwa mitte Kartoffeln feddich sind.»

«Das wett ich auch», sagte Üttchen.

Ich war gedanklich noch bei Schnecke-Tödheide, welcher in diesem Moment samt Stock an den Garagen entlangstöckelte, und bei den Bienen und den Wespen, da hörte ich, wie Biggi Banda fragte: «Na? Wie nennt man eine sehr, sehr langsame Hummel?»

Und Banda antwortete: «Weiß ich nich!»

Und Biggi sagte: «Na, Bummel!»

Und beide haben sie gelacht. Und ich auch.

Oma rollte bloß mit den Augen, konnte sich ein kleines Lächeln aber nicht verkneifen. Üttchen sah mich bloß verstört an, sagte aber nichts.

Meine Großcousine kam aus dem Haus, baute sich vor Oma auf und streckte ihr den Arm entgegen. In der Faust hielt sie ein Bündel grüner Stangen mit Blättern dran. Oma sah auf das Grün, dann ins Gesicht meiner Großcousine, dann zurück aufs Grün, dann fragte sie: «Sollich damit?»

Und meine Großcousine: «Mama hat gesacht, ich soll dir die Hälfte von dem Blumenstrauß abgeben!»

Oma atmete aus, so als sei sie gerade eine sehr lange Treppe hinaufgestiegen, dann sagte sie: «Danke schön. Lech ma zuhe Schoten. Passt ja farblich. Und nächst Mal trennste den Strauß längs und nicht quer.»

«Na gut», sagte meine Großcousine, legte die Stängel zu den leeren Erbsenbehausungen und ging wieder rein.

«Fuüü – fü, fü, fü, fü, fü, fü!»

Willi Tödheide war noch immer auf dem Weg. Oma hatte mal gesagt, der Weg sei das Ziel. Ich hatte darüber nachgedacht und entschieden, dass das ja doof wäre, wenn das so wäre. Dann würde man ja ständig glauben, man sei schon da, obwohl man eigentlich noch unterwegs war. Und dann würde man einfach dableiben, weil man ja denken würde, man sei angekommen, aber dann würd man ja nie ankommen. Aber dann wüsste man ja auch nicht, dass man noch nicht angekommen war, denn man würde ja denken, man sei schon am Ziel. Und dann hatte ich entschieden, dass das doch nicht so doof wäre, wenn das so wäre, denn dann bräuchte man ja viel weniger weit laufen und dann dächte man ja, man sei schon angekommen, und der Weg zurück wäre dann auch nicht so lang.

Willi Tödheide sagte ganz oft «Hätte-wenn-Sätze». Er erzählte zum Beispiel, er hätte ganz bestimmt damals beim...

Erscheint lt. Verlag 23.7.2019
Verlagsort Hamburg
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte Ein ganz normaler Sonntag in Deutschland • Fest & Flauschig • Jan Böhmermann • Lippe • Olli Schulz • Omma • Podcast
ISBN-10 3-644-00294-0 / 3644002940
ISBN-13 978-3-644-00294-4 / 9783644002944
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