Rückwärtswalzer (eBook)
432 Seiten
Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH
978-3-462-31955-2 (ISBN)
Vea Kaiser wurde 1988 geboren und lebt in Wien, wo sie Altgriechisch, Latein und Germanistik studierte. Mit 23 Jahren veröffentlichte sie ihren Debütroman »Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam«, der ebenso wie ihr Zweitling »Makarionissi oder Die Insel der Seligen« zum Bestseller avancierte und in mehrere Sprachen übersetzt wurde. »Rückwärtswalzer« ist ihr dritter Roman.
Vea Kaiser wurde 1988 geboren und lebt in Wien, wo sie Altgriechisch, Latein und Germanistik studierte. Mit 23 Jahren veröffentlichte sie ihren Debütroman »Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam«, der ebenso wie ihr Zweitling »Makarionissi oder Die Insel der Seligen« zum Bestseller avancierte und in mehrere Sprachen übersetzt wurde. »Rückwärtswalzer« ist ihr dritter Roman.
2. Flohzirkus Prischinger
(1953)
Anfang der Fünfziger war Sepp Prischinger zwölf Jahre alt und sich bereits vollends darüber im Klaren, dass das Leben gemein und ungerecht war. Das wussten sowohl seine Schwestern Mirl und Wetti als auch die Zwillinge Hedi und Nenerl. Anders als seine Geschwister hegte Sepp jedoch keinerlei Hoffnung, dass es jemals besser werden würde.
Sepp kniete auf der Eckbank und blinzelte durch das schmale Küchenfenster über die Kornfelder. Er hatte bereits alle Winkel des Schweinestalls, des Hühnergeheges, des Mostpresshauses und der Gemüsegärten abgesucht, war den Hügel hoch bis in den Wald gelaufen, hatte mit einem Feldstecher die Straße beobachtet, doch egal, wo er suchte, die Zwillinge blieben unauffindbar.
Hinter ihm schürte seine Mutter das Herdfeuer. Gleich würde sie Brunnenwasser aufsetzen, einen Topf mit Erdäpfeln füllen und Sepp auftragen, seine Geschwister zum Essen zu holen. Und dann würde er ein großes Problem haben. Denn er hatte die Zwillinge verloren.
Nach der Morgenmesse hatte ihm die Mutter befohlen, auf seine Geschwister zu achten, weil sie Wäsche waschen und Mirl ihr dabei helfen musste. Sepp hatte Hausübungen zu erledigen. Das tat er zwar nicht gerne, vor allem nicht am ersten warmen Frühsommer-Sonntag, doch er war ein gewissenhafter Knabe. Der Herr Lehrer, der mit einem Bein und einem Auge zu wenig aus dem Krieg zurückgekehrt war, gab ihm als einzigem Schüler aller Sechs- bis Vierzehnjährigen der Klasse täglich Zusatzaufgaben. Wenn Sepp all diese Aufgaben löste, könnte er bald aufs Gymnasium wechseln, und wer eine Matura hatte, würde einst genug Geld verdienen, um eine Familie sorgenfrei zu ernähren. Sepp war das älteste Prischinger-Kind. Er konnte sich am besten an die entbehrungsreichen Zeiten erinnern. Das Jahr ’46 war extrem trocken gewesen, der Winter unmenschlich kalt, und nachdem man nach Kriegsende alle Vorräte, die die Mutter vorausschauend angelegt hatte, entwendet und in die Stadt gebracht hatte, hatten sie sogar hier auf dem Land nichts mehr zu essen gehabt. Stundenlang hatte die Mutter ihm und seinen Geschwistern von den Gerichten erzählt, die im Kochbuch der Familie standen, das in jener Zeit geschrieben worden war, als hier im Gasthof noch die große Welt zum Essen eingekehrt war. Sepp hatte Rinden gekaut und sich vorgestellt, die Köstlichkeiten zu verspeisen, die ihnen die Mutter zuzubereiten versprach, wenn alles wieder besser wäre.
So richtig besser war es nicht geworden. Sepp hatte von der Hungersnot ein chronisches Magenleiden davongetragen. Wann immer er zu wenig oder das Falsche aß, stach es so sehr in seinem Magen, als wollte dieser ihn gemahnen, bloß schnell die Matura zu machen, um ausreichend Geld für ausreichend Nahrung zu verdienen.
Am Nachmittag hatte sich Sepp im Wirtschaftshof einen Schreibtisch aus alten Zaunbrettern und Ziegelsteinen mit einem Schneidebrett als Schreibunterlage gebaut, um Hausübungen zu machen, während die siebenjährigen Zwillinge spielten. Mirl war ein Jahr jünger als er und dachte an nichts anderes, als eines Tages einen wichtigen Mann aus der Stadt zu heiraten. Sie erledigte Hausarbeit fleißig und ohne Widerrede, weil sie hoffte, dadurch würde sich ein reicher Prinz in sie verlieben und sie in ein Schloss voller Bediensteter führen. Sepp hielt das zwar für überaus unwahrscheinlich und unlogisch, hütetete sich aber davor, sie darauf aufmerksam zu machen. Die drei anderen Geschwister waren ohnehin anstregend genug.
Während Sepp über seinen Aufgaben brütete, bearbeitete Mirl die hartnäckigen Flecken auf ihren Kleidern mit Kernseife, und die neunjährige Wetti kroch in der Wiese herum, um Weiß-der-Herrgott-was zu beobachten. Wenn Wetti irgendein Tier beobachtete, rührte sie sich stundenlang nicht vom Fleck. Sie galt als schwachsinnig, wobei sich Sepp über dieses Urteil unschlüssig war. Der Herr Lehrer meinte, ihr Gehirn sei unterentwickelt, sie habe zu viel Luft in ihrem Kopf, weil sie im Krieg auf die Welt gekommen sei und die Mutter nicht genug Milch gehabt habe. Sepp hingegen hegte die Vermutung, Wettis schlechte Noten rührten daher, dass sie jene Vögel, die in der großen Zierkirsche neben dem Schulfenster brüteten, interessanter fand als Buchstaben und Zahlen. Wetti wusste, wo welche Hasen und Marder ihre Baue hatten, wo welcher Pilz, welcher Strauch, welches Kraut wuchs. Wenn ihr Hirn zu klein war, wie konnte es dann Platz haben für all dieses Wissen?
Sepp verfasste an seinem Hofschreibtisch einen Aufsatz über Jesus und die Tempelhändler, und die Zwillinge spielten artig mit Murmeln. Immer wieder rief Sepp Hedi zu, sie solle aufpassen, dass sich Nenerl keine in die Nase steckte. Als er sich jedoch den Bruchrechnungen widmete, waren sie verdächtig still, und als er die letzte Gleichung gelöst hatte und aufblickte, waren sie verschwunden. Sofort ließ er alles stehen und liegen, um sie zu suchen, doch nirgendwo fand er sie.
Seine letzte Hoffnung hatte darin bestanden, sie im Kornfeld zu entdecken, wo Nenerl, der davon träumte, eines Tages einen Zirkus zu leiten, oftmals Mäuse jagte, die er im Kuhstall in einen Käfig sperrte und zu dressieren versuchte. Keine Spur von den Zwillingen. Sepp hegte den Verdacht, dass sie dort waren, wo die Kinder auf keinen Fall hindurften: in jenem Teil des Vierkanters, der bis zum Kriegsende ein Gasthof gewesen war und den nun der Iwan besetzte.
Was sollte er der Mutter sagen?
Vielleicht sollte er einfach beichten, dass die Zwillinge entfleucht waren. Es war schließlich nicht seine Schuld. Bösartig hatten sie sich davongestohlen! Die Zwillinge waren groß genug, um auf sich selbst aufzupassen. Zumindest Hedi. Nenerl würde es niemals können.
Ja, das Leben war ungerecht.
Andere Kinder wurden dafür belohnt, dass sie ihre Hausübungen machten. Während der letzten Kriegsjahre hatte Familie Oberhuber aus Wien drüben im Gasthof gelebt, weil man auf dem Land vor den Bomben sicher gewesen war. Die Familie hatte drei Söhne: Gottfried, Bertram und den kleinen Adolf, den man seit Kriegsende nur noch Dolfi nannte. Während Sepp seiner Mutter rund um die Uhr zur Hand hatte gehen müssen, hatten die Wiener Buben keinen Finger rühren müssen, sondern tagein, tagaus im Hof gespielt. Sie waren nicht einmal geprügelt worden, wenn sie sich dreckig gemacht oder eine Hose zerrissen hatten. Und wenn sie ihre Hausübungen erledigten, hatte die Oberhuberin ihnen nicht nur geholfen, sondern sie sogar dafür belohnt. Und als es nichts mehr gegeben hatte, mit dem sie die Kinder hätte belohnen können, da hatte sie ein kleines Heft gezückt und die Belohnungen aufgeschrieben, die sie ihren Söhnen geben würde, sobald die Zeiten besser wären.
Seine eigene Mutter hatte Sepp noch nie geholfen, geschweige denn ihn belohnt. Wenn er ihr beichtete, dass er wegen der Konzentration auf die Hausübungen die Zwillinge verloren hatte, würde sie ihm stattdessen eine Ohrfeige verpassen. Wenn er Glück hatte. Wenn er Pech hatte, bekam er kein Geselchtes. Wenn er viel Pech hatte, überhaupt kein Abendessen.
Sepp war überzeugt: Wäre sein Vater aus dem Krieg zurückgekehrt, er hätte es heute leichter. Dann würden die Zwillinge dem Vater gehorchen und nicht ihm, dem Bruder, auf der Nase herumtanzen. Der Vater würde ihn beschützen, würde dafür sorgen, dass er ein Gymnasium besuchte und dass er genug Schlaf bekäme, um in der Schule besser aufpassen zu können. Der Vater würde zudem die Russen vom Gasthof jagen, die ihnen all ihr Essen wegfraßen und die Mutter zwangen, hinter ihrem Dreck herzuputzen. Doch Sepp wusste: Das Leben war ungerecht.
Der Vater würde niemals zurückkommen.
Die Russen würden sich weiterhin die Bäuche vollschlagen, während die Kinder Erdäpfel lutschten.
Sepp würde niemals dafür belohnt werden, brav zu lernen. Sepp konnte den Tag nicht erwarten, an dem er endlich von diesem Gasthof wegkam, um Geld mit ehrlicher Arbeit zu verdienen. Er wollte keine Sonderbehandlung, nur etwas Lohn für seine Leistung.
Auf dem Ofen brodelte das kochende Wasser, als wollte es die Erdäpfel aus dem Topf vertreiben.
»Geh, Sepp, sei so gut und hol deine Geschwister«, sagte die Mutter liebevoll, und Sepps Vorsatz, die Wahrheit zu sagen, schwand augenblicklich dahin. Vielleicht hatte er ja zur Abwechslung Glück, dachte er und lief durch das Kabinett, in dem früher seine Großeltern gelebt hatten und in dem sie nun alle zusammen schliefen, seit sich die Russen all die Wohnräume des Gasthauses unter den Nagel gerissen hatten, und durch die Waschküche in den Wirtschaftshof.
Dieser erstreckte sich auf einem fest gestampften Erdplatz auf der Nordseite des Vierkanters, hinter dem mit Flachs bepflanzte Hügel hinauf bis in die Wälder führten. Als die Großmutter noch lebte, hatte sie oft erzählt, wie sich früher auf diesem Platz die Knechte und Mägde tummelten, um Wäsche zu waschen, Hühner zu rupfen, säckeweise Erdäpfel zu schälen, Maschinen zu warten und zu erledigen, was sonst alles an Arbeit auf dem großen Gasthof angefallen war. Die Großmutter hatte ihnen anstelle von Gutenachtgeschichten in detaillierten, farbenprächtigen Schilderungen die glorreichen Zeiten des Gasthofes ausgemalt. Wie damals, als noch der Kaiser regierte, die verschiedensten Soldaten auf der Durchreise hier übernachtet hatten. Welche Kaufleute und fahrenden Händler, ja sogar Musiker und Ministerialbeamte auf ihren Wegen zwischen Böhmen und dem Donauraum hier eingekehrt waren. Textilhändler, die in Böhmen, Mähren und dem Waldviertel die weltberühmten kaiserlich-königlichen Spinnereien, Webereien, Färbereien besucht hatten, hatten der Großmutter als...
Erscheint lt. Verlag | 7.3.2019 |
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Verlagsort | Köln |
Sprache | deutsch |
Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
Schlagworte | Abschied • Balkan • blasmusikpop • Familiengeschichte • Geschwister • Humor • Nachkriegszeit • Roadtrip • Tod • Walzer • Wien • Zusammenhalt |
ISBN-10 | 3-462-31955-8 / 3462319558 |
ISBN-13 | 978-3-462-31955-2 / 9783462319552 |
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