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Portugiesisches Blut (eBook)

Roman - Ein Lissabon-Krimi

(Autor)

eBook Download: EPUB
2019
384 Seiten
Heyne Verlag
978-3-641-22046-4 (ISBN)
Systemvoraussetzungen
11,99 inkl. MwSt
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Der ehemalige Ermittler Henrik Falkner hat sich unter der Sonne Portugals ein neues Leben aufgebaut. In der Altstadt Lissabons betreibt er ein Antiquariat, in dem sein Onkel Martin exotische Exponate angesammelt hat, von denen so manche auf vergangene Verbrechen hinweisen. Als die Brasilianerin Paula Cardenas Henrik einen Brief zeigt, nimmt ein neuer Fall seinen Anfang. Paulas Mutter fiel einst einem Verbrechen zum Opfer, die Spur führt zu dem legendären Schamanen Don Alfredo. Doch dann verschwindet auch Paula spurlos. Mit der temperamentvollen Polizistin Helena begibt Henrik sich auf die Suche und gerät in ein Netzt aus Rache, Korruption und Familienbande ...

Luis Sellano ist das Pseudonym eines deutschen Autors. Auch wenn Stockfisch bislang nicht als seine Leibspeise gilt, liebt Luis Sellano Pastéis de Nata und den Vinho Verde umso mehr. Schon sein erster Besuch in Lissabon entfachte seine große Liebe für die Stadt am Tejo. Luis Sellano lebt mit seiner Familie in Süddeutschland. Regelmäßig zieht es ihn auf die geliebte Iberische Halbinsel, um Land und Leute zu genießen und sich kulinarisch verwöhnen zu lassen.

1

Oben bei Coimbra brannten die Wälder.

Es gab keinen Regen, schon seit Monaten. Seco e quente como nunca antes. »So trocken und heiß wie noch nie«, murrten die Alten, im Schatten ihrer Hauseingänge sitzend. Niemand schien sich erinnern zu können, wann oder ob die Hitze jemals so extrem gewesen war. Weder vor 1932 noch während Salazars Herrschaft, in jener Zeit der inneren Feuer, als es besser war, den Blick abzuwenden, wenn die Legião Portuguesa an einem vorbeipatrouillierte. Auch erinnerte sich niemand, ob je so viele Wälder gleichzeitig gebrannt hatten.

Coimbra war weit weg. Gute zweihundert Kilometer. Trotzdem glaubte Henrik Falkner, wenn er vor die Tür trat, den Rauch zu riechen, zumindest in der heißen Luft eine schwache Note des beißenden Qualms erschnuppern zu können. Er bildete sich sogar ein, den Rauch auf der Zunge zu schmecken, als hätte er eben an einem torfigen Whisky genippt. Zwar nur schwach, aber ausreichend, um den Bedenken Nahrung zu geben. Längst hatte er sich anstecken lassen von der kollektiven Angst, die in den nachdenklichen, sorgenvollen Gesichtern der Leute zu lesen war. Noch weit entfernt von Hysterie, aber existent. Es war diese Urangst vor Feuer, die selbst nach zwanzig Millionen Jahren Evolution in dem Überbleibsel des Reptiliengehirns steckte, das ein jeder noch in seinem Schädel hatte. Die bange Frage, ob sich die Feuersbrunst irgendwann gierig hinunter bis in den Süden fraß, war unterschwellig allgegenwärtig.

Und das war ganz neu für Henrik. Eine neue Erfahrung. Die verheerenden Waldbrände erzeugten eine Nervosität bei den sonst unerschütterlichen Lisboetas, die beinahe so spürbar war wie die Sommerhitze selbst. Die in der Regel stoische Gelassenheit seiner Mitmenschen war ins Wanken geraten. Die Gespräche, die er aufschnappte, wenn er sich durch die stickigen Gassen bewegte, klangen gedämpft. Es wurde weniger gelächelt. Sogar weniger gesungen und wenn, dann hörte sich der Fado noch melancholischer an. Alle um ihn herum benahmen sich verhaltener. Zeigten deutlicher ihre Demut vor dem Herrn, indem sie das Kreuzzeichen nicht nur in den Kirchen, sondern auch auf offener Straße schlugen und Gebete laut vor sich hersagten, statt sie still vor sich hin zu murmeln. Zuerst hatte er diese Veränderung lediglich beobachtet, dann sich unmerklich davon anstecken lassen. Nun roch auch er die Feuer, entfernte sich imaginäre Aschepartikel von den schweißverklebten Unterarmen und folgte den bangen Blicken Richtung Norden. Ertappte sich dabei, wie er nach Rauchwolken Ausschau hielt. Nach bedrohlich dichten, im Feuerwind wogenden Türmen aus Ruß und Qualm, wie jene, die fortwährend in den Nachrichten gezeigt wurden. Monströse, angsteinflößende Gebilde, die selbst auf Satellitenbildern aus dem Weltraum zu sehen waren. Sich pausenlos windende, tanzende Riesen. Die zornige Vorhut der Vernichtung.

Auch die Männer auf dem Gerüst unterbrachen ab und an ihre Arbeit. Hielten inne in ihrem Klopfen, Spachteln und Verputzen und reckten ihre wettergegerbten Gesichter hinauf in den stahlblauen Himmel. Dabei raunten sie sich unheilverkündend Worte zu, die er nicht verstand, und wischten sich mit ihren gebräunten, kalkweiß gesprenkelten Handrücken den Schweiß von der Stirn, bevor sie ihre Tätigkeiten wiederaufnahmen. Nun, vielleicht gaben sie auch nur ihrem Wunsch Ausdruck, dass die Sonne nicht zu früh um die Ecke des Hauses gegenüber bog und ihnen den kostbaren Schatten raubte, der während des Vormittags über ihrem staubigen Arbeitsplatz hing wie eine weitere schützende Plane an der Fassade.

Das Baugerüst und die grünen Gewebebahnen aus robustem PVC verdeckten seit gut einem Monat die Front des vierstöckigen Gebäudes Nummer 38 in der Rua do Almada. Die Fenster und beide Eingänge waren verhängt, der in den Hausflur ebenso wie der in den Laden. Henrik hatte ein provisorisches Schild an den vorderen Stützstreben angebracht, das auf das Antiquariat hinwies. Man konnte es von der Abzweigung aus gut sehen, sogar besser als das Schild, das bislang über der Ladentür gehangen und das er abmontiert hatte, bevor der Bautrupp angerückt war. Antiquário e Antiguidade stand jetzt handgeschrieben auf der provisorischen Holztafel. Dennoch kam selten jemand in den Laden, und wenn, dann waren es Stammkunden, die wenigen, die man an einer Hand abzählen konnte und die ohnehin wussten, dass trotz der Renovierungsarbeiten für sie geöffnet war. Alle anderen schreckte die Baustelle ab. Oder die Hitze … oder auch alles zusammen: Die Hitze, der Bauschuttcontainer, die lärmende Betonmischmaschine, der Sandhaufen, in den der Wind, der vom Fluss her blies, immer wieder neue kunstvoll geschwungene, scharfe Kanten formte. Die Paletten mit Ziegeln, die sich stapelnden Balken und Bretter, die entlang des Gebäudes die Straße säumten und nur noch den besonders Waghalsigen eine Durchfahrt erlaubten. Er konnte sich nicht erklären, warum er den Laden überhaupt jeden Tag aufsperrte. Vielleicht weil es zu einer Gewohnheit geworden war. Zu einer Kontinuität in seinem neuen Leben.

Jetzt, da es wegen der Renovierung noch einsamer im Antiquariat geworden war, trat er häufig vor die Tür. Nicht unbedingt, um nach Kundschaft Ausschau zu halten. Eher, um die Bauarbeiten zu überwachen. Um nachzusehen, wie die Männer vorankamen. Jedenfalls redete er sich das ein. Vielleicht wollte er auch nur sichergehen, dass sich die Brände nicht doch schon bis zum Sund und zu der Tejomündung ausgebreitet hatten. Es bestand allerdings auch die Möglichkeit, dass er wegen einer ganz bestimmten Person die Augen offen hielt. Nach dieser einen Person, die sein Herz ähnlich heftig in Flammen gesetzt hatte wie die Feuersbrünste die trockenen Wälder Portugals. Doch ob nun aus Neugier, Sehnsucht oder aus dem Wunsch nach frischer Luft – es gab in den letzten Wochen reichlich Anlässe, der drückenden Stille im Laden für eine Weile zu entfliehen.

Während der Mittagszeit, wenn die Hitze am größten war, stiegen die Männer vom Gerüst, klopften den grauen Staub aus ihren Arbeitshosen und flüchteten aus der Sonne. Dann hockten sie auf der schmalen Treppe, die gegenüber zwischen der Bar und dem Nachbargebäude hinauf zu der Gasse führte, über die man zum Miradouro Santa Catarina gelangte. Dort tranken sie Bier, rauchten, erzählten sich Geschichten und brachten einander zum Lachen, indem sie sich gegenseitig aufzogen. Anfangs hatte er sich manchmal dazugesellt, doch dann waren die Gespräche stets ins Stocken geraten. Er war auf gewisse Weise ihr Auftraggeber, und offenbar fanden sie es trotz aller Derbheit nicht schicklich, im Beisein des Mannes, der sie bezahlte, Witze zu reißen oder auf anstößige Art mit ihren Frauengeschichten zu prahlen. Daher hielt Henrik mittlerweile Abstand und betrachtete stattdessen die Fassade. Inspizierte die Arbeit, die daran erfolgt war, und versuchte, die Veränderungen zu erkennen und abzuschätzen, wie es aussehen würde, wenn die Komposition aus Simsen, Kapitellen und Schnörkeln endlich fertig war. Wie alles zusammen im neuen Anstrich harmonierte. Das war zu einem Ritual geworden, dem er auch heute folgte. Kaum, dass er hörte, wie die Männer vom Gerüst stiegen, legte er die Bücher zur Seite, die er gerade in ein Regal sortierte, und bereitete sich darauf vor hinauszugehen. Im Antiquariat war es auch ohne Klimaanlage verhältnismäßig kühl geblieben. Das verhängte Schaufenster sperrte das Sonnenlicht aus. Zudem sorgten die dicken Steinwände während der heißen Monate für eine nahezu konstante Temperatur. Da die Ladentür selten geöffnet wurde, gab es keinen nennenswerten Luftaustausch. Die Hitze blieb vor der Tür und ließ die Atmosphäre im Inneren weitgehend unverändert. Natürlich war es drinnen auf ganz eigene Art stickig. Wie in einer Gruft. Oder in einem Atombunker. Was die Leute, die sich im Antiquariat einfanden, meist dazu bewog, es auch möglichst rasch wieder zu verlassen. Henrik war deswegen niemandem wirklich böse. Auch wenn er mittlerweile behaupten konnte, sich an den Mief gewöhnt zu haben, ging er selbst nur allzu gern an die frische Luft. Seit einem die extreme Hitze das Fleisch von den Knochen brannte, war dies allerdings Ermessenssache und kostete einiges an Überwindung. Wohin sollte dieses Wetter bloß führen? Der richtige Sommer war ja noch gar nicht angebrochen!

Er vermied es, in den grellen Sonnenstreifen zu treten, der sich in hartem Kontrast auf dem Kopfsteinpflaster abzeichnete. Baustaub rieselte auf ihn herab, als er die Planen vom Gerüst wegdrückte, um besser sehen zu können. Die neuen Fenster waren teilweise noch mit Schutzfolie beklebt. Derzeit waren die Männer damit beschäftigt, die geschwungenen Gipsumrandungen der Fensterreihe im zweiten Stock auszubessern. Streng nach Vorschrift der Denkmalschutzbehörde galt es, all die einstige Pracht wieder hervorzuzaubern, die im Lauf des letzten Jahrhunderts von Abgasen und Taubenkot zerfressen worden und abgebröckelt war. In die Betrachtung der Fassade versunken, konnte er nicht sagen, wie viel Zeit verstrich, bis er bemerkte, dass jemand hinter ihm stand. Als ihm die Anwesenheit der Person bewusst wurde, fuhr er herum, so abrupt wie jemand, der hinterrücks mit einem Angriff rechnet.

Die Frau zuckte zusammen und machte unvermittelt zwei Schritte nach hinten, wobei sie ein paar leise Worte murmelte, die er nicht verstand, die jedoch ohne Zweifel an einen Heiligen oder eine Heilige gerichtet waren. Eine Bitte um Segen, um Schutz und Beistand für sich.

Sie war klein, keine eins sechzig, wobei sie keineswegs fragil wirkte. Nicht Kunstturnen, eher Kampfsport. Der Rucksack, den sie trug, mochte mehr wiegen als sie selbst, dennoch brachte er sie nicht aus dem Gleichgewicht, während sie zurückwich. Dort, wo die breiten Träger auf ihren Schultern...

Erscheint lt. Verlag 8.4.2019
Reihe/Serie Lissabon-Krimis
Lissabon-Krimis
Verlagsort München
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Krimi / Thriller / Horror Krimi / Thriller
Schlagworte eBooks • Jean-Luc Bannalec • Krimi • Kriminalromane • Krimis • Lissabon • Medizin • Portugal • Schamane • Sommerurlaub • Thriller
ISBN-10 3-641-22046-7 / 3641220467
ISBN-13 978-3-641-22046-4 / 9783641220464
Informationen gemäß Produktsicherheitsverordnung (GPSR)
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