Eine besondere Frau (eBook)
528 Seiten
Rowohlt Verlag GmbH
978-3-688-11267-8 (ISBN)
Lisa Alther, Schriftstellerin, wurde 1944 in Tennessee geboren.
Lisa Alther, Schriftstellerin, wurde 1944 in Tennessee geboren. Cornelia Holfelder-von der Tann, geboren 1950, beschloss nach dem Studium (Anglistik, Germanistik, Romanistik) und einem Lehramtsreferendariat, es mit dem literarischen Übersetzen zu probieren und ist seither hauptberuflich dabeigeblieben. 2021 wurde sie mit dem Übersetzerpreis für langjähriges Übersetzen, «Rebekka», ausgezeichnet.
I
1 Roches Ridge
Ein elfenbeinfarbener BMW mit zwei Paar Skiern auf dem Dach wand sich zwischen tannengespickten Granitfelsen eine lange Gefällstrecke hinunter. Der Fahrer, Turner Shawn, hatte ein sympathisches, gerötetes Gesicht und schon etwas gelichtetes, ins Grau spielendes blondes Haar. Seine Frau Clea, in Stretchhosen und Rollkragenpullover, saß neben ihm und studierte die kleine Vermonter Ortschaft Roches Ridge, die unter ihnen in der Wintersonne lag, auf einem granitenen Bergvorsprung, der steil zu dem Sumpfgebiet um die Mündung des Mink Creek in den Champlain-See abfiel.
Clea Shawn war eine welterfahrene Frau. Männer hatten ihr in diversen Sprachen ihre Liebe beteuert. Sie hatte mittlerweile so oft geliebt, daß ihr Herz sich anfühlte wie ein Wischmop. In regelmäßigen Abständen hatte die Leidenschaft es gepackt, herumgewirbelt und ausgepreßt. Es waren keine leichtherzigen Abenteuer gewesen, sondern Obsessionen von der Art, wie sie die Tage beherrschen und die Träume diktieren, wie sie Lachse dazu treiben, Wasserfälle hinaufzuspringen, und Männer dazu, sie in Fässern hinunterzusausen. Inzwischen registrierte sie die Symptome – das Pulsrasen, die Schlaflosigkeit, den Drang, neue Bettwäsche zu kaufen und sich im Fitness-Center abzurackern – mit Schrecken.
Und doch war Clea eine Frau, die die Liebe liebte. Hormone waren für sie immer schon die Droge ihrer Wahl gewesen. Als echter Aficionado jenes Moments, in dem die Leidenschaft den gesunden Menschenverstand überschwemmt, war sie zur Selbstbeherrschung wenig begabt.
Hüfthohe Schneewälle türmten sich entlang der Straße rings um einen zentralen Platz, eine kleine Grünanlage mit einem viktorianischen Musikpavillon, einem bronzenen Bürgerkriegskämpfer und einer Kanone aus dem Krieg von 1812. Der Platz war umrahmt von weißen Holzhäusern im Kolonialstil. In der Ferne ragte zur einen Seite hin der Camel’s Hump empor, der mit seiner Schneehaube wie ein Zahn aussah, und zur anderen erhoben sich die Adirondacks. Obgleich Clea weit in der Welt herumgekommen war, hatte sie kaum je ein so hübsches Fleckchen Erde gesehen.
«Was für ein entzückender Ort, Turner!» Sie spürte beunruhigt, wie ihre Handflächen feucht wurden. Turner nickte lächelnd. Nach ihrem spontanen Liebesintermezzo heute morgen auf dem orangeroten Zottelteppich in ihrem Ferienappartement mit Blick auf die Pisten von Alpine Glen hätte er ihr auch zugestimmt, wenn sie behauptet hätte, die Erde sei eine Scheibe. «Dein alter Mann kann es dir immer noch besorgen», hatte er, neben ihr liegend, gemurmelt, und sie hatte es nicht über sich gebracht, ihm zu gestehen, daß sie den Orgasmus nur vorgetäuscht hatte – ein weiteres, beunruhigendes Symptom einer keimenden neuen Leidenschaft. Die Glut ihrer Liebe zu Turner war im Lauf der Jahre einer Art schwesterlicher Zärtlichkeit gewichen – warm und wohlig, aber ohne jenes Moment von Kompliziertheit und innerem Druck, das sie brauchte. Der Halteriemen einer der Skistöcke auf dem Gepäckträger hatte sich gelöst und schlug jetzt gegen das Dach.
Während Turner den Dachträger inspizierte, stieg Clea, nachdem sie ihren Anorak übergezogen und ihre Nikon vom Rücksitz genommen hatte, ebenfalls aus, um ein paar Aufnahmen von halbabgeblätterten Giebeln und Säulenfronten zu machen. Starrs IGA, die katholische St. Sebastian-Kirche, die kongregationistische Gemeindekirche, eine Grundschule mit Fußballplatz dahinter, Als Tankstelle, das Zentrum für Psychohygiene, das Spritzenhaus der freiwilligen Feuerwehr, eine Arztpraxis, Coffins Bestattungsinstitut, ein Lokal namens Casa Loretta, ein weiteres, das Karma-Café hieß, Earls Frisiersalon, Orlons Köder- und Anglerbedarfskiosk mit einem fliegendreckgepünktelten Schild im Fenster, das besagte: JA, WIR HABEN ERDWÜRMER!
Alles, was der Mensch wirklich brauchte, dachte Clea, als sie vor dem Backstein-Postgebäude stand, dem einzigen Haus weit und breit, das jünger war als hundert Jahre. Sie schämte sich plötzlich für den ganzen überflüssigen Krempel, der ihr Leben anfüllte, für ihre dringenden Exkursionen zu Bloomingdale’s oder ins Atrium, um die richtigen Set-Deckchen oder das passende Halstuch aufzutreiben, für ihr ganzes kompliziertes Geflecht aus Nebenherbeziehungen. Man sah ganz deutlich, daß die Roches Ridger einfache, rechtschaffene Leben lebten und nur das wirklich Unentbehrliche dafür brauchten.
Die Casa Loretta war rustikal getäfelt. Turner und Clea saßen an ihrem Resopaltisch mit einer Plastikrose in einem Keramik-Tropfenväschen darauf und aßen Ridgeburgers, die ihnen eine Frau mit einem bemerkenswerten, fast einen halben Meter hohen, blondgebleichten Haarturm auf dem Kopf und spitzen Sechserlocken über den Ohren serviert hatte. Auf einem Ansteckschildchen über ihrer linken Brust stand: HI, ICH HEISSE LORETTA. FRAGEN SIE MICH NACH UNSEREN SOUTH-OF-THE-BORDER-SPEZIALITÄTEN. Aus der neonbeleuchteten Musikbox in der hinteren Ecke des Lokals sang John Denver «Rocky Mountain High».
«Hier gefällt es mir, Turner», hörte sich Clea bekennen. Sie hatte sich schon öfters in Städte verliebt – New York, Paris, Bombay, Kioto, Sidney – aber noch nie in ein Dorf. Sie hatte immer etwas gegen Ansiedlungen mit weniger als einer Million Einwohner gehabt, sofern sie nicht in fremden Ländern lagen und deshalb malerisch waren statt nur öde und langweilig. Ja, sie hatte sogar die ersten einundzwanzig Jahre ihres Lebens mühselig versucht, der Kleinstadt und den Kleingeistern, die sie im allgemeinen beherbergte, zu entfliehen. Das Straßenkreuz, an dem sie persönlich zu tragen gehabt hatte, war Poplar Bluffs, achtzig Meilen ohioaufwärts von Cincinnati, auf einem Kalksteinkliff über dem Fluß, mit 3813 Einwohnern, davon die meisten ältere Menschen, die ihre Tage auf windenumrankten Vorderveranden damit zubrachten, über die Vor- und Nachteile der verschiedenen Zahnprothesen-Haftpulver zu debattieren und die Köpfe über das Tun und Lassen aller neu in der Stadt auftauchenden Personen zu schütteln. Clea war zuerst nach Cornell geflüchtet und dann nach New York.
Turner war nicht weiter beeindruckt, er war daran gewöhnt, daß Clea an jedem Ort, an den sie kamen, im Geist gleich ihre Zelte aufschlug. Und sie hatten viele gesehen, im Zuge seiner Karriere im internationalen Marketing, der Ferienreisen mit ihren Kindern und der vielen Fotoaufträge für Reisemagazine, die an Clea herangetragen worden waren.
«Es ist mir wirklich Ernst, Turner.» Clea spürte plötzlich die heftige Sehnsucht, sich wieder auf die grundlegenden Dinge des Lebens zu besinnen, wobei sie allerdings übersah, daß dazu womöglich auch Langeweile, Einsamkeit, Krankheit, Gewalt und Tod gehörten.
«Ausgezeichnet, die Pommes frites.»
«Turner, alles, was du brauchst, ist doch ein Flughafen. Ich habe inzwischen so viele berufliche Kontakte, daß ich leben kann, wo ich will. Und die Kinder laufen doch so gerne Ski.» Ein leeres Nest gehörte in den Wald, nicht in die östliche Neunundvierzigste Straße. Theo war in seinem letzten Jahr am Hotchkiss, Kate in ihrem ersten am Smith. Clea hatte auch als Mutter immer ein aktives Eigenleben geführt. Aber im letzten September hatte sie voller Entsetzen einen riesigen Hohlraum in ihrem Herzen gefühlt, den bis dahin offenbar ihr Muttersein ausgefüllt hatte. Am gleichen Tag, an dem die Kinder aus dem Haus gegangen waren, war Turner nach Rom geflogen. Clea hatte den ganzen Nachmittag im Bett gelegen und geheult. Ihre Babies, die so hungrig an ihren Brüsten gesaugt und sich bei jeder Begegnung mit fremden Menschen so fest an ihre Finger geklammert hatten, trafen sich jetzt zu Rendezvous mit Leuten, die sie nicht kannte, und fanden nichts dabei, ganz allein Bankkonten zu eröffnen und Studienfächer zu wählen.
«Clea, du bist wie ein Schnellzug.» Turner lachte. «Ich kann entweder aufspringen oder zurückbleiben und dir nachschauen.»
«Und bisher bist du immer aufgesprungen, Liebling. In guten wie in schlechten Tagen.»
«In Liebe und in Untreue», ergänzte er mit einem zärtlichen Lächeln. «All die Jahre, seit ich dich zum erstenmal gesehen habe, damals bei dem Studienanfänger-Tee in Cornell, mit deinem Whiskey-Sour-Schwips und deinen schwarzen Haaren vor dem einen Auge und deiner schönen Stimme, mit der du so laut und falsch ‹Roll Your Leg Over› gesungen hast.»
«Wir könnten doch das Haus in Turtle Bay behalten. Als Pied-à-terre. Wozu haben wir das ganze Geld?» Zu ihren Fotohonoraren kamen noch Einnahmen aus den Immobilien ihrer Eltern. Und Turner bezog das Gehalt eines erfolgreichen Managers.
«Du vergißt, daß du New York liebst, Clea. Du wirst diese Überfallgeschichte schon verwinden. Du brauchst nur ein bißchen Zeit.»
Clea kniete zwischen Big-Mac-Kartons in einem Durchgang bei der westlichen Achtundvierzigsten Straße. Ein Mann in einem zerrissenen braunen Parka hielt ihr eine Pistole an die Schläfe. Mit der freien Hand riß er ihr die Goldringe aus den Ohrläppchen.
«Bitte nicht schießen», flüsterte sie. «Ich habe zwei Kinder.»
«Lady», sagte er, den Hahn spannend, während seine blutunterlaufenen Augen sie durch die Löcher der ledernen Skimaske sengend anstarrten, «das ist mir egal, und wenn Sie die Vorsteherin vom Waisenhaus sind.»
«Und was ist mit Elke?» fragte Turner, nun doch etwas beunruhigt.
Clea schüttelte den Kopf. Elke. Elke und sie telefonierten fast täglich und gingen einmal die Woche zusammen essen. «Sie könnte herkommen. Und ich würde sie besuchen. Es...
Erscheint lt. Verlag | 17.8.2018 |
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Übersetzer | Cornelia Holfelder-von der Tann |
Verlagsort | Hamburg |
Sprache | deutsch |
Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
Schlagworte | Affären • Bilanz • Fotografin • Kinder • Langeweile • Veränderung |
ISBN-10 | 3-688-11267-9 / 3688112679 |
ISBN-13 | 978-3-688-11267-8 / 9783688112678 |
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