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Ein Trümmersommer -  Klaus Kordon

Ein Trümmersommer (eBook)

Roman

(Autor)

eBook Download: EPUB
2018 | 20. Auflage
208 Seiten
Beltz (Verlag)
978-3-407-74951-2 (ISBN)
Systemvoraussetzungen
6,99 inkl. MwSt
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Berlin 1947 - eine Stadt in Trümmern, in der weitergelebt werden muss. Mittendrin Pit und Eule, ihre Freunde, Geschwister und Mütter. Berlin 1947 - eine Stadt in Trümmern, in der sich Pit und Eule, mit ihren Freunden, Geschwistern und Müttern durchschlagen müssen. Väter sind rar, sie sind gefallen oder in Gefangenschaft. Die Jagd nach Essen, Hamsterkäufe und Handel auf dem Schwarzmarkt gehören zum Alltag. Pit und Eule spielen in den Ruinen, gründen eine Bande und werden schließlich in einen Einbruch verwickelt ...

Klaus Kordon, geboren 1943 in Berlin, war Transport- und Lagerarbeiter, studierte Volkswirtschaft und unternahm als Exportkaufmann Reisen nach Afrika und Asien, insbesondere nach Indien. Heute lebt er als freischaffender Schriftsteller in Berlin. Kordon, der als »Chronist der deutschen Geschichte« gilt, veröffentlichte neben zahlreichen Kinderbüchern viele historische Romane, darunter den autobiographische Roman Krokodil im Nacken (Deutscher Jugendliteraturpreis; nominiert für den Deutschen Bücherpreis). Viele seiner Bücher wurden mit nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnet. Für sein Gesamtwerk erhielt Kordon den Alex-Wedding-Preis der Akademie der Künste zu Berlin und Brandenburg, den Großen Preis der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur und, 2016, den Sonderpreis des Deutschen Jugendliteraturpreises. 'Kordon versteht sich als ein Autor, der zuallererst eine Geschichte erzählen möchte. Diese Geschichte gestaltet er poetisch, spannend, aktuell. Sie soll dem Leser Spaß machen. Dies gelingt ihm vor allem wegen seiner feinen Beobachtungsgabe, verbunden mit einem ganz natürlichen Verhältnis zu den von ihm dargestellten, denkenden, fühlenden und handelnden Personen. Er lebt mit ihnen, spricht ihre Sprache, gräbt sie als Außenseiter, als Freunde, als Hilfsbedürftige oder als Helfer, als Leidende, die nicht ohne Hoffnung bleiben, in das Gedächtnis seiner Leser ein.' jugendbuch-magazin

Normale Zeiten


Fred versuchte den Plattenspieler zu reparieren. Er hatte irgendwo zwei Platten abgestaubt, nun wollte er sie hören und fummelte mit dem Schraubenzieher an dem aufgeklappten schwarzen Kasten herum. Eule saß ihm gegenüber. Den Kopf in die Hände gestützt, die Ellenbogen auf dem Tisch, las er in dem Buch, das Pit ihm geborgt hatte. Es hieß Der Wildtöter, spielte in Amerika und handelte von Trappern und Indianern. Manchmal war das Buch sehr spannend, manchmal langweilig. Kam Eule an eine langweilige Stelle, hob er den Kopf und sah zu, wie Fred planlos mal hier, mal dort in dem Plattenspieler herumstocherte, den die Mutter nur aufhob, weil er ein Hochzeitsgeschenk war.

»Scheißdreck!« Fred hatte sich mit dem Schraubenzieher in die Hand gestochen. Er lutschte das Blut ab und sah Eule finster an.

Die beiden Brüder sahen einander ähnlich, hatten das gleiche braune Haar, die gleichen dunklen Augen und das gleiche schmale, ein wenig blasse Gesicht. Aber Fred war siebzehn und musste sich schon seit zwei Jahren rasieren, Eule war erst dreizehn.

Karin saß auf der Couch und sortierte Schauspielerbilder. Das war ihre Lieblingsbeschäftigung. Sie wollte zum Film. Manchmal sang und tanzte sie vor dem Spiegel. Sie sang auch jetzt, wollte Fred ärgern: »Eine Glatze hat er schon, fehlt nur noch das Grammophon!«

Fred nahm die Hand vom Mund, stand auf und ging zur Couch. Er schob Karin weg, fegte dabei die Schauspielerbilder vom Tisch und legte sich der Länge nach auf die Couch. Karin starrte auf ihre Bilder, dann stürzte sie vor. »Du blöder Hund!«, schrie sie den Bruder an und trommelte mit den Fäusten auf ihn ein.

Fred packte ihren Rock, ihren einzigen: »Hau ab oder ich zerfetze ihn dir! Dann kannst du im Schlüpfer mit Hansi vor der Haustür stehen.«

Karin suchte ihre Bilder zusammen und schimpfte: »Eines Tages wisch ich dir eins aus, das versprech ich dir.«

Hansi war Karins Freund, ging in ihre Klasse und wohnte im Hinterhaus. Die beiden standen oft vor der Haustür und unterhielten sich.

Eule mochte die zwei Jahre ältere Schwester. Das lange braune Haar, in dem sie abwechselnd ein rotes, grünes oder blaues Band trug, die großen, meist ein wenig frech blickenden Augen – Karin konnte sich sehen lassen. Und sie war auch sonst ganz in Ordnung.

Eules Blick fiel auf Dieter. Der kleine Bruder lachte. Er dachte, die beiden Großen machten Spaß, nahm einen Bauklotz und warf damit. Dieter war schon sechs Jahre alt, aber er sprach nicht. Oft machte er in die Hose oder ins Bett. Wenn die Mutter nicht da war, schrie Karin ihn dann an. Hinterher schämte sie sich, drückte und küsste ihn: »Er kann ja nichts dafür, er ist ja noch ein Baby.« Dr. Blankenburg, der Arzt aus dem Nachbarhaus, der nur noch praktizierte, weil es nicht genug jüngere Ärzte gab, hatte das gesagt: Dieter war in seiner Entwicklung zurückgeblieben, an anderen Kindern gemessen, war er nicht einmal zwei Jahre alt.

Eule klappte das Buch zu. Er konnte nicht mehr lesen. Ob Fred von Mutters neuer Arbeit wusste? Sicher nicht. Und Karin wusste ganz bestimmt nichts. Wüsste sie davon, wüsste es das ganze Haus.

»Wo bleibt sie denn heute? Mir knurrt schon die Wampe!« Fred massierte sich seinen Bauch.

»Mach dir doch selber was zu essen«, schlug Karin vor.

»Ist ja nichts da.«

»Musst du dir was wünschen.« Karin lachte.

Fred sprang auf und holte aus. »Halt’s Maul oder …!«

»Oder was?«

Fred kam nicht mehr dazu, darauf zu antworten. Die Tür ging, die Mutter kam. »Euch hört man ja bis ins Treppenhaus«, rief sie im Flur. Dann ging sie in die Küche.

Eule sprang auf und folgte der Mutter. Sie stellte ihre Tasche auf dem Küchentisch ab, drehte sich um und sah ihn fragend an. Eule wollte etwas sagen, wollte fragen, doch erst wusste er nicht, wie er beginnen sollte, dann bemerkte er, wie verkrampft die Mutter dastand. Er ahnte, dass ihr der Rücken schmerzte und die Arme schwer waren und dass es sie viel Mühe kostete, sich aufrecht zu halten, und fragte nichts. Und dann kam Fred und guckte in Mutters Tasche. Er fand ein halbes Brot, nahm es heraus, brach ein Stück ab und biss hinein. Kauend entschuldigte er sich: »Ich hab einen Wahnsinnshunger.«

Die Mutter nahm Fred das Brot weg. »Beherrsch dich!«, fuhr sie ihn an. »Du bist nicht der Einzige, der Hunger hat.«

»Ich kann vor Hunger kaum noch geradeaus gehen«, verteidigte sich Fred. Er war wirklich sehr mager. Die lange Hose, die er trug, wurde nur von einem straff gezogenen Gürtel gehalten. Die Schultern in dem dünnen, an einigen Stellen schon gänzlich durchgescheuerten Pullover standen spitz hervor.

»Hunger hast du immer, nur arbeiten, um satt zu werden, willst du nicht«, entgegnete die Mutter.

»Das sagst du jedes Mal. Besorg mir doch Arbeit, wenn es nur an mir liegt, dass ich keine finde.« Fred setzte sich auf den Fenstersims und sah in den Hof hinunter.

»Die Arbeit, die du suchst, gibt es nicht nach einem verlorenen Krieg«, sagte die Mutter. Sie begann, Kartoffeln aus der Tasche zu nehmen, und fuhr fort: »Du machst so lange, bis wir Ärger bekommen Du weißt genau, dass für alle Männer ab vierzehn Arbeitspflicht besteht.«

»Mit vierzehn ist man noch kein Mann. Manche gehen ja bis achtzehn noch zur Schule.«

»Dann geh doch wieder zur Schule.«

»Dazu bin ich zu alt.«

»Zur Schule zu alt, zur Arbeit zu jung, nur zum Faulenzen scheinst du das richtige Alter zu haben. Wenn die Behörden das mitkriegen, nehmen sie dich mir weg.«

»Die kriegen nichts mit«, sagte Fred. »Die haben mit sich selbst zu tun.«

Die Mutter seufzte. Es war nicht das erste Mal, dass sie darüber sprachen; der Ausgang des Gesprächs war immer der gleiche. »Die Kartoffeln sind für heute, das Brot ist für morgen.« Sie nahm zwei Messer aus dem Küchenschrank, rief Karin und winkte Eule und gab jedem ein Messer. »Schält nicht zu dick und werft die Schalen nicht weg, wir brauchen sie noch.«

»Für Kartoffelpuffer, ich weiß!« Karin verzog das Gesicht. »Die Schalen nicht zu dick, aber trotzdem Kartoffelpuffer daraus machen! Da fressen wir ja Dreckpuffer.«

»Ich kann’s nicht ändern.« Die Mutter setzte sich, zog die Schuhe aus, rieb sich die Füße und betrachtete die kaputten Strümpfe. »Die sind nun auch hinüber.«

»Geh doch barfuß wie ich.« Karin streckte ihr rechtes Bein in die Höhe. Der Fuß war schmutzig, die Haut hornig und rissig. Die Mutter hatte ihr für den Winter Schuhe versprochen, wusste aber nicht, woher sie sie bekommen sollte. Es war schwierig, Bezugsscheine1 für Schuhe zu erhalten. Karin erinnerte die Mutter immer wieder daran; sie hatte Angst, im Winter wieder Vaters alte Botten tragen zu müssen.

Dieter kam durch den Flur. »Ma-ma, Ma-ma«, machte er. Die Mutter ging ihm auf Strümpfen entgegen, nahm ihn in die Arme und wiegte ihn.

»Wo warst du heute eigentlich?«, fragte Karin die Mutter. »Bei Lieseckes jedenfalls nicht. Frau Liesecke hat selber verkauft, ich hab sie im Laden gesehen.«

»Hat Bernd euch nichts erzählt?«

Eule beugte sich über die Kartoffel, die er gerade schälte. »Frau Liesecke hat wieder einen Mann«, sagte die Mutter da. »Sie braucht mich nicht mehr.«

»Und was machst du jetzt?« Karin ließ das Messer sinken. »Trümmerfrau.«

»Trümmerfrau?«

»Habt ihr was dagegen?«

Fred fuhr sich mit der Hand über das glatt nach hinten gekämmte Haar. »Besonders toll finde ich es nicht.«

»Nicht hungern ist immer toll.« Die Mutter nahm ihre Hausschuhe aus dem Schrank und zog sie an.

»Du willst mich nicht verstehen«, sagte Fred.

»Ich verstehe dich ganz gut«, erwiderte die Mutter. »Dir imponieren nicht die Frauen, die dafür sorgen, dass die Trümmerberge verschwinden, dass aus Steinen Häuser werden, dass all die Obdachlosen in den Baracken und Kellern wieder ein Dach über dem Kopf bekommen, dir imponieren die Schieber, die auf leichte Art ein feines Leben führen.«

»Mit deinem ›Ehrlich währt am längsten‹ kommst du nicht sehr weit«, entgegnete Fred ärgerlich. Und dann schüttelte er vorwurfsvoll den Kopf: »Acht Stunden Steine klopfen oder Loren schieben! Dabei immer in Gefahr, auf einen Blindgänger2 zu treten, der mit dir in die Luft geht. Und das alles für ein paar Mark dreißig.«

Die Mutter nahm die geschälten Kartoffeln, spülte sie unter dem Wasserhahn ab und legte sie in einen Topf. »Ich habe Angst um dich, Fred«, sagte sie traurig. »Den ganzen Tag auf der Couch, dazu diese Burschen, mit...

Erscheint lt. Verlag 23.7.2018
Sprache deutsch
Themenwelt Kinder- / Jugendbuch
ISBN-10 3-407-74951-1 / 3407749511
ISBN-13 978-3-407-74951-2 / 9783407749512
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