Schon tot (eBook)
640 Seiten
Rowohlt Verlag GmbH
978-3-644-40485-4 (ISBN)
Denis Johnson, 1949 in München als Sohn eines amerikanischen Offiziers geboren, galt nach neun Romanen und der legendären Story-Sammlung «Jesus' Sohn» als einer der wichtigsten Autoren der amerikanischen Gegenwartsliteratur. Für sein Vietnamkriegsepos «Ein gerader Rauch» wurde ihm der National Book Award verliehen, die Novelle «Train Dreams» stand - wie auch «Ein gerader Rauch» - auf der Shortlist des Pulitzer-Preises. 2017 erhielt er posthum für sein Gesamtwerk den Library of Congress Prize for American Fiction. Er lebte zuletzt in Idaho, USA, und starb im Mai 2017.
Denis Johnson, 1949 in München als Sohn eines amerikanischen Offiziers geboren, galt nach neun Romanen und der legendären Story-Sammlung «Jesus' Sohn» als einer der wichtigsten Autoren der amerikanischen Gegenwartsliteratur. Für sein Vietnamkriegsepos «Ein gerader Rauch» wurde ihm der National Book Award verliehen, die Novelle «Train Dreams» stand – wie auch «Ein gerader Rauch» – auf der Shortlist des Pulitzer-Preises. 2017 erhielt er posthum für sein Gesamtwerk den Library of Congress Prize for American Fiction. Er lebte zuletzt in Idaho, USA, und starb im Mai 2017. Bettina Abarbanell, geboren in Hamburg, lebt als Übersetzerin – u. a. von Rachel Kushner, Jonathan Franzen, Denis Johnson, Jane Campbell, Rebecca Makkai und James Baldwin – in Potsdam. Ihr Werk wurde vielfach ausgezeichnet, etwa mit dem Heinrich Maria Ledig-Rowohlt-Übersetzerpreis.
Erstes Buch
7. August 1990
Van Ness empfand etwas wie Glück und Erstaunen, als er auf der U.S. 101 im Norden Kaliforniens an abgeschiedenen Städtchen vorüberfuhr, auch eine gewisse Neugier, ja Sehnsucht, weil er spürte, dass dies Orte waren, in denen man verschwinden konnte. Sie kamen ihm vor wie kleine Nickerchen, aus denen man womöglich nicht mehr erwachte – ein Reifen konnte platzen, man lief zu einer Tankstelle und stieß unvermutet auf den Rest seines Lebens, auf die Menschen, die einem endlich etwas bedeuten würden, eine Frau, einen wahren Freund, eine rettende Gemeinschaft unter den Gläubigen einer obskuren Kirche. Doch an solch einen kleinen Umweg zu tiefgreifenden, bleibenden Veränderungen war in Van Ness’ Welt, jedenfalls zu der Zeit, als er die Küste von Seattle zum Mendocino County hinabfuhr, nicht einmal im Traum zu denken.
Der Abstecher, den er von der 101 aus ins Humboldt County machte, bestätigte dies nur. Er verließ seine Route in Redway, fuhr fünf Meilen westlich nach Briceland, von dort etwa sechs Meilen zum Mattole River, vorbei an einer unsichtbaren Ortschaft namens Ettersburg (er entdeckte lediglich eine Dorfschule an der Ecke eines Feldes) und noch ein paar Meilen weiter durch hügeliges Gelände bis zu einer unbefestigten Straße, die mitten durch den King Range National Forest schnitt.
Und während er seinen Volvo langsam und ruckweise den steilen Zickzackweg zwischen staubigen Redwoods hinablenkte, sah er den Himmel über dem Meer, aber nicht das Meer. An einer scharfen Biegung, die ihm einen Blick über den Abhang gewährte, hielt er zwei Minuten lang an, aß eine Packung Käsecracker und wischte sich die Krümel vom Bart, einem Schnauzer, der sich in einem gewaltigen Fu Manchu abwärts schwang und zusammen mit einer dicken randlosen Brille beinahe alles Persönliche aus seinem Gesicht tilgte. Die Cracker waren der letzte Rest seines Proviants gewesen. Er warf die leere Packung in den Fußraum und fuhr weiter.
Er hatte den vagen Vorsatz, in dieser entlegenen Gegend, die man die «Verlorene Küste» nannte, eine Art Läuterung zu erlangen, am Ufer des Pazifiks zu fasten, die ganze Nacht in Hörweite der krachenden Brandung auf dem Rücken zu liegen und einen Meteoritenschauer zu beobachten. Zehn bis fünfunddreißig Sterne pro Minute, so der Wetterbericht im Radio, sollten diese Nacht vom Himmel fallen.
Doch als er schließlich den Pazifik erreichte, stellte er fest, dass er bloß wieder beim sogenannten Shelter Cove gelandet war, einem riesigen gescheiterten Wohnungsbauprojekt an der verlassenen Küste, Hunderte winziger leerer Grundstücke zwischen Asphaltwegen mit grünen Straßenschildern – CLAM AVENUE, BEACH DRIVE und so fort –, an deren sandgesprenkelten Pfosten der Wind rüttelte. Ein halbes Dutzend Häuser reihten sich am Strand, daneben ein paar umgedrehte Motorboote und ein Deli, aber gelebt hatte hier eigentlich nie jemand. Das Meer brannte in herzlosem Blau, während über ihm Hubschrauber flogen, an Bord Nationalgardisten und FBI-Agenten, die – das hatte er jedenfalls im Radio gehört – in einer großangelegten Aktion gegen den Marihuana-Anbau in den menschenleeren Bergen, durch die er gerade gefahren war, vorgehen wollten. Van Ness kaufte sich im Deli etwas zu essen und schimpfte im Stillen über den dünnen Kaffee und den Möwendreck auf dem Picknicktisch. Die einzige Person, mit der er sprach, war eine hübsche Frau; als er auf dem Weg zum Mülleimer an ihrem Tisch vorbeikam, fiel ihr die Sonnenbrille herunter, und er trat darauf. Sie war verärgert, denn die Brille war nicht mehr zu retten. Er gab ihr fünfzehn Dollar, obwohl sie behauptete, sie sei das Doppelte wert gewesen. Nur wenige Stunden, nachdem er den Highway verlassen hatte, war Van Ness wieder unterwegs. Er war im Kreis nach Redway zurückgefahren, wo er vorhin abgebogen war. Für den Gedanken, ihm könnten womöglich große Veränderungen bevorstehen, hatte die ganze sinnlose Exkursion ihn nur noch unempfänglicher gemacht. Und doch traf er die Frau, Winona Fairchild, später wieder, sogar mehr als ein Mal, und am Ende zwangen ihn diese Begegnungen, anzuerkennen, dass es so etwas wie Schicksal gab und dass den Dingen der Phantasie eine Wahrheit innewohnte.
Kurz vor Leggett, wo er von der 101 wieder nach Westen abbiegen wollte, Richtung Küste, winkte ihn ein Polizist der kalifornischen Highway Patrol heraus. Van Ness wusste, dass er zu schnell gefahren war; er tat es gewohnheitsmäßig, ja beinahe zwanghaft. In Redway hatte er eine Tramperin aufgegabelt, ein Mädchen, das wie eine litauische Bäuerin gekleidet war, mit langem Rock, leuchtendem Schal und spitzen, purpurroten Schuhen. Ihr Name war eine poetische Schöpfung, die auch auf eine Geschmacks- oder Duftnote gepasst hätte, «Rainbow Day» vielleicht oder «Temple Jasmin». Er hatte ihn im selben Augenblick vergessen, als sie ihn nannte. Und seit sie an der Texaco-Tankstelle eingestiegen war und er «Willkommen, Fantasy-Lady» gesagt hatte, hatten sie keine zehn Worte miteinander gewechselt.
Jetzt wünschte er, er hätte nichts gesagt. Als der junge Polizist sich an der Fahrerseite herunterbeugte und seinen Führerschein verlangte, lehnte sich das Hippie-Mädchen über Van Ness’ Schoß zu ihm hinüber: «Sind’s noch ungefähr zehn Meilen bis Leggett?»
«Ja, Ma’am, bisschen mehr als acht.»
«Er macht mir echt Angst», platzte sie heraus.
«Wer?»
«Der Mann hier», sagte sie. «Er hat so Bemerkungen gemacht. Und mir ans Bein gefasst.»
«Wann denn?», fragte Van Ness. «Als ich das Radio einschalten wollte? Das war ein Versehen.»
Mit sinnloser Intensität konzentrierte sich der Polizist auf Van Ness’ Führerschein. «Sind Sie befreundet, Sie beide?»
«Nein», sagte Van Ness, und das Mädchen: «Ich bin getrampt.»
«Gehen Sie zu meinem Wagen», sagte der Mann zu ihr.
Van Ness schaltete den Motor aus. «Das ist ja wohl das Letzte», sagte er, während sie dem Mädchen hinterhersahen, das, die Füße leicht nach innen gekehrt, in ihren purpurnen Schuhen zu den rotierenden Lichtern des Streifenwagens ging. «Ich weiß gar nicht, was das soll. Ich hab überhaupt nichts getan. Hören Sie, ich bin doch kein Casanova.»
«Wissen Sie, wie schnell Sie gefahren sind?»
«Ja – klar, ich war zu schnell, keine Frage. Aber das hier? Nein.»
«Ich muss Ihnen einen Strafzettel geben», sagte der Polizist. «Dann kümmer ich mich um das Mädchen. Dann um Sie. Wenn Sie sie bloß angemacht und ihr ans Bein gefasst haben, ist mir das so egal wie nur was.»
«Ich hab sie aber nicht angemacht.»
«Wenn Sie allerdings gegrapscht haben, wenn sie ’n blauen Fleck oder ’ne Schramme hat –»
«Hab ich nicht. Würd ich auch nicht.»
«Ich red mal mit ihr.»
«Sie ist verrückt.»
«Ich treffe kaum jemanden, der das nicht ist», versicherte ihm der Polizist. «Nicht in diesem Job.»
«Klar.»
«Sie sind’s wahrscheinlich auch.»
«Ja», sagte Van Ness.
Während der andere sein Opfer befragte, spürte Van Ness in den Autos, die an ihnen vorbei durchs Humboldt County rasten, all die Entbehrungen und Sorgen, die ganze angestaute Wut der Leute: Leidenschaften, eingesperrt hinter Wänden aus Glas.
Ein paar Minuten später hatte die Sache sich im Sand verlaufen. Nicht einmal wegen überhöhter Geschwindigkeit war er belangt worden. Von der Tramperin erlöst, fuhr er allein durch Leggett und dann auf der California 1 über die Hügel, bis er wieder das Meer erreichte. Hier fing das Mendocino County an.
Etwa achtzig Meilen lang folgte er, ohne anzuhalten, dem Highway die Küste entlang, und während er in den unzähligen Kurven seine Reifen testete, dachte er ein ums andere Mal, wie schön es wäre, einen Sportwagen zu haben. Gelegentlich tauchte eine Häuserreihe oder eine kleine Ortschaft auf und verschwand wieder, nichts, was irgendwie bemerkenswert oder auch nur deutlich zu erkennen gewesen wäre, mit Ausnahme von Fort Bragg und Mendocino. Die Gegend erinnerte ihn an Irland, oder besser: an seine Vorstellung von diesem Land, in dem er nie gewesen war. Weite Felder, die im schrägen Lichteinfall fremdartig wirkten, merkwürdig blaugrau, und die hier, wenn das Sonnenlicht sie bleichte, «Palomino» genannt wurden. Nicht ganz zu Recht, dachte er, als er in einer Gruppe Pferde, die am Rand einer Weide unter immergrünen Bäumen Schatten suchten, zwei Palominos sah, deren Blässe viel einförmiger war. Die Feuchtigkeit der Küste hielt die Wiesen auch während der Dürreperioden am Leben, die Möglichkeit einer Wiedergeburt, die hier –
Eine scharfe Kurve ließ ihn auf die Bremsen steigen. Plötzlich war er in Point Arena. Er erschrak vor dem Echo seines eigenen Motors, das von den Gebäuden widerhallte. Drei Querstraßen weiter, wo die Stadt unversehens endete, als öffne sich ein Fenster auf die Felder hin, bog Van Ness rechts ab und fuhr in Richtung Hafen weiter, nur weil ihm alles so gefiel. Er kannte etliche solcher Ortschaften, mochte die schäbigen Hausboote, die Segler und die Gefolgschaftsgrüppchen, die ihnen von Hafen zu Hafen nachzogen. Hier fiel das Land ab und ging in ein flaches, gewundenes Tal über, das in der Eiszeit einmal ein gewaltiges Strombett gewesen sein mochte, während jetzt, so weit er sehen konnte, nicht einmal ein Bach davon übrig war. Dafür wirkte die Reihe der Wohnwagen und Müllhaufen so, als wäre sie von der Flut angeschwemmt worden. Keine Menschenseele. Und das Meer war gewaltig. Bevor er zum Highway zurückfuhr, saß...
Erscheint lt. Verlag | 15.5.2018 |
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Übersetzer | Bettina Abarbanell, Fritz Mergel |
Zusatzinfo | Mit 1 s/w Karte |
Verlagsort | Hamburg |
Sprache | deutsch |
Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
Schlagworte | Drifter • Drogendealer • Esoterik • Kalifornien • Mord • Nebel • Schauergeschichte |
ISBN-10 | 3-644-40485-2 / 3644404852 |
ISBN-13 | 978-3-644-40485-4 / 9783644404854 |
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