Herrscher des Nordens - Odins Blutraben (eBook)
496 Seiten
Verlagsgruppe Droemer Knaur
978-3-426-44082-7 (ISBN)
Ulf Schiewe wurde 1947 geboren. Er begann seine Berufskarriere als Software-Entwickler und war später in mehreren europäischen Ländern als Marketingmanager internationaler Softwarehersteller tätig. Ulf Schiewe war schon immer eine Leseratte, den spannende Geschichten in exotischer Umgebung faszinierten. Im Laufe der Jahre wuchs der Wunsch, selbst historische Romane zu schreiben. So entstand »Der Bastard von Tolosa«, sein erster Roman, dem inzwischen eine ganze Reihe weiterer, gut recherchierter und vor allem spannender Abenteuerromane folgten. Ulf Schiewe ist verheiratet, hat drei erwachsene Kinder und lebt in München.
Ulf Schiewe wurde 1947 geboren. Er begann seine Berufskarriere als Software-Entwickler und war später in mehreren europäischen Ländern als Marketingmanager internationaler Softwarehersteller tätig. Ulf Schiewe war schon immer eine Leseratte, den spannende Geschichten in exotischer Umgebung faszinierten. Im Laufe der Jahre wuchs der Wunsch, selbst historische Romane zu schreiben. So entstand »Der Bastard von Tolosa«, sein erster Roman, dem inzwischen eine ganze Reihe weiterer, gut recherchierter und vor allem spannender Abenteuerromane folgten. Ulf Schiewe ist verheiratet, hat drei erwachsene Kinder und lebt in München.
Unerwartetes Wiedersehen
Schwere, bleigraue Wolken hängen über dem zugefrorenen Fluss. Durch die kahlen Bäume am Ufer fegt ein eisiger Nordwind und treibt Schneeflocken vor sich her. Es steht uns wieder eine Nacht bevor, in der man vor Kälte kaum schlafen kann.
»Dieser Scheißwinter will nicht aufhören«, flucht Thorberg Arnason, seine Wangen rot vom Biss der scharfen Luft und sein blonder Bart weiß von Eiskristallen. »Langsam hab ich genug davon.«
Er reibt sich die Hände vor den noch spärlichen Flammen des Lagerfeuers, das wir in Gang kriegen konnten. Was bei dem Wind nicht so einfach ist. Wir mussten eine Stelle von Schnee befreien und uns dann alle Rücken an Rücken davorhocken, bis es Bogdan endlich gelang, etwas trockenes Moos und dürre Zweiglein in Brand zu setzen. Und schließlich dickere Zweige und kleine Aststücke nachzulegen, ohne die Flämmchen gleich wieder zu ersticken.
Bogdan hebt den Kopf. Seine Augen tränen vom Qualm des feuchten Holzes. »Ich dachte, du bist Norweger«, lästert er. »Da müsstest du doch ein bisschen Kälte gewohnt sein.«
»Ich schwör dir, bei uns an der Westküste ist es nicht so kalt«, knurrt Thorberg. »Um diese Jahreszeit blühen daheim schon die Wiesen.«
Was er sagt, ist richtig. In Norðvegr sind die Jahreszeiten milder, besonders an der Küste. Aber hier in Garðarike, so weit im nordöstlichen Inland, wo wir uns wochenlang herumgetrieben haben, kommt man im Sommer um vor Hitze, wenn einen die Mücken nicht vorher umbringen, und im Winter ist es so kalt, dass beim Pinkeln die Pisse gefriert, bevor sie auch nur den Boden berührt.
Eigentlich sollte es längst Frühling sein, aber die Götter oder der Teufel selbst haben uns noch einmal einen solchen Kälteeinbruch beschert, dass den Männern das Mark in den Knochen klirrt. Sie sind erschöpft und hungrig. Jagen ist wegen des Wetters nicht möglich, so dass wir seit zehn Tagen nur halbe Rationen zu uns nehmen konnten.
Vor acht oder neun Wochen sind wir mit etwa hundert Mann ausgezogen. Unterwegs mussten wir Verluste hinnehmen. Ein halbes Dutzend guter Kameraden haben ihr Leben verloren. Und dann sind da auch noch Verwundete, um die wir uns kümmern müssen. Einer mit einer eiternden Pfeilwunde am Hals, der andere im Oberschenkel. Beide fiebern und leiden unter Schüttelfrost, obwohl wir sie auf einem der Schlitten dick in Felle gepackt haben. Ein Dritter hat ein Auge verloren, aber der kann wenigstens laufen.
Der Fluss macht hier eine Schlaufe und bildet so etwas wie eine baumfreie Landzunge, wo es unter dem Schnee sogar etwas Wintergras für die Pferde gibt. Man muss es nur freischaufeln. Die meisten von uns sind dabei, Zeltplanen gegen das Schneetreiben zu errichten, die Pferde zu versorgen und wie Bogdan ein Feuer anzuzünden. Andere suchen im Unterholz nach Zweigen und Ästen, die noch einigermaßen trocken sind, oder teilen den mageren Proviant aus und versorgen die beiden Schwerverwundeten.
Thorbergs älterer Bruder Finn hat Männer für die Nachtwache eingeteilt. Jetzt hockt er sich zu uns und reibt sich die vom Frost roten Hände. »Ihr seht aus wie ausgekotzt, wenn ich das sagen darf.« Er lacht, als hätte er einen Scherz gemacht.
Unwillkürlich blicke ich in die Runde. Nein, wie siegreiche væringjar sehen wir nicht gerade aus. Thorkel hat eine blutverkrustete Braue über bleichen, eingefallenen Wangen. Von Thorbergs Nase löst sich die Haut ab, und seine Augen triefen. Snorri hat ein Geschwür an der Lippe, und Thjodolf, der Barde, trägt einen dreckigen Verband um die linke Hand gewickelt. Mürrische, niedergeschlagene Mienen machen sie alle.
»Sprich für dich selbst«, knurrt Ragnar. Er ist in einen Berg von Pelzen gehüllt, so dass er aussieht wie ein zotteliges Urviech. »Du bist so vom Fleisch gefallen, da wundert’s einen, dass du überhaupt noch in der Lage bist, deine klapprigen Knochen durch die Gegend zu schieben.«
»Mach dir keine Sorgen um meine Knochen«, erwidert Finn. »Die halten noch ’ne Weile.«
»Ihr müsst zugeben, das war der verdammt härteste Raubzug, den wir je unternommen haben«, meint Thorberg und spuckt seinen Rotz in die Flammen.
»Das kannst du zweimal sagen«, knurrt Ragnar. Der kalte Wind zerrt an seinem Bart, und er schüttelt sich, verkriecht sich tiefer in seine Pelze.
»Was seid ihr doch für Weicheier!«, knurrt Bogdan verächtlich. »Für uns Rus ist das hier ein Spaziergang!«
»Ach ja? Dann erinnere dich, du Großmaul, dass wir dir die Zehen am Feuer rösten mussten, sonst wären sie dir abgefallen!«, brummt Ragnar, der sich auf einem Schiff wohler fühlt, als durch verschneite Wälder zu stapfen. Trotzdem hat er sich besser gehalten als erwartet. Besser als manch anderer.
»Das war nur, weil ich vergessen hatte, dicke Socken mitzunehmen.«
»Was brauchst du Socken, wenn du so ein harter Kerl bist?«, fragt Thorkel und grinst spöttisch. »Einer wie du läuft barfuß durch den Schnee.«
»Ja, ja, ist ja schon gut. Aber von euch Memmen hat sich jedenfalls keiner getraut, im Eiswasser zu baden.«
»Wir sind ja auch nicht lebensmüde.«
Wenigstens haben sie noch die Kraft, sich gegenseitig aufzuziehen, fährt mir durch den Sinn, während ich mich wie Ragnar fester in mein Bärenfell hülle. Niemand würde mich im Leben dazu bringen, in so ein verdammtes Eisloch zu springen. Ich glaube, mein Herz wäre stehengeblieben, und mit Sicherheit wären mir sofort die Eier abgefallen. Aber genau das hat der verrückte Kerl getan, hat vor ein paar Tagen ein Loch ins Eis gehackt und ist ins eisige Flusswasser gesprungen. Dann hat er auch noch getönt, wie herrlich es wäre, bis wir ihn wenig später blau gefroren rausziehen mussten, sonst wäre er uns verreckt. Bewundern muss man den Kerl dafür trotzdem. Aber Nachahmer hat er nicht gefunden.
Bogdan bricht noch mehr Äste in Stücke und legt sie aufs Feuer, das langsam zu wärmen beginnt. Aber nur halbseitig, denn vorn röstet man, hinten friert man. »Also gut«, sagt er, »ich gebe zu, dieser Raubzug war schlimmer als sonst. Aber eher wegen den wilden Bastarden da in den Wäldern.«
Bis fast zum Ural waren wir vorgestoßen, zum Teil zu Fuß, aber meist auf Skiern, begleitet von drei Pferde- und einem Hundeschlitten. Winter ist im Grunde die beste Jahreszeit dafür, denn auf den zugefrorenen Wasserläufen kommt man gut voran. Die Winterfelle der Pelztiere sind außerdem dichter und wesentlich edler als zu anderen Jahreszeiten. Denn das ist es, hinter was wir her sind. Kostbare Pelze.
Großfürst Jarisleif nennt das »Tribut einfordern«, aber Raubzug wäre das treffendere Wort, denn so weit ins Landesinnere, wie wir vorgedrungen sind, ist bisher selten ein Rus gekommen. Die wenigen Menschen, die in dieser Wildnis in ihren winzigen, weit verstreuten Siedlungen leben, Ugrier oder andere Finnenvölker, sind Jäger und Flussfischer und schulden außer ihren Waldgeistern niemandem Tribut. Tierfelle verwenden sie nur zum eigenen Gebrauch, um sich zu kleiden oder ein wenig mit den Volgabulgaren zu tauschen, die sich gelegentlich bis in den Norden wagen.
Dass wir gekommen sind, um ihnen ihre Pelze zu nehmen, ohne viel dafür zu bieten, hat sie zum Widerstand aufgestachelt. Wie zu erwarten, ist die Sache nicht ohne Blutvergießen abgegangen. Diese Leute sind seltsame Wesen, eins mit ihrer Natur. Sie sind hellhäutig, nicht sehr groß, aber zäh und flink. Einen offenen Kampf scheuen sie. Dafür sind wir zu gut bewaffnet. Wenn man denkt, man kann sie packen, dann verschwinden sie spurlos wie von Geisterhand. Nur, um an unerwarteter Stelle wieder aufzutauchen und uns aus dem Hinterhalt mit Pfeilen zu beschießen. Und so ist es zu den Verlusten gekommen.
Ihnen nachzulaufen ist sinnlos. In den dichten Wäldern, abseits des Weges, wären wir nur noch verwundbarer gewesen. Es hat auch nichts genutzt, dass wir zur Strafe ein paar ihrer Dörfer abgefackelt haben. Die bestehen ohnehin nur aus einfachen, schilfgedeckten Hütten oder mit Tierhaut abgedichteten Unterkünften, oft halb unter der Erde. Nichts, was man nicht schnell ersetzen kann.
»Seid froh, dass nicht mehr von uns draufgegangen sind«, meint Snorri, der selbst Jäger ist und genau weiß, wie schwierig es ist, gegen einen Feind zu kämpfen, der im Wald zu Hause ist und sich praktisch unsichtbar machen kann.
Bogdan nickt. »Nicht umsonst nennt man die Gegend die Eiserne Pforte. Denn weiter als bis zum Pechora-Fluss kommt man nicht. Eine Gruppe hat es vor Jahren versucht. Keiner von denen ist je wieder aufgetaucht.«
»Und wozu die ganze Mühe? Hat es sich etwa gelohnt?«, knurrt Finn.
Nun, es ist nicht besonders viel, was wir erbeutet haben. Nicht mehr als ein Pferdeschlitten und ein Hundegespann mit Fellen. Der zweite Pferdeschlitten ist für die Verwundeten, und den dritten mussten wir zurücklassen, da die Gäule den Pfeilen der Waldmenschen zum Opfer gefallen sind. Wegen der geringen Ausbeute war er ohnehin nutzlos geworden. Auch die Beschaffenheit der Felle, die wir erbeutet haben, ist nicht, wie man es gewohnt ist, denn die Ugrier sind in der Verarbeitung weniger geschickt als die Tschuden vom Ladogasee. Aber immerhin müssen wir nicht mit leeren Händen heimkehren.
Was die Pferde betrifft, die haben uns ehrlich gesagt oft genug behindert, an Stellen, wo der Schnee ihnen bis zum Bauch stand. Ein paarmal mussten wir sie regelrecht ausgraben. Da ist Kaukos leichter Schlitten mit seinen acht starken Zughunden, die wie in Wolle verpackte Wölfe aussehen, nützlicher gewesen. Es ist das erste Mal, dass ich es mit einem Hundegespann zu tun habe, und ich bin erstaunt, wie klug und eifrig die Tiere ihre Arbeit tun. Wir hätten mehr Hundeschlitten mitnehmen und auf die Pferde verzichten sollen.
Ja, unser alter Freund Kauko aus...
Erscheint lt. Verlag | 24.11.2017 |
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Reihe/Serie | Die Wikinger-Saga |
Die Wikinger-Saga | |
Verlagsort | München |
Sprache | deutsch |
Themenwelt | Literatur ► Historische Romane |
Schlagworte | 11.Jahrhundert • Abenteuer • Bernhard Cromwell • Die letzte Schlacht • Die Wikinger-Saga Band 1 • Elisif • Harald Hardrada • Held • Herrscher • Herrscher des Nordens • historische Abenteuerromane • Historische Biographie • historische Buchreihe • historische Romane für Männer • historische romane mittelalter • historische Romane Norwegen • historische romane seefahrt • Historische Romane Serie • historische Romane Wikinger • Historischer Roman • Historisches Epos • Historisch recherchiert • Kaiserin Zoe • Kämpfe und Abenteuer • König • König der Winkinger • Konstantinopel • Konstantiopel • Krieger Roman • Mittelalter-Romane Neuheiten 2017 • Neuerscheinungen 2017 • Neuerscheinungen historische Romane 2017 • Nordmänner • Norwegen • norwegischer Thron • Odins Blutraben • Piraten • Romane Mittelalter • Seefahrer • spannende Abenteuer • Staatsstreich • Thors Hammer • Ulf Schiewe • Waräger • Wikinger • Wikinger Buchserie • Wikinger-Epos • Wikingerkönig • Wikinger-Reihe • Wikinger-Roman • wikinger romane • Wikinger Romane Historisch • Wikinger Serie |
ISBN-10 | 3-426-44082-2 / 3426440822 |
ISBN-13 | 978-3-426-44082-7 / 9783426440827 |
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