Der Fall Kallmann (eBook)
576 Seiten
btb (Verlag)
978-3-641-20817-2 (ISBN)
Wer war Eugen Kallmann? Warum musste der beliebte Gesamtschullehrer in der beschaulichen schwedischen Kleinstadt sterben? Wirklich nur ein Unglücksfall, wie die Polizei behauptet? Als sein Nachfolger im Schwedischunterricht, Leon Berger, nach der langen Sommerpause seinen Dienst antritt, findet er im Pult unter Kallmanns Sachen eine Reihe von Tagebüchern, die sich als eine Mischung aus Dichtung und Wahrheit entpuppen und ihn schon bald daran zweifeln lassen, dass sein Vorgänger tatsächlich eines natürlichen Todes gestorben ist. Denn in seinen Einträgen behauptet Kallmann unter anderem, er würde die Gabe besitzen, in den Augen anderer Menschen erkennen zu können, ob sie gemordet haben. Und er scheint in den letzten Monaten seines Lebens einem nie entdeckten und nie gesühnten Verbrechen auf der Spur gewesen zu sein. Leon Berger will den Fall Kallmann lösen - seine privaten Ermittlungen setzen etwas in Gang, das schließlich die ganze Kleinstadt erschüttert.
Håkan Nesser, geboren 1950, ist einer der beliebtesten Schriftsteller Schwedens. Für seine Kriminalromane erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, sie sind in über zwanzig Sprachen übersetzt und mehrmals erfolgreich verfilmt worden. Håkan Nesser lebt auf Gotland.
1
Leon
Ich verließ Stockholm etwa sieben Monate nach dem Verschwinden meiner Frau und meiner Tochter.
Es war ein heißer Sonntagvormittag Anfang August. Das Taxi wartete am Scheitelpunkt des Slottsbacken, neben der Statue von Birger Jarl. In Gamla Stan, der Stockholmer Altstadt, waren zu viele Touristen unterwegs, um Autoverkehr zuzulassen. Das hatte mir die Dame in der Taxizentrale ungefragt mitgeteilt, und als ich meine zwei sperrigen Koffer über das Kopfsteinpflaster des Stortorget zog, stellte ich fest, dass sie nicht gelogen hatte. Die Straßencafés waren überfüllt, und rund um den Brunnen standen Horden von Japanern, Deutschen und Italienern und fotografierten sich gegenseitig nach Herzenslust. Auf der Treppe zum Gebäude der Schwedischen Akademie saßen zwanzig Jugendliche in gelben T-Shirts und lauschten einer Frau in einem gelben Jackett, die aus einem Buch vorlas; ich nahm an, dass ein Literaturnobelpreisträger aus ihrem Heimatland es geschrieben hatte. Welches Land es auch immer sein mochte, Polen vielleicht, die flüchtigen Worte, die an mein Ohr drangen, klangen slawisch.
Als mein Blick auf das Taxi und die Fassade des Schlosses fiel, war ich bereits in Schweiß gebadet. Lebe wohl, Stockholm, dachte ich, und wäre bei dem Gedanken fast in Tränen ausgebrochen, bekam aber gerade noch die Kurve.
»Kurze Fahrt«, bemerkte der Taxifahrer, als ich auf der Rückbank Platz genommen hatte.
»Mag sein«, erwiderte ich. »Aber zwei Koffer und eine alte Sportverletzung … tja, Sie verstehen.«
Darauf fiel ihm nichts ein, und wir wechselten während der siebenminütigen Fahrt zum Hauptbahnhof kein Wort mehr miteinander. Im Übrigen war ihm das Fahrtziel natürlich bekannt gewesen, da ich es bei der Bestellung angegeben hatte.
Über mein eigentliches Reiseziel wusste er allerdings herzlich wenig, so wenig wie die meisten anderen, zumindest in der Hauptstadt. Ich hatte es bewusst für mich behalten, nur meine Schwester, zwei, drei frühere Freunde und meinen Rektor informiert. Meine Schwester lebte seit sechs Jahren in Basel in der Schweiz, ebenso lange hatte ich sie nicht mehr gesehen.
Ich hatte nicht den Eindruck, dass mich irgendjemand vermissen würde, wofür ich volles Verständnis hatte. Auch das Mitleid kennt Grenzen, es ist nicht leicht, Schiffbrüchige des Lebens in sein Herz zu schließen. Einen Monat, vielleicht auch zwei oder drei, lässt sich das machen, aber so gut wie niemand hält ein halbes Jahr lang durch. Alte Trauer wird langweilig.
Helena war seit März unter der Erde, es hatte gedauert, die Leiche nach Hause zu verfrachten, eine bizarre Kette von Formalitäten war in Gang gesetzt worden, als man sie schließlich gefunden und identifiziert hatte, Judith galt dagegen nach wie vor als vermisst. Darin lag meine aberwitzige Hoffnung, mein Schiffbruch; jeder konnte sich ausrechnen, dass sie tot war, der Indische Ozean war groß genug, um eine Ertrunkene so lange zu verbergen, wie es ihm gefiel.
Jeder, außer mir. Monatelang hatte ich die Karte von den Inseln vor der Küste Tansanias studiert. Pemba, Mafia, Sansibar. Sowie zahlreiche kleinere Flecken im unendlichen Blau, so klein, dass sie wahrscheinlich nicht einmal besiedelt waren. Aber wenn sie an Land eines dieser Flecken gelangt war, lag es dann nicht im Bereich des Möglichen, dass sie es in irgendeinem kleinen Dschungel schaffen würde zu überleben? So argumentierte ich. War es nicht denkbar, dass sie sich von Obst und essbaren Wurzeln ernährte? Unwahrscheinlich, gewiss, aber das ganze Leben ist eine einzige Aneinanderreihung unwahrscheinlicher Begebenheiten.
Die Fähre war in einem Sturm zwischen Daressalam und Sansibar untergegangen. Von den zweihundertneunzig Passagieren hatten sechsunddreißig überlebt. Einhundertfünfundneunzig Ertrunkene waren gefunden worden, angespült an diversen Ufern in der Umgebung. Neunundfünfzig Menschen wurden noch vermisst. Im Grunde glaubte keiner, dass diese Zahlen korrekt waren.
Einer von denen, die überlebt hatten, war ein schwedischer Oberst der Luftwaffe a. D. Ich hatte mich so oft bei ihm gemeldet, dass er am Ende, im April, nicht mehr an den Apparat gegangen war, wenn ich ihn anrief. Die einzige Information von Wert, die ich ihm hatte entlocken können, war, dass er glaubte, Helena und Judith bemerkt zu haben, als man im Hafen von Dar an Bord der überladenen Fähre ging.
Aber dann: Nein, er hatte nicht mit ihnen gesprochen. Nein, er war nicht in ihrer Nähe gewesen, als die Fähre kenterte. Nein, er hatte sie nicht im Wasser gesehen, als man ihn aus der stürmischen See auf die Rettungsinsel zog.
Und nein, seiner Einschätzung nach war es nicht möglich, schwimmend eine der Inseln zu erreichen. Die nächstgelegene war mindestens acht Kilometer vom Ort des Untergangs entfernt, und als das Unglück geschah, waren die Wellen etwa vier Meter hoch gewesen.
Ich bin immer ein bodenständiger Mensch gewesen. Vielleicht kein Atheist, aber zumindest ein Agnostiker. Ich bin Studienrat und unterrichte Schwedisch und Geschichte, mein Staatsexamen legte ich 1974 an der Pädagogischen Hochschule in Uppsala ab. Als ich an diesem heißen Augusttag Stockholm verließ, blieb mir noch gut ein Monat bis zu meinem fünfundvierzigsten Geburtstag. Meine Eltern sind seit ein paar Jahren tot. Außer der bereits erwähnten Schwester habe ich keine nahen Verwandten. Helena und ich hätten im September unseren achtzehnten Hochzeitstag gefeiert, wir bekamen nur ein Kind, unsere Tochter Judith.
Die Reise nach Ostafrika war ein Geschenk zu ihrem fünfzehnten Geburtstag gewesen. So viel dazu.
Die Fahrt nach K. dauerte fast sechs Stunden. Die letzte Etappe legte ich in einem Bus zurück, einer in die Jahre gekommenen, gelben Klapperkiste mit insgesamt zwei Fahrgästen und einem Fahrer, der aussah wie ein verlebter Richard Nixon. Der einzige andere Fahrgast war ein etwa dreizehnjähriges Mädchen mit einem Katzenkorb auf dem Schoß, und ich fragte mich unwillkürlich, ob ich ihr in naher Zukunft in einem Klassenzimmer begegnen würde.
Das Mädchen selbst fragte ich allerdings klugerweise nicht danach. Der Schulanfang lag noch zwei Wochen in besagter Zukunft, mir persönlich hätten zwei Tage völlig gereicht, und als wir durch die sonnengetränkte, aber menschenleere Waldlandschaft zuckelten, erschien mir meine Idee, mich in der Stadt zu akklimatisieren, ehe wieder der sogenannte Ernst des Lebens begann, auf einmal völlig unverständlich. Die Leute hatten ganz offensichtlich noch Urlaub und verbrachten denselben ebenso offensichtlich andernorts, ein Eindruck, der sich noch verstärkte, als wir auf einem kleinen Platz neben einem stillgelegten Bahnhof hielten. Verlassen stand dort ein Quartett Busse wie tote Pferde in Erwartung ihres Begräbnisses, eine schlichte Imbissbude war noch bis Mitte des Monats geschlossen und neben dem Taxischild fand ich zwar einen betagten Volvo mit heruntergekurbelten Fenstern, aber keinen Fahrer. Als ich fünf Minuten gewartet hatte, tauchte er mit einer Tüte des Staatlichen Alkoholgeschäfts und einer Boulevardzeitung auf. Er nickte mir nicht unfreundlich zu, und ich nickte ebenfalls in düsterem Einverständnis, immerhin war es ein Freitag. Ich nannte die Adresse, wir fuhren los, und kurze Zeit später konnte ich den Schlüssel in das Türschloss zu meinem neuen Zuhause stecken. Östra Ågatan 36, eine möblierte Zweizimmerwohnung in einem kleineren Mietshaus am Fluss. Ungefähr zwischen dem Stora torget – dem Mittelpunkt von K., wenn ich recht sah – und der Bergtunaschule, meinem zukünftigen Arbeitsplatz, gelegen.
Die Schwermut, die den ganzen Nachmittag auf der Lauer gelegen hatte, steigerte sich binnen weniger Sekunden zu halber Panik. Ich stellte fest, dass es Viertel vor sechs war, schenkte mir einen Whisky ein und setzte mich auf den Balkon. Ein Vogel, vermutlich eine Wacholderdrossel, ließ sich für einen Moment auf dem Geländer nieder, ehe er sich sanft zum Fluss hin fallen ließ. Der Duft von mariniertem Grillfleisch schob sich um einen Hausgiebel, was auf menschliche Aktivitäten schließen ließ.
Ludmilla Kovacs hatte mir von der freien Stelle erzählt. Als wir uns auf einer Promotionsfeier begegneten, hatten wir uns seit zwanzig Jahren nicht mehr gesehen, und wäre sie nicht zu mir gekommen und hätte sich vorgestellt, hätte ich sie nicht mehr erkannt. Natürlich nicht. Während unseres gemeinsamen Jahres an der Pädagogischen Hochschule war sie eine ziemlich wütende Linke mit drei Kilo wildwüchsigem Haar und einem Schäferhund namens Oktober gewesen. Den Hund schleifte sie regelmäßig zu den Seminaren mit, so machte man das damals.
Ich hätte mich nicht um Sigurds Disputation geschert, wenn Marta mich nicht dazu überredet hätte. Marta war eine der ältesten Freundinnen meiner ertrunkenen Frau, und Sigurd hatte so lange an seiner Abhandlung über Regenwürmer gearbeitet, wie wir ihn kannten. Drei Kinder und zwei Seitensprünge waren ihm dazwischengekommen, aber Würmer sind geduldige Tierchen, und am Ende hatten sie das Tageslicht erblicken dürfen. Das gesamte Frühjahr hatte ich das Schiffsunglück vorgeschoben, um nicht unter Menschen gehen zu müssen, aber dieses Argument hatte Marta nicht gelten lassen. Helena wäre stinksauer, wenn du da nicht hingehst, sagte sie, womit sie selbstverständlich recht hatte. Pflicht ist Pflicht, ein Todesfall und eine Vermisste spielen da keine Rolle.
Also befand ich mich an einem Abend Ende Mai in dem historischen Gutshaus Piperska muren im Stadtteil Kungsholmen, und als gegen Mitternacht die Tafel aufgehoben wurde, trat eine mir vage bekannt vorkommende Frau zu mir und wollte wissen, ob ich mich an sie erinnerte. Als ich mich schließlich darauf...
Erscheint lt. Verlag | 30.10.2017 |
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Übersetzer | Paul Berf |
Verlagsort | München |
Sprache | deutsch |
Original-Titel | Eugen Kallmanns ögon |
Themenwelt | Literatur ► Krimi / Thriller / Horror ► Krimi / Thriller |
Schlagworte | eBooks • Krimi • Kriminalromane • Krimis • Krimi Schweden • Schweden • Schwedenkrimi • Schweden Krimi • Weihnachten |
ISBN-10 | 3-641-20817-3 / 3641208173 |
ISBN-13 | 978-3-641-20817-2 / 9783641208172 |
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