Der Caravaggio-Schal (eBook)
208 Seiten
Männerschwarm Verlag GmbH
978-3-86300-506-1 (ISBN)
1. DER NEUNUNDZWANZIGSTE APRIL
Alice stand vor dem Ostfenster und griff mit erhobener Hand sanft nach der Kante des schweren Damastvorhangs.
Plötzlich sagte sie in ihrem tiefen Alt, dieser Stimme, in der sich ein Anklang von Bass mit dem Raspeln einer fernen Holzfeile mischte, «Erhebe dich, Liebste!»
Die massige Gestalt auf dem Bett zuckte ein wenig und sagte: «Hmmpf.»
Alice zog eine Hälfte des Vorhangs zur Seite. «Erhebe dich, Schatz!», wiederholte sie. «Raus aus dem Bett, begrüße die rosenfingrige Morgenröte mit frohem Ruf!»
Gertrude öffnete ein Auge. «Sie ist nicht rosig, nicht die Spur, für mich sieht’s einfach nur grau und nass aus.»
«Na, wenn schon nicht rosig, immerhin ist es April in Paris», sagte Alice und öffnete auch die andere Hälfte. Sie schaute zur Decke. «Das dürfte unser dreißigster gemeinsamer April sein.»
Gertrude gähnte herzhaft und stützte sich auf den Ellbogen. «Genau genommen ist es erst der neunundzwanzigste», sagte sie.
«Dreißig», sagte Alice ruhig.
«Nein», sagte Gertrude, «wie du dich entsinnen wirst, haben wir 1907 den ersten verpasst, denn wir lernten uns erst im September kennen, also macht das neunundzwanzig, wenn ich richtig gerechnet habe, und das habe ich dieses Mal bestimmt, auch wenn an mir kein Adam Riese verloren gegangen ist.»
«Du hast wie immer Recht», antwortete Alice und brachte Gertrude die Pantoffeln ans Bett.
«Was ich gerne wüsste», sagte Gertrude, während sie sich im Bett aufsetzte und kräftig den Kopf rieb, «ist, warum du mich so früh geweckt hast. Es kann doch höchstens acht Uhr sein.»
«Halb neun», sagte Alice. «Schatz, manchmal scheint es mir, als würde die Tafel deines Lebens jede Nacht, wenn du schläfst, ausgewischt werden, alles, was je darauf geschrieben wurde, nichts bliebe im Gedächtnis, und du müsstest jeden Tag von vorn anfangen, sie zu beschreiben.»
«Ich kümmere mich nur um die großen Details, nicht die kleinen», gab Gertrude schelmisch zurück.
«Na, dann rate mal, wer sich um die kleinen Dinge kümmert, die zusammengenommen wahrscheinlich größer sind als die großen, mit denen du dich befasst. Deine Vergesslichkeit macht dir so schnell keiner nach.»
«Nicht immer ein Nachteil», sagte Gertrude, hievte sich aus dem Bett und griff nach ihrem braunen Cord-Morgenmantel. «Denk mal darüber nach. Man kann diesen ganzen Müll, der sich im Gehirn ansammelt, loswerden, all die Telefonnummern, Adressen, Seitenzahlen, Jahrestage. Diese ganzen Belanglosigkeiten. Wenn ich ein unwichtiges Detail vergessen möchte, reicht es meistens, darüber zu schreiben oder es einfach zu Papier zu bringen, und husch, ist es weg, und so wird der alte Abfalleimer jeden Abend geleert und steht bereit, um am nächsten Tag wieder gefüllt zu werden. Und ich weiß immer noch nicht, warum du mich so früh geweckt hast.»
«Der Caravaggio», sagte Alice. «Daran wirst du dich wohl erinnern. Wir müssen um zehn Uhr für den Sondereinlass am Louvre sein. Du weißt sicher noch, dass Madeleines Mann uns Eintrittskarten für die Vorabenthüllung besorgt hat.»
«Ah, ja, der Caravaggio», sagte Gertrude. «Der neue, der in einem Kloster in der Nähe von Rom gefunden wurde. Also nicht wirklich neu. Ein alter wiederentdeckter. Orfeo.»
«Eigentlich Orpheus führt Eurydike aus dem Hades», sagte Alice, «auf Italienisch bekomme ich den Titel nicht richtig hin.»
«Ich frage mich, warum die italienische Regierung sich plötzlich so überaus warmherzig und großzügig zeigt und das Bild dem Louvre stiftet.»
«Hah!», machte Alice. «Angeblich ist es eine Geste des guten Willens, wegen der Weltausstellung. Sie haben geflissentlich vergessen zu erwähnen, dass Frankreich ein Abkommen unterzeichnen soll, das für die nächsten zehn Jahre den Export der essences absolues der Parfums regelt. Dadurch könnte Italien zum führenden Parfumeur der Welt werden, der große Exporteur. Weißt du noch, wie Grant Michaels letztes Jahr versucht hat, in Paris Schnurrbartwachs zu kaufen? Schließlich befindet sich Pinauds Fabrik hier, aber es gab in ganz Paris keine einzige Tube zu kaufen, weil alles für den Export bestimmt war, und er musste sich schließlich mit einem Augenbrauenstift behelfen.»
«Der auf jede Wange abfärbte, die er küsste», sagte Gertrude.
«Und der allen jungen Männern, die er kannte, einen neuen Schnurrbart verpasste», ergänzte Alice. «Auf jeden Fall ist Frankreich nun im Besitz eines neu entdeckten Caravaggios.»
«Ich frage mich, wann er gemalt wurde», sagte Gertrude.
«Wahrscheinlich um 1590», meinte Alice. «Vom zweiten Caravaggio, der sowohl Amerigi als auch Michelangelo hieß. Caravaggio war nur der Geburtstort. Es gab noch einen früheren Caravaggio mit Namen Polidori, aus dem gleichen Ort, ein ausschließlich religiöser Maler und Schüler von Raffael. Aber die frühen Arbeiten des zweiten Caravaggio waren klassisch oder heidnisch, und der Orfeo stammt aus dieser Periode.»
Gertrude stöhnte auf. «Davon bekomme ich Kopfschmerzen», sagte sie. «Du bist bis oben hin voll mit Informationen. Vielleicht mehr als nötig. Hast du all das tatsächlich schon vorher gewusst.»
Gertrude verzichtete auf Fragezeichen, die ihrer Meinung nach nur in den Comics über die Katzenjammer Kids oder als Brandzeichen für Vieh taugten. Wenn sie eine Frage stellte, ging ihr Tonfall unweigerlich nach unten anstatt nach oben, was viele Leute verwirrte.
«Nein, Schatz», antwortete Alice. «Ich habe es nachgelesen. Deshalb geht man doch zur Schule – damit man sich nicht mit Informationen belastet, die man niemals braucht, sondern weiß, wo man sie nachschlagen kann.»
«In akademischen Kreisen wäre dein Name verflucht», sagte Gertrude und schnaufte kurz, als sie ihre Wollstrümpfe überzog.
«Da wir uns schon lange nicht mehr in solchen Kreisen bewegen», meinte Alice, «und da du ein wahrhaftiges Genie bist mit deinem eigenen erlauchten Zirkel, dürfte das kaum eine Rolle spielen.»
«Wer war das gleich, wer war dieser Kritiker, der mich die Mutter der modernen Literatur genannt hat», fragte Gertrude.
«Die Großmutter, Schatz, die Großmutter.»
«Verdammt», sagte Gertrude sichtlich verärgert, «wir werden wohl wirklich alt.»
«Nein», sagte Alice. «Wir sind alt. Es ist der 3. April 1937, und vor genau zwei Monaten bist du dreiundsechzig geworden, und ich werde Ende dieses Monats sechzig.»
«Sind wir dann erledigt», fragte Gertrude seufzend.
«An dieser Stelle», sagte Alice, «werde ich nicht schon wieder die Liste all der Künstler, Schriftsteller, Musiker, Bildhauer, Komponisten und Denker aller Gebiete von der Mathematik bis zur Physik und darüber hinaus aufzählen, die ihre besten und wunderbarsten Werke mit über sechzig geschaffen haben. Das habe ich schon viel zu oft getan.»
«Du spendest mir Trost, wenn ich ihn am meisten brauche», sagte Gertrude trocken. «Aber wer war denn nun dieser Kritiker, der mich Großmutter genannt hat, wer war das.»
«Das waren einige», sagte Alice. «Nach dem Frühstück schaue ich nach.»
Alle Welt kannte Gertrude Stein und Alice Toklas, zumindest jedoch die Künstler und Intellektuellen, seit Gertrude sich vor einigen Jahren einen literarischen Streich erlaubt hatte. Sie hatte eine äußerst lesenswerte Autobiografie ihrer Geliebten und Lebensgefährtin Alice verfasst und erst auf der letzten Seite ihre Urheberschaft preisgegeben. Ein Aufschrei des Entzückens, des Unglaubens und des Widerspruchs ging durch die literarische Welt. Die einen behaupteten, Alice sei ein reines Hirngespinst, die Krönung eines Scherzes; andere krähten glückselig vor Wonne über die Pikanterien, die Gertrude aus der Welt der Pariser Schriftsteller, Künstler und Exilanten lieferte; und wieder andere gerieten außer sich vor Freude, weil sie Hemingway, dessen verlogenen Schreibstil viele längst über hatten, einen Feigling nannte. All die Neider, die noch nicht «dazugehörten», empfanden diesen urmenschlichen Kitzel, der am besten mit dem deutschen Wort Schadenfreude beschrieben wird; immer wieder mischte sich dieses sündige Vergnügen unter die künstlerischen Informationen, die man den Seiten dieses Buches entnehmen konnte.
Auch Gertrude selbst war außergewöhnlich: ihre neue Art zu schreiben, ihre geheimnisvolle und hermetische Prosa und Poesie, ihr Salon und ihr Einfluss auf ein halbes Dutzend anderer Autoren, deren Arbeit nichts wäre, hätte Gertrude sie nicht die Geheimnisse von Rhythmus und Wiederholung gelehrt. Die Ströme der öffentlichen Aufmerksamkeit flossen um sie herum und über sie hinweg, ohne dass sie sich offensichtlich darum bemühte, vielleicht, weil sie nicht krampfhaft Werbung für sich selbst machte, sondern nur weise ein wenig Nebel um sich herum aufsteigen ließ, oder eine Menge Nebel. Die Eindringlichkeit eines kleinen Kreises wortgewandter Bewunderer hielt ihren Namen im Bewusstsein der Öffentlichkeit, und dadurch war sie bekannter als viele Filmstars.
Seit nunmehr fünf Jahren genoss sie, wonach sie heimlich immer gestrebt hatte: La gloire, den Ruhm – das Ansehen, die Aufmerksamkeit, das Ohr und Auge der Öffentlichkeit. Und Alice, die vor dem Erscheinen der «Autobiografie» ein Schattendasein der Liebe geführt hatte, Gertrude umsorgte, tippte, Besorgungen machte und kochte – diese schattenhafte Alice wurde ans Tageslicht gezerrt, um in bescheidenem Maße Anteil an den Wellen von Anerkennung und Ruhm zu nehmen.
Die Menschen in ihrem Viertel erkannten die beiden, und sie zogen grüßend den Hut, wenn sie ihnen auf der Straße begegneten. Und Gertrude wurde warm...
Erscheint lt. Verlag | 16.7.2017 |
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Übersetzer | Kurt von Hammerstein |
Verlagsort | Berlin |
Sprache | deutsch |
Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
Schlagworte | Alice B. Toklas • Gertrude Stein • Homosexualität • Lesbisch • Louvre • Paris |
ISBN-10 | 3-86300-506-6 / 3863005066 |
ISBN-13 | 978-3-86300-506-1 / 9783863005061 |
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