Spirit Animals, Band 6 - Die Stunde schlägt (eBook)
256 Seiten
Ravensburger Buchverlag
978-3-473-47795-1 (ISBN)
GEFANGEN
Ein dumpfer Schlag.
Zitternd fuhr Abeke aus dem Schlaf hoch. Im ersten Moment glaubte sie, sie hätte nur geträumt. Dann hörte sie es wieder.
Bumm!
Sie sprang auf und wäre fast mit dem Kopf gegen die Decke gestoßen. Die an ihrem Knöchel befestigte Kette schlug gegen Meilin und weckte sie ebenfalls.
„Was ist los?“, fragte Meilin und streckte im Dunkeln tastend die Hand aus.
Abeke erinnerte sich schlaftrunken daran, wo sie sich befanden: Sie waren immer noch auf einem Schiff gefangen, das sie zum Lager der Eroberer im südlichen Nilo brachte. Abeke war schon einmal mit einem Schiff der Eroberer gefahren – aber damals war sie Ehrengast gewesen. Sie hatte in einer Kabine mit Federbett und goldgerahmtem Spiegel übernachtet und sich auf dem ganzen Schiff frei bewegen dürfen. Jetzt war sie im Schiffsgefängnis eingesperrt, einer kleinen, fensterlosen Kammer mit besonders dicken Wänden tief unten im Bauch des Schiffes. Dort mischte sich das Trippeln der Ratten in das Knarren der Balken. Um die Haft noch zu verschärfen, hatte man Abeke und Meilin mit schweren Eisenketten an den Knöcheln aneinandergefesselt.
„Stimmen“, flüsterte Abeke aufgeregt. „Da kommt jemand. Steh auf!“
Meilin erhob sich mit einer geschmeidigen Bewegung und verursachte dabei trotz der schweren Fußkette nicht das kleinste Geräusch. Sie mochte besiegt und gefesselt sein, ihre Reflexe waren dadurch aber nicht beeinträchtigt.
Der Schein einer Kerze fiel in ihre Zelle, nicht besonders hell, doch nachdem sie Tage in fast völliger Dunkelheit verbracht hatten, wurde Abeke geblendet. Als sich ihre Augen an das Licht gewöhnt hatten, sah sie einen Jungen in der Tür stehen. Er war groß und breitschultrig, hatte eine helle Haut und sanfte Augen, deren Blick sie um Entschuldigung bat.
Shane.
Abeke hasste die Eroberer, aber sie wusste, dass sie in Shane einen Verbündeten hatten. Er hatte sie während der langen Schiffsfahrt als Einziger mit Essen und frischem Trinkwasser versorgt. Ohne ihn wären sie jetzt tot.
Sie spürte die Abneigung, die Meilin gegen Shane empfand, aber Meilin schwieg. Für Shane war Abeke zuständig.
„Wie geht es euch?“, fragte er. Es klang freundlich, aber Abeke sah den Säbel an seiner Hüfte glänzen. Er hatte sie in der Hand. Trotz allem gehörte er immer noch zu den Eroberern, die sie gefangen genommen hatten. Und er hatte ein wildes, grausames Seelentier, einen Vielfraß. Abeke war zwar überzeugt, dass ihre Leopardin Uraza dem Vielfraß überlegen war, aber ein Vielfraß konnte sehr gut auf beengtem Raum kämpfen, Uraza dagegen nicht.
„Den Umständen entsprechend“, antwortete Abeke knapp und rasselte mit der Kette.
„Das tut mir wirklich leid.“ Shane seufzte. „Ich habe den anderen gesagt, Ketten seien nicht notwendig.“ Er verstummte und starrte an die Decke. Über ihnen waren scharrende Geräusche zu hören. „Aber euer Aufenthalt hier ist jetzt sowieso vorbei. Wir sind an unserem Stützpunkt eingetroffen.“
Abeke kniff die Augen zusammen. Erwartete er, dass sie erleichtert war? Natürlich mochte sie ihr Gefängnis nicht, aber das, was sie im Stützpunkt der Eroberer erwartete, war bestimmt noch schlimmer. Sollten sie vielleicht der Großen Schlange Gerathon geopfert werden? Oder würde man ihr den schrecklichen Gallentrank einflößen, der sie wie Meilin zu einer willenlosen Marionette des Großen Tieres machte?
Abeke hatte Mühe, die Fassung zu bewahren. Sie musste an Mulops Insel denken und grausame Bilder tauchten vor ihren Augen auf. Sie sah die Finger, mit denen Meilin ihren Arm umklammert und sie zum steinigen Strand hinuntergezerrt hatte. Als sie sich gewehrt hatte, hatte Meilin ihr den Kampfstab auf den Kopf geschlagen, dann war es Nacht um sie geworden …
„An eurem Stützpunkt?“, fragte sie und verdrängte die Erinnerungen. „Wem hat er davor gehört?“
„Einem Fürsten der Steppen von Nilo.“ Shane seufzte wieder. „Ich bin wirklich nicht stolz darauf, dass wir dem Fürsten den Palast weggenommen haben. Aber wenigstens lebt er noch. Ich sorge auch nach Kräften dafür, dass den Menschen, die hier arbeiten und leben, nichts passiert und sie genug zu essen haben. Ich versuche, das Beste aus der Situation zu machen.“
Abeke verschränkte die Arme und runzelte die Stirn.
Shane schlug die Augen nieder. „Bitte komm freiwillig mit, Abeke“, sagte er. „Um deinetwillen und um Meilins willen.“
Abeke warf Meilin einen Blick zu und Meilin nickte kaum merklich. Wenn sie keinen besseren Verbündeten als Shane hatten, mussten sie auf ihn hören und ihm zugleich so viele Informationen wie möglich entlocken.
Abeke nickte. „Also gut, Shane. Geh voraus.“
Es war schwierig, die Schiffsleiter mit gefesselten Knöcheln hinaufzusteigen. Abeke ging eine Sprosse, wartete dann, bis Meilin nachkam, und machte den nächsten Schritt. Endlich kamen sie oben an. Der Himmel war zwar bedeckt, aber das Tageslicht blendete sie trotzdem. Abeke musste die Augen zusammenkneifen, Tränen liefen über ihr Gesicht.
Shane wartete auf sie und zog sie mit seinen starken Händen vollends an Deck. Sie setzten sich auf die Planken.
Abekes Augen gewöhnten sich nur langsam an die Helligkeit und als sie sie endlich öffnen konnte, erschrak sie.
An Deck waren ein Dutzend Eroberer damit beschäftigt, ein Boot für den Landgang klarzumachen. Die Soldaten trugen einfache Uniformen aus Leder, deren mit Öl eingeriebene Brustpanzer schwarz glänzten. Die Uniformen waren nicht für zeremonielle Anlässe gedacht, sondern ausschließlich für den Kampf.
Damit greifen sie meine Landsleute an, dachte Abeke bitter. Menschen, die ihre Heimat verteidigen.
Auch Zerif stand an Deck – der Mann, der Abeke einst hatte weismachen wollen, sie würde bei ihm auf der Seite der Guten stehen. Er war keinen Meter von ihr entfernt. Sie erinnerte sich noch gut an das ebenmäßige, von strengen Falten durchzogene Gesicht mit dem kurz geschnittenen Bart. Neben ihm stand eine schlanke Frau, die Abeke seit ihrer Reise in den Norden nicht mehr gesehen hatte: Rollans Mutter Aidana. Mit ihrem hageren Gesicht und den müden Augen wirkte sie selbst ein wenig wie eine Gefangene, obwohl sie keine Fesseln trug. Abeke war zum ersten Mal erleichtert, dass Rollan nicht da war. Seine Mutter in diesem elenden Zustand zu sehen, hätte ihm womöglich den Rest gegeben.
Doch das waren noch nicht alle. Neben Aidana stand ein Mädchen, das Abeke nicht kannte, hochgewachsen und bleich, mit großen Augen und einem hinterhältigen Lächeln. Sie trug eine Montur aus schwarzem Leder mit Einlagen aus Elfenbein, die an Spinnenbeine erinnerten. Durchdringend sah sie erst Abeke, dann Meilin und zuletzt Shane an. Ihre Lippen bewegten sich kaum beim Sprechen.
„Das sind also die beiden Gören, die du mit solcher Mühe eingefangen hast, Bruder? Ich bin enttäuscht.“
Bruder! Erst als Abeke das ausgeprägte Kinn, die hohen Wangenknochen und die dicken weißblonden Haare eingehender betrachtete, erkannte sie die Ähnlichkeit. Auch die Schwester war eine Gezeichnete. Auf ihrer Schulter saß eine Spinne so groß wie eine Möwe. Sie war gelb gestreift und ihrem aufgedunsenen Unterleib nach zu schließen giftig.
Die Worte seiner Schwester brachten Shane für einen Moment aus dem Gleichgewicht, doch als er antwortete, hatte er sich wieder gefasst.
„Willst du uns noch einmal erzählen, wie oft du dem Burgvogt von Greenhaven schon unterlegen warst, Drina? Oder willst du lieber nicht darüber sprechen?“, fragte er spöttisch.
Offenbar hatte er damit einen wunden Punkt getroffen. Drina wirkte verletzt, doch als sie Zerifs Blick auf sich spürte, grinste sie nur höhnisch. Ohne Zerif wäre der Wortwechsel unter den Geschwistern bestimmt anders verlaufen, dachte Abeke.
„Genug!“, rief Zerif barsch, als Drina gerade zu einer Erwiderung ansetzen wollte. „Der Sieg in Nilo steht kurz bevor und ihr solltet euch nicht wie kleine Kinder zanken.“
Abeke warf Meilin einen kurzen Blick zu. Vielleicht konnten sie den Streit unter den Eroberern zu ihrem Vorteil nutzen. Doch Meilin saß bewegungslos und mit geschlossenen Augen auf den Planken und bekam von alldem nichts mit. Die Hände hatte sie auf die Knie gelegt.
Die vier Eroberer Shane, Zerif, Aidana und Drina blickten misstrauisch auf Abeke und Meilin hinunter. Unvermutet brach die Sonne hinter ihnen aus den Wolken, sodass Abeke ihre Gesichter im Gegenlicht nicht mehr erkennen konnte. Sie waren nur noch vier schwarze Silhouetten, die drohend über ihr aufragten. Abeke fühlte sich ihnen hilflos ausgeliefert.
„Ein jämmerlicher Anblick“, sagte Zerif. „Aber als ich Abeke kennenlernte, wusste ich gleich, dass wir von ihr nichts zu befürchten haben. Ihr eigener Vater war von ihr enttäuscht und jetzt ist er das bestimmt erst recht. Schließlich liegt Okaihee mitten in dem Gebiet, das wir erobert haben.“
Ohnmächtige Wut stieg in Abeke auf, ein vertrautes Gefühl. Sie kam sich vor wie damals in ihrem Dorf, als ihre Schwester Soama ihr die Haare aus dem Gesicht gestrichen und aufgezählt hatte, was an ihr alles hässlich war. Soama hatte...
Erscheint lt. Verlag | 25.1.2017 |
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Reihe/Serie | Spirit Animals |
Spirit Animals | |
Übersetzer | Wolfram Ströle |
Verlagsort | Ravensburg |
Sprache | deutsch |
Themenwelt | Literatur |
Kinder- / Jugendbuch ► Kinderbücher bis 11 Jahre | |
Schlagworte | Action-Abenteuer • Buch • Bücher • Donnerhufe • Fantasie • Freundschaft • Freundschaft, Loyalität und Heldenmut • für Jungs und Mädchen ab 10 Jahren • Gefährten • Geschenk • Geschenkidee • Kampf gut gegen böse • Legende der Wächter • Lesen • Literatur • Loyalität und Heldenmut • Magie • Seelentier • Talisman • Tier-Fantasy |
ISBN-10 | 3-473-47795-8 / 3473477958 |
ISBN-13 | 978-3-473-47795-1 / 9783473477951 |
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