Handbuch für den russischen Debütanten (eBook)
560 Seiten
Rowohlt Verlag GmbH
978-3-644-40058-0 (ISBN)
Gary Shteyngart wurde 1972 als Sohn jüdischer Eltern in Leningrad (St. Petersburg) geboren und emigrierte im Alter von sieben Jahren in die USA. Er veröffentlichte die Romane «Handbuch für den russischen Debütanten», ausgezeichnet u.a. mit dem National Jewish Book Award for Fiction, «Absurdistan» «Super Sad True Love Story» - dieser dritte Roman wurde in mehr als vierzig Sprachen übersetzt. 2015 erschien sein autobiographisches Buch «Kleiner Versager». Gary Shteyngart lebt in New York.
Gary Shteyngart wurde 1972 als Sohn jüdischer Eltern in Leningrad (St. Petersburg) geboren und emigrierte im Alter von sieben Jahren in die USA. Er veröffentlichte die Romane «Handbuch für den russischen Debütanten», ausgezeichnet u.a. mit dem National Jewish Book Award for Fiction, «Absurdistan» «Super Sad True Love Story» – dieser dritte Roman wurde in mehr als vierzig Sprachen übersetzt. 2015 erschien sein autobiographisches Buch «Kleiner Versager». Gary Shteyngart lebt in New York. Frank Heibert, geboren 1960 in Essen, ist Jazzmusiker und Übersetzer. Er übersetzt aus dem Englischen, Französischen, Italienischen und Portugiesischen, u. a. William Faulkner, Don DeLillo, Richard Ford, Yasmina Reza, Boris Vian und Aldo Busi.
Teil I New York, 1993
Kapitel 1 Die Geschichte des Vladimir Girshkin
Die Geschichte des Vladimir Girshkin – teils erinnert sie an P.T. Barnum, teils an W.I. Lenin, den Mann, der halb Europa erobern sollte (wenn auch die falsche Hälfte) – beginnt wie so vieles andere auch. An einem Montagmorgen. In einem Büro. Während die erste Tasse Kaffee im Aufenthaltsraum gurgelnd das Licht der Welt erblickt.
Sie beginnt in New York, an der Ecke Broadway und Battery Place, der heruntergekommensten, gottverlassensten, nullprofitversprechendsten Ecke des New Yorker Financial District. Im zehnten Stock begrüßte der «Emma-Lazarus-Verein zur Förderung der Immigrantenintegration» seine Klienten mit den vertrauten fleckigen Wänden und verdurstenden Hortensien einer tristen Behörde in der Dritten Welt. Unter den sanften, aber hartnäckigen Schubsern ausgebildeter Assimilationsmoderatoren schlossen im Wartezimmer Türken mit Kurden Waffenstillstand, reihten sich Tutsis geduldig hinter Hutus in die Schlange und hielten Serben mit Kroaten am entmilitarisierten Trinkbrunnen ein Schwätzchen.
Gleichzeitig machte sich im vollgestopften Büro die Hilfskraft Vladimir Girshkin – ein Bilderbucheinwanderer und Bilderbuchausländer, nicht totzukriegendes Opfer sämtlicher Kapriolen, die das ausgehende zwanzigste Jahrhundert zu bieten hatte, und untypischer Held unserer Tage – über das erste Soppressata-Avocado-Sandwich des Tages her. Wie Vladimir die gnadenlose Härte der doppelt gepökelten Soppressata und den fettigen Schmelz der zarten Avocado liebte! Dass sich solche dialektischen Sandwiches rapide ausbreiteten, war für sein Gefühl mit Abstand das Beste am Sommer 1993 in Manhattan.
Vladimir wurde heute fünfundzwanzig. Zwölf Jahre hatte er in Russland gelebt, und dann dreizehn Jahre hier. So war sein Leben – eins kam zum anderen. Und jetzt bröckelte es an allen Ecken.
Dies drohte der scheußlichste Geburtstag seines Lebens zu werden. Vladimirs bester Freund Baobab war in Florida und verdiente sich seine Miete durch unsägliche Geschäfte mit unbeschreiblichen Menschen. Mutter war, aufgeschreckt durch die mageren Erträge seines ersten Vierteljahrhunderts, offiziell auf dem Kriegspfad. Und, bislang wahrscheinlich die schlimmste Entwicklung: 1993 entpuppte sich als Jahr der Freundin. Einer dicklichen, depressiven amerikanischen Freundin, deren knalloranges Haupthaar seine Bleibe in Alphabet City vollfluste, als hätte ihn ein Kader Angorakaninchen beehrt. Einer Freundin, deren süßlicher Räucherstäbchenduft und moschuslastiges Parfüm Vladimir an der ungewaschenen Haut klebten, damit er nur ja nicht vergaß, was er von heute Nacht, seiner Geburtstagsnacht, zu erwarten hatte: Sex. Sie mussten jede Woche einmal miteinander schlafen, da sowohl er als auch diese blasse, üppige Frau, diese Challah, sich einbildeten, ohne wöchentlichen Sex würde ihre Beziehung laut Paragraph xy Beziehungsgesetz kollabieren.
Sexnacht mit Challah, genau. Challah mit den Pausbacken und der energischen Rettichnase, die immer so mütterlich und nach Vorstadtgirl aussah, trotz all der zerrissenen schwarzen T-Shirts, gruftigen Armreifen und Kruzifixe, die ihr die abgedrehtesten Läden von Manhattan immer wieder andrehten. Sexnacht: ein Angebot, das Vladimir nicht auszuschlagen wagte angesichts der Aussicht, in einem gänzlich leeren Bett aufzuwachen – leer bis auf den einsamen Vladimir natürlich. Wie ging das noch mal? Man macht die Augen auf, dreht sich um und starrt … dem Wecker ins Gesicht. In das beschäftigte, unbarmherzige Gesicht, das im Gegensatz zu einer Geliebten nichts anderes als «Ticktack» von sich gibt.
Plötzlich hörte Vladimir im Wartezimmer das hysterische Gekreisch eines bejahrten Russen: «Oppa! Oppa! Towarischtsch Girshkin! Aiaiai!»
Die Problemklienten. Die kamen immer am Montag in aller Frühe, nachdem sie das ganze Wochenende mit befreundeten Unsympathen ihre Probleme durchgekaut und in ihren Mini-Apartments in Brighton Beach vor dem Badezimmerspiegel erboste Posen einstudiert hatten.
Jetzt galt es zu handeln. Vladimir stieß sich vom Tisch ab und stand auf. So ganz allein in seinem Büro, ohne Bezugspunkt außer den paar spartanischen Tischen und Stühlen im Kindergartenformat, kam er sich plötzlich ziemlich groß vor. Mit seinen fünfundzwanzig Jahren, dem unter den Achseln angegilbten Oxford-Hemd, der ausgefransten Hose, deren Aufschläge traurig herunterlappten, und den Schuhen mit Lochmusterkappe, die von einem Wohnungsbrand angekokelt waren, überragte er seine Umgebung wie der einsame Wolkenkratzer, den man gegenüber in Queens am East River hochgezogen hatte. Aber das stimmte gar nicht: Vladimir war klein.
Im Wartezimmer stand der resolute, stämmige Wachmann aus Lima, wie Vladimir feststellen musste, mit dem Rücken an der Wand. Ein vierschrötiger alter Russe im klassischen Flohmarktaufzug und mit Sechsdollarbürstenschnitt hatte den armen Burschen mit seinen Krücken eingekeilt und näherte sich jetzt bedrohlich der Beute, um mit seinen silbernen Zähnen zuzufassen. Dummerweise waren die original amerikanischen Assimiliationsmoderatoren beim ersten Anzeichen interner Gewalt schnöde vom Tatort geflüchtet und hatten nur ihre Kaffeebecher mit der Aufschrift «Harlem, U.S.A.» und die Stofftaschen aus dem Brooklyn Museum hinterlassen. Nun oblag es also der Hilfskraft Vladimir Girshkin, die Massen zu assimilieren. «Njet! Njet! Njet!», brüllte er den Russen an. «Auf den Wachmann gehen wir nicht los!»
Der Verrückte drehte sich um und schaute ihn an. «Girshkin!», prustete er. «Da bist du ja!» Erstaunlich behände stieß er sich von dem Sicherheitsbeamten ab und humpelte auf Vladimir zu. Er war klein und wirkte noch kleiner durch den grünen Rucksack, der ihm schwer im Kreuz hing. Sein himmelblaues Hawaiihemd war von der Brust bis zum Nabel mit sowjetischen Kriegsorden übersät, die eine Kragenseite nach unten zogen, sodass der geäderte Specknacken zum Vorschein kam.
«Was wollen Sie von mir?», fragte Vladimir.
«Was ich von dir will?», polterte der Russe. «Mein Gott, ist der Kerl arrogant!» Flugs erhob sich eine bebende Krücke zwischen den Männern. Der Wahnsinnige setzte einen Übungsstreich: En garde!
«Ich habe vor ein paar Wochen mit dir telefoniert», maulte der Krückenträger. «Am Telefon klangen Sie recht kultiviert, wissen Sie noch?»
Kultiviert, jawohl. Das musste er gewesen sein. Vladimir begutachtete den Mann, der ihm den Vormittag verdarb. Er hatte ein breites slawisches (also nicht jüdisches) Gesicht mit spinnennetzartigen Falten, die so tief waren, als hätte man sie mit dem Taschenmesser eingeritzt. Buschige Breshnewbrauen wucherten vor seiner Stirn. In der geographischen Mitte seiner Birne ankerte eine kleine, immer noch blonde Fluseninsel. «Wir haben also telefoniert, eh?», sagte Vladimir im wurstigen Ton der sowjetischen Bürokratie. Er war ein großer Fan der Silbe «eh».
«Und wie!», rief der Alte begeistert.
«Und was habe ich zu Ihnen gesagt, eh?»
«Du hast gesagt, ich soll vorbeikommen. Miss Harosset hat gesagt, ich soll vorbeikommen. Der Ventilator hat gesagt, ich soll vorbeikommen. Also habe ich die Fünfer-U-Bahn nach Bowling Green genommen, wie du gesagt hast.» Er wirkte ausgesprochen zufrieden mit sich.
Vladimir machte probeweise einen Schritt zurück Richtung Büro. Der Wachmann nahm seinen Posten wieder ein, knöpfte das Hemd zu und murmelte in seiner Muttersprache vor sich hin. Trotzdem, irgendetwas fehlte noch. Fassen wir zusammen: wütender Slawe, gedemütigter Wachmann, schlechtbezahlter, absurder Job, vergeudete Jugend, Sexnacht mit Challah. Ach ja. «Welcher Ventilator?», fragte Vladimir.
«Na, der im Schlafzimmer», sagte der Mensch und verdrehte die Augen ob der überflüssigen Frage. «Ich habe zwei Ventilatoren.»
«Der Ventilator hat gesagt, Sie sollen vorbeikommen», sagte Vladimir. Und zwei Ventilatoren hat er. Mit einem Mal erkannte Vladimir, dass das kein Problemklient war. Sondern ein Spaßklient. Ein völlig durchgeknallter Klient. So einer, der einen morgens in Schwung brachte und den ganzen Tag munter und bei Laune hielt. «Hören Sie», sagte Vladimir zu dem Ventilatormann. «Gehen wir doch in mein Büro, dort können Sie mir alles erzählen.»
«Bravo, junger Mann!» Der Ventilatormann machte seinem vormaligen Opfer, dem Wachmann, das Victory-Zeichen und humpelte ins Büro, wo er sich auf einem der kalten Plastikstühle niederließ. Umständlich nahm er den monströsen grünen Rucksack ab.
«Also, wie heißen Sie? Damit fangen wir mal an.»
«Rybakow», sagte der Ventilatormann. «Alexander. Oder einfach Alex.»
«Bitte erzählen Sie mir doch von sich. Sie sind –»
«Psychotiker», sagte Rybakow. Zur Bestätigung zuckten seine überdimensionalen Augenbrauen, und er lächelte in falscher Bescheidenheit, wie ein Schulkind, das zum Berufsberatungstag seinen Astronautenvater mitbringt.
«Psychotiker!», sagte Vladimir und machte ein möglichst aufmunterndes Gesicht. Bei den verrückten Russen war es nicht unüblich, dass sie ihm prompt ihre Diagnose mitlieferten; manche behandelten sie fast wie einen Beruf oder eine Berufung. «Und das haben Sie schriftlich?»
«Nicht nur einmal. Ich stehe auch jetzt unter Beobachtung», sagte Mr. Rybakow und spähte unter Vladimirs Schreibtisch. «Schließlich habe ich sogar in der New York Times einen Brief an den Präsidenten geschrieben.»
Er zog ein zerknittertes Blatt Papier aus der Tasche, das nach Alkohol, Tee und seiner feuchten...
Erscheint lt. Verlag | 16.12.2016 |
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Übersetzer | Christiane Buchner, Frank Heibert |
Verlagsort | Hamburg |
Sprache | deutsch |
Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
Schlagworte | Einwanderer • Humor • Leningrad • Mafia • Migration • New York • Prag • Russland • Sowjetunion • UdSSR • USA |
ISBN-10 | 3-644-40058-X / 364440058X |
ISBN-13 | 978-3-644-40058-0 / 9783644400580 |
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