<p>Adam Zamoyski wuchs in England auf und studierte Geschichte und Sprachen in Oxford. Seine adlige Familie floh 1939 nach der deutschen und sowjetischen Invasion aus Polen. Er lebt als freier Autor und Historiker in London und ist Fellow der Society of Antiquaries, der Royal Society of Arts und der Royal Society of Literature. Seine Bücher 1812. Napoleons Feldzug in Russland (2012) und 1815. Napoleons Sturz und der Wiener Kongress (2014) waren international erfolgreich und wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt.</p>
Cover 1
Titel 3
Zum Buch 621
Über den Autor 621
Impressum 4
Inhalt 5
Vorwort 7
1. Exorzismus 11
2. Angst 20
3. Ansteckungsgefahr 32
4. Krieg gegen den Terror 47
5. Regieren durch Hysterie 69
6. Ordnung 88
7. Frieden 110
8. Hundert Tage 121
9. Spitzelwesen 136
10. Britische Schreckgespenster 158
11. Moralische Ordnung 176
12. Mystizismus 200
13. Deutschtümelei 215
14. Selbstmordterroristen 231
15. Zersetzung 254
16. Das Reich des Bösen 276
17. Synagogen des Satans 293
18. Comité directeur 308
19. Der Herzog von Texas 323
20. Das Apostelamt 337
21. Meuterei 351
22. Säuberung 368
23. Konterrevolution 385
24. Jupiter tonans 402
25. Skandale 421
26. Kloaken 442
27. Das China Europas 461
28. Ein Fehler 479
29. Polonismus 498
30. Der entfesselte Satan 515
31. Nachspiel 540
Anhang 545
Anmerkungen 545
Literatur 575
Bildnachweis 601
Personenregister 603
Karte: Europa im Jahr 1789 619
Karte: Europa im Jahr 1815 620
2
Angst
Als sich die Nachricht von der Erstürmung der Bastille am 14. Juli 1789 in Europa und über den Atlantik bis in die Vereinigten Staaten und die europäischen Kolonien in Amerika verbreitete, wirkte sie wie ein elektrischer Schlag. Obwohl es sich bei dem Ereignis um nicht viel mehr als um einen beunruhigenden Ausbruch von Gewalt, Meuterei und Pöbelherrschaft handelte, wurde es weltweit als stellvertretend für etwas anderes gesehen und gewann eine enorme symbolische Bedeutung. Der englische Staatsmann Charles James Fox erklärte es zum «größten Ereignis der ganzen Weltgeschichte». Statt abzuwarten und sich vor einer abschließenden Meinung die weitere Entwicklung anzuschauen, nahmen die meisten gebildeten Menschen sofort eine von zwei diametral entgegengesetzten Positionen ein. Es war, als hätten sie ein lang erwartetes Menetekel gesehen.[1]
Wer sich mit der Ideenwelt der europäischen Aufklärung des 18. Jahrhunderts identifizierte, für den stellte die düstere alte Festung (zum größten Teil unnütz geworden) das emotional belastete Symbol des unterdrückerischen und ungerechten Ancien Régime dar, dessen Institutionen und Herrschaftspraktiken für den modernen Geist inakzeptabel waren. Die Bastille stand für alles, was verkehrt war in der Welt. Ihr Fall wurde daher als Vorbote eines neuen Zeitalters empfunden, das unendlich viel gerechter und in jeder Hinsicht moralischer sein würde als das gegenwärtige. Schlüssig oder durchdacht war diese Reaktion keineswegs.
«Obwohl die Bastille nicht die geringste Bedrohung für irgendeinen Bewohner von Petersburg dargestellt hat», schrieb der französische Botschafter am russischen Hof, «lässt sich kaum der Enthusiasmus beschreiben, den die Erstürmung dieses Staatsgefängnisses unter Ladenbesitzern, Händlern, dem städtischen Publikum und einigen jungen Leuten aus höheren Kreisen auslöste.» Er schilderte dann, wie sich die Menschen auf der Straße umarmten, als wären sie plötzlich «von einer unermesslich schweren Kette befreit, die sie niedergedrückt» habe. Selbst der junge Großfürst Alexander nahm die Nachricht begeistert auf.[2]
Aus London schrieb der Anwalt und Rechtsreformer Sir Samuel Romilly an seinen Freund Étienne Dumont in Genf: «Ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen, wie sehr ich mich über die Revolution gefreut habe, die stattgefunden hat. Ich denke an nichts anderes und male mir mit Vergnügen einige der wichtigen Konsequenzen aus, die in ganz Europa erfolgen müssen … die Revolution hat hier eine sehr ehrliche und allgemeine Freude ausgelöst … selbst die Zeitungen, obwohl sie nicht von sonderlich liberalen oder philosophisch gebildeten Männern geleitet werden, stimmen ausnahmslos in das Lob der Pariser Bevölkerung ein und jubeln über ein Ereignis, das für die Menschheit von so großer Bedeutung ist.»[3]
Diese Ansicht fand ihren Widerhall auch in Deutschland, wo Dichter wie Klopstock und Hölderlin die Revolution als größte Tat des Jahrhunderts begrüßten. Zahlreiche Deutsche brachen nach Paris auf, um die Luft der Freiheit zu atmen. «Das Scheitern dieser Revolution würde ich für einen der härtsten Unfälle halten, die je das menschliche Geschlecht betroffen haben», schrieb der preußische Staatsbeamte Friedrich von Gentz am 5. Dezember 1790 in einem Brief an seinen Freund Christian Garve. «Sie ist der erste praktische Triumph der Philosophie, das erste Beispiel einer Regierungsform, die auf Prinzipien und auf ein zusammenhängendes, konsequentes System gegründet wird. Sie ist die Hoffnung und der Trost für so viele alte Übel, unter denen die Menschheit seufzt.»[4]
Insbesondere für junge Menschen hatte die plötzliche Explosion der Energien in der französischen Hauptstadt eine gewaltige Strahlkraft, die ihre kollektive Phantasie entfachte. Dem jungen Dichter Robert Southey schien sich «eine visionäre Welt … zu eröffnen», und laut Mary Wollstonecraft «waren mit einem Schlag sämtliche Leidenschaften und Vorurteile Europas in Umlauf gebracht». Die Nachrichten aus Paris wurden mit einer fast religiösen Inbrunst aufgenommen, und William Wordsworth sprach für viele seiner Generation, als er schrieb: «Eine Gnade war es, in dieser Morgenröte zu leben.» Die Wiederkunft des Messias hätte kaum eine größere Ekstase auslösen können.[5]
Die allgemeine Erregung wurde von Emotionen eher spiritueller Natur gespeist – ähnlich denen, die so viele junge Menschen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kritiklos in die Arme eines «Sozialismus» trieben, den sie in der Regel nicht definieren konnten, von dem sie aber glaubten, er enthalte das Versprechen einer besseren Welt. In der Überzeugung, dass dies für die Menschheit der «richtige» Weg in die Zukunft sei, versuchten die leidenschaftlichen Befürworter der Französischen Revolution nicht nur, ihre schlimmsten Gräuel zu rechtfertigen, sondern sie brandmarkten diejenigen, die ihren Glauben nicht teilten, als «Volksfeinde».
Für Letztere war die Nachricht vom Aufstand in Paris nicht nur ein entsetzlicher Schock, sondern auch Bestätigung dafür, dass ein von langer Hand vorbereiteter Angriff auf die ideologischen Grundfesten ihres Universums begonnen hatte. Der britische Geschäftsträger in Wien berichtete von «Zornesausbrüchen» des österreichischen Kaisers, der, als er von den Vorgängen erfuhr, «mit der schärfsten Rache drohte». Der schwedische König konnte, nachdem er einschlägige Berichte gelesen hatte, nicht mehr schlafen, und die Zarin von Russland stampfte vor Wut mit dem Fuß auf.[6]
Kaum zurückhaltender waren die Reaktionen vieler anderer, bei denen es um viel weniger ging. «Wird das französische Delirium nicht gebührend in die Schranken gewiesen, wird es sich für das Zentrum Europas als mehr oder weniger verhängnisvoll auswirken», warnte der Schriftsteller Melchior Baron von Grimm, «denn die verpestete Luft muss unvermeidlich alles verheeren und zerstören, dem sie nahekommt.» In England donnerte Edmund Burke gegen das «Gift», ausgespien von den «Reptilien-Seelen», wie er die französischen Revolutionäre beschrieb, «die sich in einem Pfuhl finsterer Sünden wälzen, dem sie entstammen». Selbst im weit entfernten Nordamerika ging ob der Neuigkeiten ein Riss durch die Gesellschaft zwischen denjenigen, die – mit den Worten von Edmund Quincy aus Massachusetts – in dem Geschehen «einen neuen Stern im Osten, den Vorboten von Frieden und Güte auf Erden» aufgehen sahen, und denjenigen, für die es «ein unheilvoller Komet war, der ‹aus seinem grausigen Schweif Pestilenz und Krieg schüttelte› und im Guten wie im Bösen seine Auswirkungen auf die Neue Welt ebenso wie auf die Alte entfaltete». Die Revolution «löste Entsetzen oder Freude aus, je nachdem, ob man auf ihren Fortgang voller Vertrauen oder Angst blickte, ob man Leben oder Tod erwartete», schloss er.[7]
Bemerkenswert war an der Kluft, die sich aufgetan hatte, dass die Debatte, wenn man sie denn so nennen kann, zwar von Menschen mit beträchtlichen Geistesgaben geführt wurde, aber zugleich in komplett irrationalen Bahnen verlief. Während die Parteigänger der Revolution sowohl ihre Fehler als auch ihre Vorzüge in poetischen und quasi-religiösen Begriffen priesen, antworteten ihre Feinde in der Sprache der Inquisition.
In seinen Reflections on the Revolution in France («Betrachtungen über die Revolution in Frankreich»), erschienen 1790, warnte Edmund Burke, dass alles, was in Paris geschehe, eine Verletzung grundlegender Gesetze darstelle und die beiden Säulen, auf denen die soziale Ordnung Europas ruhe, Religion und Eigentum, unterminiere. Der Verlauf der Ereignisse sollte seine Voraussage bewahrheiten, dass der Weg, den die Revolutionäre eingeschlagen hatten, zu unsagbaren Gräueltaten und schließlich zu einer brutalen Diktatur führen würde. Doch schon lange bevor es so weit war, änderte sich seine Tonlage, und seine kritischen Ausfälle verkamen mehr und mehr zu hysterischen Schimpftiraden.
Ein weiterer prominenter Verteidiger des Ancien Régime, der savoyische Adelige, Anwalt, Diplomat und Philosoph Joseph de Maistre, legte eine religiös gefärbte Deutung der Ereignisse vor. Als strenggläubiger Katholik war er in seiner Jugend ein begeisterter Anhänger der Amerikanischen Revolution gewesen und...
Erscheint lt. Verlag | 26.9.2016 |
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Übersetzer | Andreas Nohl |
Verlagsort | München |
Sprache | deutsch |
Themenwelt | Sachbuch/Ratgeber ► Geschichte / Politik ► Neuzeit bis 1918 |
Geisteswissenschaften ► Geschichte | |
Schlagworte | Französische Revolution • Historiker • Krieg gegen den Terror • Napoleon • Politik • Polizeistaat • rebellionen • Repression • Revolution • Terrorist • Unterdrückung |
ISBN-10 | 3-406-69767-4 / 3406697674 |
ISBN-13 | 978-3-406-69767-8 / 9783406697678 |
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