Legal High (eBook)
352 Seiten
Rowohlt Verlag GmbH
978-3-644-10005-3 (ISBN)
Rainer Schmidt, geboren 1964 in Düsseldorf, ist Journalist und Schriftsteller. Er hat als Redakteur beim BBC World Service gearbeitet, für das «Zeit-Magazin», «Spiegel-Reporter» und «Vanity Fair». Bis 2012 war er Chefredakteur des «Rolling Stone». 2008 erschien «Wie lange noch», 2009 «Liebestänze». Sein Roman - «Die Cannabis GmbH» (2014) - wurde viel gelobt, Nico Hofmann hat die Filmrechte für die UFA Fiction erworben. Rainer Schmidt lebt in Berlin.
Rainer Schmidt, geboren 1964 in Düsseldorf, ist Journalist und Schriftsteller. Er hat als Redakteur beim BBC World Service gearbeitet, für das «Zeit-Magazin», «Spiegel-Reporter» und «Vanity Fair». Bis 2012 war er Chefredakteur des «Rolling Stone». 2008 erschien «Wie lange noch», 2009 «Liebestänze». Sein Roman – «Die Cannabis GmbH» (2014) – wurde viel gelobt, Nico Hofmann hat die Filmrechte für die UFA Fiction erworben. Rainer Schmidt lebt in Berlin.
TEIL I Die Hoffnung ist grün
Der Dude zuckte zusammen, als das große Tor hinter ihm zufiel. Es folgten weitere Sicherheitsschleusen und Türen, ihm wurde schlecht. Der Kreislauf, eventuell etwas mit dem Magen. Undefinierbare Geräusche, knappe Kommandos, strenge Gesichter, in denen nichts zu lesen war. Seine Füße fühlten sich dick an, das Atmen fiel schwer, die Nase wirkte verstopft, da kam gar nichts mehr durch. Er musste Papiere lesen, er unterschrieb einen Zettel oder zwei, er sog heftig Luft durch den Mund ein, der Mann vor ihm starrte ihn feindselig an. Eine Art Schalter, der Gang so lang, noch mal hinsetzen, eine Raufasertapete, leicht grau, ins Gelbliche changierend. Er sah tanzende Punkte auf der Wand, das hört bestimmt gleich auf, dachte er, das meinen die alles gar nicht so, das ist ein Versehen, ein riesengroßes Versehen, aber lüften könnten die trotzdem mal in diesem Puff.
Zwei Uniformierte gingen vorbei, an ihrer Seite klapperten Schlüssel, was er albern fand. Schlechtes Kostüm, ist doch hier kein Tatort, die sollen sich alle mal locker machen, dann wird sich das schon regeln lassen. Er spürte, wie sich sein Brustkorb hektisch hob und senkte, als ihm dämmerte, dass sich hier gar nichts regeln ließ, auf jeden Fall nicht heute, möglicherweise die nächsten Jahre nicht. Diese Erkenntnis schoss wie ein Blitz durch seinen linken Arm, ein ungewohnter Schmerz, grell und bohrend, schon rutschte er aus dem hässlichen Plastikschalensitz. Da schauten die Schlüsseldeppen ganz schön doof, als sie ihn zu Boden gehen sahen, damit hatten sie wohl nicht gerechnet.
Der Staat aber wollte seinen fleißigsten Grasanbauer nicht gleich am ersten Tag, diesem 1. Juni 2015, durch einen dummen Herzinfarkt oder unterlassene Hilfeleistung verlieren. Draußen bin ich ihnen lästig, drinnen wollen sie mich unbedingt erhalten, das ist doch unlogisch, dachte der Dude noch, als sie ihn in die Krankenstation brachten. Das EKG-Gerät neben der Liege sah aus, als hätten sie damit schon Adolfs kaltes Vegetarierherz vermessen, ein Museumsmodell womöglich, überlegte er, nur hier noch heimlich im Einsatz. Die Bürokratie nahm ein Stechen im linken Arm sehr ernst, weil die Bürokratie keinen Ärger will. Fällt der Häftling tot um, ist das ein Problem. Fällt der Häftling tot um, weil Hinweise auf ein Stechen im Arm nicht ernst genommen wurden, ist das ein Riesenfuckingproblem. Also: Rundumcheck, Überwachung – zumindest über Nacht.
Alle hier trugen weiße Sachen, das beruhigte den Dude, kam ihm alles sehr menschlich vor, geradezu normal im Vergleich zu den grauen Fluren vorhin. Die Pfleger wirkten freundlich, die Ärzte professionell distanziert und höflich, das war viel an Tagen wie diesen. Sie freuten sich sehr, dass er deutsch sprach. Sie lobten ihn dafür. Immer wieder. Der Dude fand das seltsam. Vor allem, weil die Ärzte und Pfleger doch selbst des Deutschen mächtig waren. Vielleicht war das hier der Umgangston, deswegen schmeichelte er dem nächsten Pfleger, der ihm Blut abnahm, gleich wegen seiner Deutschkenntnisse.
Der fragte bloß: «Willst du mich verarschen, oder was?»
Die Regeln hier scheinen kompliziert, dachte der Dude.
Er bekam ein Bett in einem überhitzten Sechserzimmer. Es roch nach Terpentin, Bohnerwachs, Desinfektionsmittel, altem Schweiß und Sperma, fast wie in einem Etablissement auf der Reeperbahn. Zwei weißhaarige Alte dämmerten vor sich hin, ein bulliger Rumäne lehnte am Fenster und redete mit sich selbst, neben ihm riss und zerrte ein Italiener an sich herum – ein kokainabhängiger Drogenkurier, wie ihm eine Schwester vorher erklärt hatte. Der klobige Körper des Italieners lag seltsam verrenkt auf dem Laken. Das Krankenstation-Leibchen entblößte mehr, als es verdeckte, die Haut an Armen und Händen war offen, die Beine stellenweise tiefblau und dunkelrot angelaufen, von totem Adergeäst und braunen Flecken durchsetzt. Unentwegt wanderten seine Hände über Arme und Beine und zupften Streifen aus der wunden Haut, die sich weiß löste und stellenweise nass glänzte. Der Drogenkurier pulte und grub mit stiller Gewalt, vielleicht um eine verborgene Wahrheit ans Licht zu zerren. Vor seinem Bett lag ein heller Ring aus abgeworfenen Schuppen.
«Hör auf, hier alles mit deiner kranken Haut zu versiffen», brüllte ein Pfleger den Kranken an. «Ich will den Dreck nicht mehr auf meinem Boden sehen, kapierst du das, du asozialer Pizzabäcker, capisci? Ja?»
Der Häutende verharrte kurz, starrte ihn traurig an – und zupfte weiter. Fluchend polterte der Pfleger aus dem Saal. Im Knast haben alle Paranoia vor Hautkrankheiten, jeder hatte unentwegt Angst, sich von anderen die Krätze zu holen, was regelmäßig zu einem Ansturm beim Anstaltsarzt führte. Der Dude hatte davon gehört. Er verstand jetzt, was gemeint war.
Auf der anderen Seite neben seinem Bett lag ein dürrer Junge, zartes Mausgesicht, ganz fahl, Lippen schmal wie Rasierklingen. Der Dude musterte ihn freundlich, der Junge duckte sich weg, ein verängstigtes Tier im Käfig, keine fünfundzwanzig Jahre alt.
«Hey, wie heißt du?»
Schweigen.
«Willst du mir deinen Namen nicht verraten?»
Schweigen.
«Weswegen bist du hier?»
Schweigen.
«Hey, hörst du nicht, wieso bist du hier?»
Der Dude fragte etwas zu aggressiv, wie er sofort bedauerte, sendete aber dadurch klare Signale potenzieller Gewalttätigkeit aus, die der Dürre offensichtlich richtig zu deuten gewohnt war. Also öffnete und schloss der bleiche Jüngling hektisch seinen Mundschlitz, um viel zu schnell eine Geschichte von Drogen und falschen Verdächtigungen herauszupressen, die den Dude gar nicht interessierte, weil er nur seine gesundheitlichen Beschwerden hatte wissen wollen. Das Geplapper klang wie schlecht ausgedacht, vom ersten Wort an als Quatsch erkennbar. Der Dude bohrte nicht weiter, andere im Raum gifteten schon herüber. Der Rumäne drohte vom Fenster mit der Faust, sagte vielleicht irgendwas von «Kinderficker». Die Stimmung kippte, der Dude würgte das Bürschchen ab: «Schon gut, erzähl das deinem Friseur.»
Der Dude schlief unruhig. Er wachte alle paar Stunden auf und wusste nicht, wo er war. Er dachte an die letzten Sekunden mit Madame, wie er seine Frau nannte, er hörte seine Zwillinge Jakob und Anton nach ihm rufen, seine beiden besten Kumpel Eight Fingers und No Brain lachten scheppernd über die Endlosschleife in seinem Hirn: Ich bin im Knast für viereinhalb Jahre. Knast. Viereinhalb Jahre. Knast.
Er hörte Geräusche, die er nicht deuten konnte, eine Ahnung von Aufruhr und Nervosität, ein stiller Kampf, dazu Lärm aus vielen Kehlen, das Schnarchen war ohrenbetäubend. Morgens trieb ihn die Blase aus dem Bett. Er schlich auf Zehenspitzen zum Klo und schob die Schwingtür halb auf. Mehr ging nicht. Schwerer Widerstand, weil der Junge im Weg hing. Der aus dem Bett nebenan. Mit einem Laken um den Hals, oben an einer Rohrleitung festgemacht. Der Dude sah die großen Augen, die Haut noch fahler, der Mund grotesk weit offen. Das Gesicht sagte: Das war’s.
Der Dude brauchte fünf Sekunden, bevor er verstand. Er schrie. Und drückte die Notglocke.
Die anderen schreckten hoch, Wärter drängten in den Saal. Bitte aufstehen, los jetzt, auf geht’s, nicht liegen bleiben, schneller jetzt, alle raus. Routinearbeit.
Der Dude trottete hinter den anderen her. Er sah den Jungen baumeln, eine leichte Bewegung, es konnte eine Täuschung sein. Dass die Leitungen das aushielten. Vielleicht waren sie extra dafür gemacht, dachte er, zu Hause hätten die Rohre das nicht getragen, niemals. Eventuell war denen das hier gar nicht so unlieb, wenn sich einer so davonmachte. Schaffte Platz, sparte Kosten. Konnte man nicht ausschließen.
Der war echt tot. Einfach so.
Herzlich willkommen im Gefängnis.
Der Dude wirkt blass, fand Madame, viel schmaler als beim letzten Mal. Und wie gebeugt der geht, so vorsichtig und schleppend, dachte sie, als ihr Mann das Besucherzimmer betrat. Zu Haftbeginn hatte er die Figur eines Boxers gehabt und einen rollenden Gang, der aussah, als werde er jederzeit losspringen. Gerade mal zwei Jahre der Haftzeit rum, sieht aber schon aus wie sein eigener Schatten, dachte sie und musste schlucken. Das hatte er nicht verdient. Sie aber auch nicht.
Sie umarmten sich, eher flüchtig, das war nicht der Ort für große Gefühle. Seine strohblonden, struppigen Haare hatte er wieder auf fünf Millimeter gestutzt, das machte ihn viel härter, fremder. Der jungenhafte Dude, der ewige Strahlemann, dessen Lebenslust ihn von innen illuminierte, war verschwunden. Seine sonst leicht rosigen Wangen wirkten grau und eingefallen, geradezu hager. Sie sah, wie sehr er sich um ein Lächeln bemühte, er ahnte nicht, wie sehr sie sich zusammenreißen musste, um nicht sofort loszuheulen. Aber sie wollte stark sein, ihn nicht belasten, das alles reichte auch schon so. Schweigend saßen sie einander gegenüber, fast schüchtern. Sie hatte den Eindruck, die Batterien des Dude, des großen, unerschrockenen, angstfreien, lauten King of Cool, des Großmeisters des Cannabis, waren leer. Sein Anblick brach ihr das Herz. Sie wollte diesen Verfall nicht sehen. Allein deswegen brachte sie die Zwillinge nie mit ins Gefängnis. Sie wollte nicht, dass Jakob und Anton ihren Vater so erlebten. Sie selbst wäre am liebsten auch nicht mehr gekommen. Aber das war keine Option. Das konnte sie ihm nicht antun.
«Schönes Kleid», sagte der Dude mit einem Blick auf ihren hochgeschlitzten Dress mit dem japanischen Blumenmuster und nahm ihre kalte Hand.
Wie...
Erscheint lt. Verlag | 26.8.2016 |
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Verlagsort | Hamburg |
Sprache | deutsch |
Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
Schlagworte | Cannabis • Der Dude • Deutschland in der Zukunft • Die Cannabis GmbH • Drogen • Gesellschaftssatire • Kiffen • Legalisierung • Lobbyismus • Marihuana |
ISBN-10 | 3-644-10005-5 / 3644100055 |
ISBN-13 | 978-3-644-10005-3 / 9783644100053 |
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