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Alle müssen mit (eBook)

Roman

(Autor)

eBook Download: EPUB
2016 | 1. Auflage
336 Seiten
S. Fischer Verlag GmbH
978-3-10-403677-9 (ISBN)
Systemvoraussetzungen
8,99 inkl. MwSt
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Ein Roman über eine Familie, die keine ist, aber die Chance bekommt, eine zu werden - witzig, voller Empathie und berührend aufrichtig. Ein Familienroman von Bestsellerautor Lo Malinke, bekannt durch ALLE UNTER EINE TANNE »Ich bin gern bereit, die Asche meines Vaters in seiner Heimat zu verstreuen. Aber nicht mit Leuten, die es nicht einmal zu seiner Beerdigung geschafft haben!« Die Geschwister Inge, Klaus und Uwe haben seit Jahren kein Wort mehr miteinander gewechselt. Doch als ihnen der Notar eröffnet, dass sie das Erbe ihres Vaters nur ausgezahlt bekommen, wenn Sie seinen letzten Willen erfüllen, müssen die drei sich entscheiden. Und das innerhalb der nächsten 14 Tage ... Zusammen mit Inges Tochter Jule und dem Notargehilfen Krzysztow machen sie sich auf eine Reise durch Polen, die alles verändern wird.

Lo Malinke hat fast zwanzig Jahre lang Kabarett- und Chansontexte geschrieben und war mit MALEDIVA in Deutschland, Österreich und der Schweiz auf Tour. Jetzt ist er in Berlin sesshaft geworden, wo er sich nicht nur Drehbuchstoffe ausdenkt und Filme produziert sondern auch sehr erfolgreiche Romane schreibt. Nach seinem Bestseller ALLE UNTER EINE TANNE ist von ihm der Roman ALLE MÜSSEN MIT erschienen, der auch für die ARD verfilmt wurde.

Lo Malinke hat fast zwanzig Jahre lang Kabarett- und Chansontexte geschrieben und war mit MALEDIVA in Deutschland, Österreich und der Schweiz auf Tour. Jetzt ist er in Berlin sesshaft geworden, wo er sich nicht nur Drehbuchstoffe ausdenkt und Filme produziert sondern auch sehr erfolgreiche Romane schreibt. Nach seinem Bestseller ALLE UNTER EINE TANNE ist von ihm der Roman ALLE MÜSSEN MIT erschienen, der auch für die ARD verfilmt wurde.

Genau das Richtige für entspannte Stunden im Liegestuhl.

Ein unvergesslicher, erhellender Roadtrip.

4


Uwe konnte nicht fassen, was gerade passierte. Vielleicht hätte er sich doch ein bisschen länger mit Hannes unterhalten sollen, anstatt einfach nur einen Wodka vor ihm abzustellen und ihm seine Zunge in den Hals zu schieben. Vielleicht wüsste er dann, ob er gerade jemanden angerufen hatte, der sich, keine zwölf Stunden nachdem er mit ihm Liebe gemacht hatte, nicht mehr an ihn erinnerte, oder ob er sich unsterblich in jemanden verliebt hatte, der einfach nur sehr, sehr vergesslich war. Uwe klemmte das Handy zwischen Schulter und Ohr und versuchte, die Hunde von den Überresten einer toten Taube wegzuzerren.

»Uwe! Von gestern Abend!« Kein Mensch konnte so vergesslich sein! Oder vielleicht doch? »Im Barbietronic!«

Uwe hörte das stumme Fragezeichen am anderen Ende der Leitung und fing an, vor Verlegenheit zu schwitzen. Oder waren es die verfluchten Tabletten? Seitdem sein Therapeut ihn von Elontrin (Hautausschlag auf Brust und Rücken) auf Venlafaxin (starke Gewichtszunahme und suizidale Phasen) und schließlich auf Setralin (Schweißausbrüche, Schwindelgefühle, Erschöpfungszustände) umgestellt hatte, konnte Uwe kaum noch beurteilen, was Nebenwirkungen seiner Antidepressiva und was echte Panik vor der Blamage war, einem Mann hinterherzutelefonieren, der sich offensichtlich nicht einmal die Mühe gemacht hatte, Uwes Nummer unter seinen Kontakten zu speichern. In Uwes Handy stand Hannes unter Favoriten.

»Nein, nicht der Sekt auf Eis.« Uwe lachte nervös und ein bisschen zu schrill. Er musste versuchen, ruhig zu bleiben. »Der Wodka

Psychopharmaka mit Alkohol zu mischen war nicht gerade das, was der freundliche Apotheker empfahl, aber Uwe hatte sich gestern zum ersten Mal seit Wochen wieder aus dem Haus und unter Menschen getraut, und das Vorhaben, diesen Abend nüchtern zu überstehen, hatte ihn schon nach den ersten fünf Minuten in einen Gin Tonic flüchten lassen. Um ehrlich zu sein, hatte Uwe sich noch nie mit anderen schwulen Männern in einem Raum aufhalten können, ohne nicht zumindest ein bisschen betrunken zu sein. Aber das hatte er nicht einmal seinem Therapeuten gegenüber erwähnt.

»Du weißt doch, wir sind später noch zu dir …«

Erschrockenes Hüsteln von Hannes.

»Nein. Nicht in die Wohnung. Nur bis in den Hausflur«, beruhigte ihn Uwe.

Alle im Barbietronic hatten Uwe mit großem Hallo begrüßt. Claus und André hatten noch immer ihre Mallorca-Bräune getragen, Tim hatte den kleinen humorlosen Chilenen mitgebracht, den er im Januar gegen den entschiedenen Widerstand aller seiner Freunde geheiratet hatte, Rainer hatte wie immer versucht, schriller zu sein als die verbeulte Transe, die jeden Montag die kleine Bühne neben der Raucherkabine in Beschlag nahm, und Tobias hatte sich wie alle anderen auch einen Vollbart wachsen lassen. Uwe hatte die üblichen Wangenküsse verteilt und entgegengenommen und dann schnell eine Runde für alle bestellt. Keinem war aufgefallen, dass Uwe ihnen die Antwort auf die Frage, aus welchem Grund er sich in den letzten Wochen so rar gemacht hatte, schuldig geblieben war.

Und was hätte er auch sagen sollen? Dass er eines Morgens schluchzend vor dem Kühlregal im Supermarkt gestanden hatte, weil die Entscheidung zwischen Joghurt mit 0,3 oder 3,5 Prozent Fett einfach zu viel für ihn gewesen war? Dass der Therapeut, an den ihn sein Hausarzt verwiesen hatte, Uwe einen schweren Burn-out, eine mittlere Depression und eine narzisstische Störung attestiert, ihn keinen einfachen Patienten genannt und ihm zusätzlich zur Gesprächstherapie auch zur sofortigen Einnahme von Medikamenten geraten hatte? Dass selbst diese Antidepressiva Uwes Verzweiflung nicht hatten vertreiben können und er daher mit Hilfe von Tavor (macht echt krass schnell abhängig), Ephidrin (putscht voll gut auf) und Valium (holt dich echt gut runter) großzügig nachjustierte?

Und welchen Rat sollten ihm seine Freunde auch geben? Beruflich kürzerzutreten? Uwe leitete keinen global tätigen Mischkonzern wie Jochen (Schrauben und Schmierfette in dritter Generation), und er stand auch nicht mit jeder seiner Entscheidungen im Kreuzfeuer der Öffentlichkeit wie Thomas (Kulturstaatssekretär). Uwe führte hauptberuflich die Hunde anderer Leute aus und arbeitete selten mehr als fünf Stunden pro Tag. Sogar sich selbst gegenüber hätte er Probleme gehabt, damit einen Burn-out zu rechtfertigen. Die einzige Herausforderung seines Jobs war, bei Regen Sneakers gegen Gummistiefel zu tauschen und immer ausreichend Kacktüten dabeizuhaben. Seine Klienten hießen Pogo, Pepe, Carlo, Helle, Safira, Blanca und Bentley und waren schon zufrieden, wenn Uwe ihnen ausreichend Gelegenheit gab, sich gegenseitig am Po zu schnüffeln. Abgesehen davon, dass er schrecklich einsam war, wollte Uwe kein Grund dafür einfallen, warum er es nicht mehr für sinnvoll hielt, am Leben teilzunehmen. Seiner Familie die Schuld zu geben schien ihm verlockend. Auch sein Therapeut schien ein großer Fan dieser Möglichkeit zu sein. Aber seine Mutter war kurz nach seiner Geburt gestorben, seinen Vater hatte er seit über zehn Jahren nicht mehr gesehen, und seine beiden älteren Geschwister hatten nicht mal ein Facebook-Account, über den er mit ihnen in Kontakt hätte treten können. Wenn er ehrlich war, konnte er sich kaum noch daran erinnern, warum sie nicht mehr miteinander sprachen. Er hatte seit Jahren nicht mehr an sie gedacht.

»Ich fand es schön gestern.« Uwe versuchte, nicht zu bedürftig zu klingen. Hannes war so still, dass Uwe nicht sicher war, ob er überhaupt noch am anderen Ende der Leitung war. Vielleicht war er einfach nur zu schüchtern, um am Telefon über seine Gefühle für Uwe zu sprechen? Vielleicht nickte Hannes gerade still, lächelte versonnen und wartete darauf, dass Uwe den nächsten Schritt machte?

Uwe hatte es endlich geschafft, die Hunde in Richtung Park zu zerren. Sie stürzten sich wie Verdurstende auf das Wasser, das ein bronzenes Walross in ein gemauertes Becken spie, und waren für den Moment vollkommen besessen von dem Bemühen, möglichst viel zu trinken, um später möglichst viel pinkeln zu können.

»Du bist der Typ auf dem Flur.«

Der Ton, in dem Hannes diese Feststellung traf, erinnerte Uwe an die erschöpfte Gleichgültigkeit, mit der sein Ex Du hast da was zwischen den Zähnen gesagt hatte, kurz bevor er Uwe gebeten hatte, aus der gemeinsamen Wohnung auszuziehen. Oder interpretierte er wie so oft viel zu viel hinein? Spielte ihm sein Minderwertigkeitskomplex einen Streich? Täuschte er sich? War er wieder einmal dem Irrglauben aufgesessen, andere könnten ihn nicht lieben, nur weil er selbst sich nicht zu lieben gelernt hatte? Uwes Therapeut hatte ihn wiederholte Male auf diese Möglichkeit hingewiesen.

»Ich hab dir echt meine Telefonnummer gegeben?«, seufzte Hannes erstaunt.

Vielleicht war dieser Mann ein Spätaufsteher. Nichts Persönliches. Einfach nur verschlafen! Immerhin hatte er sich an Uwe erinnert. Erleichtert nahm Uwe das Handy aus der Schulterbeuge. Er stellte sich vor, wie Hannes und er in zehn, fünfzehn Jahren ihren gemeinsamen Freunden, angefeuert von deren ungläubigem Lachen, erzählten, wie sie sich kennengelernt hatten: Wir haben es nicht mal bis in seine Wohnung geschafft. Am nächsten Tag hat er zehn Minuten gebraucht, um zu verstehen, wen er da am Telefon hat. Seitdem sind wir nicht einen Tag mehr getrennt gewesen. Nicht einen Tag, in all den Jahren. Hannes würde nach Uwes Hand greifen, und alle würden in ein gerührtes Ooooh! ausbrechen. Uwe fühlte, wie sich sein Herz hoffnungsvoll weitete, er konnte nicht dagegen an, er war plötzlich so glücklich, dass er fast laut gelacht hätte.

»Ich hab es schon mal probiert.« Das war nicht die ganze Wahrheit. Uwe hatte insgesamt sieben Nachrichten auf Hannes’ Mailbox hinterlassen, bis er ihn endlich erreicht hatte. »Ich dachte, du hättest vielleicht Lust, heute Abend irgendwas zusammen zu unternehmen.«

Uwe hatte zwei Karten für die Komische Oper besorgt. Er war selbst noch nie dort gewesen, aber irgendjemand hatte ihm erzählt, dass dort ein schwuler Intendant lustige Revuen inszenierte, und obwohl ihm die Erfahrung fehlte, dachte Uwe, dass das etwas sein könnte, was schwule Paare miteinander unternahmen. Kultur, die man mit dem 100er-Bus erreichen konnte. Und man blieb unter sich.

»Heute ist schlecht? Okay, kein Problem. Dann vielleicht morgen?« Uwe hatte die Veranstaltungstipps für die nächsten sieben Tage im Kopf und wollte Hannes für morgen eine Lesung von Harald Martenstein vorschlagen, den sein Zahnarzt rasend komisch fand, von dem er selbst aber noch nie gehört hatte.

»Morgen muss ja nicht, kein Ding, ist ja auch ein bisschen spontan jetzt. Freitag vielleicht?« Am Freitagabend würden Hannes und Uwe in ein Solebad in Mitte gehen, in dem sie schweben würden wie rotgeschuppte Neurodermitispatienten im Toten Meer (nur ohne Neurodermitis), während Orffs Carmina Burana und die Lichtinstallation irgendeines isländischen Videokünstlers sie in andere Sphären versetzten. Sie würden stundenlang nebeneinander im warmen Wasser treiben, und ihre Hände würden sich dabei sachte berühren.

»Klar, versteh ich, die Wochenenden sind immer so supervoll, logo. Gern auch nächste Woche. Du meldest dich! Super! Ich bin eigentlich immer frei. Okay. Ich freu mich! Ich freu mich total. Bis dann! Tschüs! Tschüsi!« Hannes hatte bereits aufgelegt.

Uwe zitterte. Die letzten Sätze hatten ihn alle Kraft gekostet, die er noch hatte. Die Hunde jaulten unzufrieden. Sie wollten weiter. Uwes Kehle war ausgetrocknet,...

Erscheint lt. Verlag 10.3.2016
Verlagsort Frankfurt am Main
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte 2. Weltkrieg • Alle unter eine Tanne • Altenpflege • Alter • ARD • Beerdigung • Bestseller • Ehe • Eltern • Erbe • Familie • Familienroman • Fernsehen • Film • Geschichte • Geschwister • Heimat • Kabarett • Kinder • Malediva • Mutter • Polen • Psychologie • Reise • Roman • Schwul • Taxi • Testament • Tod • Urne • Vater • Wahrheit
ISBN-10 3-10-403677-2 / 3104036772
ISBN-13 978-3-10-403677-9 / 9783104036779
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