Die Krankheitsermittler (eBook)
256 Seiten
Verlagsgruppe Droemer Knaur
978-3-426-42615-9 (ISBN)
Prof. Dr. Jürgen Schäfer, geboren 1956, ist Herzspezialist und Leiter des »Zentrums für unerkannte Krankheiten« an der Universitätsklinik Marburg. Er hat viele Jahre in den USA geforscht. In seinen Vorlesungen unterrichtet Jürgen Schäfer seine Studenten am Beispiel von Folgen der TV-Serie Dr. House, dafür wurde er mit einem Preis für exzellente Lehre ausgezeichnet.
Prof. Dr. Jürgen Schäfer, geboren 1956, ist Herzspezialist und Leiter des »Zentrums für unerkannte Krankheiten« an der Universitätsklinik Marburg. Er hat viele Jahre in den USA geforscht. In seinen Vorlesungen unterrichtet Jürgen Schäfer seine Studenten am Beispiel von Folgen der TV-Serie Dr. House, dafür wurde er mit einem Preis für exzellente Lehre ausgezeichnet.
Eine neue alte Spur
Der engagierte Hausarzt schickte Herrn Sauerle schließlich zu mir.
Sauerle fuhr mit dem Zug aus dem Schwarzwald nach Marburg. Seine Frau hatte ihn mit dem Auto bringen wollen, doch im Zug konnte er wenigstens aufstehen und langsam herumlaufen.
Schon im Wartezimmer krümmte er sich vor Schmerzen, behauptete aber zunächst, sie seien nicht besonders schlimm.
Das Symptom »Schmerzen« ist ein Puzzleteil, das stark vom subjektiven Empfinden des Patienten abhängt.
Ein Puzzleteil, das unterschiedlich geformt ist, je nachdem, wer es in die Hand nimmt, ist natürlich problematisch. Deshalb wird in den meisten Kliniken seit einiger Zeit ein Hilfsmittel benutzt, um aus dem individuellen Schmerzempfinden etwas zu machen, das sich besser vergleichen lässt: die sogenannte Schmerzskala von null bis zehn. Null bedeutet gar keinen Schmerz, zehn ist der schlimmste Schmerz, den man sich überhaupt vorstellen kann. Auch wenn es natürlich Zeitgenossen gibt, bei denen jeder noch so geringe Schmerz bereits mit 15 beginnt, hat sich die Skala bewährt. Mit den Zahlen lässt sich viel besser kalkulieren als mit ungefähren Angaben wie: »Es tut weh«, »Es tut sehr weh« oder »Hier empfinde ich einen leichten Schmerz«.
Einen wehleidigen Eindruck machte Sauerle auf mich nicht.
»Wie stark sind die Schmerzen?«, fragte ich.
Er antwortete: »Nicht besonders stark. Es geht eigentlich.«
Auf der Schmerzskala beschrieb er seine Schmerzen dennoch mit »8–10«. Sie mussten also tatsächlich sehr stark sein.
Er berichtete mir auch, dass er nicht mehr laufen konnte. »Das ist das Allerschlimmste«, sagte er.
»Laufen Sie viel im Wald?«, fragte ich.
»Ja. Im Wald, über Felder und manchmal auch querfeldein«, sagte er.
Ich dachte sofort an Zecken.
»Wurden Sie in letzter Zeit von Zecken gebissen?«, fragte ich.
»Ja, aber das ist schon einige Monate her«, antwortete Sauerle, »aber gegen Hirnhautentzündung bin ich zum Glück geimpft. Außerdem ist die Stelle nie rot geworden. Darauf habe ich immer geachtet.«
Viele Menschen stecken Borreliose und Hirnhautentzündung, die sogenannte Frühsommermeningoenzephalitis (FSME) durch Zecken, in einen Topf. Dabei handelt es sich um zwei ganz verschiedene Erkrankungen. Gegen die virale Frühsommermeningoenzephalitis, die man landläufig als Hirnhautentzündung bezeichnet, kann und sollte man sich impfen lassen. Borreliose wird jedoch nicht durch Viren verursacht. Ein Impfstoff gegen Borreliose ist bislang leider noch nicht gefunden worden.
Typisch für Borreliose ist eine Rötung der Bissstelle, eine sogenannte Wanderröte. Sie ist ein recht typisches, aber kein zwingendes Merkmal. Was viele nicht wissen: Bei bis zu jeder zweiten Borreliose-Infektion tritt gar keine Rötung auf. Zudem kann der Zeckenbiss an einer Stelle erfolgen, wo der Betroffene selbst nur unter größeren Verrenkungen etwaige Hautveränderungen sehen kann. Aber selbst wenn eine Rötung auftritt, ist sie manchmal so blass, dass sie gar nicht weiter auffällt. Die Krankheit äußert sich zudem erst Wochen oder Monate nach dem Biss, der dann häufig schon lange vergessen ist. Es kommt zu heftigen Schmerzen im Körper, zu Lähmungen oder Gelenkbeschwerden.
Eine Borreliose-Erkrankung war demnach bei Sauerle keineswegs ausgeschlossen. Ganz im Gegenteil, er wusste ja selbst, dass er von Zecken gebissen worden war. Er musste getestet werden.
Leider ist ein Borreliose-Test nicht so einfach wie ein Schwangerschaftstest. Die zuständigen Diagnostikahersteller, Fachgesellschaften und Gesundheitspolitiker haben es bislang bedauerlicherweise versäumt, für klare und in jedem Einzelfall belastbare Testverfahren zu sorgen.
Es gibt momentan Dutzende teils widersprüchlicher Bluttests, was natürlich ein kaum haltbarer Zustand ist. Eine Krankheit kann nicht abhängig vom Testsystem sein, mit dem sie analysiert wird. Es ist schwer zu sagen, was schlimmer ist: ein falscher positiver (also Verdacht auf Borreliose, obwohl keine vorliegt) oder ein falscher negativer Test (also Ausschluss von Borreliose, obwohl sie vorliegt).
Im ersten Fall zeigen Patienten Symptome wie chronische Muskel- oder Kopfschmerzen, die tatsächlich bei Borreliose auftreten können, jedoch auch bei vielen anderen Krankheiten – Fibromyalgie, Rheuma, Multiple Sklerose, chronisches Erschöpfungssyndrom oder Migräne. Geht man trotzdem fälschlicherweise von Borreliose aus, dann wird nicht nur unnötigerweise mit Antibiotika behandelt, sondern auch die tatsächliche Ursache nicht frühzeitig genug erkannt und behandelt.
Im zweiten Fall ist es dann die Borreliose, die nicht richtig erkannt und nicht schnell genug behandelt wird.
Deshalb ist bei Borreliose eine korrekte und sorgfältig kontrollierte Labordiagnostik ebenso unerlässlich wie eine ausführliche Anamnese. Die Laborwerte allein sind nämlich oft erst in Kombination mit den entsprechenden Beschwerden aussagekräftig. Klagt ein Patient über wandernde Schmerzen und kann sich an einen vorangegangenen Zeckenbiss gar noch mit einer Wanderröte erinnern, dann spricht solch ein Befund für Borreliose. In diesem Fall sollte man keine Zeit verlieren. Dennoch wäre hier die Bestimmung von IgM- und IgG-Antikörpern gegen Borrelien sinnvoll. Lassen sich IgG-Antikörper nachweisen, bedeutet dies, dass der Patient bereits einmal Kontakt mit Borrelien hatte. Sind die IgG-Antikörper dagegen noch negativ, das heißt nicht nachweisbar, dann spricht ein erhöhter IgM-Antikörper-Wert für eine recht frische Infektion, die gerade noch im Gange ist.
Durch den Einsatz molekularbiologischer Verfahren (genannt Polymerase-Kettenreaktion = PCR), mit denen die Erbinformation der Borrelien nachgewiesen werden kann, gibt es heute zudem völlig neuartige Diagnosemöglichkeiten, mit deren Hilfe man sogar aus der asservierten Zecke heraus nachweisen kann, ob diese mit Borrelien infiziert ist.
Da sich Sauerle selbst an einen Zeckenbiss erinnern konnte, war die Diagnose bei ihm einfacher. In seinem Blut fanden wir IgM-Antikörper. Er hatte sich also kürzlich mit Borreliose infiziert. Wir verordneten ihm umgehend eine dreiwöchige Antibiotikainfusion, die vom Hausarzt gegeben wurde. Noch vor Ende der Therapie hatte er kaum noch Schmerzen.
Weil keine Wanderröte vorhanden war, hatte der eigentlich sehr engagierte Hausarzt also zu schnell Borreliose ausgeschlossen. Ärgerlich war aber auch das Vorgehen der beiden Fachärzte in Dermatologie und Neurologie. Sie hatten lediglich den vom Hausarzt vermuteten Verdacht auf Gürtelrose ausgeschlossen und sich um weitere Ursachen gar nicht gekümmert. Das ist, als würde man mit einem Auto mit ernsthaftem Motorschaden in die Werkstatt fahren, um dort zu hören: »Also, Scheibenwischerwasser ist auf jeden Fall noch genug da, daran kann es nicht liegen.« Hier würde man sich wünschen, dass der Patient mit seinem Leiden mehr im Mittelpunkt stünde als der Ausschluss einer ohnehin unwahrscheinlichen Verdachtsdiagnose.
Borreliose tritt übrigens in drei Stadien auf: dem frühen, lokalisierten Stadium (Stadium I), dem frühen Stadium der Ausbreitung (Stadium II) und dem späten Stadium (Stadium III). Im Stadium I, der frühen Phase der Infektion, kommt es innerhalb von ein bis zwei Wochen zu einem grippeähnlichen Infekt mit Kopf- und Gliederschmerzen, Fieber und Lymphknotenschwellungen. Sauerle hatte diesem Infekt keine weitere Beachtung geschenkt.
In 50 bis 80 Prozent der Fälle entwickelt sich zu diesem Zeitpunkt auch der für Borreliose typische Hautausschlag: ein flächenhafter oder ringförmiger Ausschlag an der Stelle des Zeckenbisses, der zunächst aussieht wie eine Zielscheibe und sich immer weiter vergrößert – daher der Name Wanderröte (Erythema migrans). Der Ausschlag tut nicht weh, juckt nicht und ist nicht ansteckend.
Wird das Stadium I nicht behandelt, tritt innerhalb von Wochen oder Monaten nach dem Zeckenbiss das Stadium II ein. In diesem Stadium breiten sich die Borrelien im ganzen Körper aus.
Dabei kann sogar das Herz so in Mitleidenschaft gezogen werden, dass manche Patienten wegen AV-Blockierungen, die zu einem sehr langsamen Herzschlag führen, einen Herzschrittmacher benötigen. Im Stadium II kommt es zu quälenden, brennenden Schmerzen an den Austritten der Nerven am Rückenmark und entlang der Nervenverläufe an Armen und Beinen. Es kann zu einem Befall des Nervensystems kommen.
Bei mehr als 90 Prozent der Patienten führt die Neuroborreliose zu Lähmungen sowie Gefühlsstörungen auf der Haut. Oftmals sind Hirnnerven mit betroffen, was eine sogenannte Fazialislähmung auslösen kann. Dabei hängt ein Mundwinkel schlaff herunter, der Betroffene kann auf der gleichen Seite die Stirn nicht mehr runzeln und das Augenlid nicht mehr richtig schließen. Manche nehmen zusätzlich den Geschmack von Speisen nicht mehr richtig wahr.
Das Spätstadium der Borreliose, das Stadium III, kann mehrere Monate bis Jahre nach einer Infektion auftreten. Dabei leidet der Patient vor allem unter immer wiederkehrenden Gelenkschmerzen, und es kann zu chronischen Hautveränderungen kommen, der sogenannten Akrodermatitis chronica...
Erscheint lt. Verlag | 14.8.2015 |
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Verlagsort | München |
Sprache | deutsch |
Themenwelt | Sachbuch/Ratgeber ► Gesundheit / Leben / Psychologie |
Schlagworte | Bernhard Gerber • Christina Mendes • Conn-Syndrom • Deutschland • Diagnose • Diagnostik • Erfahrungen und wahre Geschichten • Erfahrungsberichte • Erfahrungsberichte wahre Geschichten • Erzählendes Sachbuch • Harald Brinkmann • Jürgen Schäfer • Krankheiten • Lupus • Michael Lessing • Morbus Wegener • Psychosomatisch • rätselhafte Erkrankungen • Seltene Krankheiten • true medicin • true medicine • unerkannte Krankheiten • Uniklinik • Ursachenforschung • Vera Wein • Wahre Begebenheit • wahre Begebenheit Buch • Wahre GEschichte |
ISBN-10 | 3-426-42615-3 / 3426426153 |
ISBN-13 | 978-3-426-42615-9 / 9783426426159 |
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