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Kaninchenherz (eBook)

Kriminalroman
eBook Download: EPUB
2015 | 1. Auflage
352 Seiten
Ullstein (Verlag)
978-3-8437-1084-8 (ISBN)
Systemvoraussetzungen
7,99 inkl. MwSt
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Friedhofsgärtnerin Gesine Cordes ist schockiert, als sie sieht, für wen die Beerdigung am heutigen Tag ist: Ihre eigene Schwester Mareike wird begraben. Seit zehn Jahren haben sich die beiden Schwestern nicht mehr gesehen. Seit Gesines Sohn unter bis heute ungeklärten Umständen ums Leben kam. Beide gaben sich gegenseitig die Schuld an seinem Tod. Gesine hat damals alles verloren. Ihre Arbeit als Kriminalkommissarin, ihre Wohnung, ihre Familie. Warum musste ihre Schwester sterben? War es Mord? Was wissen die Eltern? Als Gesine nachforscht, stößt sie auf eine Mauer des Hasses.

Annette Wieners, geboren in Paderborn, hat für ARD, ZDF und WDR als Drehbuchautorin gearbeitet. Sie lebt als Autorin und Journalistin in Köln.

Annette Wieners, geboren in Paderborn, hat für ARD, ZDF und WDR als Drehbuchautorin gearbeitet. Sie lebt als Autorin und Journalistin in Köln. Kaninchenherz ist ihr Krimidebüt.

1


Der Asphalt war bucklig, durchzogen von Baumwurzeln, und die Trauerkränze auf der Ladefläche gerieten ins Rutschen. Gesine hatte keine Zeit zu verlieren. Sie lenkte ihren Pick-up auf den Weg, der zur Kapelle führte. Sie gab noch mehr Gas und wäre am liebsten bis vor den Eingang der Kapelle geprescht, aber dort hockte ein Mann und sah ihr entgegen. Er hielt zwei Mädchen an den Händen, auch sie drehten die Köpfe, als der Pick-up näher kam. Jäh trat Gesine auf die Bremse und klappte die Sonnenblende herunter, siebzig oder achtzig Meter von den dreien entfernt.

Der Mann war ihr fremd, vom Alter her vielleicht passend, aber sie hatte ihn noch nie zuvor gesehen. Der Anblick der Mädchen dagegen war ein Schock. Sie hatten lange, lockige Haare. Mahagonifarben.

Sie schaffte es kaum, den Rückwärtsgang einzulegen, schaffte es noch viel weniger, unter den Blicken der anderen zu wenden, sondern trat wieder auf die Bremse. Keine Aufmerksamkeit erregen, sich nicht verdächtig machen. Außerdem hatte sie ja die Kränze geladen. Wohin mit dem teuren Zeug, wenn sie den Friedhof jetzt fluchtartig verließ? Mitnehmen? Und dann? Hätte sie bloß rechtzeitig die Auftragspapiere gelesen, heute früh, bevor sie die Kränze packte.

Der Mann und die Mädchen starrten zu ihr herüber. Gesine ließ den Wagen nach rechts an den Wegesrand rollen und schaltete den Motor aus. Die Kinder schienen über etwas zu lachen, das der Mann ihnen erzählte, und endlich guckten sie woanders hin. Sie fingen sogar an zu hüpfen, sahen beinahe fröhlich aus, aber Gesine ließ sich nicht täuschen. Kinder mussten immerzu zappeln, gerade wenn es ans Eingemachte ging.

Ihr wurde schlecht. Sie nahm ihr Handy und stellte es stumm für den Fall, dass der Chef anrief. Was sollte sie ihm sagen, wenn er fragte, wie sie in der Kapelle zurechtkam? Dass sie auf dem besten Weg war, die Beerdigung zu sprengen? Dass sie heute leider nicht arbeiten konnte, aus Gründen, die ihr aber nicht über die Lippen kamen?

Sie schob ihr Haar zusammen, tastete neben dem Sitz nach der Kappe und setzte sie auf. So ging es ein wenig besser. Jetzt noch die Sonnenbrille. In der Mittelkonsole steckte das Etui. Es war leer. Sie wühlte im Handschuhfach: eine Tüte Erdnüsse, das Messer, die Amboss-Schere. Sie ratschte sich den Daumen, fand dann aber doch noch die Brille, verschränkte die Arme und drückte die Finger fest in die Muskeln.

Die beiden Mädchen waren gleich gekleidet, mit kurzen weißen Röcken und T-Shirts. Sie waren auch gleich groß, obwohl das eine etwas dünner wirkte als das andere. Zwillinge also. Vielleicht konnte Gesine sich beruhigen, denn Zwillinge lagen überhaupt nicht in der Familie. Es war absurd, sich allein aufgrund einer Haarfarbe verrückt zu machen.

Die Auftragspapiere glitten raschelnd vom Schoß in den Fußraum. Sie schob sie mit der Hacke unter den Sitz. Eigentlich galt es nur, die Nerven zu bewahren und die Arbeit genau so zu erledigen wie sonst auch. Sie musste Kränze und Gebinde zügig vom Pick-up laden und sich nicht darum kümmern, was auf den Schleifen stand. Außerdem durfte sie sich nicht in ein Gespräch verwickeln lassen, während sie das Zeug in die Kapelle brachte. Das war alles.

Nur mit Hannes sollte sie noch reden, später, wenn er mit dem Sarg kam. Wenn sie ihn kurz und knapp einweihte, würde er ihr augenblicklich helfen, vom Friedhof zu verschwinden, bevor die Trauergemeinde zusammenfand.

Ein Kiefernzapfen fiel auf die Kühlerhaube und rollte zur Seite. Hoch oben, zwischen den alten Kronen, glitzerte die Frühjahrssonne. Ein Specht klopfte. Gesine schloss den Fensterspalt und machte sich bereit.

Als sie die Autotür ins Schloss warf, schaute eines der Mädchen zu ihr. Kein Problem. Die Kappe warf einen Schatten, und die große, dunkle Sonnenbrille verhinderte den Blickkontakt.

Sie ging energisch auf den Vorplatz und grüßte den Mann mit einem knappen Nicken. Für eine Friedhofsgärtnerin war es die perfekte Art zu grüßen: Man zollte Respekt, trat aber niemandem zu nahe. Der Mann allerdings machte sofort Anstalten, ihr entgegenzugehen. Ein sportlicher Typ mit einem Lederband um den Hals. Er schob die Kinder vor sich her. Dicht an dicht saßen die Sommersprossen auf ihren Nasen. Gesine ging noch eine Spur schneller. Ihre eigenen Sommersprossen brannten plötzlich wie Funken auf der Haut.

»Ist es so weit?«, fragte der Mann.

»Nein, ich bringe nur die Sachen von der Gärtnerei.« Sie fingerte nach dem Schlüssel für die Kapelle.

»Welche Sachen?« Eines der Kinder kam bedrohlich nah.

Der Schlüssel fiel zu Boden, Gesine bückte sich und ersparte sich eine Antwort, indem sie die Kapelle in Rekordzeit aufschloss und ins Dämmerlicht tauchte. Mit einem Ruck zog sie die Tür hinter sich zu, hielt die Klinke fest und lauschte. Unhöflich war sie, auffallend hektisch, aber niemand wagte, ihr zu folgen. Der Mann murmelte draußen noch etwas, vermutlich enttäuscht, und entfernte sich. Sie nahm die Brille ab und schob an der Tür den eisernen Riegel vor.

Neun Uhr schon. Die Beerdigung war erst für zwölf angesetzt, aber weil das Wetter so schön war, würden sich die Leute vielleicht früher treffen. Sie könnten sich auf dem Parkplatz versammeln und über die Verstorbene austauschen. Wo und wie war es passiert? Hatte sie Schmerzen gehabt, war sie allein gewesen? Und dann, wie zur Probe, konnte die Trauergemeinde schon einmal zum offenen Grab gehen und in die Tiefe schauen.

Ob ihre Eltern heute auch dabei sein würden? Aber was war das für eine Frage, selbstverständlich würden die Eltern kommen. Sie würden es als ihre Pflicht ansehen, auch wenn sie vor zehn Jahren noch behauptet hatten, auf einem Friedhof spiele Pflicht keine Rolle, sondern es gehe um den Wunsch, etwas über den Tod hinaus am Leben zu erhalten, selbst wenn es weh tue. Eine Erinnerungsstätte zu schaffen.

Wie weh tat es den Eltern denn heute im Vergleich zu damals, vor zehn Jahren?

Gesine zog die Kappe vom Kopf und stellte die Oberlichter der Kapelle hoch. Die laue Morgenluft strich über ihre Wangen. Vor dem Podest, auf dem später der Sarg stehen würde, war Wachs angetrocknet, weiße Spritzer auf dem Schieferimitat. Ein Papiertuch klemmte zwischen den Stühlen in der ersten Reihe. Ein Fehler der Putzfrau oder sogar ein Fehler von Hannes.

Sie nahm das Tuch, suchte den Mülleimer und fand ihn in der Ecke, bis an den Rand mit Taschentüchern und Bonbonpapier gefüllt. Ein zerknitterter Text lag obenauf, wässrig verwischte Schrift. Das Manuskript einer traurigen Rede. An anderen Tagen hätte Gesine die Zeilen genommen, sich rasch damit hingesetzt und gelesen. Heute aber huschte sie weiter in den Abstellraum und zerrte den Gitterwagen für die Kränze hervor.

Uralte Gummireifen, die rostigen Achsen quietschten. Am Stahlgeflecht, das senkrecht aus der Mitte ragte, schwankten gewaltige Haken. Der Wagen war ein Ungetüm, doch mit ihm ließ sich Zeit sparen, denn mit ihm konnte man ein Dutzend Trauerkränze auf einmal transportieren. Falls es gelang, ihn zu manövrieren.

Um wie viel Uhr kam Hannes, um ihr zu helfen?

Erneut lauschte Gesine nach draußen. Vor den Oberlichtern stritten sich Vögel. Ein Grünfink saß auf dem Sims. Von dem Mann und den Zwillingen war nichts mehr zu hören.

Sie rollte den Wagen bis zur Eingangstür und wollte gerade den Riegel zurückschieben, da fielen ihr Kappe und Sonnenbrille ein. Hastig setzte sie die Brille auf und zog den Schirm der Kappe tief in ihr Gesicht.

Der Mann und die Kinder standen stumm auf dem Vorplatz. Als der Gitterwagen kam, wichen sie zur Seite. Der Mann lächelte Gesine zu, sich entschuldigend, weil er im Weg war. Ein Fehler, dieses Lächeln. Zu freundlich war es, zu nah. Gesine stieß sich das Schienbein am Wagen. »Autsch«, kommentierte eines der Kinder. Sie schubste das Gefährt nach vorn. Die Räder holperten hart über den Lehm und die Haken klapperten erbärmlich, aber es nützte überhaupt nichts, einen solchen Lärm zu machen. Das Bild hatte sich längst in Gesines Hirn gebrannt: Die Mädchen sahen eindeutig so aus, wie sie selbst früher ausgesehen hatte. Sie selbst und auch ihre Schwester Mareike.

Das musste man sich einmal vorstellen: Gesine und Mareike waren sich ähnlich gewesen, und Gesine hatte das auch noch gefallen! Auszusehen wie die große Mareike, die hoch in die Luft spucken konnte und darunter hindurchlief. Die Gitarre spielte und ihre Augenlider herunterklappte wie ein Star, ohne peinlich zu wirken. Die jeden küssen durfte, der ihr gefiel.

Der Gitterwagen kam zum Stehen. Gesines Schienbein brannte. Hinter ihr wurde gekichert, und die Mädchen liefen umeinander, während der Mann sich die Hosenbeine abklopfte. Niemandem schien etwas aufgefallen zu sein. Unglaublich, aber es war ja auch alles schon so lange her.

Sie rückte Brille und Kappe zurecht und spürte ihre Hände feucht am Gesicht. Dann bugsierte sie den Kranzwagen längs neben den Pick-up und holte sich die Arbeitshandschuhe vom Beifahrersitz. Kurz lehnte sie sich an die Tür. Der Autolack glänzte, tiefschwarz, obwohl alle anderen Friedhofsgärtner grüne Wagen fuhren.

Von der Ladefläche stieg Tannenduft auf. Die Kränze, Gestecke und Buchsbaumkugeln, die zu verteilen waren, lagen in der prallen Sonne. Sie öffnete die Seitenklappen. Eine Hummel brummte zwischen den Blüten, wütend, weil die Treibhausware nichts hergab.

»Was steht da?«

Das dünne Mädchen hatte sich zum Pick-up geschlichen und zupfte an der weißen Schleife, die von der Ladefläche hing. Gesine wandte ihr Gesicht ab.

»In Liebe«, sagte sie, »und ein paar...

Erscheint lt. Verlag 8.6.2015
Reihe/Serie Ein Gesine-Cordes-Krimi
Ein Gesine-Cordes-Krimi
Verlagsort Berlin
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Krimi / Thriller / Horror Krimi / Thriller
Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte Friedhof • Giftpflanzen • Inge Löhnig • Krimi • Mord • Nele Neuhaus • Serie • Spannung • Tod
ISBN-10 3-8437-1084-8 / 3843710848
ISBN-13 978-3-8437-1084-8 / 9783843710848
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