Dem Himmel bin ich auserkoren (eBook)
272 Seiten
S. Fischer Verlag GmbH
978-3-10-403454-6 (ISBN)
Thornton Wilder wurde am 17. April 1897 in Madison, Wisconsin, als Sohn eines Zeitungsverlegers geboren, der als Generalkonsul nach Hongkong und Schanghai ging. Thornton Wilder erhielt für sein umfangreiches literarisches Werk zahlreiche Auszeichnungen, u. a. dreimal den Pulitzer-Preis und 1957 in Frankfurt am Main den Friedenspreis des deutschen Buchhandels. Er starb am 7. Dezember 1975 in Hamden, Connecticut.
Thornton Wilder wurde am 17. April 1897 in Madison, Wisconsin, als Sohn eines Zeitungsverlegers geboren, der als Generalkonsul nach Hongkong und Schanghai ging. Thornton Wilder erhielt für sein umfangreiches literarisches Werk zahlreiche Auszeichnungen, u. a. dreimal den Pulitzer-Preis und 1957 in Frankfurt am Main den Friedenspreis des deutschen Buchhandels. Er starb am 7. Dezember 1975 in Hamden, Connecticut.
Erstes Kapitel
George Marvin Brush versucht in Texas und Oklahoma ein paar Seelen zu retten. Doremus Blodgett und Margie McCoy. Gedanken bei Vollendung des dreiundzwanzigsten Lebensjahrs. Brush hebt seine Ersparnisse von der Bank ab. Seine kriminelle Vergangenheit. Verhaftung Nummer zwei.
Eines Morgens im Spätsommer 1930 entdeckten der Besitzer und mehrere Gäste des Hotels Union in Crestcrego, Texas, zu ihrem Ärger, daß auf der Löschunterlage des Hotelschreibtisches frischgeschriebene Bibelsprüche prangten. Zwei Tage später wurden die Gäste in McCartys Gasthof in Usquepaw, im selben Staat, auf die gleiche Weise gereizt, und der Direktor des nahen Juwel-Theaters machte die unliebsame Entdeckung, daß ein Plakat von seiner Tür herabgerissen und zertrampelt worden war.
Am selben Abend ging ein junger Mann an der Baptistenkirche der Stadt vorbei, und da er sah, daß soeben der alljährliche Bibelfragen-Wettbewerb stattfand, zahlte er seine fünfzehn Cent, suchte sich einen Platz an der Wand und gewann den ersten Preis, wobei er sich besonders durch die Stammtafel König Davids hervortat.
Am nächsten Abend, hinter Fort Worth, bemerkten mehrere Reisende des Nachtschnellzugs in einem der Pullmanwagen mit Erstaunen einen jungen Mann, der im Schlafanzug vor seiner Bettstelle kniete und betete. Seine innere Sammlung blieb ungestört durch die Hefte des ›Western Magazine‹ und der ›Film World‹, die ihm an den Kopf flogen. Als am nächsten Morgen eine junge Dame, die sich nach dem Frühstück auf die Plattform des Wagens zurückgezogen hatte, um eine beschauliche Zigarette zu genießen, zu ihrem Sitz zurückkehrte, entdeckte sie, daß jemand eine Geschäftskarte in den Winkel des Fensterrahmens gesteckt hatte.
GEORGE MARVIN BRUSH
Vertreter von
CAULKIN & COMPANY
Schulbücher • Verlag von Caulkins ›Arithmetik‹ und ›Algebra‹
und andern unübertrefflichen Unterrichtswerken
für höhere und niedere Lehranstalten
An den oberen Rand der Karte waren säuberlich mit Bleistift die Worte geschrieben: ›Frauen, welche rauchen, taugen nicht zu Müttern.‹ Die junge Dame errötete ein wenig, zerriß die Karte zu kleinen Schnitzeln und tat, als schliefe sie ein. Nach ein paar Augenblicken setzte sie sich auf und sah sich mit einem heuchlerischen Ausdruck müder Verachtung im Wagen um. Keinem der Mitreisenden schien sie so etwas zuzutrauen, am allerwenigsten einem hochgewachsenen, kräftig gebauten jungen Mann, dessen Augen mit ernster Beharrlichkeit auf ihr ruhten.
Dieser junge Mann fühlte, daß er seinen Zweck erreicht hatte, ergriff seine Aktentasche und ging in den Raucherwagen vor. Hier war fast jeder Platz besetzt. Es war schon recht heiß, und die Raucher hatten sich ihrer Röcke und Kragen entledigt und rekelten sich in dem blauen Qualm. Mehrere Kartenpartien waren in Gang, und in der einen Ecke sang ein unternehmungslustiger Jüngling einen endlosen Gassenhauer, wobei er abwechselnd mit den Fingern schnalzte und mit den Absätzen stampfte, um den Takt zu markieren. Eine bewundernde Gruppe war um ihn versammelt und unterstützte ihn im Refrain. Gemütliche Geselligkeit herrschte bereits im Wagen, und humorvolle Bemerkungen flogen von einem Ende zum andern. Brush blickte prüfend umher und wählte den Sitz neben einem hageren, ledergesichtigen Mann in Hemdsärmeln.
»Setzen Sie sich, junger Mann«, sagte sein Nachbar, »Sie bringen ja den ganzen Wagen ins Wackeln. Setzen Sie sich und leihen Sie mir 'n Streichholz!«
»Mein Name ist George Marvin Brush«, sagte der junge Mann, ergriff die Hand des andern und sah ihm ein wenig gläsern in die Augen. »Freut mich, Sie kennenzulernen. Ich reise in Schulbüchern. Ich bin in Michigan geboren und unterwegs nach Wellington, Oklahoma.«
»Ist ja großartig«, sagte der andre, »großartig! Aber regen Sie sich ab, regen Sie sich ab! Es hat Sie niemand verhaftet.«
Brush errötete ein wenig und sagte mit einem Anflug von Gewichtigkeit: »Bevor ich ein Gespräch beginne, lege ich gern die Karten auf den Tisch.«
»Was hab ich Ihnen gesagt, Jungdien?« entgegnete der andre und warf ihm einen kalten, aber verstohlen neugierigen Blick zu. »Regen Sie sich ab! Zünden Sie sich eine an!«
»Ich rauche nicht«, antwortete Brush.
Das Gespräch durchlief das Wetter, die Ernte, die Politik und die Wirtschaftslage. Zuletzt fragte Brush: »Bruder, darf ich zu Ihnen über das Allerwichtigste im Leben sprechen?«
Der Mann streckte seine langen Beine faul auf den umgedrehten Sitz vor sich und fuhr sich mit der Hand über das schlau lächelnde gelbliche Gesicht. »Wenn's 'ne Versicherung ist – bin schon bedient«, sagte er. »Wenn's Petroleumaktien sind – rühr ich nich an! Und wenn's Religion ist – meine Seele ist schon gerettet.«
Brush wußte sogar darauf eine Antwort. Er hatte im College einen Kursus: ›Wie eröffnet man mit Fremden ein Gespräch über Seelenrettung?‹ besucht, der mit zweieinhalb Punkten angerechnet wurde und dem gewöhnlich im nächsten Semester ›Beweisgründe für heilige Wahrheiten‹ – eineinhalb Punkte – folgten. Dieser Kursus hatte die Eröffnungsmöglichkeiten für ein solches Gespräch und die wahrscheinlichen Erwiderungen behandelt, darunter auch die, daß der Fremde seine Seele für schon gerettet erklärte. Diese Behauptung konnte (a) wahr oder (b) unwahr sein. Auf jeden Fall hatte der Evangelist, wie nun Brush, darauf zu sagen: »Das ist schön. Es gibt kein größeres Vergnügen, als mit einem Gläubigen über diese erhabenen Dinge zu sprechen.«
»Ich bin schon gerettet«, wiederholte der andre, »und zwar davor, öffentlich einen gottverdammten Narren aus mir zu machen. Ich bin davor bewahrt, Sie kleiner Pfauenschnabel, meine Nase in andrer Leute Angelegenheiten zu stecken. Also klappense Ihren verdammten Quasselkasten zu und machense, daß Sie rauskommen, oder ich reiß Ihnen die Zunge aus 'm Hals!«
Auch diese Stellungnahme war von den Bekehrungsstrategen vorausgesehn worden. »Sie sind zornig, Bruder«, sagte Brush, »weil Sie sich eines unerfüllten Lebens bewußt sind.«
»Hören Sie«, sagte der andere feierlich, »jetzt hören Sie mal, was ich Ihnen sage! ich warne Sie! Noch einen Mucks in dieser Tonart, und ich tu, was Sie bedauern werden. – Nee, warten Sie mal! Sagen Sie nich, ich habse nich gewarnt! Noch einen Mucks –«
»Ich werde Sie nicht weiter bemühn, Bruder«, sagte Brush, »aber wenn ich aufhöre, dürfen Sie nicht glauben, daß ich es tue, weil ich mich vor Ihnen fürchte!«
»Was hab ich Ihnen gesagt?« fragte der Mann ruhig, beugte sich seitwärts, ergriff die Aktentasche, die Brush zwischen seine Füße gestellt hatte, und warf sie aus dem offenen Fenster. »Springense hinterdrein und holense sich die, Verehrtester, und denn lernense sich Ihre Leute besser auszusuchen!«
Brush stand auf. Er lächelte steif. »Bruder«, sagte er, »es ist ein Glück für Sie, daß ich Pazifist bin. Ich könnte Sie hier gegen das Wagendach schmettern. Ich könnte Sie an einem Bein hier im Kreis herumschwingen. Bruder, ich bin der stärkste Mann, der je in unserm Turnsaal im College geprüft wurde. Aber ich werde Sie nicht anrühren. Sie sind ausgehöhlt und angefault von Alkohol und Nikotin.«
»Ha, ha, ha!« lachte der Mann als Antwort.
»Ein Glück für Sie, daß ich Pazifist bin«, wiederholte Brush mechanisch, während er dem Mann in die Augen und auf die gelben Stränge seines Halses und den bläulichen Eindruck starrte, den der Kragenknopf hinterlassen hatte.
Nun interessierte sich schon der ganze Wagen für den Vorfall. Der Ledergesichtige warf seinen Arm über die Rückenlehne und schloß den Sitznachbar in seine Erheiterung ein. »Der hat 'nen Fimmel, was?« sagte er.
Die Stimmen im Wagen begannen zu einer drohenden Flut anzuschwellen. ›Raus! – Zum Teufel mit ihm! – Schmeißt ihn raus!‹
Brush schrie dem Mann ins Gesicht: »Sie sind voll von Gift … Das sieht jeder. Sie sind am Absterben. Warum denken Sie nicht daran?«
»Ha, ha, ha!« wieherte der Mann.
Eine Stunde später erreichte der Zug Wellington. Brush ging ins Hotel, mietete ein Auto und fand die Aktentasche wieder. Er verbrachte den Tag damit, die Fachlehrer an der Oberschule aufzusuchen. Als er nach dem Abendessen aus dem Speisesaal kam, trat er an den Schreibtisch, schrieb säuberlich einen Bibelspruch quer über das Löschblatt und ging früh zu Bett.
Der nächste Morgen brachte seinen dreiundzwanzigsten Geburtstag. Er erhob sich zeitig und wollte das Hotel zu einem Spaziergang vor dem Frühstück verlassen. in der Hand hielt er eine vorläufige Aufstellung seiner guten Vorsätze für das Jahr und eine Liste seiner Tugenden und Fehler. Als er die Halle durchschritt, bemerkte er, daß ein frisches Löschblatt auf den Schreibtisch gelegt worden war. Er trat hinzu, zog seine Füllfeder hervor und stand einen Augenblick unschlüssig. Dann malte er, ohne sich zu setzen, an den oberen Rand die Worte: ›Gott sieht alles!‹
Ein Neger, der auf dem Boden kauerte und Spucknäpfe scheuerte, hob langsam den Blick und sagte mit vorsichtiger Feindseligkeit: »Sie lieba nich auf Löschblatt schreiben. Mistah Gibbs, a schrecklich wild werden. A schon einmal hat müssen neues geben, und a schrecklich wild.«
»Schadet es irgend jemand?« fragte Brush ruhig und steckte die Füllfeder ein.
»Vo'k das nich haben gern. Mistah Blodgett, a hier wohnen, auch ganz wild.«
»Gut. Sagen Sie Mr. Blodgett, er möge mit mir darüber sprechen. Ich möchte ihn gern kennenlernen«, erwiderte Brush, ging zum Eiswasserbehälter und füllte sich...
Erscheint lt. Verlag | 20.11.2014 |
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Übersetzer | Herberth E. Herlitschka |
Verlagsort | Frankfurt am Main |
Sprache | deutsch |
Themenwelt | Literatur ► Klassiker / Moderne Klassiker |
Literatur ► Romane / Erzählungen | |
Schlagworte | 1930 • 30er Jahre • Alltag • Amerika • Dreißiger • Dreißiger Jahre • George Brush • George Marvin Brush • Geschäftsreise • Gesellschaftskritik • Handlungsreisender • Heiliger • Himmel • Komik • Konflikt • Michigan • Mississippi • Mittelwesten • Mittlerer Westen • Oklahoma • Reise • Roman • Satire • Schulbuch • Southwick • Thornton Wilder • Tragik • USA • Vereinigte Staaten von Amerika • Verrückter |
ISBN-10 | 3-10-403454-0 / 3104034540 |
ISBN-13 | 978-3-10-403454-6 / 9783104034546 |
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