Das Mädchen aus dem Zug (eBook)
480 Seiten
Francke-Buch (Verlag)
978-3-86827-888-0 (ISBN)
Irma Joubert lebt in Südafrika. Sie war fünfunddreißig Jahre lang Lehrerin und hat mit dem Schreiben begonnen, nachdem sie in Rente gegangen ist. Sie schreibt, weil sie eine Leidenschaft für Geschichten hat. Solange Menschen die Erde bewohnen, können die Geschichten nicht aufhören, glaubt sie. Im Jahr 2005 wurde sie von Media 24 zur Sonderjournalistin des Jahres erklärt. Sie war auch in der Endausscheidung für den Mondipreis für Zeitschriftenjournalistik. Sie ist verheiratet mit Jan, der nach siebenunddreißig Jahren immer noch glaubt, dass sie wunderbar aussieht. Sie haben drei Söhne, eine Schwiegertochter und einen Pflegetochter.
Irma Joubert lebt in Südafrika. Sie war fünfunddreißig Jahre lang Lehrerin und hat mit dem Schreiben begonnen, nachdem sie in Rente gegangen ist. Sie schreibt, weil sie eine Leidenschaft für Geschichten hat. Solange Menschen die Erde bewohnen, können die Geschichten nicht aufhören, glaubt sie. Im Jahr 2005 wurde sie von Media 24 zur Sonderjournalistin des Jahres erklärt. Sie war auch in der Endausscheidung für den Mondipreis für Zeitschriftenjournalistik. Sie ist verheiratet mit Jan, der nach siebenunddreißig Jahren immer noch glaubt, dass sie wunderbar aussieht. Sie haben drei Söhne, eine Schwiegertochter und einen Pflegetochter.
2. Kapitel
Professor Sobieski ist ein weiser Mann. Und das nicht allein aufgrund seines Alters, findet Jakób, er ist vielmehr ein weiser Denker. Die beiden sitzen bei Kerzenlicht an einem kleinen Holztisch auf einer harten Bank in einer Küche. Sie haben mittlerweile mit den komplizierten wissenschaftlichen Formeln und der Analyse chemischer Zusammensetzungen abgeschlossen, deshalb sind die anderen beiden Studenten längst in die Dunkelheit verschwunden. So können sie ungestört reden.
„Ich muss nächste Woche nach Krakau“, informiert Jakób seinen Professor, „aber in der Woche darauf werde ich wieder zurück sein.“
Der Professor nickt, er gehört nicht zu den Menschen, die unnötig Fragen stellen.
„Vielleicht gelingt es mir ja, dort das Buch zu besorgen, wonach Sie suchen, Professor.“
„Du wirst es wahrscheinlich nicht bekommen.“ Die Kerze flackert, sie wirft schwache Schatten an die Steinmauer. „Nietzsches Wort …“ Professor Sobieski nimmt seine kneiferartige Brille ab und putzt sie vorsichtig. „Nietzsches Wort ‚Blut und Grausamkeit sind das Fundament aller Dinge‘ ist wahr geworden. Keine Nation hat jemals solch eine Unterdrückung erlebt wie die, die Polen nun erfährt.“
„Das ist wahr, Professor“, stimmt Jakób zu. Sein Volk, das Leiden seines Landes – all das geht ihm zu Herzen.
Vorsichtig legt Professor Sobieski die Bügel seiner kleinen Brille wieder um die Ohren. „Erst hat Deutschland von Westen her Polen angegriffen, dann hat die Sowjetunion dasselbe aus dem Osten getan und dann haben sie Polen unter sich aufgeteilt, so als wären wir nicht schon seit tausend Jahren ein Volk gewesen.“
„Das ist wahr, Professor.“ Jakób weiß, dass der Professor manchmal einen langen Anlauf nimmt, um seine Argumentation zum Ziel zu bringen.
„Doch was die Nazis im Süden getan haben, ist noch viel schlimmer“, fährt Professor Sobieski fort.
Jakób ahnt, dass er auf die Schließung der Universität anspielt, die eine offene Wunde bleibt.
„Die Krakauer Universität ist eine der ältesten Europas, sie ist schon sechshundert Jahre alt.“ Professor Sobieski nimmt seine Kneiferbrille wieder ab – eines der Gläser hat einen Sprung, der mitten hindurchgeht.
Es bleibt einen langen Moment lang still. Jakób versteht. Auch das, was der Professor nicht ausspricht. Deshalb sagt er: „So ist es, Professor.“
„Einfach so die Universität zu schließen! Das ist ein himmelschreiendes Unrecht.“
Der greise Professor spricht niemals über seine verschwundenen Kollegen. Er setzt sich wieder die Brille auf.
Jakób nickt. „Ja, Professor.“
„Wie du weißt, Jakób“, fährt Professor Sobieski fort, „glaube ich, dass die Nazis vorhaben, den Begriff ‚Polak‘ vollständig aus dem Wörterbuch zu streichen. Polen soll eine Kolonie werden und die Polen Sklaven der Deutschen – ein Reservat, ein großes Arbeitslager des Dritten Reiches.“
Das war es also, was den alten Mann plagte. „So etwas werden wir niemals zulassen, Professor. Die Heimatarmee findet in der Bevölkerung große Unterstützung – zu uns gehören um die zweihunderttausend Männer, die sich gleichzeitig erheben und kämpfen werden, wenn die Zeit dafür reif ist.“
„Worauf wartet ihr dann noch?“, fragt der Professor ungeduldig. „Wann ist die Zeit denn endlich reif? Leidet unser Volk denn noch nicht genug?“
„Wir haben noch zu wenig Ausrüstung, Professor“, versucht Jakób zu erklären. „Wir haben zwar ein ordentliches Arsenal an Kleinwaffen, aber kaum schwere Kaliber. Wir wollen unsere Mittel schonen, bis sich die Deutschen zurückziehen, dann können wir hinter ihnen aufräumen. Wir werden nicht vor der Zeit rebellieren, denn wir wollen nicht das Leben wehrloser Bürger riskieren oder historische Gebäude unnötig in Gefahr bringen. Die Operation Sturm ist ein Plan, nach dem wir durch Sabotage …“
„Ist es wahr“, fällt ihm der Professor ins Wort und blinzelt an dem Sprung in seinem Brillenglas vorbei, „dass ihr überlegt, mit der Sowjetunion zusammenzuarbeiten?“
Jakób wählt seine Worte sorgfältig. „Manche Leute reden davon, das stimmt, Professor, aber ich traue den Kommunisten nicht.“
„Ja“, erwidert der Professor, „ich habe selbst während des Großen Kriegs von 1914 in Russland gekämpft. Auch ich traue ihnen nicht.“
„Professor, ich fürchte die Russen mehr als die Nazis.“ Jakób lehnt sich vor; er redet eindringlich, denn der Professor ist der einzige Mensch, der versteht, was in ihm vorgeht. „Ich glaube, dass Russland nach dem Krieg zu einer Weltmacht aufsteigen wird, vielleicht sogar zur größten. Ich glaube auch, dass es bei den Westmächten, die jetzt alles tun, um ihrem östlichen Bundesgenossen entgegenzukommen, noch Heulen und Zähneklappern geben wird.“
Der Professor nickt. „Wir müssen wieder zurück zur Rigagrenze von 1921“, sagt er geistesabwesend. „Denke daran, was der große patriotische Dichter Mickiewicz geschrieben hat …“
Als Jakób später durch die Dunkelheit zurück nach Hause geht, weiß er, dass auch Professor Sobieski seine Befürchtungen nicht versteht. Oder vielleicht gar nicht zugehört hat. Über ihm scheint der Vollmond auf das stille Feld, um seine Füße herum breitet sich eine große Einsamkeit aus.
* * *
Die Straßen von Krakau sind verlassen. Im Judenviertel herrscht Grabesstille, die jahrhundertealte Synagoge ist nur noch ein Trümmerhaufen. Das Geklapper von Pferdehufen auf dem Kopfsteinpflaster ist verstummt, die bunten Blumen- und Gemischtwarenstände sind vom Marktplatz verschwunden, sogar der Trompeter auf der Kirche mit den zwei Türmen ist verstummt. Nur die Wasser der Weichsel fließen breit und tief und ungestört in ihrem uralten Bett.
Aber wenigstens ist Krakau noch da, mit seinen alten Gebäuden und seiner Burg und der Sankt-Andreas-Kathedrale, denkt Jakób. Er nickt gedankenverloren. Wenn die Heimatarmee die Landminen nicht gefunden und sie rechtzeitig entschärft hätte, hätte die Stadt mittlerweile ein anderes Gesicht.
Zweimal wird er angehalten. Er zeigt seine Papiere und spürt die Anspannung zwischen seinen Schulterblättern. Er weiß zwar, dass seine Papiere in Ordnung sind, aber die Gestapo hat noch nie Probleme damit gehabt, irgendwelche Fehler darin zu entdecken. Nach den Kontrollen geht er jedes Mal so ruhig wie möglich weiter.
Vor der Universität hängt eine riesige rote Fahne mit einem schwarzen Hakenkreuz auf weißem Grund. Jakób geht vorüber, das Buch muss bis nach dem Krieg warten.
Gestern Nacht hat er die Flugblätter in Andrzej Kierniks Elternhaus abgegeben und ihm gesagt, sein Vater solle noch mehr davon drucken und sie weiter verbreiten. Als Andrzej zusammen mit ihm aus dem Haus gekommen ist, hat er ihn aufgefordert: „Du musst bei der Frau vorbeigehen, auf deren Bauernhof ihr die Munition vergraben habt.“
„Warum? Gibt es ein Problem?“, hat Jakób sofort erwidert.
„Nein. Sie hat nur gesagt, dass du bald vorbeikommen sollst.“
Andrzej verfolgte damit keine Hintergedanken, das konnte Jakób augenblicklich erkennen. Insofern konnte es sich mit Sicherheit um nichts Ernstes handeln, sonst hätte Andrzej ihn doch gewarnt, überlegt Jakób, während er jetzt die Abkürzung über das Feld nimmt. Er geht mit langen Schritten, es sind noch zwei Tagesmärsche zurück nach Tschenstochau und er will morgen Abend noch vor Einbruch der Dunkelheit zu Hause sein. Die Tasche mit den geheimen Papieren und Nachrichten hat er in sein Hemd gesteckt – er kann spüren, wie sie an seiner Brust scheuert.
Das Haus, auf das er zusteuert, scheint noch etwas heruntergekommener zu sein als im letzten Jahr, als er dort zusammen mit anderen die Munition vergraben hat. An einer Stelle ist das Dach ganz eingestürzt, ein Deckenbalken ragt seltsam in den Himmel.
„Hier ist ein Kind, das du mitnehmen musst“, eröffnet ihm Regina sofort nach seiner Ankunft.
„Guten Tag, Regina“, erwidert Jakób.
„Ja, ebenfalls guten Tag. Sie ist Jüdin und kann nicht hierbleiben“, entgegnet Regina und schiebt sich eine schwarze Locke hinters Ohr.
„Ein Mädchen?“, fragt Jakób, um Zeit zu gewinnen. Er versteht nicht wirklich, was Regina ihm damit sagen möchte.
„Ja, ein Mädchen. Ich kann kaum für meine eigenen Kinder sorgen. Da kann ich sie nicht hierbehalten.“
Jakób merkt, wie sich in ihm ein Gefühl der Beklemmung breitmacht. Will Regina damit andeuten, dass er das Kind mitnehmen soll? Was soll er mit einem jüdischen Kind anfangen?
„Wo kommt sie denn her?“ Er stellt einfach die erste Frage, die ihm durch den Kopf schießt.
„Sicher aus dem deutschen Zug voller Juden, den ihr in die Luft gejagt habt“, sagt Regina und nimmt ihre Kleine auf den Arm.
Jakób schließt die Augen, das Bild von diesem Zug wird er bestimmt nie wieder aus dem Kopf bekommen. „Nein“, erwidert er, „niemand kann da lebend herausgekommen sein.“
„Dann weiß ich nicht, woher sie kommt. Aber du musst sie mitnehmen.“
„Regina, ich …“
In der windschiefen Tür erscheint ein Kind. Das Mädchen ist klein, ziemlich schmutzig und spindeldürr. Sein Gesicht ist bleich wie ein Laken, sein stumpfes Haar dünn und strubbelig. Doch seine Augen sind groß und ziemlich blau und sehen Jakób und Regina unerschrocken an.
...Erscheint lt. Verlag | 1.9.2014 |
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Übersetzer | Thomas Weißenborn |
Sprache | deutsch |
Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
Schlagworte | 2. Weltkrieg • Adoption • Auschwitz • Holocaust • Mädchen • Nationalsozialismus • Polen • Polen 1944 • Polen, Holocaust, Auschwitz, Süd Afrika, Nationalsozialismus, Adoption, • Süd Afrika • Zug |
ISBN-10 | 3-86827-888-5 / 3868278885 |
ISBN-13 | 978-3-86827-888-0 / 9783868278880 |
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