Ibissur (eBook)
144 Seiten
diaphanes (Verlag)
978-3-03734-402-6 (ISBN)
Auf den Spuren seiner Vorfahren reist der Spielzeugbauer Osman gen Osten. Der Weg führt ihn nach Südrussland, wo er den Vagabunden Tschepucha kennenlernt. Mit diesem beschließt er, zu einer brachliegenden Fischfabrik am fernöstlichen Ende des sibirischen Landungeheuers zu reisen, um diese instand zu setzen. Unterwegs gabeln sie das einarmige Waisenmädchen Nastja auf, das als stumme Dritte permanent Unruhe stiftet.
Das phantastische Ziel der Fischfabrik vor Augen, passieren sie Orte, die eine aberwitzige Wirklichkeit ins Bild rücken, verstricken sich im Dickicht des Redens und kämpfen immer mehr mit der eigenen Sprach- und Lebensmüdigkeit.
In seinem virtuosen Debüt erzählt Roman Widder von einer Fahrt durch »Sibirien« als einer Auswanderung, die sich in ihren eigenen Täuschungsmanövern verfängt, von dem Traum, eine »neue Welt« in maximaler Entfernung zur eigenen Herkunft zu finden - oder zu erschaffen.
Roman Widder lebt in Berlin. Er hat russische und deutsche Literatur in Berlin und Krasnojarsk studiert. Gedichte und Erzählungen erschienen in literarischen Zeitschriften und Anthologien. »Ibissur« ist seine erste Buchveröffentlichung.
Mittlerweile ist der Sohn der Alten nach Hause gekommen und beobachtet mich, hinter mir stehend, stur, gelegentlich streifen sogar seine Arme meinen Kopf. Nachdem es anfangs ganz gut ging, fällt es mir nun nicht leicht, weiterzuschreiben, mit seinem starren Blick im Nacken, unter dem Blick des Sohnes, der nichts versteht, aber alles beobachtet, weil ihm langweilig ist. Diesen Sohn kenne ich bereits einige Tage und ahne, dass ihm seine ständige Präsenz, seine Gewohnheit, mir mit vorgetäuschter Beiläufigkeit überallhin zu folgen, schwer auszutreiben ist. Er starrt auf meine Papiere, als ginge da etwas Besonderes vor sich, und kann doch nichts verstehen, die Sprache nicht, würde ich ihm das Geschriebene vorlesen, die Schrift nicht, nicht einmal die Buchstaben kann er lesen, nichts versteht er beim Blick auf die vor dem brummenden und leuchtenden Rechner liegenden Papiere. Der Sohn stört, raubt mir Kraft und Konzentration, lenkt mich ab vom Belauschen der Geschichte, die er doch verstehen muss, die ihn doch interessieren könnte, mehr als mein Geschreibsel zumindest. Zugleich aber denke ich mir, es könnte auch helfen, es könnte die Qualität meiner Mitschrift heben, wenn ich sie unter erschwerten Umständen verfasse, welche Körper und Geist zwingen, sich in einen Zustand erhöhter Konzentration zu versetzen, dem auf meinen Schultern lastenden Blick zu trotzen durch ein heiteres Gemüt und zugleich die notwendige Besessenheit, Entschlossenheit, Unabdingbarkeit. Trotzdem kann ich die in mir wachsende Traurigkeit nicht vermeiden, die fast körperlich entsteht durch die Anwesenheit der vielen Menschen in dem kleinen Raum, vor allem durch den furchtbaren Sohn.
Osman schweige über Armenien, sagt Tschepucha. Von dort aus jedenfalls sei er in die Kalmückensteppe geraten, und zwar durch den Fund der vierbändigen Nomadischen Streifereien, den Briefen aus der Kalmückensteppe, die Osman in einem deutschen Haus in Armenien gefunden habe. Osman sei auf die Idee gekommen, dass seine Urururgroßeltern vielleicht im Zuge von Krieg und Gefangenschaft über die große Tatarey nach Deutschland gewandert sein könnten. Osman habe, so Tschepucha, dieses unendlich lange und für viele langweilige und nur für wenige je zu gebrauchende Werk sicher nicht ganz gelesen, ja nicht einmal halb. Schon auf den ersten Seiten habe er sehen können, dass der Autor selbst wusste, dass sein langwieriges, mühselig zu lesendes Werk den Lesern wenig Unterhaltung gewähren würde, vielleicht auch deshalb, weil niemand hätte sagen können, was es eigentlich für ein Buch, was für eine Art von Buch es war, der Autor habe im Grunde ohne Adressaten geschrieben, so Tschepucha. Ohne Adressaten zu schreiben jedoch sei alles andere als leicht, führe meistens dazu, dass diejenigen, die ohne Adressaten schrieben, gar nicht erst begönnen, bei anderen hingegen dazu, dass sie nicht mehr aufhören könnten, auf der Suche nach einem Gegenüber. Viel interessanter als Osmans Wurzelsuche, seine genealogischen Hoffnungen, die auf jeden Fall sinnlose Hoffnungen sein müssten, so Tschepucha, sei der Inhalt der Nomadischen Streifereien, dieser großen Verteidigungsschrift der Kalmücken, die sich dagegen wehre, dass die Kalmücken immer nur als Mücken, als gefährliche, in großen Schwärmen auftretende Stechmücken wahrgenommen werden und viel zu selten als die intelligiblen Individuen und freundlichen Einzelpersonen, die sie immer schon waren. Die Europäer hätten, so Tschepucha, in den Kalmücken einen empörenden Hang zur Grausamkeit ausgemacht, gegen welche Wahrnehmung sich der Autor der Briefe aus der Kalmückensteppe ehrbar wehre, was Osman gefallen haben muss, solch ein wohlwollendes Urteil über seine Vorfahren zu hören, erzählt Tschepucha. Dieses Buch, so Tschepucha, irre sich wohl allein in der Überzeugung, es habe die Kalmücken jemals einer ernsthaft angegriffen und nicht nur, was schlimmer sei, im Vorbeigehen beleidigt. In der Geschichte der Kalmücken habe Osman Hinweise darauf gefunden, dass seine Vorfahren auf dem Weg von Armenien nach Europa einen Umweg gemacht haben könnten, und sich entschlossen, diesen Umweg versuchsweise nachzuverfolgen. Er sei hierher gekommen, um die Gegend kennenzulernen, von der er glaube, sie sei die vorübergehende Heimat einiger seiner Vorfahren gewesen, die einen fast bis zum Ural reichenden Schlenker gemacht haben müssen, wie Osman festgestellt habe beim Studium der armenischen Unterlagen und Berge. Mittlerweile habe er sich an die Gegend hier ganz gut gewöhnt und sein Vorhaben etwas aus den Augen verloren. Er, Tschepucha, habe ihm dabei geholfen, der Spur seiner Ahnen nicht zu viel Aufmerksamkeit zu schenken, nicht alles auf die Wurzeln zu setzen. Osman streune jetzt nur noch so herum, erkunde das Land, befasse sich mit einigen größeren und kleineren Projekten, habe mit dem Gedanken gespielt, eine Karte des Gebiets zwischen Udmurtien und Jakutien anzufertigen, und werde sich nun auf die Fischerei besinnen, habe sich von der Fischfabriksidee, dem Fischfabriksgedanken anstecken lassen, erzählt Tschepucha der Alten, die sich dafür jedoch kaum interessiert.
Die Alte starrt grimmig in ihre Suppe, rührt, schneidet, lächelt manchmal gezwungen zu Nastja hinüber und schreit ab und zu ihren Sohn an, wobei sie über ihre Nachbarn und Untermieter schimpft. »Banditen, Halsabschneider«, diese Worte wiederholt sie immer wieder und wirft sie in die Atempausen der langen Sätze Tschepuchas. Von Zeit zu Zeit nimmt sie auch ein Nösel Wasser aus dem Hahn und schüttet es zum Fenster raus, als ob da jemand säße und darauf wartete oder als ob sie den am Haus arbeitenden Handwerkern eine Erfrischung verschaffen wollte oder auch nur um den Hahn zu säubern. Tschepucha macht dann, wenn sie sich mit der Kanne Wasser in der Hand zu uns umdreht und ihr fetter Arm über unser aller Häupter hinweg zum Fenster rauscht, immer eine kurze Pause, bis sie uns wieder den Rücken zugewandt hat.
Osman habe, so Tschepucha jedoch weiter, in der Kalmückensteppe angekommen, seinen Namen geändert. Die Namensänderung zu beschließen, sei für Osman, der seit einiger Zeit die Angewohnheit nicht mehr ablegen könne, sich ständig am Kopf zu kratzen, nicht einmal sonderlich schwer gewesen. Die Namensänderung sei ihm notwendig geworden, da er die Form der Diskriminierung, die in der unrechtmäßigen, behördlichen und persönlichen Bevorzugung gegenüber den anderen lag, sobald er seinen Namen nannte und sich auf verwunderte Nachfrage als Deutscher auswies, nicht mehr habe ertragen können. Seinen vorherigen Namen zu vergessen sei ihm nicht leicht gefallen. Jetzt aber denke er kaum noch an ihn und empfinde den früheren Namen als fremd und unbrauchbar. Er habe seinen Namen fast vergessen, nicht nur, indem ein neuer den alten verdrängt habe, sondern auch aus ehrlicher Abneigung und aufgestautem Überdruss gegenüber dem alten. Dieses schon fast gelungene Vergessen des eigenen Namens sei für Osman das Einzige, was er in den letzten Monaten erreicht habe.
Tschepucha hat wohl mein Räuspern gehört, denn er fährt fort, Osman wolle darüber heute nicht mehr sprechen, aber das ist Tschepucha egal, er blickt etwas grimmig über die Schulter dorthin, wo ich sitze, sieht mich aus dem Augenwinkel an oder knapp an mir vorbei. Als Deutscher in mittlerem Alter, von mittlerer Hautfarbe, kurzem Wuchs, mit großen Ohren, krummer Nase, habe Osman beim Anblick seines Passes beschlossen, dass sich etwas ändern müsse, etwas Grundlegendes. Ob es der gleiche Osman gewesen sei wie jetzt, fragt die Alte, und Tschepucha antwortet ja, der gleiche wie jetzt, nur der Name sei ein anderer, jetzt Osman, früher einer, den Tschepucha nicht nennen könne, weil Osman ihn weder hören noch aussprechen wolle, da er Angst habe, der Name käme zurück, wenn einer ihn ausspräche. Dabei habe dieser alte Name mit der alten Geschichte keineswegs ein ordentliches, ihr gemäßes Ende, keinen Abschluss gefunden, sondern stehe offen, sei wie abgerissen und verwundet, sodass er, Tschepucha, das dringende Bedürfnis verspüre, die Geschichte zum Ende zu bringen, ihr zu einem Ende zu verhelfen, da er Osmans Vergangenheit, von der ihm dieser nebenbei berichtet habe, in Fetzen, zusammenhangslos, unwillig, auf dem Herweg, nicht ganz vergessen und verstehen könne. Osman sei hergekommen, wohl schon nicht mehr nur, um die Spur seiner Vorfahren zu verfolgen, sondern auch um irgendetwas in die Hand zu nehmen, und als er ihn, Tschepucha, getroffen habe, sei schnell klar gewesen, dass die am anderen Ende des Landes, am Nordzipfel des Japanischen und am Südzipfel des Ochotskischen Meeres brachliegende Fischfabrik ein gutes Ziel wäre.
Tschepucha kennt sich gut aus mit Fischen. Er weiß sie nicht nur auszunehmen und zu säubern, ihren Hals durchzuschneiden, das Herz elegant, aber gewaltsam vom Kopf zu trennen, er kennt die ganze Anatomie der Fische und auch die Gerätschaften, mit denen man sie in großen Mengen fangen und verarbeiten kann, er kennt sich sogar mit dem Trocknen der Fische und mit dem Extrahieren ihres Geruchs für Fischchips, Fischsoße, Fischkaugummis aus. Er hat mir alles erzählt, auch von den Konservierungsmethoden, so viel und so glaubhaft, dass mir das Ganze verlockend scheint, eine gute Aussicht darauf, wieder etwas Vernünftiges zu tun und auch den an der Küste arbeitslos gewordenen Urvölkern zu helfen. Ich bin froh, dass wir uns einander angeschlossen haben.
Die Alte, die ich schlechter...
Erscheint lt. Verlag | 1.1.2018 |
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Reihe/Serie | diaphanes Broschur |
diaphanes Broschur | |
Verlagsort | Zürich-Berlin |
Sprache | deutsch |
Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
Schlagworte | Dystopie • Gegenwartsliteratur • Gegenwartsliteratur; Deutscher Autor; Reise; Sibirien; Auswanderung • Reise • Russland • Sibirien |
ISBN-10 | 3-03734-402-4 / 3037344024 |
ISBN-13 | 978-3-03734-402-6 / 9783037344026 |
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Größe: 955 KB
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