Argula von Grumbach (eBook)
128 Seiten
Neufeld-Verlag
978-3-86256-749-2 (ISBN)
KAPITEL 1
Kindheit zwischen Fantasy und Bibel
Ritterliche Kindheit
„Gramaflanz“. „Sekundilla“. „Freirafis“. Was sind das für Eltern, die ihren Kindern so seltsame Namen geben? Zunächst: solche, die sich von einem Fantasy-Buch offenkundig mehr inspirieren lassen als von der Bibel. Reichsfreiherr Bernhardin von Stauff und seine Frau Katharina von Törring hatten den Parzival gelesen, jene 25.000 Reime umfassende Erzählung, in die der Dichter Wolfram von Eschenbach um 1200 eine Heldensaga rund um ritterliche Treue und hinterhältigen Verrat, um den Heiligen Gral und die sagenhafte Tafelrunde, um mutige Männer und selbstbewusste Frauen gefasst hatte. So angetan waren die Adligen aus dem ostfränkischen Beratzhausen, dass sie ihre Kinder lieber auf die Namen der Helden aus diesem Reimroman tauften als auf die Namen christlicher Heiliger. So kam es, dass die Zweitgeborene, die irgendwann im Jahr 1492 das Licht der Welt erblickte, nicht Maria hieß, sondern Argula. Frei nach Orgeluse, jener stolzen Herzogin aus dem „Parzival“, die so klug wie reizvoll mächtige Männer um den Finger wickelt. Der Name – ein Programm?
Kämpfe war die Stauffer-Familie gewohnt. Dabei ging es allerdings nicht um den Heiligen Gral, sondern schlicht um die Macht und Unabhängigkeit des fränkischen Ritterstandes. Katharina, mit Argula schwanger, wird große Sorgen um sich und ihr Kind ausgestanden haben. Denn ausgerechnet während dieser Zeit tobte der kriegerische Zwist zwischen dem bayerischen Herzog Albrecht IV. und den im sogenannten Löwlerbund zusammengeschlossenen freiheitsbedachten Rittern seinem Höhepunkt entgegen – leider zum Nachteil der Ritter. Anfang des Jahres plünderten und verwüsteten des Herzogs Truppen Burg Ehrenfels und das Dorf Beratzhausen, Wohnort der Stauffer-Familie. Grausam ging es zu für die Bevölkerung, „die armen Frauen wurden bei der Plünderung ihrer Kleider entblößt, an ihrem Leib gepeinigt in der Meinung, Geld zu finden“, berichtet ein Chronist. Die Schätze der Stauffer werden entwendet und nach München gebracht. Ein empfindlicher Verlust, von dem sich die einst reiche und bedeutende Familie nie erholen wird. Noch fünfzig Jahre zuvor war sie einflussreich und wohlhabend gewesen. Nun ist ihr Niedergang besiegelt. Auch ein rascher Friedensschluss mit dem Herzog verhindert das nicht. Dass ihr Vater unter den Herren von Bayern verdorben und seine Kinder zu Bettlern geworden sind, erinnert sich Argula später an diese Zeit.
Turmruine der Burg Ehrenfels bei Beratzhausen. (Foto: MacElch/wikimedia CC 3.0)
Ihre Großeltern Hans von Stauff, einst Herr von Ehrenfels, und seine Frau Margarethe Schenk von Geyern werden der kleinen Argula von den guten Jahren erzählt haben. Da war ihr Vermögen so groß, dass sie Bischöfen und Herrschern Kredite und Bürgschaften gewähren konnten und wichtige Positionen in der Kirche besetzten. Reichtum war das eine – Ansehen das andere. Das hatte sich der Großvater auch durch eine Pilgerreise nach Venedig und ins Heilige Land erworben. Am Heiligen Grab hatte er den Ritterschlag empfangen. Wo die biblischen Geschichten spielten, wusste er nun aus eigener Anschauung. Nach seiner Rückkehr gab er bei dem Künstler Berthold Furtmeyr eine illustrierte deutschsprachige Bibel in Auftrag. 1472 war sie fertiggestellt – prächtige Miniaturen zeigen biblische Szenen weiser Männer und starker Frauen: Judith, die erst den feindlichen Holofernes betörte, ihm dann den Kopf abschlug; Esther, die kluge Gattin des persischen Königs; Ruth, die mutige Witwe. Die Anfangsseite zeigt Maria mit dem Jesuskind auf einer Mondsichel. Darunter knien anbetend – nein, nicht die drei Weisen aus dem Morgenland, sondern die hübschen Großeltern Argulas in jungen Jahren. Sie werden ihrer Enkelin erzählt haben, dass diese Bibel leider vom Herzog entwendet wurde und nun im fernen München sei, am Hof des Herzogs. Im Herzen Bayerns sozusagen.
Die geschenkte Bibel
Diese Mischung aus adligem Standesbewusstsein und Wertschätzung des christlichen Glaubens wird Argula auch von ihren Eltern Bernhardin und Katharina vermittelt. Als sie zehn Jahre alt ist, schenkt ihr der Vater eine deutsche Bibel, ähnlich prächtig illustriert wie die verlorengegangene der Großeltern. Sie stammt aus der Nürnberger Druckerei des Anton Koberger. Hier kann Argula Bilder zu den biblischen Geschichten sehen, die ihr erzählt wurden: wie die Welt und die Menschen erschaffen wurden; wie Moses die Gesetze Gottes empfängt. Sie sieht Engel und Drachen im Kampf und erahnt die Schrecken des Jüngsten Gerichts. In ihrem kindlichen Kopf kommt vieles zusammen: die Sagen rund um Parzival und den Heiligen Gral, die Erzählungen der Bibel und die fantasievollen Berichte aus dem damaligen Volksbuch des Fortunatus‘, der mit einem nie versiegenden Wunschhut um die Welt reist und allerlei märchenhafte Dinge erlebt. Offenkundig war Argula schon als Kind sehr beflissen im Lesen. So wird ihr der Rat einiger umherziehender Mönche seltsam vorgekommen sein, die ihr verboten, die deutsche, vom Vater geschenkte Bibel zu lesen.
Zu den Lesewelten treten eigene Reiseerfahrungen. Mutter Katharina, ebenfalls aus einer angesehenen Adelsfamilie stammend, dem bayerischen Geschlecht Toerring (auch: Thering), nahm ihre Tochter oft mit: nach Köfering zum Beispiel, ins dortige Schloss, das Hieronymus Stauff gehörte, dem Bruder von Argulas Vater Bernhardin. Und nach Regensburg, in die große Handelsstadt, in der Menschen aus aller Herren Länder zusammenkamen und Geschäfte abschlossen.
Holzstich aus Argulas Jugendlektüre „Fortunatus“
Argulas Eltern wollten den Erfahrungshorizont ihrer Tochter noch mehr weiten. Als sie fünfzehn Jahre alt ist, schicken sie sie an den Münchner Herzogshof, was keineswegs selbstverständlich ist nach den Kämpfen, die ihr Vater mit dem Herzog ausgefochten hatte. Doch inzwischen haben sich neue Konstellationen ergeben im endlosen Machtgeplänkel der bayerischen und fränkischen Herrscher. 1504 hatten sich Argulas Vater und dessen Bruder auf die Seite Herzog Albrechts IV. geschlagen. Bernhardin hatte eine gute Stelle in Landshut erhalten, Hieronymus diente als Hofmeister für Wilhelm und Ludwig, die Söhne des Herzogs. Verständlich also, dass Argula Hofluft im soeben zur bayerischen Hauptstadt erklärten München schnuppern sollte. Als Hofdame der Herzogin Kunigunde sollte sie Manieren in Adelshäusern kennenlernen und Kontakte knüpfen. Dass dieser Plan aufgeht, sie dort als Kind sogar mit dem Jungen spielt, der später bayerischer Herzog wird, konnte niemand ahnen.
Hofdame bei Kunigunde
1507 kommt das Landmädchen Argula in die Hauptstadt Bayerns, sie zieht in die Neue Veste. Das Wasserschloss gehört damals zur Residenz des Herzogs Albrecht IV. Die fünfzehnjährige Argula erlebt eine Stadt, in der der Geist der Veränderung weht; viele Reisende kommen über die Alpen aus Norditalien und bringen das Lebensgefühl der dortigen Renaissance mit nach München. Der Hof feiert prächtige Feste, auf den Straßen der Stadt finden große Märkte statt. Und was für Menschen sie am Hof trifft: den alten Herzog Albrecht IV., den einstigen Widersacher ihres Vaters, dessen Kinder Wilhelm und Ludwig, nur wenig jünger als sie selbst, werden zu Spielkameraden; deren Lehrer Johannes Aventinus, einen Gelehrten Historiker und Philologen, der sogar in Paris studiert hat. Und dann noch Kunigunde, die Herzogin, Tochter des 1492 verstorbenen Kaisers Friedrich III. Den allerdings hatte Kunigunde ziemlich gegen sich aufgebracht, als sie 1487 ohne sein Wissen den bayerischen Herzog in Innsbruck heiratete und nach München zog. Kunigunde ist eine außergewöhnlich belesene Frau, sie hat sogar eine eigene kleine Bibliothek, in der auch die Werke antiker Autoren stehen. In viele der Bücher trägt sie eigenhändig Kommentare ein.
1508 war ein Schicksalsjahr für Kunigunde: Im Februar Freude über die Krönung ihres Bruders Maximilian zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches; im folgenden Monat Trauer um den Tod ihres Mannes Albrecht IV. Argula wird die Trauer ihrer Herzogin miterlebt haben – und die Konsequenzen: Kunigunde zieht aus der Neuen Veste ins „Pütrich-Regelhaus“, ein nahegelegenes franziskanisches Frauenkloster. Dort will sie von nun an ein einfaches und kontemplatives Leben führen. Sie nimmt viele Bedienstete und viele Bücher mit – unter anderem jene Furtmeyr-Bibel, die Argulas Großvater in Auftrag gegeben hatte und die 1492 im Zuge des Krieges in Burg Ehrenfels erbeutet und nach München gebracht worden war. Im Kloster liest Kunigunde viel und animiert die Ordensschwestern zu eigenen Schreibtätigkeiten.
Erzherzogin Kunigunde. Bronzestatue in der Innsbrucker Hofkirche. (Foto: Daderot/Wikimedia)
Mag sein, dass Kunigundes Trauer der jungen Argula im Jahr darauf zum Vorbild wurde. Denn da erfährt sie...
Erscheint lt. Verlag | 1.6.2014 |
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Verlagsort | Cuxhaven |
Sprache | deutsch |
Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
Schlagworte | Frauen der Reformation • Kirchengeschichte • Kirchen in Bayern • Neuheiten im Frühjahr 2013 • Reformation • Reformation in Bayern • Reformationsgeschichte |
ISBN-10 | 3-86256-749-4 / 3862567494 |
ISBN-13 | 978-3-86256-749-2 / 9783862567492 |
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