Als wir unsterblich waren (eBook)
576 Seiten
Verlagsgruppe Droemer Knaur
978-3-426-42277-9 (ISBN)
Charlotte Roth, Jahrgang 1965, ist gebürtige Berlinerin, Literaturwissenschaftlerin und seit zwanzig Jahren freiberuflich als Autorin, Übersetzerin und Lektorin tätig. Sie lebt in der weltschönsten Stadt London, behält aber einen Koffer in ihrer Geburtsstadt Berlin und einen Fuß am Golf von Neapel. Ihr Debüt Als wir unsterblich waren war ein Bestseller, dem seitdem zahlreiche weitere Romane über Frauenschicksale vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte folgten
Charlotte Roth, Jahrgang 1965, ist gebürtige Berlinerin, Literaturwissenschaftlerin und seit zwanzig Jahren freiberuflich als Autorin, Übersetzerin und Lektorin tätig. Sie lebt in der weltschönsten Stadt London, behält aber einen Koffer in ihrer Geburtsstadt Berlin und einen Fuß am Golf von Neapel. Ihr Debüt Als wir unsterblich waren war ein Bestseller, dem seitdem zahlreiche weitere Romane über Frauenschicksale vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte folgten
1
9. November
Wenn dein Haus über dir zusammenstürzt, hörst du es vorher in den Wänden knacken«, hatte Momi zu Alexandra gesagt, als sie etwa fünf Jahre alt gewesen war. »Das Knacken sollte Warnung genug sein, aber kein Mensch achtet darauf.«
Von den Kindern, die mit Alex in die Tagesstätte gegangen waren, hatte keines eine Großmutter gehabt, die ihm von einstürzenden Häusern erzählte. Die anderen Kinder wohnten auch nicht bei ihren Großmüttern, sondern hatten Eltern, die ihnen aus buntbebilderten Kinderbüchern Geschichten vom ersten Schultag und von Ferien an der Ostsee vorlasen. Alex und Momi fuhren nicht in die Ferien, und in der Nacht vor Alex’ erstem Schultag konnte Momi nicht schlafen, weil sie es in den Wänden knacken hörte.
»Ihnen sollte man nicht erlauben, ein Kind aufzuziehen«, hatte Frau Rimbach, die Nachbarin, geschimpft. »Mit Ihren Schauermärchen machen Sie dem armen Wurm ja Angst vor dem Leben. Eigentlich müsste man das melden, damit jemand die Kleine hier wegholt und ihr ein ordentliches Zuhause gibt.«
Angst vor dem Leben hatte Alex durchaus, auch Alpträume und manchmal Bilder im Kopf, die ihr einen tiefen Schrecken einjagten, ohne dass sie wusste, woher sie stammten. Aber sie war sicher, dass das alles nichts mit Momis einstürzenden Häusern zu tun hatte, sondern mit Frau Rimbachs Drohung, jemand könne kommen und sie wegholen – weg von Momi und dem einzigen Zuhause, das sie kannte. Andere Kinder hatten Mütter, Väter, Tanten und ganze Geburtstagspartys voller Cousins. Alex hatte nur Momi. Eine Großmutter, die ihr weder Ferienreisen noch Bilderbücher bot, die aber immer für sie da war und sie vor dem Knacken in den Wänden warnte, auf das kein Mensch achtete.
Hatte Alex vor jenem Abend auf das Knacken geachtet? Hatte sie sich je gefragt, wie stabil die Wände ihrer Welt waren, auf was für einem Fundament sie standen und was womöglich in den Fugen lauerte? Wenn sie später versuchte sich zu erinnern, fiel ihr nichts dergleichen ein. Alle anderen – ihre Freundin Meike, ihre Kommilitonen im Institut für Völkerkunde, die Journalisten, die im Fernsehen um die Wette schwatzten – behaupteten, die Zeichen hätten in der Luft gelegen, man habe gespürt, dass der große Knall bevorstand. Alex aber hatte nichts gespürt. Sie hatte an jenem Abend mit Momi am Küchentisch gesessen, in ihren Bratkartoffeln mit Mettwurst gestochert und an nichts Besonderes gedacht.
Dann war Meike gekommen. War in die enge Wohnung gefegt wie der Sturm, der vor den Fenstern tobte, hatte schnaubend nach Atem gerungen und die durchnässten blonden Locken geschüttelt wie in der Shampoowerbung im Westfernsehen. »Du glaubst nicht, was passiert ist!«, war sie ohne Begrüßung herausgeplatzt. »Wie kannst du da sitzen und dir schlaffe Kartoffeln in den Mund schaufeln, während in diesem Staat das Recht zum Teufel geht?«
Alex hatte nicht geschaufelt, sondern nur gestochert, und die Kartoffeln waren nicht schlaff. Sie gab sich immer Mühe, sie kross zu braten, weil sie eins von zwei Dingen waren, die Momi liebte – Bratkartoffeln und Bohnenkaffee, der für Leute ohne Westverwandte schier unerschwinglich war. Meike schimpfte weiter. Ihr Gesicht war gerötet und vom Regen nass. Momi ließ sich beim Essen nicht stören, und auch Alex blieb ruhig. Sie kannte Meike und ihre dramatischen Ausbrüche seit der Schulzeit. Vielleicht war ihre Freundschaft ja so haltbar, weil die eine besaß, was der anderen fehlte. Wo Meike lichterloh brannte, reagierte Alex kühl und scheinbar unbeteiligt. Gegen Meike war sie eine Langweilerin, doch es machte ihr nichts aus. Es war sicherer so, barg weniger Gefahr.
»Was ist denn überhaupt los?«, fragte sie, als Meike eine Pause einlegen musste, weil ihr die Luft ausging.
»Was los ist?« Meikes atemlose Stimme schraubte sich in die Höhe. »Verdammt, Alex, lass jetzt endlich diesen Fraß stehen und hör mir zu. Sie haben Hugo verhaftet. Wir müssen irgendwas tun.«
Alex zuckte zusammen. Dass Leute verhaftet wurden, behaupteten Reporter im Westfernsehen seit langem, aber soweit Alex wusste, entsprach davon nichts der Wahrheit. Außerdem – wie konnte so etwas in ihrem eigenen behüteten Leben geschehen? »Ich dachte, du bist mit Hugo zurückgekommen«, murmelte sie.
Hugo war Meikes Freund, ihr Traummann, wie sie Alex bei jeder Gelegenheit wissen ließ. Sie hatte ihn am Institut für Lehrerbildung kennengelernt, und alle paar Tage quetschte sie sich mit ihm und seinen Freunden in seinen Trabbi und fuhr auf Demonstrationen, um für eine Freiheit zu kämpfen, die Alex sich nicht vorstellen konnte. Vor drei Tagen war sie in Leipzig gewesen, auf der größten Massenkundgebung in der Geschichte des Landes. Hinterher hatte sie sich über die aufgeheizte Atmosphäre ereifert, doch von einer Verhaftung hatte sie kein Wort erwähnt.
»Was soll das heißen, ich bin mit Hugo zurückgekommen?«, herrschte sie Alex an. »Wir wollten uns heute Abend treffen, mit ein paar Leuten vom Neuen Forum. Es ging um Strategien für die nächsten Tage, aber Hugo ist nicht einmal aufgetaucht.«
Momi spießte die Gabel in ihre Kartoffeln, schob sich ein Stück in den Mund und drückte es in ihre Backentasche. »Und daraus schließen Sie, er ist verhaftet worden?«, fragte sie und hob die bleigrauen Brauen in die Stirn.
»Was soll ich denn sonst daraus schließen?«, fragte Meike.
Müde zuckte Momi mit den Schultern. »Warum werden Frauen eigentlich nie klüger, warum macht sich jede Generation denselben Unsinn vor? Ihr Hugo hat Sie versetzt. So einfach ist das.«
Meikes nasses Gesicht wurde bleich. Mitleid erfasste Alex. »So einer ist Hugo nicht«, warf sie ein, obwohl sie den Mann kaum kannte. »Politik ist sein Ein und Alles, und ohne triftigen Grund würde er kein Treffen mit dem Neuen Forum sausenlassen.« Sie brach ab. Meikes Blick verriet ihr, dass dies die falsche Erklärung gewesen war.
Momi verzog die Lippen zu einem bedauernden Lächeln. »Eine andere Frau ist immer ein triftiger Grund«, murmelte sie. Ehe Meike zu Widerspruch ansetzen konnte, schüttelte sie den Kopf und schob ihren Teller beiseite. »Ihr beide macht, was ihr wollt. Von mir aus zieht los und sucht diesen Hugo. Wie groß die Versuchung ist, weiß ich, obwohl man sich hinterher fühlt wie ausgespuckt. Als hätte eine Frau keinen Wert mehr, wenn sie einem Mann nicht genügt.« Alex sah die faltigen Lider der alten Frau sich senken, wie sie es jetzt häufig taten, wenn ihre Gedanken in die Ferne wanderten, in ein Land, in das Alex ihr nicht folgen konnte.
»Hier geht es nicht um banale Liebesgeschichten«, protestierte Meike. »Es geht um die Lage in unserem Land, und die betrifft uns alle, egal, ob wir neunzehn oder neunzig sind.«
»Ich bin dreiundneunzig«, entgegnete Momi. »Glauben Sie mir, wenn Sie dreiundneunzig sind, betrifft Sie gar nichts mehr. Da wird alles banal. Selbst die Liebe.«
Der Novemberwind ließ die Fensterscheibe klappern. Flüchtig war Alex zumute, als würden Kälte und Schwärze von draußen in die trüb erleuchtete Küche dringen. Momi stand auf. Dass sie bald ein Jahrhundert in sich hatte, sah man ihrem zähen, aufrechten Körper auf einmal an. »Geh mit ihr, wenn du willst, Süppchen«, sagte sie zu Alex. »Ich räume ab, dann setze ich mich vor den Fernseher.« Früher hatte Momi nie ferngesehen, aber in letzter Zeit fiel ihr das Lesen schwer. »Wenn man sich in keine Geschichte von anderen Leuten mehr flüchten kann, wird die Stille im Kopf so laut«, hatte sie gesagt und Alex gebeten, ihr den Fernseher einzuschalten. Seither schlief sie abends auf dem Sofa ein, während Bilder von fremdem Leben über den Bildschirm tanzten.
Alex sprang auf, nahm ihr die Teller weg und trug sie zur Spüle. »Wolltest du zum Thälmann-Saal zurück?«, fragte sie Meike. Plötzlich widerstrebte es ihr, Momi allein zu lassen und hinaus in die scheußliche Nacht zu ziehen, verloren, ohne Ziel und Plan.
Meike ließ die Schultern hängen, als hätte sie der Mut verlassen. »Erst mal den Fernseher anschalten ist keine schlechte Idee«, murmelte sie. »Kann ja sein, dass die was bringen.«
Dass das Fernsehen etwas über die Verhaftung irgendeines Lehramtsstudenten brachte, hielt Alex für ausgeschlossen, doch über den Aufschub war sie froh. Eilig setzte sie den Kessel für Momis Hagebuttentee auf, dann folgte sie den beiden in den kleinen, vollgestellten Raum, den Momi Stube nannte. Die paar Gegenstände, die es neben dem alten Mobiliar dort gab, nannte sie »Gerümpel, das von meinem Leben übrig ist«. Über dem Sofa, wo bei anderen alten Leuten ein Ölschinken prangte, hing bei Momi ein verbeultes Blechschild. Alex’ Freunde fanden die Aufschrift amüsant, während Alex nie darauf geachtet hatte, weil sie das Schild von klein auf kannte.
Der Fernseher lief schon. Er war ebenfalls alt, ein Erbstück von Frau Rimbach, dessen Schwarzweißbild an den Rändern flimmerte. Bis in den letzten Muskel gespannt, saß Meike auf der Sesselkante. Hoffte sie tatsächlich, aus der Sendung etwas über Hugos Verbleib zu erfahren? Soweit Alex, die den Tee aufgoss, es mitbekam, ging es um einen Beschluss des Ministerrats, der derzeit alle naselang irgendwelche Beschlüsse fasste. Günter Schabowski, einer der altbekannten Männer aus dem Politbüro, stellte sich einer Pressekonferenz und beantwortete mehr schlecht als recht Fragen, mit denen Journalisten ihn bombardierten.
»Das ist live«, stellte Meike verblüfft fest. »Die bringen das echt live und ohne Zensur.«
Alex schob Momi ihre Tasse hin und warf dabei einen Blick auf den Fernseher. Die Konferenz war offenbar beendet, die Journalisten begannen in den Bänken hin und her zu rutschen und Papiere in...
Erscheint lt. Verlag | 28.4.2014 |
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Verlagsort | München |
Sprache | deutsch |
Themenwelt | Literatur ► Romane / Erzählungen |
Schlagworte | 1. Weltkrieg • Berlin • Familiensaga • Frauenrechte • Genau meins • Liebe • Mauerfall • Sehnsucht • Starke Frauen • Zwanziger Jahre |
ISBN-10 | 3-426-42277-8 / 3426422778 |
ISBN-13 | 978-3-426-42277-9 / 9783426422779 |
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