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Der Wille zur Liebe (eBook)

Roman

(Autor)

eBook Download: EPUB
2013 | 1. Auflage
704 Seiten
S. Fischer Verlag GmbH
978-3-10-402814-9 (ISBN)
Systemvoraussetzungen
9,99 inkl. MwSt
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Von der Liebe in Zeiten des Krieges - der vierte Teil der großen Saga um die Hamburger Familie Wolkenrath 'Von jetzt an kommt es nur noch darauf an, dass ihr diesen Staat überlebt.' Diesen Satz gibt die über hundertjährige Tante ihren Nichten Lysbeth und Stella mit auf den Weg, bevor sie im Oktober 1941 stirbt. Bruder Eckhardt und seine Frau Cynthia sind überzeugte Nazis, Stellas Mann Jonny ist als Kapitän im Kriegseinsatz während sie versucht, trotz heftigster Bombenangriffe durch die Engländer die Gefühle für ihre große Liebe, den englischen Schriftsteller Anthony zu bewahren. Bruder Dritter nutzt geschickt die Möglichkeiten, die der Krieg für findige Geschäftsleute bereithält. Aaron, Lysbeths Mann, ist Jude, und sie setzt alles daran, ihn vor der Deportation zu bewahren - unterstützt von ihren Geschwistern. Wird der Zusammenhalt der Familie Wolkenrath stark genug sein, unbeschadet durch diese schwierigen Zeiten zu kommen?

Elke Vesper hat selbst viele Jahre in dem Haus in der Kippingstraße gelebt, in dem sie ihre Familie Wolkenrath angesiedelt hat. Sie hat zahlreiche Romane veröffentlicht, in denen starke Frauenfiguren eine zentrale Rolle spielen. Elke Vesper arbeitet neben dem Schreiben als Psychotherapeutin, hat drei erwachsene Kinder und lebt in Hamburg.

Elke Vesper hat selbst viele Jahre in dem Haus in der Kippingstraße gelebt, in dem sie ihre Familie Wolkenrath angesiedelt hat. Sie hat zahlreiche Romane veröffentlicht, in denen starke Frauenfiguren eine zentrale Rolle spielen. Elke Vesper arbeitet neben dem Schreiben als Psychotherapeutin, hat drei erwachsene Kinder und lebt in Hamburg.

1


Der alte Leichenwagen wurde von zwei kriegsuntauglichen, ausgemergelten Gäulen gezogen. Sie stemmten sich schwer ins Geschirr, die Last wog doppelt so viel wie sonst, denn im Wagen lagen gleich zwei Särge. Der Totenprunk der Wagen zog die Aufmerksamkeit einiger Schaulustiger auf sich. So aufwendiges Gewese um den Tod war seit mindestens zwanzig Jahren aus dem Stadtbild verschwunden; neuerdings gehörte es wieder dazu. Alles, was Auto hieß, war für den Krieg eingezogen worden.

Die Gruben für die beiden Särge waren nebeneinander ausgehoben worden. Nach der Trauerzeremonie in der Kapelle 3, die inmitten des parkähnlichen Friedhofs Ohlsdorf lag, warteten die Angehörigen, bis die Särge in die Gruben gehievt worden waren. Regenschirme überdachten die Menschen wie ein breiter schwarzer Pilz mit vielen Auswölbungen. Als es so weit war, löste sich einer nach dem anderen aus dem Menschenpilz, trat vor und warf eine Schaufel voll dunkler Erde zuerst in die eine Grube, bückte sich, um die Schaufel ein zweites Mal zu füllen, und schüttete die Erde über der zweiten Grube auf den nächsten Sarg. Ohne auf den eigenartig satten Klang von feuchter Erde auf hölzernem Hohlkörper zu lauschen, rückte jeder schnell wieder zurück unter den Schutz eines der Regenschirme.

Die Frauen, deren Füße in hochhackigen leichten Pumps steckten und deren Beine nur von dunklen Seidenstrümpfen umhüllt waren, tippelten auf der kalten Erde verstohlen auf und ab. Obwohl sie über ihren schwarzen Kostümen Wintermäntel trugen, zitterten sie vor Kälte. Die Männer hielten ihre Hüte in den Händen, und man sah ihnen an, dass sie ungeduldig darauf warteten, sie endlich wieder aufsetzen zu können. Ihre verbleibenden Haare boten nur wenig Schutz für die nackte Kopfhaut. Es war der 7. Oktober 1941. Vom Himmel prasselte Regen, der von Sturm durch die Straßen gepeitscht wurde.

Stella weigerte sich, Erde auf die Särge zu werfen. Sie trat einfach zurück, als sie an der Reihe war und alle sie anschauten. Sie schüttelte kurz den Kopf, was ihre dunkelroten Locken in ihr Gesicht schleuderte, wo einige Haare an den trotzig angemalten blutroten Lippen hängen blieben. Trotz ihrer dreiundvierzig Jahre sah sie aus wie eine junge Frau. Am liebsten hätte sie auch ein rotes Kleid angezogen. Und rote Schuhe. Am liebsten hätte sie sich in der Kapelle vorn hingestellt und ein Lied gesungen, zu dem die Tante hätte zustimmend mit dem Kopf nicken oder im Takt mit den Zehen wackeln können. Es gab keinen Grund, über den Tod der beiden Menschen zu trauern, die da in wenigen Stunden in ihren Holzsärgen unter der Erde verschwunden sein würden.

Die eine, die Tante, nach der Stellas ältere Schwester Lysbeth getauft war, war wie eine Sonne durch das Leben aller Wolkenrath-Kinder gezogen. Sie hatte sie umrundet, erhellt, erwärmt oder aber auch wie der Mond als kalter Spiegel einiges an Selbsterkenntnis provoziert. Sie hatte ihre Umlaufbahn mehr als einmal geändert, aber sie war sich immer treu geblieben. Ein Leben wie das der Tante gab nicht den geringsten Anlass zur Trauer. Aber es gab viele Gründe zum Feiern, zur Ausgelassenheit, zu Leichtigkeit und zu tiefer Selbstbesinnung.

Stellas trotzige Gedanken konnten jedoch den sengenden Schmerz in ihrer Brust nicht vertreiben. Sie hatte es so lange gewusst, sie hätte so lange Zeit Abschied nehmen können, schließlich hatte auch die Tante nicht das Wasser der Unsterblichkeit getrunken, aber jetzt, da die Erde auf dem Sarg mit diesem hohlen Ton den Gedanken daran weckte, dass die Tante dort, klein, schmächtig und knochig, ganz allein lag und nie wieder zurückkehren würde, meinte Stella, der Schmerz über den Verlust würde auch sie umbringen. Tränen liefen ihre Wangen herunter, sie schluchzte hemmungslos. Die Welt ohne die Tante war nicht nur um einen Menschen reduziert, die Welt ohne die Tante war ohne Erklärung, ohne Weisheit, ohne Witz, ohne Derbheit, ohne einen kleinen Schlag auf den Hinterkopf zur rechten Zeit, ohne die Sicherheit, dass alles gut werden würde. Dass dafür zumindest die Möglichkeit bestand.

Und wenn diese Möglichkeit für Stella nicht mehr denkbar war, wäre sie in einem dritten Sarg besser aufgehoben als hier auf dem Ohlsdorfer Friedhof ganz in Schwarz gekleidet mit knallroten Lippen.

Der Tod ihres Vaters Alexander Wolkenrath ließ Stella seltsam unberührt. Und das lag sicherlich nicht daran, dass er nicht ihr leiblicher Vater war, dass ihr leiblicher Vater, Fritz, der Geliebte ihrer Mutter, vor vielen Jahren, genauer gesagt 1919, in den Revolutionswirren am Ende des letzten Krieges, bereits gestorben war. Alexander hatte Stella nie fühlen lassen, dass sie nicht seine wirkliche Tochter war, ja, dass sie als Tochter seines Nebenbuhlers, des Mannes, mit dem seine Frau ihn gehörnt hatte, und zugleich als das schönste unter seinen Kindern ihn immer beschämend an sein eigenes Versagen als Mann erinnert hatte. Ganz im Gegenteil hatte er zu ihr eine engere Bindung gehabt, mehr Stolz auf sie gezeigt als auf seine älteste Tochter Lysbeth und auf seine Söhne Eckhardt und Johann. Sein Sohn Dritter und seine Tochter Stella, die waren immer nach seinem Geschmack gewesen, mutig, draufgängerisch, unternehmungslustig und von dieser Eleganz, die Reiter besitzen. Reiter zähmen das große starke Tier zwischen ihren Schenkeln.

Nein, Stella hegte nicht den geringsten Groll gegen ihren Vater. Auch der, dass er ihre Mutter nicht glücklich gemacht hatte, ja, sie an ihrem Glück sogar gehindert hatte, war verflogen. Keinem in der Familie war verborgen geblieben, wie mutig Alexander sich in den letzten Lebensmonaten seiner Frau verhalten hatte, wie viel Heilung ihrer verletzten Frauenseele er Käthe in ihren letzten Wochen noch geschenkt hatte. Und wie heilend das für ihn selbst gewesen war.

Dass er nun, einen Tag nach der Tante, gestorben war, entbehrte für Stella jeder Dramatik. Es schien folgerichtig. Schon nach Käthes Tod vor einem Jahr war er zu Bedeutungslosigkeit geschrumpft. Er verfolgte seine täglichen Rituale, hielt sich sauber, saß in seinem Sessel, las die Zeitung und tat zuweilen kund, was er gelesen hatte. Er zog ohne ein Wort der Klage in das kleine Zimmer, in dem vorher seine Söhne geschlafen hatten, nahm an den gemeinsamen Mahlzeiten teil und hörte zu, was die anderen zu erzählen hatten. Wie stark das allerdings wirklich in ihn eindrang, merkte keiner, weil er kaum einmal nachfragte und keine Gemütsregung von sich gab. Längst hatte sich verflüchtigt, was ihn sein Leben lang angetrieben hatte, nämlich in seiner Firma Wolkenrath & Söhne einen großen Gewinn zu erzielen und so zu dem Reichtum zurückzukehren, in dem er aufgewachsen war, der Erbe des Fuhrunternehmens, das sein Großvater gegründet und sein Vater verspielt hatte. Das, was ihn wirklich mit Leben und Reichtum hätte erfüllen können, nämlich die Liebe seiner Frau Käthe, hatte in seinem Weltbild keinen Wert besessen. Dass er davon vor ihrem Tod noch einen Schimmer erhascht hatte, hatte sein Leben wie ein flüchtiger Lichtstrahl mit Erkenntnis und Wahrhaftigkeit erhellt.

Danach gab es nichts und niemanden mehr, der ihn wirklich berühren konnte, und er selbst war völlig unfähig, andere zu berühren. Also lebte er wie ein Einsiedler inmitten seiner Familie, wortlos wie die Hunde, die hingegen auf ihre körperliche Art Nähe suchten. Die Einzige, mit der Alexander Vertrautheit zeigte, war die Tante.

Zu ihr setzte er sich in die große Küche im Souterrain und sah ihr zu, wenn sie das Gemüse zubereitete. Dann sprach er von alten Zeiten, in denen er auf die eine oder andere Weise Triumphe gefeiert hatte. Er sprach von seiner Kindheit als reicher Sohn des Fuhrunternehmens Wolkenrath. Er sprach von seinen Pferden. Und davon, wie er den Besuch Bismarcks in Dresden miterlebt hatte. Er sprach von Geschäften, bei denen er groß rausgekommen war, und davon, dass er als einer der Ersten die Bedeutung der Elektrizität erkannt hatte. Die Tante hörte ihm zu, schrubbte, reinigte, schälte, schnippelte das Gemüse. Sie nickte, gab kurze bestätigende Laute von sich und stellte auch kleine Fragen zu einem geringfügigen Detail.

Stella war während eines solchen väterlichen Monologs einmal in die Küche getreten. Ihr Vater war ungerührt fortgefahren, anscheinend hatte er nicht gemerkt, dass er nicht mehr allein mit der Tante war. Zornig hatte sie die Tante hinterher zur Rede gestellt: »Er suhlt sich in seinem Selbstbetrug. Wie kannst du das unterstützen?« Die Tante hatte milde lächelnd geantwortet: »Die Wahrheit über sich selbst zu ertragen ist nicht allen Menschen gegeben, meine kleine Stella. Und wer damit so lange wartet wie dein Vater, müsste dafür ganz unbekannte Fähigkeiten entwickeln und eine große Seelenstärke, um den Schmerz und die Erschütterung ehrlicher Selbsterkenntnis auszuhalten. Diese Seelenstärke hat in seinem Leben nur einer entwickelt, der gelernt hat, sich im Spiegel zu betrachten. Wer das nicht tut, entwickelt nicht die Reife, die nötig ist, um anderen und sich selbst immer weniger Schaden zuzufügen, andere anzuhören, also wirklich zu hören, wenn sie einem etwas sagen, auch wenn es einem nicht gefällt. Also, das Paket an Lieblosigkeit und Egoismus und falschen Entscheidungen und all dem übrigen Mist ist im Alter deines Vaters ziemlich dick und schwer. Er müsste reifer sein, als er ist, um es zu öffnen und auszupacken und anzuschauen und in die Hände zu nehmen. Und nicht nur in die Hände, auch ins Herz. Du siehst, das Ganze ist wie eine Katze, die sich in den Schwanz beißt. In der Tiefe seiner Seele weiß er allerdings um all das Schreckliche, Kalte, Gefühllose, was er gelebt hat. Es beruhigt und tröstet ihn, wenn er sich jetzt an den Glanz...

Erscheint lt. Verlag 21.11.2013
Reihe/Serie Die Geschichte der Wolkenraths
Die Geschichte der Wolkenraths
Verlagsort Frankfurt am Main
Sprache deutsch
Themenwelt Literatur Romane / Erzählungen
Schlagworte Fischer • Krüger • Liebe • Reihe • Roman • Vesper • Wille • Wolkenrath
ISBN-10 3-10-402814-1 / 3104028141
ISBN-13 978-3-10-402814-9 / 9783104028149
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